Neunzehnte Scene.

[387] Juliane. Page.


PAGE einen Brief überreichend.

Von Ihro Majestät, –

JULIANE.

So dringend?


In den Brief blickend.


Hm! Die Zeit des Tanzes ist

Schon längst für mich vorüber. Aber ist

Das nicht die Hand der Königin? Sie bittet

Mich selbst; – Auf diesem Ball darf ich nicht fehlen, –

Das Heil von Dänmark. – Meine bösen Nerven

Sind so empfindlich, – und im Schlosse drüben[387]

Ist schlimme Luft für mich. – Doch wartet!


Sie schreibt einige Zeilen Antwort, während sie siegelt.


Ich werde kommen.


Dem Pagen den Brief gebend.


Hier! Adieu! Hört doch,

Wenn mich mein Nervenübel plagt, so bin ich

Entschuldigt im voraus.


Entläßt den Pagen, der sich verneigt und abgeht.


JULIANE allein.

Nein, nein, ich will

Mich nicht entschuld'gen lassen, werde kommen.

Zwar was sie wollen, ahn' ich nicht, indessen

Kann ich die Posse der Versöhnung spielen.

Wie aber, wenn sie's wagten, dort mich plötzlich

Gefangen – Aberwitz! Das könnten sie

In meinem Schloß so gut als in dem ihren.

Doch wenn sie Zeit gewinnen wollen, leise –


Geht nach der Thür, durch welche die Verschwornen abgegangen.


Berathen will ich denn sogleich.


Plötzlich stehen bleibend.


Halt!

Warum soll ich erwarten, – warum zögr' ich,

Ans große Werk zu geh'n. Es drängt die Zeit,

So mich, wie ihn. Der Schnellste hat gewonnen.

Und eh' der günst'ge Augenblick entschlüpft,

Werd' es vollführt! So sei es! Wenn die Kerzen

Des Festes morgen löschen, sei sein Glanz,

Sein Leben ausgelöscht.


Die Thür öffnend.
[388]

Herein!


Den Brief der Königin an Ranzau gebend, der ihn weiter giebt.


Les't, les't!

Auch ihr – –

RANZAU nachdem er gelesen.

Habt ihr beschlossen, Königin?

JULIANE.

Nicht bei dem Fest zu fehlen, wie ihr Alle.

Wir werden Alle kommen, Alle, Alle –

Und denken auch des Hofes Freuden nicht,

Und nicht der Jugend bunten Tanz zu stören,

Doch muß dieselbe Nacht Dänmark gerettet,

Und uns befreit seh'n von dem Feind.

GULDBERG.

Vortrefflich!

RANZAU.

So wollt ihr, Königin?

JULIANE.

Vollführen morgen, was wir heut' beschlossen.


Halblaut zu Ranzau.


Mein Plan ist sicher.


Zu den Andern laut.


Höre Jeder nun,

Wie ich auf morgen Nacht vertheilt die Rollen,

Und seine Ordre möge Jeglicher[389]

Sich schriftlich aufbewahren, – denn ich habe

Schon Alles wohl erwogen und bedacht.

Will nichts mehr ändern. Mein Gedächtniß aber

Wird mir zu Zeiten schwach. So mag ich gern,

Daß Alles schwarz auf weiß sei.


Zu Köller.


Werther Obrist

Ihr schreibt zuerst.

KÖLLER.

Zu gnädigstem Befehl.

JULIANE dictirt, Köller schreibt in die Brieftasche.

Noch eh' der Ball zu Ende ist, – um Eins –

KÖLLER wiederholend.

»Noch eh' der Ball zu Ende ist, um Eins« –

JULIANE in Gedanken versunken, ohne ihn zu hören.

Und wenn der Ball zu Ende ist, dann, dann –


Alle blicken erwartungsvoll auf die Königin.


Quelle:
Michael Beer: Sämmtliche Werke. Leipzig 1835, S. 387-390.
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