II

[21] St. Julien empfing mit Dankbarkeit sein väterliches Erbe und bat den Grafen, es gemeinschaftlich mit seiner Tante zu verwalten. Der Frühling näherte sich, und da der Urlaub des jungen Mannes ebenfalls beendigt war, so durfte[21] er nicht länger zögern, und die Trennung, die seinem Herzen so schwer wurde, mußte erfolgen.

Der Graf suchte die Standhaftigkeit seiner Familie zu erhalten und vor Allem die Gräfin zu schonen, indem er darzustellen suchte, daß wenigstens keine Gefahr für den geliebten Sohn für die nächste Zeit zu befürchten sei, weil man von Portugal, wohin sich die Truppen wahrscheinlich richten würden, keinen bedeutenden Widerstand erwarten dürfe. Die Gräfin fühlte, daß der Graf die Sache selbst anders betrachtete, als er sie zu ihrer Beruhigung darzustellen wünschte, und fand deßhalb keinen Trost in seinen Worten.

In den schönen Augen der sanften Emilie entdeckte man oft Spuren von Thränen, und ihre sonst von einer zarten Röthe angehauchten Wangen wurden täglich bleicher. St. Julien suchte seit lange ein einsames Gespräch mit ihr, und er bereute hundert Mal, daß er den Aufenthalt auf dem Lande nicht besser benutzt hatte, der ihm täglich die Gelegenheit dazu bot, die er in Berlin lange vergeblich herbei wünschen mußte. Er wollte sich nicht trennen, ohne aus dem Munde der Geliebten das Wort zu vernehmen, welches nach seinem Gefühle über das Glück seines Lebens entscheiden mußte, und dieß Wort wollte er selbst vernehmen und nicht der Bewerbung eines Andern verdanken, und nur dann,[22] wenn Emilie über sein Glück entschieden hätte, wollte er es seinen Freunden mittheilen.

Endlich fand sich der lang herbeigesehnte Augenblick. Der Graf war mit den andern Damen ausgefahren und wurde erst in einigen Stunden zurückerwartet. Emilie, die seit einiger Zeit die Einsamkeit suchte, um sich ungestört ihren Träumen und ihrer Trauer hingeben zu können, war unter dem Vorwande eines leichten Unwohlseins gern zurückgeblieben, und St. Julien, der ihre Absicht bei der Mittagstafel erfuhr, zog sich ebenfalls von der Gesellschaft zurück.

Er fand die Geliebte, wie er es wünschte, allein. Die bei seinem Eintritt getrockneten Thränen und die Röthe ihrer Wangen zeigten ihre innere Bewegung. Vor der dunkeln Glut seines Auges senkten sich schüchtern die milden, dunkelblauen seiner Freundin, und nach schwachem Widerstreben ruhten ihre zitternden Hände in den seinen. Ihr Ohr trank die süße Melodie seiner Worte, und sie berauschte ihr Herz mit seligem Entzücken. Die Glut seines Gefühls öffnete ihm das schöne, von jungfräulicher Zaghaftigkeit verhüllte Herz, und ließ ihn entzückt die Tiefe und Fülle ihrer zärtlichen Neigung ahnen. Die Stunden verschwanden dem glücklichen Paar wie Minuten, und als der Graf mit seiner Gesellschaft zurückkehrte, belehrte ihn der leuchtende Blick St. Juliens und die hochrothen Wangen Emiliens, daß eine Erklärung[23] zwischen Beiden Statt gefunden hatte, die er und die Gräfin lange erwartet, der sie aber nicht hatten vorgreifen wollen.

Da Niemand den Wünschen der Liebenden entgegen war, so wurde ihre Verlobung noch denselben Abend geschlossen, und da man glaubte, daß die Angelegenheiten in Portugal bald beendigt sein würden, und hoffte annehmen zu dürfen, daß die Vermittlung Napoleons in der Angelegenheit der spanischen Königsfamilie ohne Blutvergießen eintreten könne, so wurde von allen Seiten beschlossen, daß die Verbindung St. Juliens mit der schönen Emilie dann sogleich geschlossen werden sollte.

Freilich seufzte der junge Mann über diesen Aufschub, aber er sah ein, daß nun, da er mit der Erklärung aus seltsamer Zaghaftigkeit so lange gezögert hatte, die Zeit nicht mehr hinreichte, um vor seiner Abreise die nöthigen Vorbereitungen zu einer ehelichen Verbindung zu treffen. Dann wünschte er eben so, wie der Graf, diese unter dem Namen Evremont zu schließen, und da er in seiner Regimentsliste als St. Julien eingetragen war, so konnte er sich nicht eher anders nennen, bis eine Anerkennung von Napoleon und in Folge dessen eine Umschreibung ausgewirkt worden war. Es blieb also für alle Theile nichts anders übrig, als den Schmerz des Aufschubs und der Trennung zu ertragen.

Der lang gefürchtete Augenblick war endlich erschienen.[24] Die Gräfin entließ die weinende Adele aus ihren Armen und drückte mit krampfhafter Heftigkeit den Sohn an die Brust. Des Grafen Wangen waren bleich und er bemühte sich vergeblich die Thränen zurückzuhalten, als Adele zu ihm trat und ihm im stummen Schmerz die Hand reichte. Das dunkle, kummervoll auf ihn gerichtete Auge ließ ihn ahnen, daß in der Tiefe der Seele die Neigung nicht ganz erstorben sei, die, wie er glaubte, einst ihr Herz für ihn empfunden hatte. Emilie hatte ihr Gesicht verhüllt und lehnte sich trostlos an die Ecke des Sophas. Endlich riß sich St. Julien aus den Armen der Mutter los, umschlang noch ein Mal die beinah ohnmächtige Geliebte und stürmte mit dem Grafen hinaus. Im Vorzimmer traf er auf Dübois, der die Familie nach Berlin begleitet hatte.

Liebevoll richtete der alte Mann die Augen auf St. Julien. Er wollte reden, aber die Wehmuth versagte ihm die Sprache. Der junge Mann drückte den Greis mit Heftigkeit an die Brust, und küßte die von Alter und Gram gefurchten Wangen, dann stürzte er mit dem schmerzhaften Ausruf: Ach mein Vater! in die Arme des Grafen. Muthig, mein Sohn! sagte der Graf mit bebenden Lippen, standhaft, wir sehen uns wieder! Auch Adele war hinzugetreten und reichte sprachlos, weinend Dübois die Hand, die dieser mit zitternden Lippen küßte und mit heißen Thränen[25] benetzte. Alle stiegen die Treppe hinunter. Noch ein Mal umarmte der Vater den geliebten Sohn, noch ein Händedruck, noch ein letzter Blick – und dahin rollte der Wagen und war bald den Blicken des Grafen entschwunden, der langsam, allein und kummervoll, die Treppe wieder hinauf stieg und sich zu den trostlos weinenden Frauen verfügte.

Die Zeit besiegte endlich auch die Heftigkeit dieses Schmerzes. Er hatte sich in stille Trauer verwandelt, und leise schlich sich die Hoffnung in die verwundeten Herzen. Die Phantasie machte sich aus der Gegenwart los und zeigte in naher Zukunft schimmernde Bilder des Glücks.

So hatte nach mehreren Tagen die Familie die äußere Ruhe wieder gewonnen, und jeder Posttag wurde nun ein Festtag, denn jeder brachte Briefe voll inniger Liebe und zärtlicher Freundschaft von den Reisenden. Aber endlich wurde auch diese Mittheilung von Seiten St. Juliens seltener, denn als er sein Regiment er reicht hatte, machten die militärischen Bewegungen desselben einen regelmäßigen Briefwechsel unmöglich.

Der Graf hatte indessen von dem Prediger einen Brief erhalten, der mancherlei Gedanken in ihm erregte. Der Pfarrer theilte ihm nämlich mit, daß er einen Brief von dem Baron Schlebach, dem Bruder der Gräfin, erhalten, den dieser aber nicht selbst geschrieben habe, sondern, da er[26] durch eine heftige Erschütterung des Gemüths gefährlich erkrankt sei, habe schreiben lassen. In diesem Briefe sagte der Baron, daß er sich an den Prediger wende, damit dieser dem alten Lorenz die Nachricht eines Unglücks auf eine gelinde Art beibringen möge, das der alte Mann doch erfahren müsse und aus dem Munde des Predigers am besten erfahren könne, der durch den Trost der Religion den nothwendigen Schmerz zu lindern vermöge. Das bezeichnete Unglück selbst wurde auf folgende Art dargestellt. Es habe sich häufig ereignet, daß sie auf ihrer Reise nach der spanischen Gränze mit ebenfalls sich dahin begebenden französischen Truppen zusammengestoßen wären, und es wäre nicht zu vermeiden gewesen, daß die Offiziere der verschiedenen Corps nicht oft Spielgesellschaften veranstaltet hätten, woran sowohl der Baron, als auch sein Freund Lorenz hätten Theil nehmen müssen. Bei einer solchen Gesellschaft, wo viel Geld hin und her sei verloren worden, habe sich ein heftiger Streit erhoben, in den unglücklicher Weise sein Freund wäre verwickelt worden. Ein Duell wäre von den erhitzten Gemüthern als das einzige Mittel betrachtet worden, die verletzte Ehre zu reinigen, und dieses habe eine so unglückliche Wendung genommen, daß sein Freund, von einer Kugel durchbohrt, nicht weit von Bayonne geblieben sei. Dieser Unglücksfall habe ihn selbst, den Baron, so erschüttert,[27] daß er schwer erkrankt sei. Deßhalb eile er eine traurige Pflicht zu erfüllen, ehe es vielleicht durch sein Ende unmöglich würde, damit er sich nicht sterbend den Vorwurf zu machen habe, daß der alte Vater auch das ihm zukommende Erbe noch verlöre, nachdem er schon so unglücklich gewesen sei, den Sohn zu verlieren, da der Nachlaß des verschiedenen Sohnes doch wenigstens dazu dienen könne, dem Greise die Beschwerden des Alters zu erleichtern. Der Baron hatte diesem Briefe das von dem alten Lorenz selbst verfertigte Verzeichniß der Sachen, die der Sohn mitgenommen hatte, in beglaubigter Abschrift beigefügt. Da es unmöglich sei, diese Sachen selbst zu senden, hatte der Baron, wie er anzeigte, die Garderobe zu verkaufen befohlen, die Ringe aber, Uhren, Dosen, Brillanten und so weiter, von kunstverständigen Männern nach ihrem wahren Werthe abschätzen lassen, weil er sie, Falls er leben bleiben sollte, zum Andenken an seinen Freund zu behalten wünsche. Auch hierüber waren die nöthigen Zeugnisse beigelegt, nebst der für den vollen Werth dieser Kleinodien erkannten Summe. Ebenfalls folgte die baare Summe dessen mit, was der Sohn, wie es dem alten Lorenz bekannt war, als Reisegeld mitgenommen hatte. Die ganze beträchtliche Summe war dem Prediger in Wechseln übermacht worden, und der alte Lorenz war nun ein wohlhabender Mann und der Geistliche[28] fragte an, ob der Graf unter diesen Umständen noch immer die ihm früher bewilligte Pension wolle auszahlen lassen, da der Alte einen so schlechten Gebrauch von dem ihm auf eine so traurige Weise zugefallenen Vermögen mache, und sich nach einer kurzen Trauer über den Verlust des Sohnes ganz dem Trunke ergeben habe, also eine fernere Unterstützung weder bedürfe noch verdiene, und jetzt gerade eine durch viele Unglücksfälle herabgekommene Familie, die er dem Grafen näher bezeichnete, durch den würdigen Gebrauch der für den alten Lorenz bestimmten Summe dem Elende entrissen werden könne.

Der Graf wies eine Summe an zur Unterstützung der von dem Prediger empfohlenen Familie, aber zu dessen großem Verdruß entschied er zugleich, daß dem alten Lorenz, den der Prediger seiner großen Schlechtigkeit wegen verabscheute, die Pension unter jeder Bedingung ausgezahlt werden müsse.

Der Graf verlor sich in Nachdenken über den Brief des Predigers. Es schien ihm gar nicht dem Charakter seines Schwagers, des Barons zu entsprechen, mit so viel zärtlicher Schonung und Rücksicht gegen den alten Lorenz zu verfahren. Vielmehr erlaubte er sich zu denken, daß der Baron, theils aus Leichtsinn, theils aus Gleichgültigkeit gegen alle menschlichen Gefühle, es natürlicher gefunden haben würde,[29] über den ganzen Vorfall zu schweigen, die vorhandenen Summen zunächst zu verbrauchen, und es ruhig der Zeit und dem Zufall zu überlassen, den Vater von dem Verluste seines Sohnes zu benachrichtigen. Dieser Brief nun zeigte eine gewisse Aengstlichkeit den Alten zufrieden zu stellen, und fernere Nachforschungen und Fragen abzuwenden. Auch die Empfindsamkeit des Barons war dem Grafen sehr befremdend. Es schien ihm nicht glaublich, daß dessen durch ein langes Spielerleben verhärtetes Herz eine so zärtliche Neigung für den jungen Lorenz könne gefaßt haben, daß dessen Tod ihm eine gefährliche Krankheit zuziehen könne, und es dünkte ihm unmöglich, daß man, wenn man die Kräfte besitze, einen so langen und besonnenen Brief zu diktiren, nicht auch so viel Kraft noch haben sollte, um wenigstens seinen Namen selbst zu unterschreiben, Falls man nicht durch Lähmung oder Verwundung daran verhindert würde, und doch waren diese Hindernisse in dem Briefe nicht angegeben. Je mehr der Graf über alle diese Umstände nachdachte, um so zweifelhafter wurde ihm die Wahrheit aller angegebenen Thatsachen, und es stieg die Vermuthung in ihm auf, die Sache könne sich umgekehrt verhalten, der Baron könne im Duell geblieben sein, und der junge Lorenz, von Hochmuth verleitet, sich dessen Papiere angeeignet haben und als Baron fortzuleben wünschen. Dieß angenommen ließ sich auch[30] das Uebrige erklären. Es wurde ihm dann leicht, seinem Vater zu übermachen, was er selbst besessen hatte, wenn er sich in Besitz dessen setzte, was der Baron mitgenommen, dem ja der Graf selbst ansehnliche Summen ausgezahlt hatte. Auch lag die Vermuthung nahe, daß das Duell über dessen Gewinn im Spiele entstanden sein könne, und es war erklärt, weßhalb der angebliche Baron die eigenhändige Unterschrift vermieden hatte. Je mehr der Graf über diese Umstände nachdachte, um so wahrscheinlicher wurde ihm seine Vermuthung; doch beschloß er gänzlich darüber zu schweigen und der Zeit die Aufklärung zu überlassen.

Es war indessen der Frühling des Jahres achtzehn hundert und acht eingetreten. Der Graf, seine Familie und Freunde lebten mehr sich selbst, als der Gesellschaft. Der Graf konnte die damals herrschenden Ansichten und die daraus entspringenden Hoffnungen nicht theilen, und wie hoch er auch den Heldenmuth Schills achtete, so glaubte er doch, daß die Rettung des Vaterlandes unmöglich durch die schwachen Kräfte erreicht werden könne, die sich um den sammeln könnten, in dem die Berliner mit lauter Begeisterung den Erretter und Befreier ahneten. Doch wie wenig er auch die allgemein ausgesprochene Hoffnung für die nächste Zeit theilte, so zeigten sich dem aufmerksamen Beobachter doch so viele Spuren von wahrer Kraft und Vaterlandsliebe, daß wenigstens[31] die Hoffnung für die Zukunft nicht in seiner Brust erstarrte und er um so lieber in der Gegenwart schwieg, weil derjenige, welcher der Begeisterung der Berliner zu widersprechen wagte, beinah wie ein Landesverräther betrachtet wurde.

Dem Obristen Thalheim war es unmöglich, dieselbe Mäßigung zu beobachten. Ihm, als einem alten Militär aus der Schule Friedrich des Zweiten, schien es an Wahnsinn zu gränzen, daß alle jungen Leute eine Stimme über kriegerische Operationen und über die Verwaltung des Staates haben wollten. Ihm schien es die einzig mögliche Verwaltungsart, daß der König und seine Minister über Krieg und Frieden bestimmten, dann ein Heer ordneten und dessen Leitung erfahrenen Offizieren übertrügen. Alles, was dabei vom Volke ausgehen sollte, erschien ihm wie Rebellion, und er verkündigte oft, daß alle Gräuel der französischen Revolution eintreten müßten, wenn den lauten Aeußerungen der Bürger und vor Allen der Jugend nicht Einhalt gethan würde.

