Dritter Auftritt.

[185] Edmund. Hahnensporn. Guste.


HAHNENSPORN. Na kommen Sie nur mit, ich thue Ihnen wieder einen Gefallen!

GUSTE eintretend. Eigentlich sollte ich nicht! Von Ihnen, Herr Wichsier, bekommt man im Leben keinen Gruß, der Herr Professor findet es auch nicht der Mühe werth meine Wenigkeit zu beachten, und der Herr Famulus thut auch immer als ob er unser eine nicht sähe![185]

EDMUND schüchtern und befangen. Sie müssen nicht etwa denken –

HAHNENSPORN. Ach was, der junge Mensch da getraut sich noch nicht Sie anzusehen, der Herr Professor hat immer den Kopf voll und sieht überhaupt niemanden an und an mir altem Krippenbeißer würden Sie doch wenig Gefallen finden, wenn ich auch blinzeln wollte! Jetzt helfen Sie uns!

GUSTE. Dem jungen Herrn da zu Liebe will ich ein Auge zudrücken. Was soll's denn?

HAHNENSPORN. Ich habe es ja schon gesagt, den Kram da sollen Sie uns ordentlich wieder einpacken.

GUSTE kniet am Koffer nieder und packt die ihr zugereichten Sachen wieder ein. So geben Sie her, das soll bald geschehen sein!

EDMUND indem er ihr die Sachen vom Tische zureicht, für sich. Mir zu Liebe? Und das sagt sie so freundlich, so lieblich; wahrhaftig –

GUSTE. Na träumen Sie?

EDMUND aufschreckend. Nein nein, hier sind die Sachen!

GUSTE einpackend. Also diese Kleider gehören der jungen Frau Professorin?

HAHNENSPORN. Ja, ihr Gepäck ist mit dem Fuhrmann vorausgeschickt worden, zwei Koffer habe ich schon auf ihr Zimmer gesetzt, jetzt hole ich den letzten.

GUSTE. Und heute kommt das junge Ehepaar an?

HAHNENSPORN. Ja heute.

GUSTE. Lassen Sie doch den jungen Herrn sprechen, der weiß die Sache doch besser als Sie. Also heute?

EDMUND. Ja heute. Die Frau Professorin wohnte ja nur sechs Stunden von hier in Ebersbach. Heute Morgen ist der Herr Professor hingefahren, Mittags ist die Trauung und Abends kommen sie hier an. Ja sie müssen bald kommen, die Sonne neigt sich zum Untergehen.

GUSTE. Wie? Und keine Hochzeitsreise?

EDMUND. Wie?

GUSTE. Macht denn der Herr Professor keine Hochzeitsreise?[186]

EDMUND. Ei ja, er ist ja zur Hochzeit hingereist.

GUSTE. Sie sind wirklich sehr naiv. Freilich von einer Hochzeits- oder Brautreise steht wohl nichts in Ihren dicken Büchern.

EDMUND. Keine Silbe!

GUSTE. Sie sind wirklich sehr – unschuldig. So, nun bin ich fertig!

EDMUND. Halt, die Haube noch!

GUSTE. Wo?

EDMUND auf den Schrank zugehend. Da!

GUSTE sieht sie und schreit laut auf.

EDMUND bleibt stehen. Was gibt's?

HAHNENSPORN. Wollen Sie in Ohnmacht fallen?

GUSTE. Das ist ja abscheulich, huhu, machen Sie den Schrank zu!

EDMUND. Aber es ist ja nur ein einfacher Todtenkopf, sehen Sie sich ihn doch an.

GUSTE die Hände vor dem Gesichte. Machen Sie den Schrank zu, das ist ja entsetzlich!

EDMUND steht erstaunt. Aber –

HAHNENSPORN faßt sie am Arme. Na wahrhaftig, ein ganz natürlicher Todtenkopf, kommen Sie nur näher!

GUSTE stößt ihn tüchtig von sich. Gehen Sie zum Kukuk! Schmeichelnd zu Edmund. Machen Sie den Schrank zu!

