VIII

[100] Einige Tage waren verflossen, seitdem Dübois der Gräfin die wenigen, unbefriedigenden Nachrichten über den Verwundeten gegeben hatte. Der Kranke besserte sich fortwährend und war endlich so weit, das Zimmer verlassen zu können. Der Haushofmeister benachrichtigte die Gräfin, daß es der sehnlichste Wunsch des jungen Mannes sei, ihr seine Dankbarkeit für die Aufnahme in ihrem Hause zu bezeigen. Sein Begehren ließ sich nicht abschlagen, ohne alle Sitte zu verletzen, und die Gräfin selbst fühlte eine mit Furcht vermischte Begierde ihn wieder zu sehen.

Das Verhältniß zwischen Emilie und der Gräfin war seit der Erklärung, die beide näher rückte, höchst freundschaftlich[100] geworden; die Gräfin war gegen ihre junge Freundin liebreich und vertraulich; sie that sich nicht mehr den Zwang an, mit ihr gleichgültige oder geistreiche Gespräche zu führen, wenn trübe Erinnerungen und quälende Gedanken ihre Seele beherrschten, und Emilie durfte ihre Theilnahme offen zeigen, statt daß sie sonst zu ihrer eigenen Qual in solche Gespräche einstimmen mußte.

Beide Frauen saßen im Theezimmer und erwarteten den Grafen, der versprochen hatte, um diese Zeit von Heimburg zurück zu kehren, wohin ihn der Baron Löbau dringend eingeladen hatte, und den Kapitain St. Julien, der zum ersten Male den Frauen seinen Besuch machen wollte. Beide Männer wurden mit Unruhe erwartet. Das Dringende der Einladung des Barons ließ deutlich merken, daß etwas Wichtigeres, als eine freundschaftliche Sehnsucht sie veranlaßt hatte, und St. Julien wurde von der Gräfin mit Aengstlichkeit erwartet, weil sie befürchtete, daß sie sich bei seinem Anblick nicht so, wie sie es wünschte, würde beherrschen können.

Endlich öffnete sich die Thüre, und langsam näherte sich der junge Mann, den einen Arm in der Binde tragend und sich mit dem andern auf den Haushofmeister stützend. Sein bleiches Gesicht, die eingefallenen Wangen, die gesenkten Augenlieder, die kaum gerötheten Lippen zeigten von großer Ermattung; aber indem er zu sprechen begann, glühte in[101] den dunkeln Augen, die er auf die Gräfin richtete, ein tiefes Gefühl, der bleiche Mund bewegte sich mit unendlicher Anmuth, und der Wohllaut der schönsten männlichen Stimme schien erschütternd auf die Gräfin zu wirken. Es währte einige Augenblicke, ehe sie sich zu fassen vermochte, und Dübois richtete besorgte Blicke auf seine Gebieterin. Emilie betrachtete mitleidig den jungen Mann, der sich mit Mühe aufrecht zu erhalten schien. Die Gräfin löste endlich die peinliche Verlegenheit, die einige Augenblicke herrschte. Sie richtete mit Güte, aber großer Anstrengung, die ersten Worte an den jungen Mann, indem sie sagte: »Ich weiß, Sie sprechen deutsch, ich ziehe es vor, mich in dieser Sprache zu unterhalten, und Sie würden mich verbinden, wenn Sie nie französisch mit mir reden wollten.« St. Julien verbeugte sich und schwieg einige Augenblicke, der Ausdruck der Empfindlichkeit war eine Minute sichtbar auf seinem Gesichte, er konnte nicht voraussetzen, daß die Gräfin die Sprache seines Landes nicht verstehe, und ihm mußte es auffallen, daß sie in Erwiederung auf sein dankbares Gefühl, das er sich auszudrücken bemüht hatte, diese Bitte an ihn richtete, die nicht freundlich klang. Ich muß es beklagen, sagte er endlich in deutscher Sprache, daß meine Landsleute sich Ihnen so verhaßt gemacht zu haben scheinen, daß ihre Sprache Ihnen[102] selbst im Munde dessen unerträglich ist, dem Sie so viele Güte erwiesen haben.

