IV. Capitul.
Die Geschicht des Atavan.

[146] Der Vorwitz stürzt den Icarus,

Daß er im Meer ersaufen muß.


Ich glückseliger Zendorio wußte dazumal nicht, wie ich meine Zeit fröhlich genug passieren sollte. Nahm derohalben allerlei Mittel vor, und nach gehaltenem Tanze machten wir die Abrede, daß, weil die Zeit ohnedem sehr widrig und kalt sei, solle sich die ganze adelige Gesellschaft morgens in dem Zimmer der Caspia einfinden, und daselbsten wollten wir bei einem Gläslein Veltliner die Zeit mit Erzählung allerhand kurzweiligen Sachen zubringen. Sie sagten alle ja, aber Ludwig nahm sich aus, daß, wenn er ja darbei vermittelst des so gefaßten Schlusses erscheinen müßte, solle ihm freistehen und erlaubt sein, ein bißchen was Garstiges mit unterzumischen, weil sie ohnedem keinen Pickelhering auf dem Schlosse hätten. Das Frauenzimmer sprach, es möchte immer sein, aber er sollte beileib nicht außen bleiben. Damit gingen wir voneinander, und begab sich männiglich zu Bette.

Morgens funden wir uns abgeredtermaßen in dem Zimmer der Caspia ein, und da wurde sie von den Gästen heute so gut als ich gestern geschraubet und ausgevexieret, weil ein jeder wissen wollte, wie es sich die erste Nacht bei dem Bräutigam schliefe. Nach diesem gab man jedem seinen Stuhl zu sitzen, und weil der Seiltänzer seit gestern seine Erzählung übrig hatte, mußte er mit solcher den Anfang machen, auf daß die andere Courage hätten, desto besser sich auf ihre Erzählung gefaßt zu machen. Er fing demnach an und brach in folgende Worte heraus:

»Hochadeliges Frauenzimmer wie auch edelgestrenge Herren und Junkern! Ich bin von Ihnen insgesamt ersucht worden, eine Geschicht zu erzählen, die ich mit eigenen Augen angesehen habe. Solche aber ist die traurige Begebenheit des stattlichen Arzts und Bruchschneiders, des sogenannten Atavan. Dieser Atavan war von Geburt aus Orléans an der Loire und ernährete sich durch seine Kunst sehr reichlich. Seine Curen waren dermaßen glücklich, daß er viel eher einen Bruch geschnitten als einen Kaphan tranchieret. Dieser[147] Ruf brachte ihn bei Großen und Kleinen in gutes Ansehen und ward allenthalben stattlich verehret.

Nebenst dieser herrlichen Profession machte er einen Theriack, den hieß er nach seinem Namen Atavan, und solcher ward ihm auf offenem Markt reißend bei dem Theatro abgekaufet, weil er ihn vor ein sonderliches Præservativ wider die unreinen Nebel und anderer giftiger Dünste ausgab. In solcher Qualität kam er auch nach Regenspurg, in welcher Stadt ich mich dazumal Studierens halber aufgehalten. Ich hielt es vor eine Sünde, so ich einen Gaukelpossen sollte versäumet oder übersehen haben. Ich lief sogar von der Lection hinweg und ließ meine Topic, den Suetonius und Horatius auf der Tafel liegen, wenn ich hörte, daß die Klopffechter oder sonsten etwas Artiges in der Stadt herumtrommelte, davon ich ein großer Liebhaber ward. Denn ich gab mich dazumal aus und hielt mich bei mir selbsten vor einen Marx-Bruder, der ich doch nicht war, und beging viel tausend Stücklein, die ich nicht alle sagen mag.

Es geschah eben zur selben Zeit, daß dieser Atavan auf dem Theatro durch seinen Pickelhering ausrufen ließ, welchergestalten er künftig neues Jahr von dem Thum-Stift in lauter Feuer herunterfahren wollte gleich einem Vogel Phönix. Aber weil dieser Ort zu heilig war, ein solch Gaukelspiel zu fovieren, nahm er sich vor und suchte sich einen Turm aus auf dem Platz, so die Heyde genennet wird. Es wurde ihm ins zweite Mal widerraten, aber nichtsdestoweniger stellete er sich zurecht und machet das Seil an dem obern Fenster eines ziemlich hohen Turms an, also daß das andere Ende bis an das Eck der Trinkstube oder Waage gereichet. Ich halte die lineam rectam ungefähr auf dreißig Angel, die longitudinem bis zum Turmfenster funfzehen Ruten, daraus kann ein Erdmesser beiläufig wissen, wieviel Klafter das obliquum und also der ganze Strick gewesen.

