Dreizehnte Scene.

[426] Vor dem Schloß Christiansburg. Das Schloß bildet ein großes Mittelgebäude und zwei Flügel, die den Hofraum einschließen. Den mittleren Theil des Palastes bewohnt der König, den Flügel rechts die Königin, den linken Flügel Struensee. Große Pforten auf jedem Flügel. Wachen gehen auf und ab. Man sieht in den Fenstern des rechten und linken Flügels, die dem Zuschauer zugekehrt sind, noch Licht. Ablösung der Wachen, dann.


DETLEV.

Es ist vorbei! Geendet ist der Ball,[426]

Und meine Furcht sollt' auch mit ihm sich enden;

Doch ist es nicht. Mein unglücksel'ger Traum

Verfolgt mich wie ein warnendes Gespenst.

Es treibt mich auf! O, wär' die Nacht vorüber.

Ich kann nicht ruhen mit der bösen Ahnung,

Daß dir Gefahren droh'n, du Güt'ger,

Der für mich wacht und sorgt.


Nach Struensee's Fenster gewendet.


Noch brennt sein Licht.

Wann er's gelöscht, so bett' ich meinem Haupt'

In dieser Nacht auf seines Zimmers Schwelle.

Ich denk', ich bleibe wach, – und werd' ich müd',

So, sagt man, schläft die Treu' auf hartem Stein

Wohl süßer als Verrath auf weichem Pfuhl.


Links ab.


KÖLLER von der entgegengesetzten Seite.

Noch ist's nicht Zeit. Ich aber bin schon hier,

Denn kaum erwarten kann ich die Entscheidung.

Nun, Struensee, vergelt' ich dir's, daß du

Ein liebend Herz mir hast gestohlen, – daß ich

Dir weichen mußte. – Nun sollst du mir weichen.


Nach Struensee's Fenster blickend.


Bist du noch wach und zauberst dir in stillen,

Verweg'nen Träumen dieses Festes Glanz,

Die stolzen Plane und die gnäd'ge Anmuth

Der königlichen Britin vor die Seele?

Sie soll dafür, daß du das wagen darfst,

Entsetzlich büßen, wie du selber.


[427] Das Licht in Struensee's Zimmer erlischt.


So!

Lösch' aus dein Licht. Fortan soll keine Flamme

Dich anders sehen als in bitt'rem Elend.

Dein Loos heißt Kerker, – und ich hoffe – Tod.


Er blickt, sich wendend, nach dem Zimmer der Königin, aus welchem der Glanz der Lichter verschwindet. Nur der matte Schimmer eines

Lämpchens leuchtet fort.


Sieh', auch aus dem Gemach der Königin

Begeben sich die Kammerfrau'n hinweg;

Nur ein bescheid'nes Lämpchen leuchtet noch

Dem Schlaf der schönsten Königin Europas.

Schlaf nur, Mathilde, – Ranzau wird dich wecken.


Ein Officier von Köller's Regiment tritt auf mit Wache.


Ihr seid's?

OFFICIER.

Wie ihr befahlt.

KÖLLER.

Wie spät ist's?

OFFICIER.

Eben

Schlug's auf der Kirch' am Holm halb Drei.

KÖLLER.

So laßt

Die Posten dieses Schlosses allesammt

Abtreten.[428]

OFFICIER.

Bleibt das Schloß ganz ohne Wache?

KÖLLER.

Sie wird nicht nöthig sein in dieser Stunde.

In wen'gen Augenblicken werd' ich selbst

Mit meinen Officieren mich besprechen.

Uns bleibt in dieser Nacht ein wichtiger

Befehl des Königs zu vollziehen.


Köller geht einige Mal auf und nieder, die Wachen werden abgelöst.


KÖLLER in die Scene blickend.

Endlich,

Dort seh' ich Fackeln, das ist Guldberg.

GULDBERG.

Obrist!

KÖLLER.

Wie lange harr' ich! Ist's die Königin?

GULDBERG.

Sie ist's.


Juliane von Ranzau geführt.


JULIANE zu den Dienern nach außen.

Bleibt mit den Fackeln dort, bis wir euch rufen.

Ihr seid ein Mann von Wort, mein werther Obrist!

's ist eine schöne sternenhelle Nacht.

Ein wenig kalt.[429]

GULDBERG.

Friert Eure Majestät?

JULIANE.

Behüte Gott! ich friere nicht, ich glühe.


Zu Ranzau.


So laßt uns Alles noch einmal bedenken.

Wir gehen mit einander zu dem König,

Und willigt er in unsre Bitten, hat er

Die vorbereiteten Verhaftsbefehle

Für unsre Feinde alle unterschrieben,

Bringt ihr die Ordre an den Obrist Köller,

Damit er zu dem bürgerlichen Grafen

Sich Augenblicks begebe. Ihr sofort

Verhaftet dann die britische Prinzessin,

Die nicht mehr Königin von Dänmark heiße.


Zu Köller.


Indessen, hoff' ich, habt ihr's angeordnet,

Daß man, wie ich's befahl, durch alle Gassen

Und vor dem Schloß verweg'ne Lieder singe,

Daß es wie Aufruhr zu dem König klinge.


Zu Ranzau.


Ich weiß, daß ihm vor solchen Liedern graut,

Sie schrecken ihn; d'rauf habe ich gebaut.

RANZAU.

So laßt uns geh'n.

JULIANE.

Seid ihr so ungestüm?[430]

Wir geh'n, wenn die bestimmte Stunde ruft.

Schlaf wieg' sie ein, die theuren Opfer alle,

Und nichts erwecke sie von ihrem Falle.


Eine Kirchenuhr schlägt Drei.


Horch, horch! es schlägt, – Drei! Wohl, so ist es Zeit,

Der Himmel schütz' uns. Fackeln! Leuchtet, Guldberg!


Die Diener mit Fackeln sind herbeigeeilt. Guldberg hat eine ergriffen und leuchtet voran, Juliane und Ranzau und die Diener folgen, Alle gehen rechts hin ab.


KÖLLER während die Andern noch auf der Bühne waren.

Ich eile zu den Officieren!


Ab.

Die Bühne bleibt leer. Man sieht plötzlich Licht in den Zimmern des mittlern Schlosses erscheinen und verschwinden. Von außen hört man singen.


»Der Däne ist kein braver Mann,

Der fremdes Joch erträgt.

Es rufe, wem ein dänisch Herz

Im starken Busen schlägt.

Der König geb' uns unser Recht

Und jag' hinaus den fremden Knecht;

Der Dänen Freiheit hoch!«


Köller mit Officieren.


KÖLLER.

Wie ich euch sagte, meine werthe Herrn,

Er ist im Bunde mit der Königin.

Der König ist bedroht, und Beide müssen[431]

Auf Seiner Majestät Befehl sogleich

Verhaftet werden.

EIN OFFICIER.

Zeigt uns eure Ordre.

Die Königin ist ein geheiligt Haupt.

Nicht ohne daß wir den Befehl geseh'n

Des Königs, verhaft' ich sie.

ALLE OFFICIERE.

Wir auch nicht.

KÖLLER ängstlich nach der großen Pforte blickend.

Sogleich zeig' ich die Ordre euch, – sogleich.

Er zaudert! Hölle, wenn's mißlungen wäre.


Die Mittelpforte des Schlosses geht auf, Ranzau, dem mehrere Diener verleuchten, eilt Köller mit einem Papier in der Hand entgegen.


KÖLLER.

Ha, endlich! Endlich hat er unterschrieben!

RANZAU.

Hier ist die Ordre!

KÖLLER.

Gebt!


Die Ordre den Officieren gebend.


Les't, Alle les't.

KÖLLER zu Ranzau.

Sagt, wie geschah's?[432]

RANZAU.

Ich bitt' euch, laßt mich schweigen.

Genug, es ist. Fragt nicht, wie es gescheh'n.

Ich habe einen König zittern seh'n.

Das war ein Anblick, der mich tief erschüttert.

Wo sind die Officiere?

KÖLLER.

Euch zu Diensten.


Zu sechs der Officiere.


Ihr folgt zur Königin dem Grafen Ranzau.


Zu den Uebrigen.


Wir aber gehen zu dem Struensee.

RANZAU.

Habt ihr gesorgt, daß Brandt –?

KÖLLER.

Er und die Andern

Sind schon verhaftet.

RANZAU zu seinen Officieren.

Folgt mir.


Sie gehen rechts ab.


KÖLLER zu den Seinigen.

Laßt uns auch

Nicht zögern. Fort!


Wie sie an die Pforte des linken Flügels treten, öffnet sie sich, und Detlev tritt ihnen mit einem Licht und gezogenem Degen entgegen.


Wer wacht noch?[433]

DETLEV.

Welch Geräusch?

Ich hörte Stimmen.


Köller hat sich beim Oeffnen der Thür mit den Officieren seitwärts zurückgezogen. Jetzt bemerkt sie Detlev. Zu Köller.


Großer Gott! seid ihr's?

Um diese Stund', Herr Obrist; was begehrt ihr?

KÖLLER.

Den Schlüssel gieb zum Zimmer deines Herrn.

DETLEV.

In dieser Stunde? – Nimmermehr.

KÖLLER.

Du wagst es?

Wir sind vom Könige gesandt.

DETLEV.

Ihr lügt,

Der König sendet seine Boten nicht

Bei Nacht, und nicht in Waffen zum Minister.

Ihr seid Verräther!

KÖLLER.

Gieb den Schlüssel, sag' ich,

Wenn dir dein Leben lieb ist.

DETLEV.

Ich veracht' es[434]

Um diesen Preis, – und wehrlos bin ich nicht.

Mein Blut für Struensee! So lang' ich lebe,

Sollt ihr die Schwelle nicht betreten.


Er hebt den Degen gegen Köller.


KÖLLER.

Bube!


Ihn niederstoßend.


So stirb.


Detlev sinkt mit einem Schrei des Schmerzes durchbohrt nieder, so daß sein Körper die Schwelle deckt.


KÖLLER.

Voran!


Die Officiere treten scheu zurück.


Schreckt euch dies Blut?

Und habt doch wider eures Landes Feinde

Gekämpft in Schlachten? Dieser blut'ge Knabe

Beschützte Dänmarks größten Feind. Er fällt,

Und über ihn hinweg schreit' ich zuerst,

Den Feind zu wecken. – Wer ein Mann ist, folgt mir.


Köller schreitet über den Leichnam, die Officiere folgen.


Quelle:
Michael Beer: Sämmtliche Werke. Leipzig 1835, S. 426-435.
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