Capitul II
Erzählet der Autor die Occasion, vermittels welcher er zu Herrn Lorenzen hinter der Wiesen geraten

[10] Ein so hartes Leben wollte mir bei diesem Schulmeister fast unerträglich fallen, zumal ich eine solche Härte zu Haus bei meinen Eltern nicht gewohnt hatte. Ja, meine Mutter hätte sich eher tausendmal in den Finger gebissen, ehe sie sich die Mühe genommen und mir den Hintern ausgekehret hätte. Aber wenn ich sagte: »Mutter, es hungert mich«, so war sie bald mit einer Knackwurst oder einem Stück von einem neugebackenen Kuchen hervor, der schmeckte mir besser als zehn Schul-Fetzer, so sehr dieselben auch gespickt waren. Entschloß demnach bei mir selbst, meinem Übel abzuhelfen und aus dieser Schule zu laufen, hätte es auch gleich anfangs ins Werk gerichtet, wenn ich nicht den absonderlichen Zorn meines Vaters gefürchtet, welcher mir immer hinten und vornen auf der Haube war. Darum hielt ich die Sache so lange verborgen, bis ich Gelegenheit hatte, einmal während der Sonntagskirche davonzulaufen.[10]

Es lief noch einer mit mir, welcher zu Hause einen Trinkkrug zerbrochen und deswegen in der Schul einen Schilling bekommen sollte, und weil wir alle beide in den Landkarten wenig Wissenschaft oder Urkund hatten, verliefen wir uns auf einem Irrweg in einem finstern Wald dergestalten, daß wir weder ein noch aus wußten. Es ist nicht zu sagen, wie wir den Schulmeister ausgelacht, und, so klein wir waren, zogen wir ihn doch unter uns selbst mit den ärgsten Schandreden durch die Hechel, und ob uns gleich ein Wolf begegnet wäre, fürchteten wir ihn doch nicht so sehr als den Schulmeister, dessen bloßer Name auch kräftig genug war, uns eine Furcht einzujagen. »Ha«, sagte mein Kamerad, »gute Nacht, Fuchs, hinfort sollstu mich nicht mehr streichen, aber wohl im Arsche lecken, du Hundsfutt, hastu mich gehalten wie einen jungen Tanzbären, aber nun blase mir ins Loch dafür, du Henkersknecht! Ich wollte, daß dich der Teufel samt deinem roten Bart durch alle Scheißhäuser im Dorfe herumschleppte.« Solche Worte redeten wir auf ihn in den Wald hinein, bis wir den Fußsteig unter den Augen verloren und keiner wußte, wie uns am besten geraten wäre. Wir liefen wohl vier Stunden in der Irre herum, bis wir einen Schall hörten, und als wir solchem zueilten, trafen wir einen Holzhauer an, welcher mit seinen Leuten die Tannen zerscheiterte. Er war ein alter einfältiger Mann, und weil wir vorgaben, es hätte uns ein Krämer, so auf den Jahrmärkten herumzuwandern pflegte, im Wald verloren und zurückgelassen, ließ er uns durch einen kleinen Knaben auf die rechte Straße weisen, und so kamen wir ganz ermüdet aus dem Wald, allwo wir unter einer großen Kreuzsäule ausruhten.

Nach etwa einer Viertelstunde kam ein junges Pürschlein zu uns, und wenn er keinen Wanderbündel auf dem Rücken getragen hätte, hätten wir ihn leichhin für einen unsersgleichen gehalten, denn er sah einem verlaufenen Schüler so ähnlich als ein Müller einem Diebe. Deswegen grüßten wir ihn und baten zugleich, uns den Weg zu zeigen, welchen er doch selbst nicht wußte. »Ihr Jungen«, sagte er zu uns, »wenn ihr den Weg nicht wißt, so solltet ihr zu Hause bleiben, aber mit mir und meinesgleichen hat es viel eine andere Bewandtnis, als ihr euch wohl einbildet.« Mit diesen Worten legte er seinen Wanderbündel ab und schwenkte ihn von dem Buckel wie ein Pinzgauer Bauer den Kropf. »Und damit ihr wisset«, sprach er weiter fort, »wer ich bin und warum ich in die weite Welt hinausziehe und mich ein wenig versuche, so geschieht es wegen Handwerks-Gebrauch und -Ordnung. Ich habe die Schneiderkunst nunmehr drei Jahr lang mit großer Obsicht ergriffen. Damit ich nun diese Kunst aufs höchste bringen möge, reise ich in der Welt herum, und hernach schaue ich, wie ich eines vornehmen Herrn Kammerdiener oder Lakai werden und ein wackerer Kerl sein kann. Mein Meister ist durch eben dieses Mittel hoch hinangestiegen und hat eine Heirat von vierzig Reichstalern getan. Mit einem solchen Stücke Geld wird einem armen Teufel, wie ich bin, trefflich unter die Arme gegriffen, denn mein Meister rühmt sein Glück fast täglich und handelt nunmehr[11] meistenteils mit Toback, Kölnischen Bändern, Schwefelhölzern, Lunten und Tobackpfeifen, so daß er durch diesen Handel viel mehr als durch sein Handwerk gewinnt. Auch hat er mehr als fünfzehn Trapelier- und andere hübsche Spielkarten, deren ihm die Woche fast zwei bis drei abgehandelt werden, und was das Allermeiste und Wunderlichste ist, so hat er bei den Kaufleuten einen abscheulichen Kredit, so daß sie ihm nach seiner eigenen Aussage wohl an die drei Gulden von einem Markt bis zum andern geborgt haben und noch borgen werden.

Saprament, ihr Jungen wisset nicht, wie manchen ehrlichen Kerl das Glück erheben kann. Aber ich weiß es nur gar zu wohl, denn ich habe in der Stadt, wo ich gelernet, manchem armen Schüler die Hosen geflickt, welche, mit Ehren zu melden, voll Dreck und das Unterfutter dazu voll mit Läusen war. Aber nichtsdestoweniger sind eben dieselben, denen die geflickten Hosen zustanden, hernach und bald darauf auf die Akademie gezogen und große Magister und solche Leute worden, denen man's nicht hat sagen dürfen, daß sie ehedessen in die Hosen geschissen hatten. So für schlecht ihr mich auch ansehet, so habe ich doch manchem stolzen Stiegelfritzen um zwei Kreuzer seine verstunkene Strümpfe besetzen müssen, die vom Schweiß auf den Sohlen ganz verfaulet waren. Dennoch mußte ich vor ihnen meine Mütze auf der Werkstatt abnehmen und sie noch dazu Monsieur heißen, da mir doch indessen die Strümpfe in die Nase gestunken, daß ich die Löcher hin und wieder gerümpfet wie ein Bauer seinen leeren Beutel. ›Oh, du Hundsfutt‹, gedachte ich mir oft in meinem Herzen, ›ich wollte, daß dich der Teufel samt deinen verfaulten und verstunkenen Strümpfen über zwölf Eichbäume hinausführte!‹ Solche Gedanken hatte ich nicht allein über fremde Leute, sondern über meinen eigenen Meister und seine Frau selbst, wenn sie mich mit der Elle heimsuchte oder mir des Tages zweimal Sauerkraut zu fressen gab.

Ja, ich habe wohl andere Narren in der Stadt gesehen, mit welchen ich, ob ich gleich ein Schneider bin, nicht um ein Haar tauschen möchte. Ich habe einmal einem Stadtschreiber einen Sammetrock flicken müssen. Das geschah an einem Montag, und dienstags drauf, als ich eine Hochzeit aus der Kirche gehen sah und mich zu diesem Ende heimlich aus der Werkstatt und aus dem Hause wegstahl, hatte denselben Rock ein Advokat an und machte sich trefflich groß, da er doch sein Kleid wohl von sechs Personen zusammengeliehen hatte. Desgleichen sah ich auch in demselben Kirchgange viel Frauen und Jungfrauen, welchen ich nicht mehr gewünscht, als daß sie all dasjenige, was ihnen nicht zugehörte, müßten vom Leibe fallen lassen. So hätte ich gewiß die meisten mutternackicht sehen müssen, denn es ist zu glauben, daß gar viele unter ihnen auch das Hemde auf dem Leibe geborget haben. Doch wurden sie von den jungen Gesellen mehr als höflich bedienet. Aber ich lachte die Narren heimlich aus und konnte mich trefflich ergötzen, wenn ich sah, daß sie sich um eine ausgefilzte Dirne so sehr herumfuchsschwänzten. ›Oh, ihr Berühmten‹, dachte[12] ich, ›ihr liebet eine lausige Magd mehr als eure eigene Bescheidenheit. Ihr bittet sie, daß ihre Schürzen von euch möchten geküsset werden, und wenn ihr's getan, so habt ihr nicht der vermeinten Jungfer, sondern einer andern ihre Schürze geküsset.‹ Ich muß noch mehr von dieser Hochzeit erzählen, denn als ich abends auf den Tanzboden kam, blieb eine Jungfer einem Tänzer mit dem Taffetrock an einer Knieschnalle hängen und riß ein Loch darein, daß man leicht mit einem Flügel von einer Windmühle hätte durchfahren mögen. Als dieses eine andere sah, seufzte sie von Herzen, und als man sie fragte, warum sie so herzinniglich darum seufzte, antwortete sie, daß der zerrissene Rock ihr zustünde und daher hätte sie billige Ursach, ihre Güter zu beklagen, welche fremde Leute so liederlich zerrissen. Die vorige hörte diese Beklagung von ferne an, und weil sie den Schimpf nicht haben wollte, hieß sie diese öffentlich Lügen. Diese schalt sie eine Hure und jene diese wiederum eine. So wußte kein Mensch, wem unter diesen beiden der Rock zustünde, bis sie endlich gar einander in die Haare gefallen und beiderseits wie die Katzen einander zerkratzt haben.«

»Sehet, ihr Jungen«, sagte der Schneider weiter zu uns, »solcher Sachen muß ein Mensch gar viel erfahren, ehe er groß wird, und ich wollte euch wohl zwanzig dergleichen Historien erzählen, wenn mir's nur gelegen wär. Aber daraus könnt ihr wohl abnehmen, daß ich auch unter Leuten gewesen und weiß, was kalt oder warm sei. Nun will ich meinen Wanderbündel wieder auf den Nacken nehmen. Er ist zwar nur von schlechter Leinwand, aber, hundert Sack voll Enten! übers Jahr, wenn's Wetter gut ist und kein tiefer Schnee fällt, so will ich ein Felleisen von dem schönsten Leder haben und mir einen Hut mit einer hübschen Krempe dazu machen lassen. Das stutzet aufeinander. Ich will mich auch statt des Fußgehens auf einen guten Wagen setzen. Wollt, daß der Teufel das Gehen holte! Ich habe mir gestern und heute innerhalb zwölf Stunden wohl vierzig Blasen an den Fußsohlen gegangen. Eine steht mir recht auf der linken Ferse in der Höhe, die tut zum allerübelsten, aber ich will mir sie heute recht in einem Bauerndorf oder, wo ich einkehre, mit Unschlitt wacker schmieren. Nun lebet wohl, kommen wir wieder einmal zusammen, so werdet ihr den Hut vor mir abziehen, alsdann will ich euch zum Bier führen und euch in Gesundheit dieser Kreuzsäule ein Halbes zutrinken. Ha ha ha ha ha ha ha ha ha!«

In solchem närrischen Gelächter ging der Schneider seinen Weg in den Wald hinein, und wir wußten nicht, ob er klug oder närrisch war. Auf solches sah er sich noch einmal zurück und machte mit seinem Stecken einen Luftsprung über den andern, bis wir ihn aus den Augen verloren und wieder von der Wiese aufstanden, unsern Weg weiterzureisen.

Quelle:
Johann Beer: Das Narrenspital sowie Jucundi Jusundissimi Wunderliche Lebens-Beschreibung. Hamburg 1957, S. 10-13.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Das Narrenspital
Sämtliche Werke - Band 5. Weiber-Hächel, Jungfern-Hobel, Bestia Civitatis, Narren-Spital. Herausgegeben von Ferdinand van Ingen und Hans-Gert Roloff
Das Narrenspital

Buchempfehlung

Wieland, Christoph Martin

Geschichte der Abderiten

Geschichte der Abderiten

Der satirische Roman von Christoph Martin Wieland erscheint 1774 in Fortsetzung in der Zeitschrift »Der Teutsche Merkur«. Wielands Spott zielt auf die kleinbürgerliche Einfalt seiner Zeit. Den Text habe er in einer Stunde des Unmuts geschrieben »wie ich von meinem Mansardenfenster herab die ganze Welt voll Koth und Unrath erblickte und mich an ihr zu rächen entschloß.«

270 Seiten, 9.60 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon