IV. Capitul.
Die alte Edelfrau schickt sich zum Sterben.

[292] Durch Alter und durch graue Haar

Wird manches Stücklein offenbar.


»Ihr habt genug erzählet,« sagte ich zu dem Jäger, »und was ich von Eurer Erzählung halte, das habt Ihr hiermit zu verstehen. Erstlich ist es eine große Unwissenheit, wenn einer nicht weiß, wer sein Vater ist. Weil aber diese Unwissenheit heutzutage so gar gemein ist, so ist es keine Unwissenheit, sondern nur eine Ermanglung desjenigen zu nennen, welches nicht nötig zu wissen ist. Es sei Euer Vater, wer da wolle, so geht Euch doch an Eurem Wesen nicht ein Härlein ab, sondern es ist genug, daß Ihr ein Jäger seid, die doch viel zu sein wünschen, welche ehrlich genug entsprossen und geboren. Und deswegen könnet Ihr auch Euer Dutzet Taler wohl in dem Säckel behalten, denn es ist gut, daß mancher seinen Vater nicht weiß. Aber das ist nicht gut, daß mancher seinen Vater nicht wissen will.

Durch dieses Nichtwissenwollen bildet sich mancher mehr ein, als er ist, weil er durch seinen Hochmut die Niedrigkeit seines Ursprungs bedecken will, welches wider die Natur laufet. Der Rab bleibt ein Rab, und ob ihn gleich die Vögel vor einen König erwählten, und glaubet sicherlich, daß ich in diesem Fall ganz einer andern Meinung bin. Allein weil die Welt betrogen sein will, so geschieht ihr recht, daß sie manches Hurenkind mit beiden Händen umfanget, und aus dieser Blindheit ist das Sprüchwort entsprungen, welches sagt, daß solche Kinder gemeiniglich das größte Glück haben. Und ich bin der Meinung, daß dadurch eine große Freundschaft gestiftet werde, denn weil Ihr nicht wisset, wer Euer Vater ist, so ist es nötig, daß es alle sein können, welche Euch mit funfzehn Jahren übertreffen.

Dieses rede ich nur aus Scherz, damit Ihr sehet, daß ich kein solcher Essigkrug sei, wie Eure drei Præceptores gewesen. Wegen der Gräfin hab ich selbst Mitleiden, und mein Rat wäre dieses: Will der Graf der Plage überhoben sein, so sollte er die Frau über den Haufen brennen. Es ist gleichwohl eine Frage, ob die Schleife oder der Has daran schuldig[293] sei, daß er gefangen werde. Wenn ich also frage, so ist die Schleife daran schuldig. Frage ich aber: ist die Schleife oder der Has daran schuldig, daß er sich fängt, so ist der Has daran schuldig. Also hat es eine Beschaffenheit mit Eurer Veronia. Etliche werden von ihr gefangen, und etliche fangen sich selbsten. Sie ist die Schleife, die Hurer sind die Hasen, also ist weder sie noch die Hurer aus der Schuld, sondern gehören beide zusammen in eine Schul. Aber wenn ich ihr Herr wäre, so wollte ich die Schleife aus dem Weg räumen, auf daß sie weder fangen noch gefangen werden könnte.

Die Gelegenheit macht den Dieb, und eine Ehebrecherin ist zeitig genug, von dem Lebensbaum abgeschnitten zu werden, denn sie erstickt nur andre gute Früchte, welche beides von ihrer Leichtfertigkeit genießen und hören. Wehe demjenigen, durch welchen Ärgernis kommt! Unter diesem Spruch werden verstanden allerlei Greuel beides Geschlechts, was sie sowohl an ihrem eigenen Fleische als auch in anderen Sachen, als mit Ketzerei, Zwiespalt und dergleichen, sündigen. Ich habe von der Veronia viel mehr gehört, als Ihr mir erzählet, und woher ich um die Gräfin weiß, werdet Ihr von Isidoro sattsam berichtet werden. Sie hat Euch, als ich verstanden, zur Antwort gegeben, sie liebte viel mehr plumpe als verständige Leute, und es ist kein großes Wunder, denn ich finde welche Leute, die lieber gemeines als preußnerisches Leder zu ihren Schuhen tragen, und die meisten Schreiber schreiben lieber auf Papier als auf Pergament. Die Ursach stelle ich Euch heim, solche auszulegen, wie es Euch am nächsten taugt. Denn davor sehe ich Euch an, daß Ihr, als ein Witwer, wohl so klug seid, meine Meinung zu erkennen.