Es war vergeblich, daß der Graf ihn darauf aufmerksam machte, wie der außerordentliche Druck, unter welchem das Vaterland seufze, auch außerordentliche Mittel nothwendig mache, und wie man, wenn man künftig hoffen wolle, durch die Hülfe Aller das beinah unmöglich Scheinende zu erreichen, auch die Stimmen Aller hören müsse. Aus Achtung für den Grafen schwieg dann wohl der Obrist, aber[32] er zeigte bei nächster Gelegenheit seinen Abscheu nur um so lauter.

Unter solcher Umständen war es natürlich, daß ihm der Aufenthalt in Berlin unerträglich wurde, und er sehnte sich nach der Stille des Landlebens und nach einer Umgebung zurück, die mehr Rücksicht auf sein Alter nahm und, wenn sie auch seine Ansichten nicht immer theilte, ihm doch nicht mit so großer Heftigkeit widersprach, wie er es sich zu seiner Verwunderung in Berlin von ganz jungen Leuten mußte gefallen lassen.

Der Graf Robert hatte sich mit Eifer der Landwirthschaft gewidmet, und es war zu bemerken, daß er die Angelegenheiten des Vaterlandes etwas aus den Augen verlor und jeden Tag mit zärtlicher Sehnsucht die blühenden Wangen, die leuchtenden Augen und die schlanke Gestalt seiner Braut betrachtete, die ebenfalls von seinen Blicken zu leben schien und in unverkennbarer Zärtlichkeit das Glück des Daseins nur an seiner Seite empfand.

Die Briefe St. Juliens waren seltener geworden. Man erwartete jedoch, daß die öffentlichen Angelegenheiten sich so wenden würden, daß man bald ihn wiederzusehen hoffen dürfte, denn man glaubte Napoleon würde mit dem Vortheile zufrieden sein, der ihm daraus erwachsen mußte, daß die auf's Aeußerste aufgeregten Leidenschaften der spanischen[33] Königsfamilie ihn zum Vermittler und Schiedsrichter aufriefen, und dadurch in eine Stellung brachten, wodurch Spanien mit allen seinen Kräften von ihm abhängig wurde. Aber das Unerhörte war geschehen. Der Held, der Sieger in so vielen Schlachten hatte mit unwürdiger List ein Netz ausgespannt, das zugezogen wurde, als alle Glieder der königlichen Familie in den verderblichen Kreis gelockt waren. Und der Ruhm der französischen Adler war befleckt, sie, die triumphirend über so vielen Schlachtfeldern geschwebt hatten, bewegten sich nun in einem durch unwürdige List errungenen Lande.

Hätte Napoleon nicht mit zu großer Geringschätzung auf die Menschen und in Folge dessen auf die öffentliche Meinung herabgesehn, so hätte er vielleicht einen für seinen Ruhm und wahren Vortheil so nachtheiligen Schritt unterlassen, über den nur ein Gefühl der Mißbilligung und des Abscheues in Aller Herzen lebte, und der selbst die an Anbetung gränzende Verehrung verminderte, die bis dahin alle seine Truppen für ihn gehegt hatten.

Diese allgemeine Wirkung war auch in St. Juliens Briefen bemerklich; denn ob er sich wohl mit Behutsamkeit ausdrückte, indem er die Besetzung Spaniens meldete, so war doch eine große Kälte fühlbar, die bei seiner früheren warmen[34] Begeisterung für Napoleon um so mehr auffiel und dem Grafen Veranlassung zu manchen Betrachtungen gab.

Dieß Mal war der Obrist Thalheim mit den lauten Aeußerungen des Unwillens der Berliner zufrieden. Die harten Urtheile der jungen Leute über Napoleon und seine Regierung schienen ihm weder vorlaut noch unziemlich, und die stärksten Aeußerungen über diesen Gegenstand wurden in der Stadt als die Aussprüche des Obristen Thalheim bekannt, so daß der Graf, besorgt wegen der möglichen Folgen, ihn eines Morgens zur Behutsamkeit ermahnen wollte und sich deßhalb auf sein Zimmer begab. Er fand den alten Mann wehmüthig, halb unwillig nachdenkend, und Therese, in deren Augen sich Spuren von Thränen zeigten, schlüpfte nach der ersten Begrüßung des Grafen hinaus. Dieser vergaß den Zweck seines Besuchs, in der Besorgniß, daß dem Freunde etwas Unangenehmes begegnet sein möchte, und suchte mit Behutsamkeit den Grund des Kummers zu erforschen, der Vater und Tochter sichtlich bewegte. Der Obrist schien verlegen, weil er die Worte nicht finden konnte, die ihm schicklich dünkten, ein Gespräch einzuleiten, welches er doch offenbar wünschte. Endlich sagte er: Scheint es Ihnen jetzt nicht auch, lieber Graf, als ob wir nun, da sich Napoleons Macht immer weiter ausdehnt, alle Hoffnung aufgeben müßten, von dem Drucke befreit zu werden?[35]

Wenigstens für die nächste Zeit, erwiederte der Graf seufzend, glaube ich kaum, daß wir uns erfreulichen Hoffnungen überlassen dürfen.

Und kann es wohl, fragte der Obrist weiter, jetzt einen wahren Genuß gewähren, Deutschland oder überhaupt die Länder Europas zu durchreisen, und überall dieselbe drückende Herrschaft des Fremden anzutreffen, überall den schnöden Uebermuth seiner Beamten zu finden, und im Grunde als den einzigen Gewinn seiner Reisen die Ueberzeugung nach Hause zu bringen, daß alle Nationen ihre Selbständigkeit verloren haben?

England müßten wir doch ausnehmen, bemerkte der Graf lächelnd.

Nun ja, sagte der Obrist verdrüßlich. England ist dadurch geschützt, daß Napoleon es nicht erreichen kann. Aber glauben Sie mir, wäre nicht das Meer sein Schutz, es würde eben so wie alle Uebrigen sich der französischen Macht beugen, denn hat nicht Preußen erliegen müssen? Sind nicht die in der Schule Friedrichs erzogenen Krieger überwunden? Welche Nation ist also sicher, wenn er sie erreichen kann?

Der Graf wollte den Verdruß des Obristen nicht noch steigern; er antwortete also auf diese Frage nichts, und der alte Krieger fuhr nach einem kurzen Schweigen fort: Ich wollte nur sagen, ob es nicht besser sei, für jetzt die öffentlichen[36] Angelegenheiten so viel wie möglich aus den Augen zu lassen, weil man doch auf keine Weise wohlthätig eingreifen kann, und sich auf einen stillen, abgelegenen Fleck mit seiner Familie zurückzuziehen, um im Genusse des häuslichen Glückes einigermaßen Trost für alles öffentliche Ungemach zu finden.

Gewiß, sagte der Graf, wäre dieß weise von dem gehandelt, dem Niemand feindlich diese einfachsten, natürlichsten Genüsse stört.

Ich sehe ein, erwiederte der Obrist mit Verlegenheit, daß Sie es vorziehen müssen, sich auf einige Zeit von Ihrem paradiesischen Landsitz zu trennen, denn das neugierige Geschwätz rund umher muß Ihnen verdrießlich gewesen sein, aber ich, halten Sie mich nicht für undankbar, lieber Graf, ich sehne mich aus dem Geräusch der Stadt hinweg. Ich kann nicht annehmen, daß ich noch lange lebe. Betrachten Sie mein graues Haar und Sie werden mir Recht geben, und mir, dem sich dem Grabe zuneigenden Greise scheint es sträflich, Glück und Genuß des Lebens noch verschieben zu wollen, und von der ungewissen Zukunft zu erwarten, was sich uns so freundlich in der Gegenwart bietet.

Der Graf sah den Obristen verwundert an, weil er nicht begriff, wohin dieß Gespräch führen sollte. Der Greis nahm die Hand des Freundes, die er mit Zärtlichkeit drückte, und sagte mit weicher Stimme: Warum wollen Sie den Sohn[37] von mir entfernen, den sich mein Herz gewählt hat? Warum wollen Sie ihn in die Ferne senden, von dem ich mich mit dem schmerzlichen Gefühl trennen würde, daß ich ihn wahrscheinlich nicht wiedersehe? Warum wollen Sie meiner Tochter den Trost versagen, wenn sich die Augen des Vaters auf immer schließen, aus denen des Freundes Muth zu gewinnen, das Leben und seine Schmerzen zu ertragen?