Es ist nicht das, sagte die Gräfin in lebhafter Bewegung. Ich bitte Sie, mich nicht zu verkennen; es knüpfen sich für mich an dieß Land und diese Sprache so viele süße, schmerzliche und schreckliche Erinnerungen, daß ich das Land nicht wieder sehen könnte, die Sprache ungern höre und vor Allem aus Ihrem Munde nicht vernehmen möchte. Mit großer Bestürzung sah Emilie die Gräfin an, deren Wangen wie im Fieber glühten, und deren zitternde Stimme von der Bewegung der Seele zeugte. Bei der größten Zurückhaltung, die die Gräfin gegen Jedermann beobachtete, so daß sie auch in den vertraulichsten Stunden ihr Herz niemals ihrer jungen Freundin öffnete, mußte der Zustand, in welchem sie, wie es schien, ihr Vertrauen einem jungen Manne entgegen tragen wollte, den sie zum ersten Mal sprach, Emilien wie ein Zustand des Wahnsinns erscheinen; Dübois sah verlegen vor sich nieder und St. Julien schwieg, erstaunt über den seltsamen Empfang.

Die Gräfin fühlte, daß sie sich hatte überwältigen lassen, und gewann, wie immer, bald die Herrschaft über ihre Empfindungen, so daß sie nach kurzem Schweigen sich mit Ruhe und Würde an St. Julien wendete, ihm ihre Theilnahme an dem Unglück bezeugte, das ihn zum Gast ihres[103] Hauses gemacht hatte, und ihre Freude darüber äußerte, ihn so weit hergestellt zu sehen. Sie forderte den Haushofmeister auf, ihrem Gast alle Bequemlichkeiten zu verschaffen, die seine Lage erheischte, und fragte höchst gütig, ob ihm seine Kräfte erlaubten, Antheil an der Gesellschaft zu nehmen. Man bemerkte zwar, daß die Gräfin von Neuem ein wenig zusammenschreckte, als sie seine Stimme wieder hörte, mit der er sich die Erlaubniß ausbat, noch in Gesellschaft der Damen zu bleiben; sie blieb aber ruhig und befahl nur, einen bequemen Lehnstuhl ihr gegen über an den Theetisch zu rücken, den der Kranke einnehmen mußte. Sie richtete oft das Wort an ihn, um, wie es schien, sich an den Klang seiner Stimme zu gewöhnen, und forderte dann nach einiger Zeit Emilie zum Singen auf, damit, wie sie bemerkte, St. Julien nicht mehr gereizt würde zu sprechen, was ihm doch schädlich sein könnte.

Emilie gehorchte der Gräfin um so lieber, als sie sich heut nicht in ihr Betragen finden konnte; hätte sie ihre Freundin nicht zu gut gekannt, so daß sie wußte, wie höchst ungerecht ein solcher Argwohn sein würde, so würde sie sich nicht haben enthalten können zu glauben, daß die Gräfin einen vortheilhaften Eindruck auf den jungen Mann zu machen wünsche. St. Julien war anfangs verstimmt und verwirrt durch die seltsame Art, mit welcher die Gräfin ihre[104] Bekanntschaft eröffnet hatte; doch fühlte er sich bald durch die Unterhaltung angezogen, so wie durch die Güte, welche sie gegen ihn äußerte, ein Wohlwollen in seiner Brust erregt wurde, über das er sich weder nachzudenken, noch es sich zu erklären bemühte. Es hatte während des Gesprächs die Gräfin des jungen Mannes Aufmerksamkeit so gänzlich gefesselt, daß er Emilien, die sich überdies nicht in die Unterhaltung mischte, wenig beachtet hatte. Er betrachtete nun, indem sie sich durch das Zimmer bewegte, um sich dem Instrumente zu nähern, die schlanke, edle Gestalt, und konnte nicht umhin, die Fülle der glänzenden, schönen blonden Haare zu bewundern, die theils in Flechten aufgesteckt waren, theils in Locken den zarten, weißen Nacken umspielten; sie öffnete die frischen, rothen Lippen, und der Ton ihrer Stimme, der silberrein aus der Brust empor stieg, traf mit rührender Gewalt sein Herz. Emilie hatte den seltenen Vorzug, daß sie sich während des Gesanges verschönte; ohne Anstrengung standen ihr die Töne in der Höhe und in der Tiefe zu Gebote, und sie konnte sich ungestört dem Genuß an der Musik, die sie vortrug, überlassen; darum glühte das Gefühl, das ihre Töne auszudrücken strebten, während des Gesangs in ihren Augen; das Entzücken spielte um den lieblichen Mund und färbte mit höherer Röthe die zarten Wangen.

St. Juliens Augen waren auf die schöne Sängerin geheftet.[105] Die lieblichen Melodien, die ihren Lippen entströmten, durchdrangen sein Herz; die sanfte Glut ihrer blauen Augen schien sich heißer in den dunkeln Sternen der seinigen zu wiederholen, bis die zärtlichen Accorde ein wehmüthiges Gefühl hervorriefen, und er unvermuthet eine Thräne im Auge fühlte, als er die ihrigen im feuchten Glanze schimmern sah.

Ueberrascht durch eine ihm neue Empfindung, beschämt durch eine zu große Reizbarkeit, die ihm Folge seiner Krankheit schien, blickte er während des Gesanges zum ersten Mal nach der Gräfin, um zu er fahren, ob er von ihr beobachtet würde, doch diese schien selbst in Gefühlen oder Gedanken verloren, und schien in diesem Augenblicke nicht auf ihn geachtet zu haben. Der Gesang war beendigt, und alle drei schwiegen noch eine Zeitlang, weil es Menschen, die Musik fühlen und lieben, gewöhnlich schwer wird, nach den himmlischen Tönen, die eine schöne Stimme im Gesange hervorgerufen hat, die Unterhaltung durch Worte und gewöhnliche Rede wieder anzuknüpfen.

Auf dem Gesichte der Gräfin ruhte der Ausdruck einer unaussprechlichen Güte und Milde, als Emilie nach dem Gesange zu ihr trat. Sie drückte die Hand ihrer jungen Freundin, und diese, die schon durch die Musik erweicht war, wendete sich schnell ab, um die Rührung zu verbergen, zu[106] der sie sich durch die Zärtlichkeit der Gräfin bewegt fühlte. Gewöhnlich drückten die Züge dieser Frau eine gewisse Entschlossenheit aus, keinem Unglück, wenigstens im Aeußern, unterliegen zu wollen, und die Hoheit und Kälte in ihrem Wesen schien Empfindungen eher abweisen, als erwiedern zu wollen. In den wenigen Augenblicken aber, wenn sie sich zu vergessen und einem Eindruck rücksichtlos hingegeben schien, dann schwand Kälte, Stolz, Hoheit aus ihren Mienen, wie ein Nebel vor dem heitern Himmel, hinweg, und Liebe, Güte und Milde sprachen aus den dunkeln Augen, und spielten als wehmüthiges Lächeln um den schönen Mund. In solchen Augenblicken schien sie viel älter zu sein, als in ihrem gewöhnlichen Zustande, und doch auch zugleich viel schöner. Die Gräfin hatte während des Gesanges ihre junge Freundin eben so aufmerksam, als St. Julien betrachtet, und niemals war ihr die seltne Schönheit und Anmuth dieses lieblichen Wesens so aufgefallen, als diesen Abend. Sie erschien ihr in ihrer frischen, eben aufblühenden Jugend wie eine zarte junge Rose, die bewußtlos ihre Schönheit nach und nach dem Strahl der Morgensonne entfaltet. Auch St. Julien war ein Gegenstand ihrer Beachtung gewesen, und sie mußte sich gestehen, daß, obgleich seine Gegenwart schmerzliche Erinnerungen in ihrem Herzen erregte, sie doch auch zugleich wohlthätig wirkte. Sie betrachtete mit Rührung die[107] geliebten Züge, die in ihr das Bild eines andern Wesens hervorriefen, und sah mit Wohlgefallen die Glut der Empfindung in den großen braunen Augen, deren Feuer doch durch die Krankheit gemildert ward, und er erschien ihr, ihrer frischen jungen Rose gegenüber, wie eine Blüthe unter einem heißerem Himmel entsprossen, noch ungewohnt der rauheren Luft, die deßhalb krank und welk noch schmachtete, und nicht die Pracht der Farben zu entfalten vermochte.