Ich habe mich oftermalen verwundert, warum diese Seuche so gar stark unter den vornehmen Leuten eingerissen, und glaube, es komme daher, weil sie nicht glauben, daß solches bei ihnen eine Hurerei, sondern nur eine Unvollkommenheit der keuschen Tugend könne genennet werden. Und gesetzt, daß dem also sei, so weiß ich doch nicht, wie sie diese Unvollkommenheit ersetzen könnten. Es müßte nur sein, daß sie dieses Laster gänzlich aufhebten, darzu aber so lang keine[294] Hoffnung ist, so lang sie nicht glauben werden, daß diese Unvollkommenheit eine erschreckliche und große Sünde sei, dardurch man endlich in die Hölle fährt wie eine Pilliard-Kugel ins Loch.

Dieses wenige habe ich wegen des Lebens der Veronia anmerken wollen. Aber unter anderm hab ich mich insonderheit über Eure Heirat ergötzet, und Ihr habt wohl gesaget, daß der Stolz des Frauenzimmers gar viel Unheil nach sich zu ziehen pfleget. Manche Frau leidet lieber Hunger zu Haus und kleidet sich davor mit ihren Lumpen sauber an. O schröckliche Torheit! Der Leib ist geputzet äußerlich und hungert innerlich. Du Närrin verbirgest deine Not und machest entgegen deine Hoffart männiglich offenbar. Du willst nicht haben, daß man dich arm heiße, und bist doch nicht reich. Aber dieses ist nicht ein geringes Stück der menschlichen Schwachheit: je ärmer sie sein, je mehr sie sich einbilden.

Ihr seid beinebens nicht ein geringes zu loben, daß Ihr Euch nicht gescheuet, Euer eigenes Leben zu wagen, damit Ihr solches dem Isidoro erretten möchtet. Er ist mein Hauptfreund, und es ist noch nicht gar lang, als er zum völligen Erben seines Vaters Gütern eingesetzet worden. Dahero wird er Euch Euers großen Fleißes wegen keine geringe Dankbarkeit erweisen, weil er einer aus den alten Teutschen und ein solcher Mensch ist, welcher sich auch keinen Strohhalm umsonst aufheben lässet. Aber unter allem möchte ich zum liebsten wissen, wie Euer Name hieße.« – »Euer Gestreng,« gab der Jäger zur Antwort, »Sie fragen nicht vergebens, und allem Ansehen nach ist dieses Stück das wunderlichste, so mir in allen meinen Lebenszeiten begegnet. Denn der Gärtner hat mich hernachmals gar oft berichtet, wie er ein Zettlein in meinen Windeln gefunden, auf welchem gestanden, daß ich schon getaufet und mit Namen Ergasto hieße. Denselben Zettel habe ich noch bei mir und ist mein größtes Erbe, so ich von meinen Eltern, sie mögen nun sein, wer sie seien, davongetragen.«

Auf solche Antwort des Ergasto war ich gar vergnügt, und damit er den Betrug, so mit mir und Isidoro vorgegangen,[295] nicht gar zu zeitlich innen wurde, hielt ich mit meiner Auslegung vor dieses Mal zurück, wohl wissend, daß dem Isidoro dadurch eine ziemliche Kurzweil benommen würde, als welcher in solchen Verwechslungen seine größte Freude unter der Sonnen gesuchet. Demnach behielt ich Ergasto zu Gast, und was ich ihm vor Ehre erzeigen konnte, die einem Jäger gebührte, erwies ich ihm solche ganz beflissen, doch also, daß er mir nicht in die Karte gucken noch sonsten merken konnte, daß ich anstatt des Isidori in dem Gefängnisse gelegen.

