V. Capitul.
Die Edelfrau eröffnet vor ihrem Tod eine wunderliche Geschicht.

[297] Kein größers Glück auf Erd' man find,

Als wenn die Brüder einig sind.


Der Weg war ziemlich von dem anhaltenden Nordwind verwehet, dannenhero hatte mein Knecht genug zu tun, mich aus den Wirbeln herauszubringen, bis wir endlich das Schloß zu Gesicht kriegten, da ich einsmals bei dem Torwärter um ein Viaticum gebettelt. Dazumal hat mich der rotbartete[297] Mauskopf mit groben Worten abgewiesen, aber anitzo stund er mit seiner Mütze unter dem Arm vor dem Tor, einen tiefen Pückling machend, und dieses war die ganze Soldatesca, so mich vor dem Schlosse empfangen. Ludwig war eine kurze halbe Stund samt seiner Frauen zuvor kommen, und sie war nicht ein wenig böse, daß ich nicht meine Frau auch mitgenommen, aber ich entschuldigte mich aus der Ursachen, weil sie zu Hause müßte Trummel schlagen lernen, indem ich ihr eine ziemlich große angehangen und ihr wohl zwölf Lectiones aufgegeben, die sie mir in meiner Zurückkunft alle perfect aufspielen müßte.

»Er ist ein lustiger Mensch,« sagte die Frau Ludwigin zu mir, »sieht Er nicht, wie die Frau Zusia auch eine hat?« – »Nein,« antwortete ich, »dieses ist keine Trummel, sondern gar eine Heerpauken, hätte also eins das andere in dem Studieren irregemacht.« Sie lachten alle von Herzen, und die Frau Zusia hielt vor Scham das Schurztuch vors Gesicht, dardurch man ihren großen Leib noch mehr sehen können; darüber wir noch abscheulicher gelachet, bis sie sich gar in eine Kammer verstecket.

Die alte Edelfrau lag vor großer Schwachheit zu Bette, und als bald der Doctor mit einem Notario angekommen, schritten wir zum Werk, und weil keine große Difficultäten vorbeiliefen, ward die Sach in einer Stund gerichtet und geschlichtet. Dem Doctor verehrte Isidoro hundert Reichstaler samt einem silbernen Pokal, dem Notario funfzig Gulden samt einer Schlaguhr, und dem Copisten bezahlte er alle seine Schulden, die er in den Bierkellern stehen hatte.

Es wurde aber mit der Alten je länger je schlimmer, also daß sie endlich an ihrem Leben zu zweifeln anfingen. Isidoro, so lustig er sonsten war, entfärbte sich doch in dem Gesicht ein merkliches. Zusia weinte ingleichem vor dem Bette, und wurde dem Schloßpriester gerufen, daß er bei dieser Hinsterbenden sein Bestes tun sollte.

Als sie sich aber wiederum ein wenig aus der Ohnmacht hebte, hieß sie alle hinweggehen und nur mich und ihren Sohn Isidoro alleine bei sich bleiben, weil sie uns jederzeit vor ihre beste Freunde geschätzet. »Lieber Herr,« sagte sie[298] zu mir, »wie auch herzlieber Sohn! Ich befinde es in allen meinen Gliedern, daß ich dem Sterben am allernähesten sei. Weil ich nun absonderlich von einer Sach gedrücket werde, die ich eine ziemliche Zeit verborgen gehalten, so muß ich mich doch anitzo in meinem Sterbstündlein davon entbürden, wenn anders noch so viel Zeit übrig ist, solches nach der Ordnung herauszureden.

Es sind nun wohl zweiunddreißig Jahr verflossen, als ich mit deinem seligen Vater und meinem lieben Manne zu Felde ging. Dazumal betrat er die Charge eines Obrist-Lieutenants und hielt sich so wohl, daß er, so der Krieg nur noch ein Jahr continuiert hätte, gar wäre Obrister geworden. Aber nachdem unsere Partei vor Wittstock das letzte Mal geschlagen worden, wurde bald Fried, und ich ward dazumal in der Flucht Kindesmutter unter dem freien Himmel. Der Feind hauete hinter uns drein, deswegen mußte sich mein Mann jämmerlich mit mir schleppen, weil er durchaus nicht von mir scheiden wollte.

