IX. Capitul.
Das Schloß Oberstein wird von den rebellischen Bauren gestürmet. Der Barthel auf der Heide wird von der Amalia gefangen.

[531] Der entdeckte Anschlag wegen der zusammengeschwornen Rotte brach endlich in dem Werke aus, indem etliche unter den Schloßleuten bald verkleidete, bald andere Personen um[531] das Schloß gehen gesehen, die die Mauren allenthalben wohl besichtiget haben. Dieses, nachdem es etliche Tage nacheinander in Obacht genommen worden, verursachte, daß wir uns mit unseren zubereiteten Pechkränzen und guten Büchsen fertig hielten, den Anfall abzutreiben und dem unruhigen Gesindlein, das schwerlich über vierzig Mann sein konnte, tapfer nachzusetzen. Wir hatten einen Studenten bei uns, der Herrn Philippens Kinder informierte. Derselbe konnte mit dem Feuerwerk umspringen und mußte dannenhero die Pechkränze bereiten, damit wir die anfallenden Lumpenhunde wacker auf die Köpfe schmeißen wollten. Außer dem Schlosse hatte es eine Ziegelhütte, und in diese stellete Philipp mehr als zwanzig junger Kerls, die er zur bessern Courage zuvor mit Brandewein vollgesoffen. Er gab jedem unter diesen aus seiner Rüstkammer einen guten Morgenstern, mit demselben dem Gesindlein heimzuleuchten, und wir satzten uns samt acht Knechten und sechs Laquayen zu Pferde, unter währendem Anlauf hinauszureiten und das Unsrige zu tun. In einer solchen Bereitschaft erwarteten wir den Sturm, und Philipp stieg auf einen hohen Turm, zu sehen, wo der Feind seinen Anmarsch nehmen wollte. Er konnte aber nichts zu Gesichte bekommen, und weil es allgemach auf der Straße dunkel wurde, schickte er gewisse Kundschafter auf das Feld, damit er in diesem Übel nichts versaumte, was etwan zu seinem Vorteil dienlich war. Denn er wußte wohl, daß man auch dem kleinen Unglück vorsichtig begegnen müsse, wofern man nicht in ein großes zu fallen verlange. Und weil wir nicht wußten, wie stark der Pöbel sein möchte, machten wir je länger je bessere Anstalt zur Gegenwehr.

Indem kamen drei ausgeschickte Kundschafter, die brachten mit, daß sich nunmehr die Schelmen gegen das Schloß näherten. Sie wären allem Ansehen nach auf die hundert Mann stark und hätten einen Trummelschläger bei sich, welcher dermalen die Trummel auf dem Rücken trüge. Ein jeder unter den Herzumarschierenden hätte ein sonderliches Zeichen auf dem Rocke, und ihrer etliche säßen zu Pferde. Dieses war die kurze Nachricht, und wie sie ferner erzähleten,[532] so marschierten sie ganz sacht und stille, also daß ihrer etliche gar die Schuh ausgezogen, sich derselben in dem Sturm desto besser zu gebrauchen. Ihr Anführer wäre allem Ansehen nach ein Schneider, denn sie hießen ihn Herr Sartor, dadurch man wohl abnehmen konnte, daß sie keine große Streiche tun würden. Nichtsdestoweniger verdoppelte Philipp seine Wachen an beiden Schloßtoren, befahl auch, sich nicht ehe mit den Pechkränzen sehen zu lassen, bis die Bauren ihre Leitern, derer sie nach Aussage der Kundschafter drei Wagen voll bei sich führten, würden angeworfen haben. Indem kommt der Schwärm an das Schloß. Die Schelmen waren so klug, daß sie sich in einem Augenblick in zwei Teile zerteilten. Einer fiel das vordere, einer das hintere Tor an, und ließen also diejenigen Örter unangefochten, wo man unsers Erachtens am leichtesten hätte hineinkommen können, und dannenhero hatten wir große Mühe, das Brenn- und Feuerzeug dahin zu schaffen, wo sie wie die Wespen und Hummeln herankletterten. Als unsere Gegenwehr versammlet war, commandierte Herr Philipp bei dem vordern, ich bei dem hintern Tor, der Friderich aber führte seine Leute aus der Ziegelhütte außer dem Schlosse an, und also gab man zu allen Seiten unsers Orts gute Salve. Etliche der Bauren waren eisenfest gefroren, und war ebensoviel, wenn man auf sie schoß, als ob man ihnen Haselnüsse auf die Köpfe würfe, dahero mußten die Pechkränze des Studentens das Beste tun, vor welchen sie so geschwind wieder über die Leitern hinuntersprangen, als sie heraufgekommen. Da sich nun die Bauren von innen und außen bekrieget sahen, eileten sie mit ziemlichen Verlust der Ihrigen wieder zurück und zerstreueten sich auf dem Feld, einer da-, der andere dorthin, daß wir dannenhero in dem Nachsetzen genug an den Büchsen, Kolben und anderen Gewehren aufzuklauben hatten.

