Vierzehnte Scene.

[328] Pfarrer Struensee. Graf Struensee.


GRAF STRUENSEE sich wendend und den Vater erblickend.

Mein Vater! Güt'ger Himmel, endlich wieder

An meinem Herzen, theurer, lieber Vater!

PFARRER STRUENSEE.

Mein Sohn!

GRAF STRUENSEE.

O süßer Ton der väterlichen Stimme!

Wie lang' hab' ich vergebens diese Gunst

Erfleht, umsonst gehofft, euch hier zu seh'n.

Seit mir die Sonne königlicher Huld

Geleuchtet, hat des Vaters lieber Stern

Sich weg von mir gewendet. Laßt mich nun

Tief, tiefer wieder in die Blicke schauen,

Die meines Lebens Quell' und Segen sind.


Der Vater wendet sich ab.


Wie ist euch, Vater; wollt ihr mir die Gunst

Des theuren Anblicks nicht gewähren? Oder

Wollt ihr, das Antlitz mir verbergend, auch

Geheimnißvoll verschwieg'nen Kummer – Gott!

Ich habe nach der Mutter nicht gefragt;

Wo, wo ist meine Mutter?

PFARRER STRUENSEE.

Heimgegangen.[329]

GRAF STRUENSEE.

Todt?

PFARRER STRUENSEE.

Ihren Segen bring' ich dir, mein Sohn,

Dein Name war ihr letztes Wort.

GRAF STRUENSEE.

Mein Name?

Ihr brechend Aug' hat einen Strahl von Segen

Für mich, und den mißgönnt der Himmel mir?

Erstarrt im Grab' dies Herz voll Liebe? Weh' mir,

Daß mich verderblich ein unheil'ger Glanz

Von dem geweihten Lager bannte, – daß ich

Ihr letztes segnend Röcheln nicht vernahm,

Und jetzt vergeblich nur nach einem Blick,

Nach einem einz'gen Blick der Mutter weine.


Pause, Vater und Sohn stehen in stummen Schmerz versunken.


O, wie sie gut war, Vater, denkt ihr's noch?

Wenn ich, ein rascher Knabe, oft zu herrisch

Die kindischen Gespielen meistern wollte,

Und ihr mit strenger Zücht'gung, unerbittlich

Des Sohnes ungemess'nen Trotz bedroht, –

Sie hatte immer ein begüt'gend Wort,

Sie wußte nur zu lieben, zu vergeben.

PFARRER STRUENSEE.

Gönn' ihr den Schlummer der Vollendung, Sohn!

Und zähl' ihr nicht die Sünden nach.[330]

GRAF STRUENSEE heftig.

Ha, Vater!


Gefaßter, nicht ohne Bitterkeit.


Ihr wählet euch ein traurig Amt, mein Vater!

Nicht in den Tagen seines Glückes kommt ihr,

Den Sohn zu schau'n. Nicht seines Königs Gnade,

Nicht eines Volkes staunendes Erwarten

Auf seine Thaten ziehen euch zu ihm, –

Ihr kommt, wenn das Entsetzen in die Hütte,

Die ihm das Liebste einschließt, tödtend einbricht;

Und eurer Lippen schauervoller Gruß

Ist seines Unglücks fürchterliche Botschaft.

PFARRER STRUENSEE.

Dem armen, blinden Sohne dieser Erde

Erscheint mit zwiefachem Gesicht das Leben.

Sein Doppelantlitz heißt uns Glück und Unglück.

Doch der dort oben aus dem ew'gen Borne

Das Leben schöpft, von dem ein karger Tropfen

In unsre Herzen ausströmt und verrinnt, –

Der, denk' ich, tauscht wohl oft die Namen um.

Von ihm kommt niemals Unglück, niemals, niemals.

Dein Unglück aber, fürcht' ich, ist dein Glück.

GRAF STRUENSEE.

Ja, ja, ich weiß, ihr habt's mir nie vergeben,

Daß ich dem engen Kreise mich entzogen,

Der fest ins nied're Leben mich gebannt.

Daß ich nicht Lügner schalt des Busens Stimme,

Die mich hinwegrief von dem dürft'gen Bett[331]

Des Kranken zu des Daseins lichter Höhe,

Wohin die freie königliche Wahl

Mit schnellem Adlersittich mich getragen.

Und hab' ich mich des fürstlichen Vertrauens

Unwerth gezeigt, mit frevelhafter Selbstsucht?

Wer hat die Macht in Händen und darf sagen,

Er habe Größeres gewollt als ich?

Durchbebt nicht ein entzückender Gedanke

Mein ganzes Herz? Den uralt schweren Streit

Der Krone mit des Bürgers stillem Recht

Zu lösen, daß der leistende Gehorsam

Die Zügel billiger Gewalt nicht fühle,

Nicht wider eines Lenkers schwere Hand

Sich knirschend bäume; daß ein thätig Volk

Nicht preisgegeben launenhafter Willkür,

Sich wie der König Dänmarks auf dem Thron,

In edlem Selbstgefühle frei bewege.

