Vierte Scene.

[397] Struensee. Detlev.


DETLEV mit einem Schrei erwachend, stürzt in das Zimmer, wendet sich dann, und seinen Herrn erblickend, sinkt er vor ihm nieder und umklammert seine Kniee.

Seid ihr's, seid ihr's auch wirklich, Herr?

STRUENSEE.

Was ist dir, Detlev? Du bist außer dir.

Komm zu dir! sprich!

DETLEV.

Ich kann nicht, Herr, ein fürchterlicher Traum![397]

STRUENSEE.

Schon wieder Träume! Soll ich heut' von nichts

Als Träum' und Ahnung hören. Steh doch auf, –

Komm endlich zu dir!

DETLEV.

Herr, ihr müßt mich hören,

Verschmäht die Warnung nicht, sie kommt vom Himmel!

Laßt alsobald die Kön'gin Witwe, Ranzau

Und Köller in Verwahrung nehmen.

STRUENSEE.

Detlev,

Du bist von Sinnen.

DETLEV.

Herr, ich rase nicht,

Ich hab's geseh'n, wie ich euch vor mir sehe.

STRUENSEE.

Wenn ich dich fassen soll, so rede. Detlev,

Mein kluger Detlev! soll ein böser Traum

Die Seele dir berücken? Sag, was war's?

DETLEV.

Ihr wißt es, Herr, die Nacht von gestern gönnte

Uns nicht viel Ruh. Dort überfiel mich plötzlich

Des Schlafs unwiderstehliche Gewalt.

Da nahm der Traum die Seele mir gefangen.

Mir war's, als ständ' ich der Gitterpforte[398]

Von Christiansburg und säh' das Schloß erleuchtet,

Und hörte Maskenjubel, Tanzmusik.

STRUENSEE.

Das war der Ball von heute.

DETLEV.

Plötzlich schwiegen

Die Töne, und die Kerzen löschten aus, –

Und finstre Nacht war's und viel Menschen wogten

An mir vorüber, und ich folgte selber

Dem stillen Strom des Volks. Da ward es Tag,

Und lautlos immer ging die Menge fort

Und fort, bis wir das Westerthor erreicht,

Und ich mich schaudernd auf dem Platze fand,

Wo man die Mörder richtet mit dem Beil!

Vor meinen Blicken stand ein roth Gerüst,

Drauf lag ein dunkler Block und drauf ein Messer,

Und eine schmale Leiter führte nur

Empor. Mir knickte Todesangst das Herz,

Daß ich die Augen rückwärts wandte. – Da

Bewegt sich langsam feierlich ein Zug

Heran. Ihn führt die Kön'gin Juliane

Mit blut'gem Scepter an; Graf Ranzau folgt,

Und Obrist Köller und noch viele And're,

Die ich nicht nennen kann, und Alle deuten

Auf einen Einz'gen mit gestreckter Faust, –

Und still gebeugt in ihrer Mitte geht

Der eine Mann.

Ich sah die Weiber neben mir die Kinder[399]

Mit beiden Händen höher heben, hörte

Die Männer leise murmeln. »Der ist's, der!«

STRUENSEE.

Wer war der Mann?

DETLEV.

Ich kann sein Angesicht nicht seh'n, doch ist mir's,

Als kennt' ich die Gestalt recht wohl. Er trug

Ein Kleid von lichtem Blau, gestickt mit Silber.

Er wird entkleidet, steigt die schmale Treppe

Hinan, kniet droben nieder, und zerbrochen

Kracht über ihm sein Wappen. Da ergreift ihn,

Ich weiß nicht wer, – ich habe nichts geseh'n;

Denn plötzlich ward es Nacht – tief dunkle Nacht,

Da zuckt ein Blitz, – ein Schwert, – ein heißer Tropfen

Fällt siedend mir aufs Herz, – ich sehe, –

Und mir zu Füßen rollt ein blut'ges Haupt.

Ich kann dem Drang nicht widersteh'n, ich muß,

Ich kann's nicht lassen, muß das Antlitz schauen,

Das ich gekannt; und wie ich schaudernd nun

Die braunen, blutgetränkten Locken fasse,

Seh' ich – –

STRUENSEE.

Detlev, halt ein!

DETLEV.

Nein, Gott sei Dank,

Ihr lebt, ihr lebt, – es war nicht euer Haupt.[400]

STRUENSEE.

Ich lebe, fasse dich, – komm an mein Herz,

Wein' aus die Qualen dieses Traums. Du siehst

Des Tages stille Sorgen riesengroß

In deinem Schlummer wachsen. Fürchte nichts,

Wie auch der Feinde Bosheit Arges sinnt,

Nicht mit dem Beile des Gesetzes darf

Ihr Haß sich waffnen. And're Mittel gäb' es.

Doch denk' ich, kommt's auch dahin nicht. Ich fühle

Noch keine Todesahnung. Kraft und Jugend

Schwillt mir die Brust, und der gewalt'ge Wille

Zu Thaten, den ein trüber Tag gescheucht,

Kehrt mächtig wieder. – Nur mit leisem Schauder

Hast du die Seele mir berührt. – Mich schnell

Befreit zu fühlen, eil' ich fort. –

DETLEV.

Doch nicht

Auf diesen Ball. Von dort hat mich der Traum

Den Weg geführt.

STRUENSEE.

Soll ich an Träume glauben?

DETLEV.

Auch And're, las ich, glaubten keiner Warnung,

Bis sie der Mord den späten Glauben lehrte.

STRUENSEE.

Du arger Träumer! Glaub's, mir sagt das Herz,

Mir ist die Nacht des Märzen Idus nicht.[401]

DETLEV.

Der Tag des Unglücks würd' uns nie erscheinen,

Könnt' ihn das Herz weissagend uns verkünden.

STRUENSEE.

Er komme, wenn er muß. Nicht hindern kann ich's,

Doch werd' ich morgen dich, du dunkler Seher,

Nach heit'rem Schlaf an deine Warnung mahnen.


Eilt ab.


DETLEV.

Ich schlafe nicht! Ich werde für dich wachen.


Quelle:
Michael Beer: Sämmtliche Werke. Leipzig 1835, S. 397-402.
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