Ich glaubte, sagte der Graf, nicht gegen Ihre oder meines Vetters Wünsche zu handeln, indem mein Rath ihm seinen Lebensplan vorzeichnete. Die geringste Einwendung von seiner Seite würde mich bestimmt haben, auf seine Ansicht einzugehen, deßhalb, gestehe ich, befremdet mich unser Gespräch ein wenig. O! theurer Freund, rief der Obrist, indem er die Hand des Grafen heftig drückte und Thränen seine grauen Wimpern netzten, halten Sie es denn für so leicht, Einwendungen gegen den zu machen, dessen großmüthige Liebe sich nur mit unserem Glück beschäftigt? Ist es denn nicht natürlich, daß ein Wort, ein Zeichen von Ihnen uns alle zum schweigenden Gehorsam bestimmt, da wir ja nur Ihnen, Ihrer Liebe allein alles verdanken, was uns das Leben an Glück und Genuß noch bieten kann?

Dann wäre die Liebe Tyrannei, sagte der Graf etwas unwillig, und Sie würden meine Freundschaft zu theuer erkaufen, wenn Sie dafür alle Selbstständigkeit hingeben wollten.[38] Aber mir schien die heftige Vaterlandsliebe meines Vetters so groß, daß ich befürchtete, sie könnte in manchen Stunden über die zartere Neigung seines Herzens die Herrschaft gewinnen, und ich hielt es deßhalb für wohlgethan, beide Empfindungen so viel als möglich in Einklang zu bringen. Auf diese Ansicht gründete sich vorzüglich mein Rath.

Sie haben gewiß oft die Erfahrung gemacht, sagte der Obrist lächelnd, daß, wenn das menschliche Herz eine Zeitlang mit gleicher Macht zwei Leidenschaften gehegt hat, dann plötzlich die eine so gewaltig wird, daß sie die andere auf lange gänzlich unterdrückt. Dieser oft schon eingetretene Fall hat sich erneuert, und die heißeste Sehnsucht Ihres Vetters richtet sich auf meine Tochter, deren zärtliche Neigung sich so unschuldig offenbart, daß sie Ihnen nicht hat entgehen können.

Aber warum, rief der Graf, schweigt mein Vetter über dieß alles gegen mich, da ein Wort von ihm hinreichend ist, um mich für seine Wünsche zu bestimmen. Dieser Mangel an Vertrauen, ich gestehe es, beleidigt mein Gefühl.

Sie haben unrecht, sagte der Obrist mit einiger Heftigkeit. Sie wissen es nicht, wie Sie bis zur Anbetung beinah von den jungen Leuten geliebt werden, und ich finde es natürlich, daß sie ihre Wünsche beherrschen und ihr Leben nach der besseren Einsicht eines großmüthigen, erfahrnen Freundes ordnen wollen, und glauben Sie denn, daß ich ein Wort[39] gesprochen hätte, wenn bloß von der Sehnsucht der Liebenden die Rede wäre? Vor denen breitet sich das Leben noch weit und herrlich aus, und ein kurzer Aufschub ihres Glücks enthält für sie am Ende eben so viel Süßigkeit als Qual. Aber ich, theurer Graf, ich muß geizen mit den Stunden irdischen Glückes, und soll es möglich sein, daß das wunderbare Gefühl noch mein Herz berührt, einen Enkel in den Armen zu halten, so muß ich selbst aus dem Wege räumen, was der Verbindung meines Kindes entgegen steht.

Unwillkührlich richtete sich das Auge des Grafen auf das silberweiße Haupt des Greises, der ihm gutmüthig lächelnd gegenüberstand, und er sagte, indem er die Hand desselben innig drückte: Nicht eine Stunde will ich ein Glück verzögern, dessen hohen Werth für Sie ich wohl erkenne, und ich sehe wieder ein, daß das Gefühl beinah immer sicherer leitet, als Ueberlegung und Berechnung.

Ich wußte es wohl, sagte der Obrist, daß es nur ein Wort kosten würde, um Sie unsern Wünschen geneigt zu machen, aber eben darum wurde es mir schwer, dieß Wort zu sprechen.

Lieber alter Freund, sagte der Graf lächelnd, es ist ja Ihre Angelegenheit und nicht meine. Es ist ja also natürlich, daß Sie darin bestimmen und nicht ich.

