Neunte Scene.

[415] Eine Maske kommt rasch aus der Thür rechts des großen Saals, sie scheint Jemanden zu suchen, und da sie Niemanden findet, geht sie eben so schnell durch die Thür links in den Saal zurück. Bald darauf kommen durch die Mittelthür.

Mathilde, Struensee.


MATHILDE.

Ich trag's nicht länger mehr, ich muß mich retten

Aus dieser Freude tödtlichem Gewühl.

Folgt mir kein Zeuge? Wohl mir, Struensee,

So darf ich weinen, – darf mit heißen Thränen[415]

Die Ketten ätzen dieses Zwangs, die endlich

Mein Herz so schneidend pressen, daß ich kaum

Die Bürde der Verstellung länger trage.

Haß les' ich in dem süßen Blick der Feindin,

Verderben lispelt aus den Schmeicheltönen

Des Prinzen, ihres Sohns. – Soll ich's gesteh'n,

Die Freunde selber werden mir verdächtig,

Und ich soll lächeln, und ich fühle mich

Umweht vom Höllenhauche des Verraths?

STRUENSEE.

Nein, nein, sie trägt kein menschlich Herz, – sie weiß nicht,

Was Menschen rühren und besel'gen kann.

Wie könnte sie auf euch die Blicke werfen,

Den Glanz, die Anmuth schauen, die euch heute

Umfließen wie ein Heil'genschein, und nicht,

Anbetend vor euch niedersinken, nicht

Den Haß verwünschend, in gebeugter Reue

Euch ein zerknirschtes Herz zum Opfer bringen?

MATHILDE.

Sie will nicht, daß ich glänze, will es nicht,

Daß ich noch Herzen mir gewinne, will

Mich bleich und elend, und vergessen – O!

Es ist ein traurig Loos, gehaßt zu sein.

STRUENSEE.

Gehaßt! Und nur gehaßt? O Königin,

Mir ist es, als entbrennt' die ganze Schöpfung

In Liebesgluth für euch. Der Zaubergürtel[416]

Der alten Götterzeit ist nicht verloren,

Mit wunderbarem Reize neu verjüngt,

Umfesselt er die königliche Frau,

Die strahlend vor mir steht. In Liebe muß,

Was sie umgiebt, in süßes Staunen schmelzen.

Seht, freudezitternd auf dem seid'nen Lager

Wiegt sich der Diamant in euren Locken,

Und der Rubin an eurer Brust flammt auf

Im Purpur des Entzückens. Heute trägt er

Zum ersten Mal die Farbe seiner Wahl.

Die Rose dort an eurem Herzen duftet,

Als trüge sie der mütterliche Zweig.

Sie blüht, sie athmet, sie empfindet, – Fürstin!

Ihr zaubert Leben in den todten Kelch,

Und was da lebt, empfindet, euch zu lieben.

O wendet euch nicht weg! Euch schreckt der Haß,

Wollt ihr die Liebe auch verwerfend strafen?

Dies Herz – –

MATHILDE.

Verbergt's, ich hab's erkannt.

STRUENSEE.

So klagt es auch nicht an, wenn ich es ganz

Vor euch entfalte, wie die Blume sich

Dem Blick der leuchtenden Gebieterin

Entschließt. Laßt mich gesteh'n, daß ich seit Jahren

Den ungeheuern Kampf gekämpft, daß ich

Verzagt verzweifelte, gehofft, gelitten,

Daß ich ...[417]

MATHILDE.

Sprecht es nicht aus! ich weiß es.

STRUENSEE.

Ihr wißt's, und könnt ihr mir vergeben, könnt ihr

Mein Angesicht noch schau'n, und schrecken euch

Des Wahnsinns Züge nicht? Ihr wendet euch

Nicht schaudernd weg von mir? Könnt mir vergeben?

MATHILDE.

Ich sollt' euch strafbar finden, und ich fühle,

Ich werd' es selber, weil ich's nicht vermag.

Ich sollt' euch strafbar finden, und ich klage

Mein eignes Herz an, das nach langem Jammer

Vertrauend euch entgegenschlug. Ich klage

Den Himmel an, der von dem treuen Boden

Des Vaterland's auf diese Insel mich

Verstoßen, ohne Rath und ohne Freund.

Ihr war't mir Beides, und ich soll euch jetzt

Auf ewig – – Wußtet ihr denn nicht,

Daß eine Königin nur Treue fordert?

Ihr wagt es, – nein, ich hab' es nicht genannt,

Wenn ich es nenne, darf ich's nicht vergeben.


Ihre Damen erscheinen an den Thüren des Saales, sie geht ihnen entgegen. Struensee geleitet sie bis an die Mittelpforte, dann eilt er lebhaft bewegt in den Vorgrund, die Königin mit den Blicken verfolgend.


Quelle:
Michael Beer: Sämmtliche Werke. Leipzig 1835, S. 415-418.
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