Es war an einem Sonntag abends, und des folgenden Tages fiel der Heilige-Drei-König-Tag ein, welches ich mich noch aus dem entsinne, daß die Prediger in allen Kirchen trefflich darauf geschmälet haben. Die Nacht und das Anwesen vieler tausend Personen machte das Spiel viel abscheulicher, als[148] man sich einbilden können. Das Wetter war etwas feucht, dahero ward das Seil ganz benetzet, welches die Seilfahrer insgesamt und ich in spcie vor eine große Hinderung in dergleichen Begebenheiten schätzen, weil man erfahren hat, daß schon ihr tausend dadurch den Hals gebrochen.

Ich selbsten stund mitten unter dem Haufen, nicht weit von dem Eck, da das Seil angeheftet war, und daselbsten waren auch wie die Teufel angekleidete Kerles, welche ihn mit Bettgewanden auffangen und halten sollten. Andere Diener gingen bei dem Seil und unter demselben mit brennenden Pechfackeln hin und wider, und hofften alle einen bessern Ausgang, als leider in dem Werk selbsten erfolget ist. Wir warteten sehr lange und mit großem Verdruß. Endlich schrie er herunter: ›Allumez! Allumez!‹ Das solle, wie man mich berichtet, ›Zündet an!‹ heißen. Kurz nach diesen Worten sah man viel Raqueten von ihm steigen. Wir hofften immer, er würde besser herunterkommen, aber es dauerte wohl ein Vaterunser lang, da er weiter nicht als etwan zwei Klafter gekommen, ob sich schon das Seil ausdermaßen geschwungen. Er hatte ein anders Seil unter dem großen in nächstgelegenem Güldenen Kreuze angespannet. An demselben sollte eine feurige Katze hinunterlaufen und diejenige Feuerräder anzünden, die er ringsherum um den Brunnen angebunden. Aber ehe man sichs versehen, fiel der arme Mensch von dem Seil herunter und blieb eben an der Stelle mausetot liegen, dahin er gefallen, und viel Leute haben sich besorget, daß solche in die Dächer fliegen und anzünden möchten, so gar hatte das Spiel mißlungen.

Man ließ alsobald die Feuerräder von dem Brunn hinwegnehmen und um die Ursach dieses erschrecklichen Falls fragen, und wurde alle Schuld einem Sandkörnlein oder Papierlein beigemessen, so sich in dem Lauffeuer auf der andern Seite befunden, daraus gefolget, daß die eine Seite eher angezündet und der Arzt also gezwungen worden, auf die eine Halbe zu fallen, weil die Last des Pulvers ziemlich viel war. Zudem hatte man ihm auch die beide Armen mit einem großen Brett auseinander gespannet, auf welchem Raqueten gelegen, er hat aber in der Hinüberwälzung noch mit einer[149] Hand das Seil zu fassen gekriegt, und wenn er die andere Hand los gehabt, hätte er noch mit gesundem Kopf davonkommen können. Aber das Feuer und der Dampf machten ihm große Qual, und sagten ihr viel, daß er noch in der Luft von dem Pulver erstickt worden.

Mit was Schrecken das Volk von dem Platze gegangen, könnet ihr leichtlich urteilen. Man gab darnach geschwind Kupferstück heraus und wurden Verse darzu gemachet, welches die Händler nur ihnen selbst zum Besten taten, weil ein ziemlicher Particul von dergleichen Briefen ist verkauft worden. Hat also der Autor derselben Relation und Verse einen gaukelhaftigen Dank von der ganzen weiten Welt verdienet, den ich ihm auch gerne lassen will.«

»Monsieur Seiltänzer,« sagte Ludwig, »Er hält seine Profession sehr verdächtig, wie sie denn auch in dem Werk selbsten nicht gar reputierlich ist. Meinesteils liebe ich die Gaukelei, aber die Gaukler selbsten achte ich nicht gar hoch, der Herr muß aber nicht meinen, als sei Er mir verhaßt, denn ich verstehe aus seiner abgelegten Relation, daß Er gestudieret, daraus ich Ursach habe, Ihn vielmehr vor einen Studenten als Gaukler zu achten.« Der Gaukler gab zur Antwort, Monsieur Ludwig möchte ihn halten, vor was er wollte, ihm würde zustehen, in allen Begebenheiten gehorsame Dienste zu leisten.

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 146-150.
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