Nach vollendeter Mahlzeit nahm er seinen freundlichen Abschied und schied wiederum davon gegen das Schloß des Isidori, nachdem er zuvor seine Kleider in meiner Stube getrücknet und ihm sein Rohr samt der übrigen Zugehör wieder überliefert worden. Ich aber machte mir nach seinem Hinscheiden wohl tausend Mutmaßungen, denn dieses war ebenderselbige Jäger, von welchem ich auf dem ersten Blatt dieser ›Winter-Nächte‹ Meldung getan, daß ich mich über nichts mehrers als seine große Sorgfalt in meiner Befreiung aus dem Gefängnis verwundert habe.

In solchen verwunderlichen Gedanken brachte ich den Tag zu Ende und konnte dieselbe ganze Nacht kein Auge zubringen, weil ich gleichsam in einem solchen Aspecten geboren war, welcher rechte wundersame Offenbarungen nach sich zog. Und in solchen Gedanken strichen drei Tage vorbei, nach welchen der Ordinari-Bot, den wir unter uns eigentümlich bestellet, von Isidoro folgenden Brief anbrachte: ›Geliebter Herr Bruder! Du bist ja wohl ein rechter Erzschelm, als einer zwischen Jacobi und Westphalen anzutreffen. Du schickst mir ebenden Jäger auf den Hals, welcher Dich in und unter meiner Person so sorgfältig aus dem Gefängnis gebracht. Und als ich ihm nach seiner Erzählung aus dem Traum geholfen, machte der Jäger wohl tausend Kreuz hintereinander und sagte, er hätte Dirs nimmermehr angesehen, daß Du so hinter dem Berge halten könntest. Es ist gewiß, daß mir diesen Winter noch keine so angenehme Abenteuer widerfahren, von welcher wir ins künftige ein mehrers reden und lachen werden.[296]

Nunmehr ists mit mir dahin gekommen, daß ich plenarius heres aller Verlassenschaft bin. Und weil meine Frau Mutter allgemach auf dem Grabe gehet, ist sie entschlossen, ihr Testament zu schließen; dabei ich dann Dich und Ludwigen zu erscheinen freundlichst will gebeten haben. Der Doctor, so meinen Ehecontract geschlichtet, wird auch bei diesem Actu gegenwärtig sein. Ich sehe ihn vor einen redlichen Mann an, der mir nichts vergeben wird. Indessen lebe mit Deiner Liebsten wohl. Den Jäger will ich so lange hier behalten. Und weil er ohnedem nichts auf seinem Schlosse als mit Buhlbriefen der Veronia zu tun hat, soll er diesen Winter nicht von mir kommen, denn er schickt sich trefflich in meinen Humor und steht mir mit seinen Discursen sehr wohl an. Adieu!

Wildenstein, den 4ten Febr.

Verbleibe Dein ewiger Freund

Isidoro.‹


Aus diesem Schreiben verstund ich, daß der Jäger bei ihm angekommen und zweifelsohne sich über mich schrecklich werde verwundert haben. Demnach mich aber Isidoro zu einem so hohen Werk als einen Beistand ersuchet, machte ich mich auf einen Schlitten, dahin abzufahren, sowohl mit Ludwigen als Isidoro die Winterlust zu bestätigen als auch dem Jäger einzige Ehre wegen seiner getreuen Dienste zu erweisen.

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 292-297.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Teutsche Winter-Nächte
Teutsche Winter-Nächte

Buchempfehlung

Strindberg, August Johan

Gespenstersonate

Gespenstersonate

Kammerspiel in drei Akten. Der Student Arkenholz und der Greis Hummel nehmen an den Gespenstersoirees eines Oberst teil und werden Zeuge und Protagonist brisanter Enthüllungen. Strindberg setzt die verzerrten Traumdimensionen seiner Figuren in steten Konflikt mit szenisch realen Bildern. Fließende Übergänge vom alltäglich Trivialem in absurde Traumebenen entlarven Fiktionen des bürgerlich-aristokratischen Milieus.

40 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon