Der Einsiedler und die Nonne

In einer mondhellen Nacht stand Rinaldo unter dem Fenster seiner geliebten Lucinde; er hatte ein zärtliches Lied geendigt, und blickte schweigend auf zu den verschlossenen Gittern. Willst du, Grausame, sagte er endlich, denn nimmer meine Seufzer erhören? wird sich niemals dies Gitter öffnen, und du wie eine glänzende Sonne hervortreten? O richte deine Augen nach mir hin, laß mich in ihren Sternen Hoffnung lesen!

Rinaldo! rief eine ernste Stimme, und der Jüngling erschrack, er fürchtete das Geheimniß seiner Liebe verrathen.

Ein alter Mann näherte sich ihm und sagte: Dir leuchtet kein günstiger Stern der[109] Liebe, laß ab, einem Glücke nachzujagen, welches du niemals erreichen wirst.

So wird sie mich ewig verschmähen? rief Rinaldo aus.

O Thor! sagte der Alte, bedarf es nur ihrer Liebe, um dich zu beglücken?

Ach nur ihrer! seufzte der Jüngling. Laß nur sie auf mich hernieder lächeln, so will ich dreist mit des Schicksals Stürmen kämpfen.

Folge mir in meine Wohnung, sagte der Alte, und faßte Rinaldo's Hand, dort soll sich dein Schicksal deinen Augen enthüllen! Der Jüngling stand noch zweifelnd, als eine süße Stimme: Rinaldo! rief. Schnell wendete er sich um, es war Lucinde, die das Gitter ihres Fensters geöffnet hatte, und in aller Pracht der Schönheit stand, und auf den entzückten Jüngling herunter blickte.

Folge mir in meine stille Wohnung, sagte der Alte. Rinaldo ließ seine Hand fahren: O niemals rief er aus, werde ich deine arme Wohnung suchen, siehe dort öffnet sich mir der Himmel, und ich sollte mich ungläubig von ihm wenden?[110]

Du wirst einst meine Wohnung finden, sagte der Alte, und dann nicht glücklich seyn. Er verließ den Jüngling, der sein Weggehn nicht bemerkte, seine Augen waren nur nach Lucinden gerichtet. So ist denn endlich, redete Rinaldo die Schöne an, die seeligste Stunde meines Lebens erschienen; du gewährst, was ich nur in den kühnsten Augenblicken zu hoffen wagte. Ich darf dein holdes Angesicht betrachten, und dir sagen, wie unaussprechlich ich dich liebe.

Ja du Geliebter, antwortete Lucinde, meine Sehnsucht hat endlich die Furcht besiegt. Ich öffne dir mein Herz, und sage dir, wie ich im Stillen deine Liebe belohnte. Ich hörte alle deine Lieder mit süßen Thränen an, wenn du dich von meiner Wohnung entferntest, öffnete ich das Fenster, und rief sehnsüchtig deinen Namen in die Luft, dann machte ich mir selber Vorwürfe, daß ich dich ohne Trost von hinnen gehen ließ, und beschloß am folgenden Abend deine Treue zu belohnen. Wenn der Abend dämmerte, quälte ich mein Herz mit der Angst, daß du nun wohl des[111] Verschmähens müde deine Schritte nicht zu mir lenken würdest, und frohes Erstaunen durchbebte meine Brust, wenn ich die ersten Klänge deiner Laute vernahm.

Deine Stimme tönt mir, sagte Rinaldo, wie ein Zaubergesang, der mich alles, was ich litt, vergessen lehrt. O fahre fort! wie goldne Funken fallen deine Worte zu mir nieder, und entzünden mein Herz mit der seeligsten Freude.

Wie so anders, sagte Lucinde, ist alles um mich her geworden. Es lacht die Welt in neuem Glanze, und die unbekannten Strahlen treffen und blenden mein Auge. Wenn ich zurück an meine Kindheit denke, so ist mir, als wenn ich die Welt durch einen Schleier betrachtet hätte, so trübe und gedämpft sah ich alle Gestalten sich darin bewegen; kein Leben reizte mich, denn ich hatte es nicht in seiner Freudigkeit gesehen. Die frohe Musik schallte mir wie freche Klänge, die es wagten, das stille Gebet der Natur zu unterbrechen. Nur meines Vaters Befehl vermochte mich in wilden Kreisen zu drehen und den Boden[112] zu stampfen. Ich sehnte mich nach der Ruhe des Klosters, wo mein stiller Gang mich nur zur Kirche leitete, und meine Stimme sich nur in langsam feierlichen Tönen zum Gebet erhob. Mit solchen Sinnen stand ich eines Morgens am Fenster, und schaute in Betrachtungen verlohren über die Felder hinweg nach dem fernen Walde, und sprach zu meiner Amme, wie ich es meinem Vater dankte, daß er mir erlaube, einige Monden vom Geräusch der Stadt entfernt zu leben; da sprengte ein Ritter daher, kühn regierte er sein Roß, und war den Dienern weit voraus, die ihn zu ereilen strebten. Seine grüne Kleidung war reicht mit Gold geschmückt, worin die Sonne sich spiegelte, der Wind tändelte mit den Federn seines Hutes. – Wer mag der schöne Jüngling seyn? fragte ich meine Amme.

Es ist Rinaldo, antwortete sie, den euer Vater zu dem Feste, welches er giebt, geladen hat.

Jetzt hattest du unsre Wohnung erreicht, und hobst deine hellen Augen zu meinem Fenster auf. Ein glühend Roth flog in meine[113] Wangen, als du dich vor mir freundlich beugtest, und plötzlich regte sich das lange schlummernde Gefühl des Lebens in meinem Busen. Wie lieb, wie hold erschienen mir an diesem Tage die Menschen, und ach, wie vergaß ich alle, als ich dich im Saale erblickte! Wie anders war mir an diesem Tage der Tanz, als ich an deiner Hand durch die Reihen schwebte; die Töne hoben mich, die Freude regte sich in allen meinen Adern.

Und ich, sagte Rinaldo, wurde von deiner Schönheit bezaubert. Als deine zarte Hand die meinige berührte, fesseltest du mich auf ewig.

Noch tausend freundliche Worte wechselten die beiden Liebenden; der Mond ging unter, sie hatten es nicht bemerkt; endlich mußte Lucinde den Ermahnungen ihrer Amme gehorchen, sie mußte sich von Rinaldo trennen. Unter tausend Schwüren der Liebe entfernte sich der Jüngling, und kehrte von süßen Hoffnungen berauscht nach seiner Wohnung zurück; denn er hatte das Versprechen der schönen Lucinde, er durfte sie in jeder Nacht am Fenster sehen.[114]

Verschiedne Nächte waren den Beglückten so vorüber gegangen; ihre Liebe war jedermann ein Geheimniß, nur die alte Amme wußte darum; sie war bei jedem Gespräch zugegen.

Rinaldo bat jeden Abend: erlaube nur einmal, schönste Lucinde, daß ich meine Lippen auf die deinigen drücken darf; aber die Amme war zu furchtsam. Wenn euer Vater, sagte sie Lucinden, es entdecken sollte, daß ich einem jungen Manne erlaubt hätte, euer Gemach zu betreten, so würde ich seinen Zorn zu ertragen haben, ja er würde alle meine treuen Dienste vergessen, und mich hinaus aus dem Hause stoßen. Nein, hier am Fenster mögt ihr unter meiner Obhut den jungen Ritter, eurer Ehre unbeschadet, sprechen. – Endlich hatte Rinaldo's heißes Flehen gesiegt, sie versprach ihm am folgenden Abend die Pforte des Gartens zu öffnen, und er sollte dann Lucinden in den dunkeln Gängen treffen. Wie lang erschien dem Jünglinge dieser Tag. Sehnsüchtig blickte er oft nach dem Himmel, ob die Sonne noch nicht bald untersinken[115] würde. Endlich war es Abend geworden, und der Mond sendete seine Strahlen in Rinaldo's Gemach. Fröhlich eilte er dem Garten zu; er stand bald an der Pforte, und hoffte in jedem Augenblicke, sie würde sich öffnen, und ihn einlassen. Aengstlich horchte er auf jedes leise Geräusch, immer glaubte er den Schritt der Amme zu vernehmen, und wenn er meinte, daß sich die Thür öffnen würde, so entdeckte er, daß es Wind sey, welcher das dürre Laub kräuselte. So hatte er eine lange Herbstnacht durchwacht; der Morgen röthete den Himmel, und immer konnte er nicht glauben, daß er ohne Lucinden gesehen zu haben, nach seiner Wohnung zurückkehren sollte. Endlich mußte er zurückkehren. Er ging dem Pallast vorüber, und wie erstaunte er, als er alle Gemächer hell erleuchtet fand, und ein fröhliches Jauchzen auf ihn herunter schallte. Wie! rief er aus, einsam stand ich die ganze Nacht hindurch, ich blickte so oft mit Sehnsucht nach dem Hause hin, der Mond glänzte auf alle Fenster, die nach dem Garten sehen, aber still und todt war alles, mir blinkte[116] kein freundliches Licht entgegen. Ach Lucinde! hast du mich so vergessen in dem Geräusch der Freude? Er mußte sich entfernen, damit er nicht von dem fröhlichen Haufen, der jetzt aus dem Hause strömte, erkannt würde.

Lucinde begab sich in ihr Gemach; weinend sank sie auf ihr Lager nieder. Ach Rinaldo! rief sie aus: du Armer hast wohl in der kalten Nacht einsam gestanden, und gehofft, daß sich dir die Thür öffnen, und ich in deine Arme eilen sollte. Ach! ein hartes Geschick will mich auf immer deinen Armen entreißen.

Lucindens Vater war ein reicher Graf, die Tochter sein einziges Kind. Er hoffte sie einem vornehmen Manne zu vermählen, und so den Glanz seines Hauses zu vermehren. Daher betrübte es ihn oft, daß Lucinde bei aller ihrer Schönheit sich von den jugendlichen Freuden abwendete; kaum bemerkte irgend einer von den vielen Männern die reizende Gestalt, so wurde sie allen andern Mädchen vorgezogen. An dem Tage, an welchem die Liebe zu Rinaldo in Lucindens Busen erwachte,[117] erschien sie, mit glänzendern Augen, lebhafter war ihr Gang, das Lächeln der Freude spielte um ihren zarten Mund, ihr Tanz war ein leichtes Dahinschweben über den Boden, sie wendete sich nicht wie sonst ernsthaft von der scherzenden Gesellschaft hinweg; auch sie erhob ihre Silberstimme, um mit den heitern Mädchen Lieder der Liebe zu singen.

Nun bemerkten alle Männer diese liebliche Blume. Ludovico, ein junger Graf, fühlte sich von einer heftigen Leidenschaft ergriffen. Er hatte sich Lucindens Vater entdeckt, und der alte Graf, froh, einen so reichen und schönen Mann um sein Kind werben zu sehen, hatte sie ihm versprochen.

Ohne Lucinden davon zu unterrichten, hatte der Vater viele Gäste geladen, er befahl endlich seiner Tochter, sich prächtig zu kleiden, weil er ein Fest angestellt habe, und Lucinde freute sich, weil sie hoffte, daß die allgemeine Freude es ihr leicht machen würde, sich zu entfernen, und in die Arme des Geliebten zu eilen. Schön wie eine junge Rose trat sie[118] in den Saal; der Vater ging freundlich auf sie zu, nahm ihre Hand, und führte sie Ludovico entgegen. Hier, sagte er, sage ich dir meine Tochter noch einmal öffentlich zu, und diese ganze Versammlung bezeuge es, daß ich dich für meinen Eidam erkenne. Lucindens Wangen erblichen, als sie vernahm, daß ihr Vater mit diesem Feste ihre Verlobung feiern wollte. Glückwünsche bestürmten sie, man scherzte über die Verlegenheit, über das Erblassen der Braut. Lucinden erschien alles wie ein Traum, sie hoffte, sie würde erwachen, und darum ließ sie es geschehen, daß der entzückte Bräutigam seine Lippen auf die ihrigen drückte. Er wich den ganzen Abend nicht von ihrer Seite, er verzieh es der Ueberraschung der Braut, daß sie auf alle seine Reden nicht antwortete. Lucinde blickte kalt nach den Sternen, es war ihr, als müßten alle diese Gestalten verschwinden, wenn die Sonne mit ihren Strahlen den Himmel färbte. Endlich erblaßten die Sterne, und die ersten rothen Streifen des Tages wurden sichtbar, da brach die Gesellschaft auf, und[119] Ludovico nahm mit einem Kusse von ihr Abschied.

Sie war nun allein, die dumpfe Betäubung verließ sie, und sie brach in laute Klagen aus; ihre Amme suchte sie zu trösten, aber alle ihre Worte, ihre Schmeicheleien waren vergeblich.

So gebt euch doch zufrieden, mein theures Fräulein, rief sie endlich aus, ich will hin zu Rinaldo, vielleicht daß er euch Hülfe weiß.

Lucinde sprang auf, und fiel der Alten um den Hals, dann deutete sie stumm nach der Thür, und verbarg ihr thränendes Gesicht.

Es war noch früh am Tage, als die Amme durch die einsamen Straßen ging, sie wollte Rinaldo's Wohnung suchen, und fürchtete doch seinen Namen zu nennen, denn immer glaubte sie, man würde ihren Auftrag errathen. Endlich kam sie einer Kirche vorüber; ein alter Mann trat heraus, diesem näherte sie sich und fragte scheu nach Rinaldo's Wohnung.[120]

Ich weiß deinen Auftrag an ihn, sagte der Alte, ich kenne den Kummer der schönen Lucinde, aber gehe nicht hin, um Rinaldo zu suchen, denn diese beiden werden niemals glücklich seyn. Als er diese Worte gesagt hatte, wendete er sich ab, und verließ die Amme, die ihm von Erstaunen gefesselt nachblickte. Sie wußte nicht, was sie thun sollte, ob sie Rinaldo aufsuchen, oder zu dem Fräulein zurückkehren sollte. In diesen Zweifeln stand sie noch, als Rinaldo sich ihr näherte. Die Unruhe über Lucindens Betragen jagte ihn aus seiner Wohnung, und trieb ihn in den einsamen Straßen umher.

Als ihn die Amme erblickte, konnte sie ihre Thränen nicht zurückhalten.

O hätte, so redete sie ihn an, die unglückliche Lucinde euch niemals gesehen, so würde jetzt nicht ein zwiefaches Wehe ihr Herz zerreißen!

Sage mir, rief Rinaldo, womit habe ich es verschuldet, daß mich Lucinde verschmäht? Die ganze Nacht habe ich geharrt, und sie hat meiner in der fröhlichen Gesellschaft vergessen.[121]

Sprecht solche Worte nicht, sagte die Amme; und nun erzählte sie ihm das Unglück, Lucindens Verlobung, ihre Verzweiflung, und verschwieg ihm auch die Worte des Alten nicht, die ihr wie eine Weissagung klangen. Betäubt stand Rinaldo, die Augen auf den Boden geheftet, große Thränen flossen über seine Wangen.

Seyd nur diesen Abend vor unserm Hause, sagte endlich die Amme, damit ihr dem Fräulein einige tröstende Worte sagen könnt, denn sie will verzweifeln, und gar nicht auf meine Rede achten. Rinaldo versprach es durch stumme Zeichen, dann entfernte er sich in tiefen Gedanken, und verschloß sich den ganzen Tag in seinem Gemach. Als es Abend geworden war, schwang er sich auf sein Roß, und befahl seinem Diener ihm zu folgen. Als er Lucindens Wohnung erreicht hatte, gab er dem Diener sein Pferd, und hieß ihn sich entfernen, damit er von Niemand bemerkt würde.

Er stand die Augen auf Lucindens Fenster gerichtet, endlich öffnete sich das Gitter.[122] Rinaldo! rief sie, und er näherte sich; er wollte sie anreden, sie kam ihm aber zuvor. Rinaldo, sagte sie, ich weiß kein anderes Mittel, als mit dir zu entfliehen. Eile der Pforte des Gartens zu, in wenigen Augenblicken werde ich bei dir seyn. Als sie diese Worte gesprochen hatte, flog das Gitter zu, und Rinaldo eilte, ihren Befehl zu erfüllen. Wenige Augenblicke hatte er gewartet, es öffnete sich die Pforte, und Lucinde trat ihm im weißen Kleide entgegen, schnell zog er sie in seine Arme, und seine Küsse brannten auf ihren Lippen. Nein, rief er aus, es ist nicht möglich, daß ich dich verlieren kann. Laß uns schnell seyn, sagte Lucinde, ehe die Amme meine Abwesenheit merkt. Sie eilten der Stelle zu, wo der Diener mit den Pferden harrte; Rinaldo hob die schöne Lucinde auf sein Roß, und sprengte mit ihr davon; die Sonne stand glänzend am Himmel, als sie durch einen dichten Wald ritten; Lucinde hob die Augen auf, und ihre Blicke irrten in den Zweigen und Blättern umher, munter sprangen die kleinen Vögel auf den Aesten, und[123] jauchzten mit langen wirbelnden Tönen der Sonne zu.

Ach wie glücklich, sagte Lucinde, seyd ihr kleinen Vögel, dichtes grünes Laub verbirgt euch vor den Augen der Menschen, und ihr bedürft keines andern Schutzes. Ach, nähme uns doch der dunkele Schatten des Waldes auf, schlügen die uralten Bäume freundlich ihre Arme um unsere kleine Hütte, und versteckten uns so vor den Augen der Welt! Fürchte nichts, sagte Rinaldo, wenn ich dich Geliebte in meinen Armen halte, soll uns nichts trennen, als der Tod.

Als sie noch so redeten, hörten sie den Hufschlag eines Pferdes. Scheu blickte Lucinde um sich, Rinaldo wurde aufmerksam. Als sie einen kleinen Platz im Walde erreicht hatten, wo sich der Weg in verschiedne Strassen theilte, sahen sie einen Reuter auf sich zu sprengen. Sein grüner Mantel flatterte weit in die Luft, ein breites goldnes Wehrgehenke hing um seine Schultern. Schon in der Ferne zog er sein Schwerdt und stürzte auf die Fliehenden zu.[124]

Als Rinaldo sahe, daß er dem Grafen Ludovico nicht ausweichen konnte, stieg er von seinem Pferde ab, zog sein Schwerdt und erwartete seinen Gegner. Lucinde hob flehend ihre Hände zum Himmel empor; die beiden erzürnten Kämpfer trafen auf einander, auch Ludovico sprang vom Pferde, und ohne ein Wort zu sprechen, drangen sie auf einander ein. Rinaldo wurde verwundet, und Lucinde that einen lauten Schrei, als sie sein Blut fließen sahe. In demselben Augenblicke sahe sie einige Diener ihres Vaters, sie wandte Rinaldo's Roß auf eine andere Straße in den Wald hinein. Die Diener hatten ihr Fräulein erblickt, sie jagten ihr nach, den Kämpfenden vorüber. Wuth der Eifersucht und Liebe führte Ludovico's, verzweifelnde Angst Rinaldo's Schwerdt, denn er sahe Lucinden fliehen, von den Dienern verfolgt. Ihre Streiche fielen dicht auf einander, endlich traf Rinaldo Ludovico's Brust, und ein rother Strom von Blut floß über das grüne Gewand. Rinaldo sahe ihn sinken, und wollte nun Lucinden nacheilen. Bleib, rief der sterbende[125] Ludovico, meine Seele scheidet mit irdischen Wünschen, von meinem Körper muß sie sich trennen, von Lucinden kann sie es nimmer; immer noch werde ich sie liebend bewachen, und niemals sollst du ihre Blüthen brechen, und wenn deine Arme sie jemals umschlingen, so soll sie nie von deiner Liebe erwarmen. Als er diese Worte gesprochen hatte, starb er.

In stummer Verzweiflung stand Rinaldo eine Zeitlang, und betrachtete das Gesicht des Grafen. Ja, rief er endlich aus, du hast mir eine Weissagung gesprochen, niemals werde ich sie wieder sehen. Er sahe um sich, und es war ihm, als wenn alle Bäume ihn mit ihren Zweigen waldeinwärts winkten; er sahe den todten Ludovico an, und ihm schien es, als wenn die Augen drohend zu ihm sprächen.

Ich habe ihn, rief Rinaldo verzweifelnd aus, von seiner Seeligkeit hinweggerissen, darum wird er mich ewig verfolgen. Eine heftige Angst ergriff ihn, er eilte in den dichtesten Wald hinein, auf ungebahnten Wegen suchte er immer weiter vorwärts zu dringen.[126] Die Zweige der Bäume hatten ihm seinen Hut entrissen; seine Wunden bluteten und hatten ihn entkräftet, ohne Speise und Trank war er den Tag geblieben: jetzt sank die Sonne unter, Finsterniß umgab den Unglücklichen, ein Schleier von schwarzen Wolken bedeckte den Mond und die Sterne. Ermattet sank Rinaldo am Fuße einer alten Eiche nieder; hier, sagte er, will ich sterben, ein einziger Tag hat grausam meine Jugend zerstört, warum sollte ich mir wünschen, noch einen zu erleben? Ach Lucinde! seufzte er, und schwieg plötzlich, denn der Schall einer fernen Glocke traf sein Ohr. Er hörte eine Zeitlang diesen einförmigen Klängen zu, und eine wundersame Ruhe floß in seine Brust, er stand auf, und betrachtete die Bäume, sie schienen ihm plötzlich so bekannt. Was ist aus mir geworden? sagte er; kehre ich in eine alte vergeßne Heimath wieder? Die Wolken theilten sich, und der Mond leuchtete hernieder, Rinaldo sah vor sich einen Weg, er bemerkte, daß er sich auf demselben der Glocke näherte, und je näher ihm die Töne klangen, je mehr[127] drängten sich aus seinem Gedächtnisse die Bilder des heutigen Tages hinweg. Endlich stand er vor der Hütte eines Einsiedlers, der die Glocke zog. – Ja, sagte er, hier ist mein Ziel, in dieser Hütte, in diesem Walde will ich bleiben. Er wollte in die Hütte treten, der Einsiedler kam ihm entgegen. Dieser bot dem Jünglinge die Hand, und sagte mit ernster Stimme: Willkommen Rinaldo in meiner Wohnung! Rinaldo erbebte, er erkannte den Alten, der ihn einst von Lucinden hinwegführen wollte. Dein Schicksal ist an dir erfüllt, sagte der Einsiedler, tritt ein in meine ruhige Wohnung! Rinaldo folgte ihm, der Greis legte heilende Kräuter auf des Jünglings Wunden, gab ihm Speisen, und hieß ihn ruhen. Rinaldo legte sich auf das Lager nieder, er wollte noch an Lucinden denken, aber der Schlaf schloß ihm die müden Augen zu.

Als er am andern Morgen erwachte, betrachtete er die kleine Hütte; sie war ihm nicht fremd, ob er sie gleich vorher niemals gesehen hatte. Wunderbar kam es ihm vor, daß er sich in seinem ehemaligen Leben mit[128] Tanz und Ritterspielen abgemüht, und diese Thorheit Freude geheißen hatte. Mein Herz, sagte er zu dem Einsiedler, hat auf ewig von der Welt Abschied genommen, nur Lucindens Gestalt schwebt wie ein Engelsbild vor meiner Seele; ich werde sie mir niemals gewinnen, darum verstatte, daß ich bei dir in deiner stillen Klause bleibe.

Dein Schicksal war es, sagte der Alte, diese Hütte zu finden, sie ist der Aufenthalt unglücklicher Liebe, bis sie das Grab der Liebe wird. Ich bleibe hier nur noch wenige Tage, dann scheide ich auf immer von der Erde, und du wirst meine Hütte allein bewohnen. – Er zeigte hierauf dem Jünglinge den Platz, auf welchem er ihn begraben sollte, wenn er in wenigen Tagen sterben würde. Weißt du, sagte Rinaldo, so gewiß, daß du sterben wirst, so sage mir, ob noch eine Blume in meinem Leben blüht? Werde ich Lucinden jemals wieder sehen? Wenn du sie siehst, antwortete der Greis, dann wirst du nicht lange mehr leben. Wenn ich sie nur in[129] meine Arme schließe, rief Rinaldo, mag dann dieser Augenblick immerhin mein letzter seyn.

Lucinde war vor den Dienern ihres Vaters geflohen; sie wagte es nicht, sich umzusehn, sie hörte nur, wie sie ihr in der Ferne folgten. Sie wollte schnell um eine Wald-Ecke lenken, da kam ihr Vater, von zweien Dienern begleitet, ihr entgegen, Lucinde konnte nun nicht mehr entrinnen; der Vater befahl den Dienern, den Zügel ihres Pferdes zu nehmen. Stillschweigend ertrug Lucinde die Vorwürfe des ergrimmten Vaters, sie hatte nicht den Muth, die Augen aufzuschlagen. Jetzt dachte sie wieder an Rinaldo, sie sahe ihn bluten, und es wurde ihr gewiß, daß Ludovico ihn er schlagen habe. Es war ihr gleichgültig, sich in ihres Vaters Gewalt zu wissen, sie beschloß ihr Leben zu enden. Auf einmal hörte sie in der Ferne einen andächtigen Gesang, die Töne kamen näher, und es waren Nonnen, die, angeführt von der Aebtissin, nach einer Waldkapelle zogen, um dort in Andacht zu beten. Die Reiter hielten still, und ließen die frommen Jungfrauen vor[130] sich vorüberziehen. Die Aebtissin sah Lucinden an, welche sich ehrerbietig vor ihr neigte. Als der Zug vorüber war, wendete sich Lucinde zu ihrem Vater und sagte: Erlaubt mir, mein theurer Vater, daß ich in dem Kloster dieser Aebtissin für meine Sünde büße, schon früh hatte ich mein Herz dem Himmel geweiht; Rinaldo's Auge entzündete das Feuer der Liebe in meinem Busen, ihr verhießt mich einem andern Manne. Rinaldo ist erschlagen, ich kehre zum Himmel zurück.

Anfangs erstaunte der Graf, daß seine Tochter es wagte, ihn so kühn anzureden, als er sie aber ansahe, und die Zuversicht in ihrem Auge erblickte, womit sie dem seinigen begegnete, konnte er nicht länger zürnen. – Wohlan, meine Tochter, sagte er, ich will deinen Wunsch erfüllen, und deinen Fehl verzeihen.

Schon am folgenden Morgen wurde Lucinde dem Kloster übergeben, es war ihr als ob das verzehrende Feuer der Liebe in ihrem Herzen erloschen sey, sie betrauerte in Rinaldo den gestorbenen Freund. Ihre Prüfungszeit[131] ging vorüber, und die Aebtissin liebte sie mehr als andere Nonnen, ihrer Demuth und Frömmigkeit wegen. Endlich erschien der Tag, den Lucinde lange herbeigewünscht hatte, an welchem sie von allen Freuden der Welt Abschied nehmen sollte. Sie erschien zum letzten Male prächtig geschmückt vor den Augen der Menschen, die versammelt waren, die schöne Nonne einkleiden zu sehen, sie legte den Eid in die Hand des Bischofs ab, und als man nun die goldnen Locken von ihrem Haupte schnitt, sah sie einen Ritter in einem grünen Mantel sich aus der Kirche entfernen, und ihr war, als fiele ein Schleier von ihren Augen hinweg, die heiße Sehnsucht nach Rinaldo erwachte von neuem in ihrem Busen, sie glaubte plötzlich, daß er noch lebe, und daß sie ihm treulos entsagt habe. Sie wurde mit dem weißen Schleier bekleidet und in ihre stille Zelle geführt. Kaum war sie allein, so dachte sie nur auf Mittel, wie sie dem Kloster entfliehen, und ihren geliebten Rinaldo wieder finden wollte. Viele Monden hindurch waren alle ihre Bemühungen vergeblich, endlich[132] gelang es ihr eines Abends zu entweichen; sie erreichte den Wald, und von Gebüschen verdeckt, wartete sie bis der Mond ihr auf ihrem Pfade leuchten würde. Endlich zog er am Himmel herauf, und Lucinde setzte ihren Weg fort. Sie erbebte, als sie in einiger Entfernung einen Mann erblickte, der, ohne sich ihr zu nähern, ihren Schritten zu folgen schien. Lucinde erwählte einen andern Weg, und ihr Begleiter folgte ihr wieder nach. Lucinde betete zum Himmel: O gieb daß ich Rinaldo finde, und er mich befreie aus Angst und Noth! Jetzt hörte sie aus einer geringen Entfernung die Glocke eines Einsiedlers, sie leitete dahin ihren Gang, ihr Begleiter folgte ihr, sie hatte schnell die Hütte erreicht, die Glocke war verstummt, sie öffnete die Thür, da sahe sie, wie der Einsiedler auf seinen Knieen betete. Sie trat ein in die Hütte: Sey gegrüßet, frommer Vater, sprach sie, o nimm eine arme Verlaßne auf! – Der Einsiedler erhob sich von seinen Knieen, und betrachtete die Nonne mit Erstaunen. Lucinde! rief er endlich aus, und breitete ihr seine[133] Arme entgegen; sie sank ihm nun an die Brust, sie vermochte nicht seinen Namen zu nennen. Rinaldo! rief eine dumpfe Stimme, und der Einsiedler bebte, er blickte auf, Lucindens Begleiter stand in der offnen Thür, es war Ludovico's Gestalt. Der Morgen dämmerte roth an den fernen Bergen, die Gestalt zerfloß in Luft, Rinaldo blickte auf seine geliebte Lucinde nieder, sie bog ihr Haupt an seiner Brust, und war wie eine Blume verblüht; er legte sie sanft auf den Boden nieder, dann sank er neben dem Leichname hin. Sterbend hörte er die Töne von Waldhörnern, es war Lucindens Vater, der mit seinen Freunden in diesem Theile des Waldes jagte.[134]

Quelle:
Sophie Bernhardi: Wunderbilder und Träume, Königsberg 1823, S. 107-135.
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