EDMUND reißt rasch die Haube herunter und schließt den Schrank. Da! Sie sind sehr schreckhaft.

GUSTE legt die Haube in den Koffer. Wenn das die Frau Professorin wüßte! Ihre Haube auf einem Todtenschädel – huhu!

HAHNENSPORN. Aber so hören Sie doch –!

GUSTE. Sie schweigen still, lassen Sie den jungen Herrn reden. Ist denn alles zum Empfange der Frau Professorin bereit, kann ich vielleicht noch helfen?

EDMUND verwundert. Ja – – von einem Empfange ist uns nichts gesagt worden!

GUSTE schlägt die Hände zusammen. Also nichts? Nicht ein[187] paar Kränze, Blumengewinde? Keine kleine Gesellschaft, kein Abendessen? So kahl und schaal soll die junge Frau einziehen?

EDMUND verlegen. Ja von alledem haben wir nichts gewußt.

GUSTE. Na Ihrer Jugend muß man etwas nachsehen, aber der Herr Professor und der Alte da hätten doch wissen sollen was sich schickt!

HAHNENSPORN. Was schwatzen Sie doch, es ist ja alles bereit: Betten, Tische, Stühle, Waschtisch, alles was der Mensch nöthig hat! Halt, da fällt mir ein, eins fehlt noch – aber am Ende braucht sie das gar nicht!

GUSTE. Was denn?

HAHNENSPORN trocken. Ein Stiefelknecht!

GUSTE. Ich glaube der Herr Wichsier ist unter Hottentotten und Eskimos groß geworden. Wo sind denn die Zimmer der Frau Professorin?

EDMUND öffnet die Thüre rechts. Hier, wollen Sie sie sehen?

GUSTE geht an die Thüre. Hinten nach dem Hofe heraus? Richtig, das sind eben so ein paar kleine Löcher, wie bei uns im ersten Stock, die wir zu Vorrathskammern brauchen. Und hier unter der Dachrinne muß es ja feucht sein?

EDMUND immer schüchtern. Ein wenig feucht ist es wol!

GUSTE. Aber Sie haben ja gute Zimmer nach vorn hinaus?

EDMUND. Ja, in dem einen schläft der Herr Professor, das zweite ist Bibliothek, in dem dritten wird Privatunterricht gegeben.

GUSTE höhnisch. So? Und die Frau soll hinten nach dem Hofe hinaus wohnen?

EDMUND. Ja; früher habe ich da geschlafen, ich komme jetzt eine Treppe höher; der Herr Professor liebt keine großen Veränderungen im Haushalte.

GUSTE. So? Nun das wird sich finden![188]

HAHNENSPORN für sich. Da haben wir's, die ist noch nicht einmal die Frau und es geht schon los!

GUSTE die Zimmer musternd. Und hier soll die junge Frau wohnen? Da ist ja nicht einmal ein Teppich vor dem Bette, und – nein es ist zu arg, kein Sopha – und – wahrhaftig in beiden Zimmern kein Spiegel!

HAHNENSPORN für sich. Ich habe es ja gedacht, das Haus wird auf den Kopf gestellt, wenn die Weiber kommen!

EDMUND verlegen. Ja ich bin unschuldig, ich weiß ja nicht –

GUSTE ärgerlich. Sie wissen auch verdammt wenig. Ist denn schon ein Mädchen gemiethet?

EDMUND. Nein, das will der Herr Professor nicht.

GUSTE schlägt die Hände zusammen. Das will der Herr Professor nicht?

HAHNENSPORN für sich. Erst eine Frau, nun auch schon ein Mädchen; das gibt eine ganze Colonie von Weibern. Ich ziehe ab.

GUSTE. Aber um alles in der Welt was denkt denn der Herr Professor?

EDMUND. Er will durch seine Heirath durchaus keine Veränderung in seiner Lebensweise haben. Die Hausarbeiten besorgt der Wichsier nach wie vor.

HAHNENSPORN. Besorge ich!

EDMUND. Den Kaffee koche ich nach wie vor.

HAHNENSPORN. Ganz guten Kaffee.

EDMUND. Und das Mittagsessen holt der Wichsier aus dem Speisehause wie bisher.

HAHNENSPORN. Das heißt eine Portion mehr.

GUSTE höhnisch. Wirklich? Eine Portion mehr? Ich dachte schon die Frau sollte essen was übrig bleibt; zu euren übrigen Einrichtungen hätte das ganz gut gepaßt.

EDMUND. Aber gefällt Ihnen das nicht?

GUSTE höhnisch. O ausnehmend! Ich glaube die Gelehrsamkeit hat euer Gehirn ausgetrocknet. Sagen Sie Ihrem Herrn Professor: wenn er heirathen wollte, sollte er erst lernen[189] was einer Frau zukommt! Von diesem alten Hottentotten wundert mich die Dummheit nicht, aber Ihnen, junger Herr, hätte ich mehr Verstand zugetraut! Die arme Frau thut mir leid, die euch gelehrten Leuten in die Hände geräth. Wenn sie aber nicht geradezu auf den Kopf gefallen ist, wird sie euch schon zurecht stutzen und Ordnung in eure gelehrte Bude bringen. Ich muß die Geschichte nur gleich der Frau Majorin erzählen; alle Frauen aus der ganzen Stadt müssen zusammentreten, um diesen Türken und Indianern zu zeigen was einer Frau gebührt.


Läuft fort.


EDMUND steckt ein Licht an. Ei was ist die Kammerjungfer auf einmal bös geworden!

HAHNENSPORN. Na glauben Sie mir nun? Hatte ich nicht Recht? Da haben Sie gesehen wie die Weiber sind.

EDMUND. Wenn auch wirklich hier und da etwas fehlt, das kann man ja nachschaffen. Zündet eine Studirlampe an.

HAHNENSPORN. Als wenn der Herr Professor Zeit hätte sich um alle die Lappalien zu bekümmern. Ein Spiegel? Hä? Das ist die liebe Eitelkeit! Ich möchte wissen zu was eine Frau einen Spiegel braucht!

EDMUND. Anfangs war das Mädchen so sanft und gut, und auf einmal gerieth sie so in Zorn.

HAHNENSPORN. Das sind eben die Launen der Weiber! Na sie hat uns wenigstens den Koffer wieder in Ordnung gebracht, ich will ihn jetzt hineinsetzen. Trägt den Koffer rechts ab.

EDMUND. Das Mädchen war ganz hübsch, aber als sie zornig wurde, hätte ich mich bald gefürchtet und ich bin doch sonst nicht leicht bange. Die beiden Stuben, wo die Frau Professorin wohnen soll, sind für einen Studenten eine prächtige Kneipe, ich wünschte mir im Leben keine bessere. Horch ein Wagen! Am Fenster. Da sind sie! Hahnensporn, sie sind da!

HAHNENSPORN kommt zurück. Sie sind da, Gott sei uns gnädig![190]

EDMUND. Ich will leuchten! Mit Licht ab.

HAHNENSPORN. Ich merke wie das Ding geht, in vier Wochen habe ich meinen Abschied. Füllt sich seinen Tabaksbeutel, den er aus der Tasche zieht, mit Tabak aus einem Kästchen, das auf dem Tische links steht. Es thut mir leid. Ein guter Herr, der Professor, pünktlich in allen Dingen, nicht von vielen Worten, ich glaube ich habe manchmal in Monaten keine Silbe von ihm gehört. Und immer guten Tabak rauchte er. Wo werde ich mir jetzt meinen Tabaksbeutel füllen können, wenn ich hier fort bin? Und alles das einer Frau wegen? Aufgeopfert, hinausgestoßen! Es ist wirklich hart. Wahrhaftig es thut mir leid um den schönen Dienst. Eine schlechte Einrichtung das Heirathen! Ah da sind sie!


Quelle:
Roderich Benedix: Haustheater. Leipzig 21865, S. 185-191.
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