Dieser Abtrieb, ob er schon mit großer Zufriedenheit derjenigen geschehen, welche von Philippen das Schloß zu defendieren aufgeboten worden, so fragten doch die Herren Rustici nit viel darnach, sondern sammleten sich noch selbige Nacht, und da wir uns in der größten Sicherheit zu sitzen[533] gelüsten ließen, hebte ihre Trummel aufs neue an, vor dem Schlosse zu rasseln. Wir brachten unser annoch in dem Hof versammlete Mannschaft mit großer Arbeit und Mühe wieder in die Ordnung, aber die Bauren hatten nur einen blinden Lärmen gemacht und uns vor den Toren abscheulich ausgelachet, ob wir auch gleich einen Ausfall getan, trieben sie uns doch wegen überhäufter Menge bald wieder zurück und teilten uns unverhoffte Schläge mit.

Wir stunden dieselbe ganze Nacht auf den Mauren, und Philipp ließ vor diejenigen Löcher Mist und anderen Schuttkot hinführen, wodurch sie sich ohne großen Widerstand hätten hereinverfügen können. Sie fielen aber vor dieses Mal nicht an, sondern platzte bald einer hie, der andere dort mit seinem Schmeckscheit herein, dadurch sie zwar keine Menschen totgeschossen, aber fast alle Fenster zuschanden gemacht haben, die wir auszuheben vergessen hatten.

Des andern Morgens stiegen ich und Herr Friderich auf den Turm und mußten mit Verwunderung sehen, daß sich unser Gegenpart allgemach vor dem Schlosse eingeschnitten hatte, da vermerkten wir erst, daß dieses Volk ein Pöbel des rebellischen Haufens war, welcher jüngst zuvor in dem Land großes Unglück und Jammer verursachet, und was noch das allermeiste war, so führte diesen Haufen der zuvor beschriebene Barthel auf der Heide an, und hatte nicht ein Schneider, sondern er selbsten das Commando, wie wir mit unsern Perspectiven wohl sehen konnten. Sie stelleten darauf einen neuen Sturm an, und wir eileten von dem Turme, die Gefahr anzudeuten, damit ein jeder zur frischen Gegenwehr möchte gefaßt sein.

Indem wir nun am besten mit unsern Leuten beschäftiget waren, sahen wir von ferne einen großen Pöbel Reiter über das Feld herkommen, die wir erstlich für unsere Feinde hielten. Deswegen sank dem Philippen das Herz um ein merkliches, und Herr Friderich begab sich auf den Turm, zu sehen, ob sie sich mit diesen conjungieren oder was sie sonsten für eine List vornehmen würden. Da sie aber etwas näher kamen, rufte Herr Friderich vom Turm und sprach: »Bruder Philipp, eine gute Zeitung! Gottfrid und Christoph[534] kommen mit diesem Haufen, mache dich gefaßt, sobald sie angegriffen haben, mit deinen Leuten auszufallen, es wird so viel Kappen regnen, die wir nicht alle zählen können.«

Kaum als er diese Worte ausgeredet, hörte man ein schreckliches Feldgeschrei. Es waren zwar keine Hauptarmeen, die da miteinander treffen sollten, aber nichtsdestoweniger ein so großes Geschrei und Tumultuieren, daß ein Blinder geschworen sollte haben, es wäre das ganze Königreich Spanien und Frankreich übereinander hergewischet.