Es darf der Bürger jetzt des Hauses Thore

Dem falschen Blick der feilen Späher schließen.

Gesichert ist sein friedliches Asyl.

Sein Fleiß bringt ihm den redlichen Gewinn,

Und kleidet nicht, wie es vor mir geschah,

In Marmorglanz die fürstlichen Paläste.

Durch meine Hand entfesselt, wandelt frei

Von Brust zu Brust der leuchtende Gedanke.

Der Bildung schöner Tag, der unsrem Deutschland

In frischem Glanz der Morgenröthe leuchtet,

Wird seiner Sonne herzbelebend Feuer

Auch auf dies schöne Land herüber tragen.

Und sind wir längst dahin, und folgt uns dann[332]

Ein fröhlich heiter wirkendes Geschlecht,

So wird es milder als des Vaters Stimme

Auf meinem stillen Grab' mir feuchten Blicks

Dies theure Zeugniß seines Dankes geben:

Daß ich sein Glück gewollt, daß ich's erreicht.

PFARRER STRUENSEE.

Das wird es nicht, mein Sohn, denn nicht die Willkür

Des Einzelnen kann Völkerglück begründen.

Und welch ein Pfand der Sicherheit hast du

Dem Volk gelassen, daß nach dir kein Zweiter

Und mächtiger als du erscheint, und wieder

Den Prachtball deiner Thaten niederreißt?

Wer bist du, daß aus deiner Hand ein Volk

Die Freiheit wie ein dürftiges Geschenk

Empfangen soll? Wie eine karge Wohlthat,

Die Andrer Launen frevelnd ihm entzieh'n,

Wie eines Jünglings Laune sie gewährt.

Hast du so tief ins Erdreich der Gesetze

Der Freiheit jugendlichen Stamm gesenkt,

Daß seine stillen Wurzeln nie die Axt

Der königlichen Willkür, nie ein Streich,

Von deiner eignen Hand verborgen, treffe?

Das hast du nicht vermocht, und kannst es auch

Großmüthig niemals wollen; – denn du kannst

Das Nächste nur bedenken, kannst dein Schicksal

Nicht frei mehr lenken; festgeankert muß es

In dieses Thrones falscher Nähe ruh'n.

Dort ist dein Platz; bei allen deinen Planen

Ist das die stille traurige Bedingung,[333]

Daß du dem Thron zunächst stehst; denn ich fürchte,

Dich hält dort nicht allein die karge Lust

Der mühevollen Herrschaft. And're Schlingen

Umstricken dich und halten dich gebannt

Mit stillen, zaubervollen Kräften.


Graf Struensee wendet sich ab.


Bebst du?

Blick' her! Sieh mir ins Auge! Kannst du's nicht?

Kannst du die greisen Flammen meines Blicks,

Des Vateraug's nicht mehr ertragen? Weh' mir!

Ist's wahr, das Gräßliche, das wie die Feu'r

In Tagen der Gefahr von Berg zu Berg,

Von Mund zu Mund des Volkes geht? Du liebst?

Liebst deine Königin?

GRAF STRUENSEE.

Mein Vater!

PFARRER STRUENSEE.

Fort!

Die Sünde fällt auf deines Vaters Haupt!

Der alte gläub'ge Diener Gottes fleht

Verzweiflungsvoll den Tod auf sich herab,

Eh' deine bleichen Lippen ihm bekennen,

Was ihn zu hören schaudert.

GRAF STRUENSEE.

Bebt ihr, zu hören, was die bangen Lippen

Euch zu gestehen zittern? Dennoch kann ich

Das Gräßliche euch nicht ersparen, muß es[334]

Von diesem Herzen wälzen dies Bekenntniß. – Ja,

Ich liebe, Vater! Meine Königin,

Zu der mein Auge sich mit scheuer Ehrfurcht

Kaum heben sollte, bet' ich Rasender

Mit allem Wahnsinn an der Leidenschaft.

O richtet mild, mein Vater! Wunderbar

Auf leisen Wegen hat dies stille Gift

Sich unvermerkt ins Herz geschlichen. Weiß ich

Die Stunde doch zu nennen, wo ich plötzlich

Mich umgewandelt fand, und sich der Zauber

Der unbewehrten Seele still bemächtigt.

Die Königin war krank. Der König war

Von seiner Reise damals heimgekehrt.

Mein schnelles Glück war das Gespräch des Tages;

Dienstfertig übertrieb der bange Neid

Der Höflinge das flüchtige Verdienst

Des jungen Arztes, und die Königin

Begehrte mich zu sehen. Die Verlass'ne

War ohne Freund, allein, an ihrem Hof'. –

Verschmäht von ihrem fürstlichen Gemahl,

Beneidet von der königlichen Mutter,

Fand ich ihr Herz vom Gram und Schmerz geknickt,

Und ich verhehlt' es nicht, wie ich's gefunden.