Sie wollen, erwiederte der Obrist, jede Erinnerung daran[40] abweisen, daß unser aller Glück nur allein Ihr Werk ist; aber um so lebendiger werden wir es fühlen.

Der Graf gab dem Gespräch eine heitere Wendung, indem er mit dem Obristen überlegte, wie bald die Verbindung seiner Tochter mit dem Grafen Robert gefeiert werden könnte, und begab sich hierauf zu den Frauen, um ihnen mitzutheilen, daß die beabsichtigte Reise seines Vetters aufgegeben und dagegen seine Verheirathung beschlossen sei.

Die Gräfin sowohl als Emilie, die sich mehr, als sie zeigen wollten, dem Kummer um St. Julien überließen, fanden Zerstreuung ihres Grams, indem sie sich eifrig mit der Ausstattung ihrer jungen Freundin beschäftigten, und mit zärtlicher Liebe und großmüthiger Freundschaft alles darin vereinigten, wodurch das häusliche Leben edel und zierlich gestaltet werden kann.

Die glühende Dankbarkeit des Grafen Robert zeigte seinem Oheim, wie schwer das Herz des jungen Mannes den längeren Aufschub seines Glücks ertragen hätte, und Therese drückte mit beredtem Schweigen und seligen Thränen ihre Freundin Emilie an die klopfende Brust, und empfing mit glühendem Erröthen und niedergeschlagenen Augen die reichen Geschenke der Gräfin.

Der Graf hatte mit seinem Vetter alle nöthigen Verabredungen getroffen. Ein erfahrner Landwirth hatte sich verbindlich[41] gemacht, den Letzteren zu begleiten und mit ihm gemeinschaftlich die großen Besitzungen des Oheims, wie seine eigenen, zu verwalten. Dabei sollte nicht verabsäumt werden, die jungen Landleute in der Vaterlandsliebe zu erhalten und in den Waffen zu üben, um in einer besseren Zukunft, die Beide in der Ferne zu erblicken glaubten, von ihren gesammten Kräften Gebrauch zu machen.

Schnell waren die wenigen Wochen verflogen, die zu den Vorbereitungen einer ehelichen Verbindung erforderlich waren, und der Tag, der das Glück der Liebenden befestigen sollte, war erschienen. Emilie hatte ihre Freundin edel und einfach geschmückt, und Aller Augen richteten sich bewundernd auf die schlanke Gestalt der holden Braut, als sie an der Hand des Vaters, der seine Rührung nicht bekämpfen konnte, in den Saal trat. Es schien, als ob erst an diesem Tage die Schönheit der Jungfrau sich in ihrer ganzen Herrlichkeit entwickelt habe, und die leuchtenden Augen des Grafen Robert zeigten, daß er sein Glück erkannte. Kein lautes Fest bezeichnete mit unpassendem Getöse die Vereinigung der Herzen, die in ihrer innigen Empfindung dadurch nur verletzt worden wären. Auch gesellte sich mancher ernste Gedanke zu dem Gefühl des Glücks. Der Obrist wußte, daß er nicht lange mehr das glückliche Loos seines Kindes betrachten, daß er sich nicht lange mehr der Liebe der Tochter erfreuen würde,[42] und seine Gedanken richteten sich, mitten im Gefühl des Glücks, auf ein dunkles Grab und mit erhöhter Zuversicht über dieß Grab hinaus. Der Graf dachte daran, daß sein Name nur in den Nachkommen seines Vetters fortleben werde, und daß St. Julien, dessen Liebe ihm Ersatz für alles, was er entbehrte, gewähren solle, von Gefahren umringt sei, die er sich nicht verhehlte, wenn er sie auch seiner Gemahlin verschwieg. Die Gräfin theilte trotz dieses Schweigens seine Sorgen, und fragte sich mit stiller Angst und Wehmuth, ob sie wohl je den Tag erblicken würde, an welchem sie dem Sohne die Geliebte so festlich geschmückt entgegen führen könne, und ihr Auge ruhte mit zärtlicher Trauer auf Emilie, die, in Thränen lächelnd, die glückliche Freundin umarmte.

Quelle:
Sophie Bernhardi: Evremont. Theil 3, Breslau 1836, S. 21-43.
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