Als nun Gottfrid und sein Bruder mit ihren Leuten von hinten zu angegriffen, rückten wir mit den Unsrigen in guter Ordnung von vornen zum Tor hinaus, da ging es auf beiden Seiten auf ein schreckliches Geklopfe, und wer unter den Bauren am ersten davonlaufen konnte, der suchte das Feld und verließ sich mit Hinwegschmeißung seines Gewehrs auf nichts mehrers als auf seine Füße. Also sind sie geschwinde gekommen und wieder geschwinde davongelaufen. Diejenigen, unter welchen Barthel auf der Heide sich befand, hielten sich noch am längsten, weil er sie in guter Ordnung gehalten. Er rufte ihnen mit aller Macht zu, daß sie sich tapfer wehren sollten, aber er selbst suchte vielmehr eine angenehme Gelegenheit, mit seinem Schimmel davonzuwischen, wenn er nur solche Flucht wegen eines Graben hätte vollbringen können. Also machte er andern ein Herz und hatte selbst keines. Als wir nun am meisten bemühet waren, diesem ehrbaren Gesellen aufs Leder zu klopfen und ihn gefangenzunehmen, kam ein junger Cavalier in einem hübschen Harnisch wie ein Löw unter den Haufen geritten und machte dergestalten Platz, daß wir dadurch uns gar leichtlich des Rädelführers bemächtigen konnten. Aber dieser unbekannter Soldat tat in einem Augenblick, wornach wir allgemach schon eine halbe Stunde getrachtet hatten, nämlich, er fing den Barthel unter seinem eigenen Haufen, nachdem er ihm zuvor eine Schmarre in das Gesicht versetzet und noch darzu seinen Gaul totgeschossen hatte.

Damit zertrenneten sich die gewissenlose Schelmen in einem Augenblick, und wir hieben ihnen bis in den Wald nach, allwo sich das übrige Gesindlein teils in die Hecken verkrochen,[535] teils auch auf hohe Tannen retirieret. Auf eine solche Art brachten wir den Sieg mit geringem Verlust der Unserigen zuwegen, und da nahmen wir uns erst Gelegenheit, einander zu grüßen. Philipp wußte für großen Freuden nicht, was er zum ersten reden oder vorbringen wollte. Er befand sich gegen Gottfrid, Christoph, dem Friderichen und mich hoch verpflichtet, aber noch viel mehr von dem fremden Cavalier, welcher, weil er seinen Helm noch zugeschlossen hatte, von keinem unter uns mochte erkennet werden. Gleichwohl brachte derselbe den Barthel auf der Heide als den Rädelführer dieses sauberen Handels an Eisen geschlossen, und: »Sehet Ihr,« sprach der fremde Rittersmann zu Philippen, »daß ich das Glück gehabt habe, Euren Feind zu fangen! Er hat wider Euch gesündiget und die hohe Landesobrigkeit verunruhiget, darum übergebe ich ihn Euch und der heilsamen Justiz, ihm sein gebührendes Recht anzutun, und auf daß Ihr nicht zweifelt, wer oder von wannen ich sei, so sehet, ich nehme meinen Helm vom Haupt und gebe mich euch allen freiwillig zu erkennen.«

Nach dieser Rede zog er den Helm vom Gesichte, und wir entfärbeten uns alle, als wir die schöne Amalia vor uns in einem Ritterharnisch verkleidet sahen. Es sah einer den andern an, und konnte keiner für Verwunderung das erste Wort sprechen. Sie aber fuhr fort, dem Barthel seine große Büberei vorzuhalten, mit welcher er das ganze Land kränkte. Und als sie im besten Begriff ihrer Rede war, entstund unter den Toren ein neuer Lärmen, weil man auf der Straße Kriegsvolk erblickte, welches sich gegen das Schloß bewegte. Aber wir wurden bald berichtet, daß es der ehrliche Wilhelm war, welcher, als er verstanden, daß es dem Schloß Oberstein gelten sollte, sich mit zweihundert seiner besten Leute aufgemachet, dem Philippen Beistand zu leisten. Deswegen war die Freude um so viel desto größer, weil wir uns untereinander mit so redlicher Nachbarschaft vertrugen und sich einer auf den andern brüderlich zu verlassen hatte.

»Nun«, sagte Philipp, »ist es Zeit, daß ich dir, o Bruder Friderich, den Zweifel auflöse. Kurz nachdem ihr von der Amalia Kammer zu Abstorff hinweg wäret, ging ich hinein, ihr[536] andeutend, daß Barthel nunmehr mit zwanzig Pferden im Anzug wäre, sie, als welche nunmehr allenthalben verraten wäre, anzupacken, wäre also ratsam, sich in aller Stille heimlich wieder nach Hause zu begeben, weil Barthel keine Stunde mehr würde außen sein. Nach diesen Worten ging ich hinweg, und sie ist ohne allen Zweifel aus Furcht dessen heimlich durchgegangen, aber zu deinem Besten, denn durch dieses Mittel hat auch ihre Frau Mutter wegen deines Vortrages Urkund bekommen, und ist nichts ohne ihren Vorbewußt, welches eine große Billigkeit ist, an einer so hochwichtigen Sache geschlossen und eingegangen worden.«

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 531-537.
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