Und wie sie nun des Antheils stille Thräne

In meinem Auge sah, und aus dem ihren

Ein süßer Strom herniederfloß, – die Wange

Ein holder Scham geröthet, daß der Fremdling

Ins tiefste Herz der Königin geschaut, –

Da war's um mich gescheh'n; die Macht des Zaubers,

Der mich umsponnen, ließ mich nimmer wieder.[335]

Mit ihren Thränen hat sie mich vergiftet!

Mit ihren Thränen meines Lebens Ruh'

Und meine Seligkeit hinweggeströmt.

In ihrer Nähe festgebannt, erduld' ich

Seit jenem Tag die Hölle tausendfach.

Ich darf sie stündlich seh'n, und muß die Blicke

Zu Boden senken, daß mein flammend Aug'

Nicht aus der klaren Hoheit ihrer Sterne

Verdammniß lese und Verwerfung. Flüstert

Ihr süßer Mund ein mildes Wort mir zu,

So täuscht mich mein betrüg'risch Herz und wähnt,

Es sei der Liebe Wonneklang gewesen.

Ich schaud're heut' vor mir zurück, und morgen

Belebt mich wieder ein unselig Hoffen,

Und die zermalmte Seele sucht und findet

Mühsel'gen Trost, um ihn mit neuem Jammer

In tödtlich schnellem Wechsel zu vertauschen.

Laßt einen Dämon in die Himmel brechen,

Die Seligkeit daraus hinwegzustehlen,

Und wollt ihr strafend seinen Frevel rächen,

Mit allem Elend den Verruchten quälen,

Sucht nicht nach neuer Qual, – ihr findet keine,

Die Seelen besser folt're als die meine.

PFARRER STRUENSEE.

O Unglücksel'ger! Und du willst noch länger

Das Ungeheu're tragen? Theurer Sohn!

Ich bin nicht streng, ich habe nichts zu richten,

Ich kann nichts mehr, als dir verzeih'n! Komm mit mir,

Flieh' diesen Hof, entsage dieser Hölle.[336]

Dein kühner Geist, dein Herz sind reich genug,

Der Einsamkeit zu leben! Komm mit mir!

Du bist so elend hier, du wirst vergessen.

GRAF STRUENSEE.

Niemals, mein Vater, niemals! Wenn ich's könnte,

Ich möcht' es nicht. Nur Thaten können mich,

Die Größe meiner Pflichten nur erheben;

Ich lebe ihr und meinen Planen; Beiden

Entsagen müssen, Vater, ist mein Tod.

PFARRER STRUENSEE.

Stirb, aber komm' mit mir! Das Schrecklichste

Ist, endlich müssen, was wir nie freiwillig

Zuvor gewollt. O steige von der Höhe,

Eh' dich ein feindliches Geschick hinabstürzt.

Komm' mit mir, Friedrich! Meine alten Tage

Sind jetzt so einsam, komm', erheit're sie!

Komm', mein geliebter Sohn!

GRAF STRUENSEE.

Ich kann nicht, Vater!

PFARRER STRUENSEE sich vor ihm niederwerfend.

Auf meinen Knien beschwör' ich dich, verlasse

Das Haus des Königs, komm' mit mir.

GRAF STRUENSEE der den Vater emporzuheben sucht.

Vater!

PFARRER STRUENSEE.

Nein, laß mich knien wie im Gebet vor Gott,[337]

Laß dich erfleh'n! Komm' zu der Mutter Grab,

Die heil'ge Stätte wird des Herzens Frieden

Dir wieder geben. Ihr verklärter Geist

Umschwebt den theuren Sohn, – sie fordert dich

Von mir, dem Vater, wieder. – Höre sie,

Dein Name war ihr letztes Wort. Mein Friedrich,

Mein theurer Friedrich, folge mir.

GRAF STRUENSEE den Vater gewaltsam emporziehend.

Ich kann nicht!

PFARRER STRUENSEE den Sohn stürmisch an sich pressend.

Ich that, was ich vermocht'! Gott sei mit dir!

GRAF STRUENSEE.

Ihr geht, mein Vater?

PFARRER STRUENSEE.

Dich zu warnen kam ich,

Ich bleibe nicht, um deinen Fall zu seh'n,

Gott mit dir!


Ab.


GRAF STRUENSEE dem Abeilenden nachblickend, erschüttert.

Vater!


Nach kurzem Kampf.


Zu ihr!


Heftig klingelnd, mehrere Diener treten herein.


Zum Könige!

Quelle:
Michael Beer: Sämmtliche Werke. Leipzig 1835, S. 328-338.
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