Wir kamen endlich in ein Bauerndorf, und daselbsten ließen wir das Knäblein taufen und Ergasto nennen. Aber als wir vor das Dorf kamen, war der Feind unsern Leuten bei Felßlingen wieder auf dem Rücken. Dahero mußten wir galoppieren, was wir konnten, und das Kind wäre ohne Zweifel ersticket, so wir es nicht unterweges einem Schulmeister gelassen mit Bitt, diesen Ergasto so lang bei sich zu behalten, bis es sicherer und wir ihn wieder abfordern könnten. Er nahm das Kind mit beigelegten funfzig Ducaten zu sich. Aber nachdem wir wieder zurückgelanget, war er schon von Haus und Hof verjaget. Dahero wußte ich meines Jammers kein Ende mehr.

Wir fragten ihm allenthalben nach, aber kein Mensch konnte uns wegen des Schulmeisters Nachricht erteilen, und also ist es mit dem Ergasto bis auf diese Stunde geblieben. Deswegen bitte ich euch, ihr meine beste Freunde, der Sache nachzufragen, wo ihr könnt und möget. Denn ich weiß nicht, ist das Kind noch im Leben oder ist es tot. Sollte es aber noch im Leben sein, so verfahre mit ihm wie mit deinem rechtmäßigen Bruder und vertraget euch miteinander,[299] wie sichs gebühret und ein solcher Freund dem andern zu tun schuldig ist.«

Nach diesen Reden seufzete sie vielmals, und wir wurden unter dem Gesicht feuerrot. Weil sich auch unser Lebtag das Geschick so gar artig unter uns eröffnet, wurfen wir stracks eine Mutmaßung auf den Jäger, welcher Ergasto hieß. »Saprament,« sagte ich dem Isidoro ins Ohr, »hui, daß der Jäger dein Bruder wäre!« Isidoro antwortete: »Es kann sein.« Hierauf fragte er seine Frau Mutter, ob denn Ergasto kein Zeichen am Leibe gehabt, dadurch man ihn erkennen möchte. Sie aber wußte nichts und seufzete noch mehr als zuvor, auf welches sie von allen denjenigen, so gegenwärtig versammlet waren, Urlaub zu nehmen verlangte. Es ging einer nach dem andern zu der Sterbenden, und als der Jäger seine Hand hinreckte, fing ihm und der Alten zugleich die Nase an zu bluten. Wir erstaunten über solches nicht ein wenig, und dahero wurde bald offenbar, was uns die alte Edelfrau zuvor ingeheim vertrauet hatte.

Wir erzählten die Geschicht öffentlich, und nachdem wir sie vollendet, seufzete der Priester, welcher noch nicht ein halb Vierteljahr auf unserm Schlosse in Diensten war. »Geliebte Herren,« sagte der Geistliche, »anitzo ist es Zeit, Ihnen die Sach etwas klärer zu erzählen. Vor drei Jahren,« sprach er weiter, »als ich noch außer Landes auf einem Dorf dienete, starb ein Schulmeister, und allem Ansehen nach ist es ebenderjenige gewesen, von welchem anitzo erzählet worden, daß er das Kind Ergasto empfangen.

Er eröffnete mir solches in höchstem Vertrauen und sagte, das Kind wäre ihm von einem unbekannten Kriegs-Obristen samt funfzig Ducaten zugestellet worden, mit der Nachricht, daß solches innerhalb wenig Tagen von ihm sollte abgeholet werden. Aber der Feind wäre ihm so bald auf den Hals kommen, daß er kaum noch Zeit gehabt, des Kindes Namen auf ein Zettulein zu schreiben und solches in die Windel zu stecken, wäre auch damit dergestalten davongelaufen, daß er noch in der Nacht bei der Stadt M. angelanget, allwo er das Kind vor eines Gärtners Tür niedergeleget und seinen Weg weiter gesucht hätte. Diese Wort erzählte[300] mir der Schulmeister mit großer Reu und fragte mich, ob ichs ihm vergeben könnte, denn es wäre sein Will' nicht gewesen, das Kind so liederlich zu verlassen, sondern die höchste Not wäre hierinnen Ursach gewesen, welche ihm solches wider seinen Willen abgejagt hätte.«

Die plötzliche Alteration, welche die gesamte Gesellschaft wegen dieser Erzählung eingenommen, kann sich der geneigte Leser leichtlich zu Gemüt führen. Dem Jäger Ergasto war diese Botschaft viel lieber und angenehmer, als wenn ihm zwölf Füchse und acht Wölfe zugleich in die Grube gefallen. Damit man derowegen desto gewisser hinter die Sach gelangen möchte, verschaffte er den Zettul, welchen er stets bei sich zu tragen pflegte. Wir konnten aus demselben nicht anders urteilen, als daß Ergasto der natürliche und leibliche Sohn und also ein Bruder des Isidori sei, weswegen denn die Alte die lieben Tränen auf ihrem Totbette vergossen, daß sie vor ihrem Ende den wohlgewachsenen Ergasto noch einmal zu sehen bekommen. Darauf wurde das Testament geändert, und obschon Isidoro dardurch zu kurz kam, ist es doch nicht möglich auszusprechen, wie eine große Freude er über diese unverhoffte Veränderung empfunden. Er küßte den Ergasto und dieser ihn wieder, und in solchen Freuden verschied zugleich ihre alte Mutter, welche drei Tag darnach sehr herrlich zur Erden bestattet worden.

Also kam der Jäger aus dem Traum und wurde aus ihm ein Edelmann und aus dem Huren- ein rechtmäßiger Sohn eines Kriegs-Officiers. Wir blieben auf solche Verwandlung wohl in die drei Wochen beisammen und machten unter uns eine neue Gesellschaft, welche wir den Orden der Vertrauten nannten, und der Doctor richtete uns zwischen dieser Zeit folgende Reguln auf, nach welchen ein jeder Ordensgenosse leben sollte:

Erstlich soll keiner in den Orden aufgenommen werden, welcher unter fünfundzwanzig Jahren sei.

Vors ander soll er schuldig sein, seinen ganzen geführten Lebenslauf mit solchen Umständen zu entwerfen, davon der Leser nicht geärgert noch durch die Hechel gezogen, sondern in allem gebessert werde.[301]

Drittens, so einer stürbe, soll ihm von der Gesellschaft ein Grabmal gestiftet werden.

Viertens, so einer eine merkliche Mißhandlung beginge, solle von der gesamten Gesellschaft gesprochen und derselbe nach Gestalt der Sachen entweder auf eine Zeitlang suspendiert oder um gewisses Geld gestraft werden.

Die Gesellschaft soll vors fünfte jederzeit zwei Principalen erwählen, einer, der die Cassa, und der andere, der das Regiment führet.

Sechstens solle jedem freistehen, sich aus der Gesellschaft loszusagen, doch mit einem vorhergehenden Schmaus und dergleichen.

Siebentens solle jeder Gesellschafter schuldig sein, alle Jahr zwei Comödien auf seine eigene Unkosten agieren und auf dem Theatro vorstellen zu lassen, dabei alle darzugehörige Glieder eingeladen sein sollen und werden müßten. Die Mahlzeit bei solchen Actionen wäre per se.

Mit dieser Ordnung war man gar content, und unterschrieb sich erstlich Ludwig von Retz, Isidoro von Zittwig, Ergasto von Zittwig und ich, Zendorio a Zendoriis. Denn diesen Titul hatte ich mir selbst gegeben, wegen dessen, weil ich mich vor eines Küsterers Sohn ausgegeben, wie der geneigte Leser in dem ersten Capitel des Ersten Buchs mit mehrern Umständen wird verstanden haben. Diese Ordnung wurde hernach von meinem Vater Philiman, Fausto und Carander samt vielen andern unterschrieben.

Wir satzten uns hierauf zu Tische, und Ludwig fragte mich, was wir vor einen Discurs gehabt, als wir das letzte Mal von ihm geschieden. Da erzählte ich ihm die ganze Reise, wie wunderlich wir hinter den Grund wegen des Fausti seiner Hochzeit gekommen, und daß er keine Bauertochter, wie man insgemein ausgegeben, sondern die einzige Tochter des Caranders, nämlich die Celindam, geheiratet, davon ich ihnen zuvor etwas in den Briefen vermeldet. In specie aber erzählte ich ihnen wegen des gehangenen Diebes und daß mein Vater Philiman der Meinung sei, daß es wider das Heilige Gesetz wäre, so man einen wegen des Diebstahls hängen ließe. »Er tut hierinnen nicht unrecht,« antwortete[302] Monsieur Ludwig, »denn ich sehe selbst in diesem Sentenz, daß das Heilige Gebot dadurch beleidigt werde, welches will, daß ein Dieb dasjenige, was er gestohlen, doppelt geben sollte. Dahero ist es unrecht, daß man von dem Gesetz hinweggehet und suchet Menschen-Statuta. Aber weil hier ein solcher gegenwärtig sitzet, der uns am besten von der Sache helfen kann, so soll er uns den Knopf auflösen. Darum ersuchen wir den Herrn Doctor, was hiervon seine Meinung sei. Er muß aber nicht behaupten, was Er von den andern behaupten gehöret, sondern seinen Sentenz so vorstellen, daraus wir sehen können, daß Er unparteiisch handele und selbst seinen eigenen Kopf habe, non enim autoritate sed veritate pugnandum est.«

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 297-303.
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