Capitul V
Lorenz wird von seinen Freunden besucht und von einem Capuziner aus dem Catechismo examiniert

[21] Dieses Leben, gleichwie es an diesem jungen Menschen höchst sträflich war, also wurden seine Freunde, in Ansehung, daß er sich durch ihre eifrigen Vermahnungen zu keiner Besserung anließ, gezwungen, ein ander Mittel vor die Hand zu nehmen, und brachten demnach eines Abends einen Capuzinermönch mit sich in das Schloß. Der gab vor, als wäre er aus seinem Convent verschicket, daher bat er für diese Nacht um Herberge, daß er morgens seinen apostolischen Schimmel desto schneller fortreiten könnte. Mein Herr als ein fauler Gesell vergünstigte dem Capuziner die begehrte Herberge gar gern, sah aber die Ankunft zweier seiner Vettern nicht für gut an, weil es ihm verdrießlich war, mit ihnen von allerhand Sachen zu reden, sondern er hätte viel lieber hinter der Hölle auf seinen Matratzen stille gelegen und den Hintern gegen die Oberdecke gekehret. »Hans«, sagte er zu mir, »die Leute kommen mir gar zu ungelegener Zeit. Es verdreußt mich nichts mehr, als wenn einer an seiner Ruhe so unverhofft muß verhindert werden. Gehe hinunter und sage, ich habe die Colica und das Reißen in dem rechten Schenkel, wenn es ihnen nicht zuwider wäre, so ließe ich sie bitten, mir über acht oder vierzehn Tage zuzusprechen.« »Herr«, sagte ich, »Ihr werdet ja nicht so wunderlich sein, Euere Herren Vettern sind keine Narren, daß sie es stracks glauben werden, Ihr könnt ihnen ja ein paar Stunden schenken, habt[21] Ihr doch danach Zeit genug, auszuschlafen. Gehet doch hinunter und empfanget sie!«

Er gab sich endlich drein, und weil er ganz ausgezogen im Bette lag, warf er einen langen Reiserock über das bloße Hemde, und statt der Schuhe legte er seine Pantoffel an. In solchem Habit empfing er seine Vettern und den Pater, und weil er die Schlafmütze noch unter den Armen trug, auch die Haare noch voll Federn waren, konnten sie leicht merken, daß er erst müßte vom Bett aufgestanden sein. »Herr Vetter«, sagte Caspar von Scheutleutten – so hieß der erste – »Ihr seid gewiß heute spät schlafen gegangen.« »Ha, der Teufel!« antwortete er, »die Colica hat mich heut den ganzen Morgen geschoren, daß ich fast keinen Atem schöpfen können.« »Das sieht man Euch nicht an«, sagte der andere Edelmann, namens Jochem Wilnhager, »und damit Ihr wisset, warum wir hier mit diesem Herrn Pater erschienen sind, so machen wir Euch die Ursach ohne Umstände und langweiligen Umschweif zu wissen, denn lange Reden sind Euch sehr verdrießlich und ist wider Eure Natur, einer weit schweifigen Predigt zuzuhören. Darum bitten wir Euch, machet Euch keine Ungelegenheiten, uns zu tractieren, es sei gleich mit Speis oder Trank, denn deswegen sind hiermit wir nicht hergekommen. Setzet Euch unbeschwert bei uns nieder und höret, warum wir hier sind.«

Der gute Herr Lorenz roch den Braten, eh er an den Spieß gestecket wurde, riß deswegen ein Paar Augen auf wie ein polnischer Ochs. Aber nichtsdestoweniger fuhr doch Herr Jochem Wilnhager fort und sprach: »Ihr, lieber Herr Vetter und guter Freund Lorenz hinter der Wiesen, schämt Ihr Euch nicht in den Hintern (mit Ehren zu melden), daß Ihr Eure beste Jugend in einem so verderblichen Müßiggang zubringet? Heißt das, den rühmlichen Tugenden seiner Voreltern nachahmen und andern Leuten ein gut Exempel geben? Die alte Anna, welche auf diesem Schlosse mehr Jahr gedienet als Ihr würdig zu leben seid, ist mit großem Wehklagen zu uns gekommen, sagend, daß Ihr Euch wie ein grober Unflat in dem Bette verhaltet und einen eigenen Jungen aufzieht, welcher Euch alle Nacht in dem Buckel jucken und Historien vom Fortunatus und andere dergleichen Geschichten erzählen muß. Meinet Ihr nicht, daß Euch dieser Ruf unter denen von Adel höchst schädlich und nachteilig ist? Glaubet nur, daß das Frauenzimmer niemals mehr Scherz als mit Euren Taten treibet, und daß Ihr durch Eure Faulenzerei Euch alle Speranz zu einer vorteilhaften Heirat ganz auslöschet. Absonderlich aber müssen wir mit Schmerzen hören, daß Ihr Jahr und Tag in keine Kirche kommet noch Messe höret, und aus solcher Ursache sind wir als Eure Blutsfreunde bezwungen worden, diesen Herrn Pater Capuziner mit uns zu führen, der Eures Glaubens Rechenschaft von Euch fordern und Euch aus dem Catechismo examinieren soll. Habt Ihr unsere Meinung verstanden?« »Ja«, sagte mein Herr, »ich habe es verstanden. Aber wie heißet der Herr Pater?« Der Capuziner antwortete:[22] »Ich heiße Benjamin Raumhauffsky.« »Haha«, sagte Herr Lorenz, »Ihr seid gewiß ein Polack. Hans, bring mir die große Flasche mit dem roten Branntwein her, ich muß ihm's in aller Woiwoden Gesundheit zusaufen!« »Nein, mein Herr«, sagte der Capuziner, »für solche Ehre bedanke ich mich. Ich bin nicht allein kein Pole, sondern trinke auch gar keinen Branntwein.« »Ei«, antwortete mein Herr, »der Herr Pater glaube nur sicherlich, daß es ein hauptsächlicher, guter Trank ist. Er versuche nur einen Fingerhut voll. Ich bin auch kein Polack, aber saprament, Herr Pater, abends und morgens ein Gläslein voll tut besser als ein halb Dutzend hölzerne Leberwürste.« »Herr Vetter«, sprach Caspar von Scheutleutten, »haltet mit solchen Reden inne, und Ihr, Herr Pater, tut Eure Gebühr, dazu wir Euch vermahnet haben!«

»So saget mir demnach«, sprach der Capuziner zu Lorenz, »wer bist du?« »Was«, antwortete Lorenz, »wer heißet Euch, mich du zu heißen? Habe ich mit Euch Säu oder Schafe gehütet? Respect, ins Teufels Namen, wollt Ihr keinen Branntwein saufen, so beschimpft mich auch nicht!« »Mein lieber Herr«, sagte der Capuziner, »dieses ist nicht aus Schimpf geschehen, sondern es geschieht der Examination wegen, die heißet also nach der ersten Frage in dem Catechismo. Doch daß Ihr Vergnügung von mir habet: Wer ist der Herr?« Lorenz: »Ich bin einer von Adel.« Capuziner: »Das weiß ich wohl.« Lorenz: »Warum fragt Ihr mich dann? Nun sehe ich erst, warum Ihr keinen Branntwein saufen wollet, Ihr seid ohnehin schon sternvoll.« »Mein Herr verzeihe mir«, sprach der Capuziner, »wenn ich frage: ›wer bist du?‹, so müßt Ihr sagen: ›Ich bin ein armer Sünder.‹ Also frage ich Euch noch einmal, wer seid Ihr?« Lorenz: »Ich habe Euch's schon gesagt, wollt Ihr's nicht glauben, so fraget meine Vettern drum!« »Ach, Ihr armer Mensch«, sprach der Capuziner, »Ihr treibet Euren Scherz aus ernstlichen Sachen, aber gedenket nur und glaubet sicherlich, daß es Euch gereuen wird! Saget mir, wieviel sind Hauptstück?« Lorenz: »Herr Pater, Haupt ist so viel als Kopf. Wenn ich einen Karpfen sieden lasse, so sind der Hauptstücke zwei. Ein Kalb aber gibt nur ein Hauptstück, und eine Bratwurst hat gar keines.« »Ach, du loser Bub«, sagten die zwei Vettern, »guten Abend, guten Abend!« Mit solchen Worten griffen sie zu ihren Stäben und eilten samt dem Pater aus dem Schlosse, denn sie sahen, daß aller Fleiß an dem Menschen verloren war und daß sie, anstatt ihre Hoffnung zu erfüllen, nichts als Lästerungen von ihm würden zu gewärtigen haben.

»Haha«, sagte Lorenz, »gehet immer hin, wo ihr hergekommen, wer heißet euch, mich aus meiner Ruhe verstören? Ihr saget, das Frauenzimmer lache über mich, ja nu, so lache ich auch über sie. Gehet hin und heißet sie mich etwas anderes tun. Ich verlange nicht zu heiraten, und wenn ich heirate, so will ich euch nicht zum Tanze bitten. Examiniert mich bald wieder aus den sieben Geboten! Oho, ist es um diese Zeit? Kommt mir wieder in mein Haus, habt ihr's Herz,[23] annageln will ich euch an das Schloßtor wie die Fledermäuse und wilde Enten! Kommt nur wieder und verstört mich aus meiner Ruhe! Es sei euch geschworen, ich will mich deswegen bei der Hofkanzlei beklagen. Was geht euch davon ab, daß ich mir den Buckel kratzen und Historien erzählen lasse? Oh, wäret ihr solche Kerl wie Fortunatus, Andolosia und Ampedo gewesen, ich glaub, es sollte besser um eure Sachen stehen. Ich will ein Hundsfutt sein, wenn einer unter euch all sein Lebtag ein Wünschhütlein bekommen wird. Auf die Köpfe wird man euch dafür hofieren, ihr Bachanten. Meinet ihr denn, daß Peter mit den silbernen Schlüsseln sei ein solcher Mauerscheißer wie ihr gewesen? Oder die schöne Magelone habe dem Vieh ausgemistet, wie eure Weiber tun? O nein, beim Element nicht. Das war ein rechtschaffener Kerl, und ein solcher Ritter will ich noch werden. Danach will ich auf die Turnier zu König und Kaiser ziehn, trutz examiniere mich danach wieder einer, auf die Köpfe will ich euch alsdann klopfen und mich vor hunderttausend euresgleichen, ja vor keinem Menschen nicht scheuen. Cartaunen, Mörser und Granaten achte ich ohnedem wie Katzengeheule, ich sage euch's, hütet euch vor mir!« Diese Wort rief er so lang hernach, als er sie auf dem Weg des Schloßberges sehen konnte. Aber Caspar Scheutleutten hatte unter währendem Geschmäle seinen kleinen Puffer blind geladen, welchen er unversehens gegen das Fenster, woraus Lorenz so gepoltert und gefluchet, losbrannte. Da erschrak der ehrliche Lorenz, daß er rücklings nach aller Länge in die Stube darniederfiel und mich zum öfteren fragte, ob ich kein Blut sehe.

Quelle:
Johann Beer: Das Narrenspital sowie Jucundi Jusundissimi Wunderliche Lebens-Beschreibung. Hamburg 1957, S. 21-24.
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