Zehnte Scene.

[418] STRUENSEE allein, bald darauf die weiße Maske.

Sie geht, ist eine Göttin hoch und herrlich!

Wie königlich im Haß, wie göttlich im Vergeben.

Sie weiß es, weiß es! – von dem Herzen ist

Die ew'ge Last gewälzt, und ich, – ich darf es

Mir selbst gestehen, – darf die Blicke nicht

Zu Boden schlagen. – Stirb, Beneidenswerther!

Du hast gelebt.


Er will in den Saal, die weiße Maske tritt ihm entgegen.


MASKE.

Graf!

STRUENSEE.

Maske, suchst du mich?

MASKE.

Euch, Graf von Struensee!

STRUENSEE.

Was willst du mir?

MASKE.

Euch warnen.

STRUENSEE.

Bist heut' nicht der erste Warner.[419]

MASKE.

Gewiß der letzte.

STRUENSEE.

Sicher, denn der Tag

Ist bald zu Ende. Komm zur Sache, sprich.

MASKE.

Euch droht Gefahr.

STRUENSEE.

Das weiß ich.

MASKE.

Bald.

STRUENSEE.

Vielleicht.

MASKE.

Vielleicht? und nur vielleicht! Seid ihr so sorglos?

STRUENSEE.

Wer sagt dir denn, daß mich Gefahren schrecken?

Ich hätte Lust, sie heute mir zu wecken.

MASKE.

Ich find' euch, wie ich euch nicht finden sollte.

STRUENSEE.

Ich finde mich, wie ich mich finden wollte.[420]

MASKE.

Ihr seid beherzt und solltet zaghaft sein.

STRUENSEE.

Muth ist des Glückes schönster Wiederschein.

MASKE.

Ihr seht die Netze nicht, die euch umgarnen,

Nennt euch nicht glücklich, eh' die Sonne scheint.

STRUENSEE.

Wer bist du? Ende dein verlarvtes Warnen.

MASKE.

Wer ich auch sei, ich bin nicht euer Freund.

STRUENSEE.

Jetzt kenn' ich dich.

MASKE.

Kennt oder kennt mich nicht,

Hört, was ich rathe nur, uns drängt die Zeit.

Ein Mittel giebt's nur, euch zu retten.

STRUENSEE.

Meinst du?

MASKE.

Ihr tretet augenblicklich an den Spieltisch,

An den der König eben sich begiebt,[421]

Und sagt im ganzen Angesicht des Hofes,

Daß ihr die Majestät des Königs bittet,

Euch eures großen Amtes zu entheben.

Sagt welchen Grund ihr wollt, nur werft die Würde,

Die euch bekleidet zu des Landes Jammer,

Weit von euch in dem nächsten Augenblick

Wie ein vergiftetes Gewand.

STRUENSEE wirft einen verächtlichen Blick auf die Maske und will gehen.

MASKE ihn bei der Hand ergreifend.

Ihr geht?

STRUENSEE den Degen fassend.

Bin ich denn wehrlos?

MASKE.

Fürchtet nichts,

Nicht solchen Waffen werdet ihr erliegen.

Nur Eines noch, es ist mein letztes Wort.

Ihr traut auf Fürstengunst, sie könnte wanken. –

Der König selbst ...

EIN KAMMERHERR aus dem Saal kommend, zu Struensee.

Des Königs Majestät

Erwartet Eure Excellenz zum Spiel.


Er geht ab.


STRUENSEE.

Hörst du's?[422]

Zum Spiel mit Dem, der mich verderben soll.

Ich danke dir für deine Warnung, Maske!

Doch denk' ich, heute droht mir kein Verlust,

Denn wer mit Kön'gen spielt, kann nicht verlieren.


Ab.


Quelle:
Michael Beer: Sämmtliche Werke. Leipzig 1835, S. 418-423.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Musset, Alfred de

Gamiani oder zwei tolle Nächte / Rolla

Gamiani oder zwei tolle Nächte / Rolla

»Fanni war noch jung und unschuldigen Herzens. Ich glaubte daher, sie würde an Gamiani nur mit Entsetzen und Abscheu zurückdenken. Ich überhäufte sie mit Liebe und Zärtlichkeit und erwies ihr verschwenderisch die süßesten und berauschendsten Liebkosungen. Zuweilen tötete ich sie fast in wollüstigen Entzückungen, in der Hoffnung, sie würde fortan von keiner anderen Leidenschaft mehr wissen wollen, als von jener natürlichen, die die beiden Geschlechter in den Wonnen der Sinne und der Seele vereint. Aber ach! ich täuschte mich. Fannis Phantasie war geweckt worden – und zur Höhe dieser Phantasie vermochten alle unsere Liebesfreuden sich nicht zu erheben. Nichts kam in Fannis Augen den Verzückungen ihrer Freundin gleich. Unsere glorreichsten Liebestaten schienen ihr kalte Liebkosungen im Vergleich mit den wilden Rasereien, die sie in jener verhängnisvollen Nacht kennen gelernt hatte.«

72 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon