I

[1] Wer eine Zeit lang auf dem Lande gelebt hat, wird die Erfahrung gemacht haben, daß es zwar kräftigen Geistern gelingen kann, sich selbst von der Sucht frei zu erhalten, ohne Schonung alle Verhältnisse seiner Bekannten zu durchdringen, daß es aber ganz unmöglich ist, die Forschungslust Anderer zu hemmen. Die genaue Kenntniß des Vermögens eines Jeden wie aller Umstände des Lebens wird den Nachbaren in weitem Umkreise Bedürfniß, und unter dem Scheine treuherziger Theilnahme dringen sie mit geradezu gestellten Fragen in die tiefsten Wunden des Herzens ein. Der feinere Weltmann fühlt mit leisem Takte sogleich die Gränze, die nicht überschritten werden soll, und wenn auch seine Schonung nicht aus Milde entspringt, sondern nur dem, was man gewohnt ist, Sitte und guten Ton zu nennen, seinen Ursprung verdankt, so wirkt sie doch wohlthätiger, als das Benehmen der Landbewohner, die den, der mit[1] edler Zurückhaltung seine Schmerzen verhüllt, einen verschlossenen Charakter nennen, und sich gleichgültig und mißtrauisch von ihm wenden, weil er seine tiefsten, heiligsten Gefühle, die nicht verstanden werden können, nicht Preis geben mag, damit der Müßiggang der Seele Beschäftigung finde.

Diese schon oft gemachte Erfahrung mußte der Graf von Neuem machen. Es war nicht möglich, daß die Vorfälle in seinem Hause nicht hätten bekannt werden sollen, und die unerhörten Begebenheiten regten die ganze Nachbarschaft auf. Nur Wenige hatten seit Kurzem dunkel vernommen, daß die Gräfin schon früher vermählt gewesen und sich als Wittwe mit dem Grafen verbunden hätte; denn der Prediger, von dem die dunkle Nachricht herrührte, hatte selbst nichts weiter darüber erfahren können, als was er aus dem Munde der Professorin in ihrer ersten Ueberraschung vernommen hatte. Jede spätere an dieselbe gerichtete Frage über diesen Gegenstand war kurz abweisend und mehr als verdrüßlich beantwortet worden. Selbst der Bruder der Gräfin hatte sich auf keine Erklärung der nähern Umstände eingelassen und die deßhalb an ihn gerichteten Fragen nur einsylbig beantwortet, so daß diese erste Verbindung der Gräfin zu allerlei seltsamen Gerüchten Veranlassung gab, denn es fiel Niemandem ein, daß man erlebte Schmerzen[2] mit undurchdringlichem Schleier könne verhüllen wollen, um sie nicht zum Gegenstande gleichgültiger Gespräche zu machen, sondern man nahm mit der gewöhnlichen Lieblosigkeit müßiger Menschen an, daß nur nachtheilige Umstände denen verschwiegen werden könnten, die sich alle für die Freunde des Hauses erklärten.

Diese Ansicht war in der ganzen Gegend umher die allgemeine geworden, als man auf einmal das höchst Seltsame erfuhr, die Gräfin habe aus früherer Ehe einen Sohn, und da die Entdeckung des Sohnes mit früheren Gerüchten in Verbindung gebracht wurde, so lautete die sich allgemein verbreitende Nachricht, ein bekannter französischer Spion sei als der Sohn der Gräfin erkannt worden, und da man meinte, daß ein Spion nur ein sehr niedriger Mensch sein könne, so erklärte man dieß für einen Umstand, der einen finstern Schatten auf die frühere Verbindung der Gräfin werfe, und dieß alles eigentlich ohne böse Absicht, sondern nur, um durch eine seltsame Begebenheit die einer langweiligen Ruhe hingegebene Seele lebhaft anzuregen. Es vereinigte sich also um diese Zeit im weiten Umkreise von Hohenthal keine Gesellschaft, die nicht diesen Gegenstand verhandelt hätte, und da Jedermann die Sache etwas anders erzählte, als er sie vernommen hatte, so war sie endlich in dem Munde der Letzten so seltsam und abentheuerlich geworden, daß die, von[3] welchen die ersten Nachrichten ausgegangen waren, die lebhafteste Freude über die neuen Aufklärungen dessen, was ihnen in der Sache dunkel geblieben war, empfanden.

Es konnte unter solchen Umständen nicht fehlen, daß täglich neugierige Besucher auf Schloß Hohenthal erschienen, die, die innigste Theilnahme vorgebend, mit Fragen auf den Grafen und die Gräfin eindrangen, deren ruhige Beantwortung eben so viel Standhaftigkeit erforderte, wie man bedarf, um eine schmerzhafte Operation mit Gelassenheit zu ertragen. Um diesem sich täglich erneuerndem Uebel auszuweichen, änderte der Graf den früher entworfenen Lebensplan und schlug seiner Gemahlin vor, den Winter in Berlin zuzubringen. Mit Freuden wurde dieser Vorschlag von der Gräfin angenommen, die noch mehr als der Graf durch die sich stets vermehrenden Wogen des öffentlichen Geschwätzes litt. Von der lebhaften Adele, die sich im Winter auf dem Lande langweilte, konnte nur eine freudige Einwilligung erwartet werden, und der Graf beredete den Obristen Thalheim leicht, sich der Gesellschaft anzuschließen, denn er wollte den Greis, der nur mit ihm und seinen Hausgenossen umging, nicht der trüben Einsamkeit überlassen.

Die Anstalten zur Abreise waren bald getroffen. Der Graf Robert war über diesen Entschluß höchst erfreut, und bis zum Entzücken wurde diese Freude gesteigert, als er erfuhr,[4] daß auch seine schöne, zärtlich geliebte Braut Theil an dieser Reise nehmen würde. Auch die Professorin wollte ihre Rückreise antreten, aber nur, um im Frühlinge zurückzukehren und dann ihr Leben in ihrer geliebten Heimath zu beschließen. Sie hatte die gemachte Erbschaft dazu angewendet, ein großes Bauerngut in des Grafen Herrschaft zu kaufen. Dieser hatte dieß Gut von allen Diensten und Abgaben befreit, und angränzende Felder und Wiesen hinzugefügt, so daß es nun eine ganz artige Besitzung bildete. Die Professorin eilte nach ihrem ehemaligen Wohnsitze zurück, um ihr sich dort befindendes Vermögen zusammen zu bringen, mit dem sie im Frühlinge wiederkehren und die Kosten bestreiten wollte, um ein neues bequemes Haus an einer schönen Stelle, am Abhange eines Hügels zu erbauen, der sich, mit dem schönsten Grün bekleidet, sanft hinab senkte, bis ein klarer Bach seinen Fuß mit kleinen, kräuselnden Wellen umspielte. Die Professorin war um so mehr für den gewählten Platz eingenommen, weil es ihr bekannt war, welche trefflichen Forellen der kleine muntere Bach enthielt. Der Graf wies alles nöthige Bauholz und die für das neue Haus erforderlichen Steine an, und erhöhte noch ansehnlich den Gehalt des Arztes, so wie er ihm das vollkommene Jagdrecht zur großen Freude der Professorin gestattete, denn wenn diese ihren Neffen auch nicht für einen sonderlichen[5] Jäger hielt, so hoffte sie doch mit Recht wohl andere zu finden, die die Küche gehörig mit Wildpret versorgen würden.

Nach allen diesen Einrichtungen glaubte der Graf immer noch nicht genug gethan zu haben, um den Arzt zu belohnen, dessen große Sorgfalt, wie er überzeugt war, St. Juliens Leben erhalten hatte. Die Gräfin überredete ihre ehemalige Dienerin leicht, den Weg über Berlin zu nehmen und die Tochter während des Winters in einer dasigen Erziehungsanstalt zu lassen, damit diese etwas mehr von den feineren weiblichen Beschäftigungen lernte, als die Mutter bis jetzt für gut gehalten hatte ihr beibringen zu lassen. Auch der Arzt war mit dieser Anordnung zufrieden, ob er sich gleich nur mit Schmerzen von seiner künftigen Braut und deren Mutter trennen konnte, nur durch die Hoffnung getröstet, daß der nächste Frühling ihm nicht nur Beide zurückbrächte, sondern auch die Bibliothek und das Naturalienkabinet seines verstorbenen Oheims. Er nahm sich vor, sich diesen Winter ganz den Studien zu widmen, um den Schmerz der Trennung zu besiegen und, um sich zu erholen, mit dem einzigen ihm bleibenden Freunde, dem Prediger, den Plan des Hauses zu entwerfen, welches nach seiner Meinung alle Forderungen des Geschmacks und der Bequemlichkeit befriedigen sollte. Da der Graf dem Schloßgärtner befohlen hatte einen großen Obst- und Gemüsegarten auf dem neuen Gute[6] anzulegen, so führte die lebhafte Phantasie des Arztes ihm tausend reizende Bilder der Zukunft vor, wie er im Schlafrocke neben seiner jungen, zärtlichen Frau in einer Weinlaube seines Gartens sitzen und Kaffee trinken würde, oder er sah sich, mit dem Prediger Tabak rauchend, zwischen seinen hohen Kornfeldern wandern und bewunderte schon jetzt im Geiste den reichen Segen der goldnen Aehren, indem er mit stolzen Schritten in seinem Zimmer auf und ab wandelte, und den Rauch aus der Pfeife, die er wirklich rauchte, vor sich hinblies. Das sind idealische Träume, rief er dann wohl, indem er sich mit der Hand rasch die kurzgelockten Haare durcheinander wühlte. Aber kann irgend ein Mensch hoffen, daß die Träume seiner Sehnsucht erfüllt werden, so bin ich es, denn mein Glück steht mir so nahe, daß ich es mit den Händen erreichen kann, und wahrlich, meine Welterfahrung wird es nicht vorüberfliehen lassen, sondern sicher ergreifen und festhalten.

So von allen Seiten befriedigt hatte man sich getrennt. Der junge Gustav war von dem Grafen nach Breslau gesandt worden, wo er noch ein Jahr bleiben sollte, um dann auf die Universität, die er sich selbst wählen würde, abzugehn. Dübois, der den Jüngling väterlich liebte, hatte ihm beim Abschiede noch ein ansehnliches Geschenk aufgezwungen, ob er gleich mit Allem überflüssig versorgt war, denn auch[7] der Graf Robert hatte ihn mit allen Beweisen herzlicher Freundschaft entlassen. So war nun Schloß Hohenthal, wo sich eben noch so viel Leben geregt hatte, auf einmal öde und verlassen, und nur aus den Zimmern des Arztes schimmerte dem Wanderer ein einsames Licht entgegen, das aber wie ein freundlicher Stern dem Hülfe Suchenden leuchtete, denn je mehr der Wohlstand und die Zufriedenheit des Arztes zunahmen, je mehr fühlte er sich verpflichtet, seine Wissenschaft, die er als die Quelle seines Glücks betrachtete, zum Heile seiner Mitmenschen anzuwenden, und wenn er auch täglich hochmüthiger wurde in der Ueberzeugung seines anerkannten Werths, so hinderte ihn dieser unschuldige Hochmuth doch nicht, täglich zugleich milder und wohlwollender zu werden.

Der Graf war mit seiner Familie und seinen Freunden in Berlin angelangt, und hier versprach er der noch immer liebenswürdigen Adele, ihre und St. Juliens Angelegenheiten ordnen zu helfen, ehe sie die Rückreise mit diesem nach Frankreich antreten müsse. Denn wie sich auch das Schicksal des jungen Mannes gewendet hatte, so fiel es doch Niemandem ein, daß er anders handeln könne, als zu seinem Regimente zurückzukehren.

Schon in Hohenthal hatte die Gräfin, nachdem die stürmische Bewegung der Seele sich gemildert hatte, die durch[8] Entdeckungen entstehen mußte, welche die tiefsten Gefühle des Herzens aufregten, alle nöthige Auskunft über die Erhaltung ihres Sohnes empfangen.

An jenem unglücklichen Tage, so hatte die Schwester des Grafen Evremont ihre Erzählung begonnen, als Dich, geliebte Schwester, und meinen theuern Bruder unerwartet ein entsetzliches Schicksal traf, kehrte ich ruhig, nachdem unsere kleinen Geschäfte abgemacht waren, mit unserer Leonore nach unserer Wohnung zurück. Ich sage Dir nichts von dem Jammer und der Verzweiflung, die hier meine Seele erfüllten. Ich dachte nicht an mich, ich wollte zu Euch, und wäre gewiß ohne den Freund und Retter, der mir wie ein Bote des Himmels erschien, ebenfalls ein Opfer der Grausamkeit geworden, die sich damals Vaterlandsliebe nannte.

Der Chef des Handlungshauses, dem mein Vater und mein Bruder mit so großem Recht ihr Vertrauen schenkten, erschien, und wurde mein und Adolphs Retter. Ich war von Angst und Schrecken so betäubt, daß ich ihm willenlos folgte. Ich bemerkte kaum, daß er Leonore von mir trennte, und ahnte nicht, welcher Gefahr der gute Mann sich aussetzte, um die letzten Ueberreste des Hauses Evremont zu schützen. Erst später erfuhr ich, was ich Dir jetzt im Zusammenhange mittheile. Er mochte vielleicht selbst einige Hoffnung hegen, daß mein armer Bruder gerettet werden[9] könnte. Vielleicht aber täuschte er mich auch nur mit dieser Hoffnung, damit ich ohne Widerstand mich seinen Maßregeln fügte. Genug, er brachte mich in eine entlegene Vorstadt, wo ein schon bejahrter Mann, sein Freund und Verwandter, Herr St. Julien, das Hinterhaus eines ansehnlichen Gebäudes bewohnte. Hier erfuhr ich, daß mein Erretter sein Haus verlassen hatte, um nicht wieder dahin zurückzukehren. Er hatte die Abwesenheit seines ersten Buchhalters benutzt, desselben, den er im Verdacht hatte, meines Bruders Unglück veranlaßt zu haben, und von dem er glaubte, daß er das Komptoir nur verlassen habe, um ihn selbst der Regierung als einen Feind des Vaterlandes zu bezeichnen. Die kurze Zeit, die dem alten Manne blieb, war von ihm benutzt worden, alle Wechsel und baar vorräthigen Summen mit sich zu nehmen, so wie die Hauptbücher seiner Handlung und wichtige von meinem Bruder bei ihm niedergelegte Papiere. Er hatte einen Miethkutscher genommen, den er, ehe er unsere Wohnung erreichte, mit einem andern vertauschte. Dieß that er noch zwei Mal, ehe wir die abgelegene Wohnung seines Freundes erreichten, der, obwohl nicht vorbereitet auf unsern Empfang, uns dennoch liebreich und bereitwillig bei sich aufnahm.

Ich bemerkte bald, daß beide Freunde sich ohne allen Rückhalt mit einander besprachen, und später vertraute mir[10] Herr St. Julien, daß Beide gegen mich die bestimmte Hoffnung, meinen Bruder und Dich zu retten, nur darum ausgesprochen hatten, um mich vor gänzlicher Verzweiflung zu bewahren, daß sie selbst aber Euch beide als verloren beweint hätten.

Es schien den Freunden zu gefährlich, sich in Paris selbst verborgen halten zu wollen, und die Abreise nach dem Elsaß, der Heimath des Herrn St. Julien, der große Fabriken in der Nähe von Straßburg hatte, wurde beschlossen. Ein Zufall begünstigte unsere Flucht. Ein alter Komtoirdiener des Herrn St. Julien war Wittwer, und seine einzige, ohne mütterliche Leitung erwachsene Tochter hatte vor mehreren Jahren den trostlosen Vater verlassen und sich in Paris einem verächtlichen Leben hingegeben, um augenblickliche Befriedigung eitler Lust zu finden. Da aber ein solches Leben der Schande auch dem Wechsel unterworfen ist, so war die leichtsinnige Tochter des redlichen Mannes in Krankheit und Armuth gerathen, und hatte sich in dieser trostlosen Lage an das Herz des Vaters gewendet. Wohl selten wird ein Vater die flehende Stimme des verirrten Kindes ohne Rührung vernehmen, und auch der alte Armand eilte, Liebe und Versöhnung im Herzen, in Begleitung des Herrn St. Julien nach Paris, den ein Handelsgeschäft dahin führte.[11]

Der Vater nahm die kranke Tochter und ihren Sohn, den lebenden Zeugen ihrer Verirrung, bei sich auf. Kein Vorwurf kränkte die ungerathene Tochter. Der alte Vater drückte das schuldlose Kind mit Liebe an seine Brust. Durch Sorgfalt und zärtliche Pflege kehrte die Gesundheit der leichtsinnigen Laurette bald zurück, die Spuren der Verwüstung, die Armuth und Krankheit angerichtet hatten, schwanden allmälig, und der zu gute Vater fand in der wieder aufblühenden Schönheit der Tochter Entschuldigung für ihre Fehler. Herrn St. Juliens Geschäfte waren beendigt, und da die Gesundheit der Tochter Armands hergestellt war, so hatte man Pässe zur Reise genommen, die auf den nächsten Tag bestimmt war. Armand hatte noch einige nöthige Vorkehrungen hiezu getroffen und kehrte, von Geschäften ermüdet, nach seiner Wohnung zurück, als er hier statt der Tochter einen Brief fand, in dem sie ihm meldete, daß es ihr unmöglich sei, Paris zu verlassen und unter seinen Augen zu leben, da jeder milde Blick, den er auf sie richte, ihr Herz wie ein Dolchstich durchbohre und es daher für beide besser sei, wenn sie sich diesen peinlichen Empfindungen und ihm den Anblick ihrer Schande entzöge.

Es war nur zu wahrscheinlich, daß die neu aufblühende Schönheit der leichtsinnigen Laurette Bewunderer herbei gezogen hatte und daß sie von Neuem sich ihrem früheren Leben[12] hingab. Der Vater war in Verzweiflung, und er erklärte Herrn St. Julien, daß er Paris nicht mit ihm verlassen könne, weil er entschlossen sei, die Spuren seiner unglücklichen Tochter aufzusuchen und alles, was väterliche Liebe und Gewalt vermöge, anzuwenden, um sie ihrem sträflichen Leben zu entreißen.

Dieser Umstand, der eine Stunde vor unserer Ankunft Herrn St. Julien mit Verdruß erfüllt hatte, wurde nun von beiden Freunden als ein glücklicher Zufall betrachtet. Mein Erretter sollte unter dem Namen Armand Herrn St. Julien begleiten, und ich mit unserm Adolph als Laurette und ihr Sohn, wie sie in dem Paß angegeben waren, den Herr St. Julien schon in Händen hatte, und beide Freunde freuten sich herzlich, daß die Beschreibung der Person dieser leichtsinnigen Dirne auf mich angewendet werden könne, und so bot mir die Schande des verächtlichen Lebens einer Fremden Schutz in der traurigen Zeit, wo Tugend und Ehre mich nicht hätten schirmen können.

Ich wurde bei diesen Verhandlungen nicht um meine Einwilligung gefragt, indem man sie voraus setzte, und in der That, es wäre unvernünftig gewesen, ein Rettungsmittel von sich zu weisen, das sich so unvermuthet darbot. Auch war ich so betäubt von Angst und Kummer, daß ich unfähig war zum Denken und Ueberlegen. Der erste matte[13] Strahl der Freude und Hoffnung durchzuckte mein Herz, als ich vernahm, daß ich Adolph mit mir nehmen, daß ich mich nicht mehr von ihm trennen sollte.

Wir erreichten den Wohnort des Herrn St. Julien und lebten abwechselnd auf einem angenehmen Landsitze und in Straßburg. Du kannst wohl denken, daß ich die beiden Freunde mit unablässigen Fragen über Euer Geschick bestürmte. Ach! und endlich, geliebte Cäcilie, konnte mir das Traurigste nicht verborgen bleiben. Ich erfuhr meines unglücklichen Bruders Ende und von Dir nichts.

Ich weiß nicht, wie lange ich mich der trostlosesten Verzweiflung hingab. Ich weiß nur, daß endlich die Jugendkraft über die Krankheit siegte, die meinem Leben drohte, und daß ich, als erstes Zeichen des Bewußtseins, Adolph in meine Arme schloß und mit Thränen überströmte. Als ich wieder einigen Antheil an der Außenwelt nahm, bemerkte ich, daß Herr St. Julien um Vieles blässer, älter und hinfälliger geworden war, und diese Wahrnehmung erschreckte mich. Es drängte sich mir die ganze Hülflosigkeit meiner Lage auf, wenn ich auch ihn verlieren sollte. Ich fragte nach seinem Freunde und erfuhr, daß er während meiner langen Krankheit gestorben sei. Viele nach einander folgende traurige Berichte von Hinrichtungen ihm nahe verwandter Personen hatten ihn schon auf's Krankenlager geworfen,[14] und als er das gleiche Ende seines letzten Neffen erfuhr, hatte ein Schlagfluß sein kummervolles Leben geendigt.

Es konnte mir nicht entgehen, daß Herr St. Julien es mit Ungeduld erwartete, daß die Aerzte mich für völlig genesen erklären möchten, um eine Unterredung mit mir zu führen, die er nicht mehr glaubte aufschieben zu dürfen und von deren ernstem Inhalt er nachtheilige Folgen fürchtete, so lange meine Gesundheit noch wankend wäre. Ich kam ihm in seinem Verlangen entgegen, weil ich immer noch hoffte, wenigstens von Dir etwas Tröstliches zu erfahren, und er zögerte nicht mehr, mich mit meiner Lage bekannt zu machen und mir seine Wünsche mitzutheilen, die nur mein Wohl beabsichtigten. Der würdige Mann hatte keine Mittel verabsäumt, um Nachrichten von Dir zu erhalten, und er hatte durch seine Nachforschungen nur erfahren, daß ich auch meinen Vater zu beweinen habe, der sein kummervolles Leben in der Schweiz geendigt hatte. Du warst spurlos verschwunden, und von allen Wesen, denen ich liebend angehörte, blieb mir nichts, als Dein und meines Bruders Kind, das mit unschuldiger Heiterkeit zu meinen Füßen spielte und mit kindlichem Lächeln mich seine Mutter nannte, während ihm unbewußt die Stürme des Unglücks über sein schuldloses Haupt hinwegzogen.

Herr St. Julien betrachtete die furchtbare Revolution,[15] die mit entsetzlicher Gewalt alle Blüten unseres Lebens zu Boden schlug, mit den Augen eines Bürgers. Er schauderte vor den Strömen Blutes, die täglich flossen, aber er glaubte, große Mißbräuche hätten diese entsetzlichen Reibungen hervorgebracht, und hoffte, unsere Nachkommen würden die Früchte unserer Leiden genießen. Er hielt sich für überzeugt, daß der Adel mit allen seinen Vorrechten und ehrgeizigen Träumen für immer aus Frankreich verschwunden sei, und glaubte deßhalb mir keinen Nachtheil zuzuziehen, wenn er mir seine Hand anböte, um mir als französischer Bürgerin den Schutz unsers Vaterlandes zuzusichern. Der edle Mann sagte mir mit bescheidenen, aber bestimmten Worten, daß sein Verhältniß zu mir das eines Vaters bleiben würde, und daß nicht die selbstsüchtigen Absichten eines thöricht verliebten Greises ihn leiteten, sondern daß er mein Wohl vor Augen habe. Er sagte mir, daß er die bestimmte Ueberzeugung habe, nicht mehr lange leben zu können, und daß ich dann als seine Wittwe mit Anstand meine Unabhängigkeit bewahren oder eine andere Wahl treffen könne, daß ich aber als Fräulein Evremont schutzlos tausend Gefahren ausgesetzt sei, und noch weniger für Adolph sorgen oder ihn schützen könne.

Ich sah die Wahrheit alles Gesagten ein und empfing mit Dankbarkeit und Rührung die Hand des edeln Greises[16] und man nannte mich Madame St. Julien. Als auf diese Weise meine Rechte in seinem Hause festgestellt waren, legte mein großmüthiger Freund mir alle unsern Adolph betreffende Papiere vor, den er zugleich adoptirt hatte. Was von dem Vermögen unsers Vaters hatte gerettet werden können, war in seinen Händen, und er sicherte mir und Adolph bald nach unserer Verbindung nicht nur dieß, sondern auch noch sein beträchtliches Vermögen. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß dieß vielleicht eine Ungerechtigkeit gegen seine Verwandten sei, aber er antwortete mir mit einem bittern, schmerzlichen Lächeln, alle seine Angehörigen hätten für das Vaterland ihr Blut verspritzt, theils auf dem Felde der Ehre, theils unter dem Messer der Guillotine, so daß ihm nur einige sehr entfernte Verwandte, die kaum auf diese Benennung Anspruch machen könnten, in Italien geblieben wären, die ihr schlechter Charakter von seinem Herzen geschieden haben würde, auch wenn sie ihm näher ständen. Meine Bitten vermochten den lebensmüden, gebeugten Greis dennoch, diesen ein bedeutendes Legat auszusetzen, und nun glaubte ich mit ruhigem Gewissen in liebevoller Dankbarkeit die Beweise seiner Großmuth für mich und Adolph annehmen zu können.

Die Ahnung der Nähe seines Todes hatte meinen edeln Beschützer nicht getäuscht. Wenige Monate nach unserer[17] Verbindung entschlummerte er in meinen Armen sanft zur ewigen Ruhe, und wie einen zweiten Vater beweinte ich ihn kindlich mit heißen Thränen. Mein großmüthiger Freund hatte vor seinem Tode alle seine Geschäfte so geordnet, daß ich mit Hülfe eines erfahrnen Buchhalters sie noch eine Zeitlang fortführen, und mich dann nach und nach zurückziehen konnte. Ich folgte mit Gewissenhaftigkeit allen Vorschriften, die er hinterlassen hatte, und fand mich dadurch nach zwei Jahren im Besitze eines Vermögens, über dessen Größe ich selbst erstaunte. Nachdem ich den Schmerz über den Verlust meines edeln Freundes überwunden hatte, wendete sich alle leidenschaftliche Liebe, deren mein Herz noch fähig war, unserm Adolph zu. Du kannst wohl denken, daß sich manche Bewerber der jungen, reichen Wittwe nahten, aber sei es, daß meine Liebe zu Adolph jede andere Neigung unmöglich machte, oder daß mein Herz nach so vielen harten Schlägen des Schicksals überhaupt nicht mehr fähig war, gerührt zu werden, genug, die Jugend verschwand, ohne daß ich mich auch nur ein Mal versucht gefühlt hätte, meine Freiheit aufzuopfern, und Adolph ist meine einzige Leidenschaft geblieben.

Es ist natürlich, daß dieser Bericht nicht hatte ohne Unterbrechung gegeben werden können. Viele zärtliche und schmerzliche Erinnerungen machten, daß die Freundinnen sich[18] oft weinend umarmten, und daß sie erst wieder Zeit bedurften, um sich zu erholen, ehe sie eine Unterhaltung fortsetzen konnten, deren Inhalt für Beide so wichtig war. Ich hätte wohl gewünscht, schloß endlich, ihre Thränen trocknend, Adele, daß ich Adolph, der mich allein an das Leben fesselte, von der Gefahr einer kriegerischen Laufbahn hätte zurückhalten können, aber es machten dieß theils die jetzigen Einrichtungen unseres Vaterlandes, theils das Blut der Evremonts, das in seinen Adern fließt, unmöglich, denn er hatte kaum das erforderliche Alter erreicht, als er sich in die Reihen der Krieger drängte, und ich hielt es unter solchen Umständen für das Beste, Alles, was ich vermochte, anzuwenden, um ihn zu empfehlen, damit er so bald als möglich zum Offizier befördert würde. Dieß geschah auch trotz seiner großen Jugend sehr bald, und ihm war wenigstens die Bahn eröffnet, sich Ehre zu erwerben, wenn ich auch fortwährend für sein Leben zittern mußte.

Die Dankbarkeit, welche die Gräfin für die Schwester des Grafen Evremont empfinden mußte, erhöhte die frühere Neigung, und beide Frauen schlossen sich eng an einander in inniger Freundschaft, die dadurch noch fester wurde, daß Beider Zärtlichkeit sich in demselben Gegenstand begegnete. Adolph St. Julien pries sein Geschick, das ihm zwei Mütter gegeben hatte, die er beide mit herzlicher Liebe empfing.[19]

Der Graf hatte es gern übernommen, die Geschäfte seiner Freunde ordnen zu helfen, und er fand es natürlich, daß die Tante das zarte Gefühl für Recht zu befriedigen suchte und dem Neffen das Erbe seines Vaters einzuhändigen wünschte. Er stand ihr also in diesen Auseinandersetzungen bei, und indem er in Berlin die Papiere durchging, die sie zu diesem Behuf mitgebracht hatte, fielen ihm auch die Zeugnisse der Geburt des jungen Mannes in die Hände, und er machte die Wittwe des Herrn St. Julien darauf aufmerksam, daß es auch gerecht sei, daß dessen Adoptivsohn den so lange geführten Namen ablege und den ihm durch die Geburt zukommenden führe. Es war ihm nicht schwer, die Schwester des Grafen Evremont zu überzeugen, daß bei der Wendung, die die öffentlichen Angelegenheiten Frankreichs genommen hatten, dieß für den jungen Mann vortheilhaft sei, um so mehr, da nicht nur dort ein neuer Adel entstand, sondern Napoleon unverkennbar die alten Familien um sich zu sammeln suchte, und man so in der Ferne hoffen konnte, den jungen Mann wieder als Grafen anerkannt zu sehen; eine Hoffnung, die weder dem Grafen selbst, noch der Wittwe St. Juliens gleichgültig war, denn wie der Mensch auch meint sein Herz gereinigt und sich über Vorurtheile erhoben zu haben, so lassen sich doch Gefühle, die von frühester Kindheit an ihm unbewußt genährt werden[20] und mit ihm gewachsen sind, wohl verläugnen, sie gänzlich auszurotten aber ist er niemals im Stande.

Der Graf war weit davon entfernt, irgend ein drückendes Vorrecht des Adels erneuert zu wünschen, aber er konnte sich nicht abläugnen, daß er den jungen Mann, den er väterlich liebte und dem er, als dem Sohne seiner Gemahlin, alle Rechte eines leiblichen Sohnes einräumen wollte, Graf Evremont zu nennen wünschte, und er meinte, wenn nur der erste Schritt geschehen sei und er den Namen seines Vaters führte, so stände der Anerkennung des alten Adels eigentlich nichts mehr entgegen, die ja in Deutschland erfolgen mußte, selbst wenn sie Napoleon nicht bewilligen sollte, weil die vorhandenen Dokumente die Rechte des jungen Mannes an diesen Titel klar bewiesen, denn daß der geliebte Sohn sich auf deutschen Boden zurückziehen sollte, sobald die Ehre es erlaubte, war gleich nach der Erkennung in Hohenthal von allen Seiten beschlossen worden.

Quelle:
Sophie Bernhardi: Evremont. Theil 3, Breslau 1836, S. 1-21.
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