Diese Träume wurden unterbrochen durch den von Heimburg zurückkommenden Grafen; er vermehrte die Gesellschaft, aber ohne die Unterhaltung durch seine Gegenwart zu beleben; ein seltner Ernst ruhte auf seiner Stirn, und die Worte, mit denen er St. Julien seine Freude darüber bezeichnete, ihn so weit hergestellt zu finden, daß er sein Zimmer verlassen könne, erschienen diesem kurz und kalt. Die Gräfin that einige Fragen an den Grafen, die ausweichend beantwortet wurden; St. Julien glaubte, daß seine Gegenwart eine freie Mittheilung hindere, und stand deßhalb auf, um sich nach seinem Zimmer zurück zu ziehen. Des Grafen Theilnahme kehrte wieder, als er die Ermattung des jungen Mannes und seinen noch hülflosen Zustand bemerkte. Er bot ihm die Hand, um ihm aufstehen zu helfen, und sagte mit etwas gezwungenem Lächeln: Da Ihre Kräfte zunehmen, und Sie sich bald wieder frei werden bewegen[108] können, so werde ich Ihnen Ihr Ehrenwort abnehmen müssen, das Schloß nicht ohne meine Einwilligung zu verlassen, um nicht mit Ihren Landsleuten sich gegen uns zu vereinigen.

Welch ein ohnmächtiger Feind ich sein würde, sagte St. Julien scherzend, bemerken Sie wohl selbst, da ich mich ohne fremden Beistand noch nicht einmal aufzurichten vermag. In vollem Ernst, sagte der Graf zwar höflich, aber sehr bestimmt, ich muß Sie bitten, mir Ihr Ehrenwort zu verpfänden, daß Sie sich hier bei mir völlig wie ein Kriegsgefangener betrachten, folglich ohne meine bestimmte Einwilligung das Schloß nicht verlassen wollen; auch auf den Fall nicht, sezte er finster hinzu, daß Ihre Landsleute uns hier besuchen und Ihnen das Anerbieten machen sollten, sie zu begleiten.

St. Julien sah den Grafen mit Verwunderung an, bemühte sich dann, kalt und ernst, die Hand des verwundeten rechten Armes zu erheben, um sie dem Grafen zu reichen, und verpfändete förmlich und feierlich seine Ehre dafür, daß er sich als Gefangener betrachten und das Schloß nicht ohne Erlaubniß des Grafen verlassen wolle. Beide verbeugten sich gegeneinander und St. Julien noch besonders gegen die Frauen; er versuchte es dann sich nach der Thür zu bewegen; Emilie zog rasch und ängstlich die Klingel; Dübois,[109] der im Vorzimmer gewartet hatte, trat ein und führte seinen Pflegebefohlenen nach dem einsamen Krankenzimmer zurück.

Was ist vorgefallen? fragte die Gräfin mit Besorgniß, sobald der junge Mann das Zimmer verlassen hatte; was kann Sie in dem Grade verstimmt haben?

Ganz Schlesien ist in den Händen der Feinde, sagte der Graf finster, alle Festungen ergeben sich, das ganze Land ist nun eine Beute der Franzosen. Sie müssen landeseingeborne Führer haben, kein Thal, keine Schlucht bleibt verschont, und ungeheure Erpressungen drücken das ganze Land.

Haben Sie diese übeln Nachrichten durch den Baron Löbau erfahren? fragte die Gräfin.

Ihre Wahrheit ist leider nicht zu bezweifeln, sagte der Graf, obgleich ich sie von ihm habe. Ich fand in Heimburg mehrere Herren vom benachbarten Adel versammelt; man wollte sich berathen, aber man sah bald ein, daß man gezwungen sein würde, den Umständen gemäß zu handeln, folglich keine Beschlüsse im Voraus fassen könne, und die Gesellschaft, die sich versammelt hatte, um zu berathschlagen, vereinigte sich, da sie nichts Besseres thun konnte, zu einem so kleinmüthigen gemeinschaftlichen Jammern und Klagen, daß ich dadurch um alle Geduld gebracht wurde. Endlich bemerkte mir ein Herr aus der Gesellschaft, daß,[110] wenn die Franzosen auch mir einen Besuch machen sollten, sie dann wohl ihren Kameraden mit sich nehmen würden, den ich ihnen so menschenfreundlich erhalten habe. Die Physiognomie des Menschen, der diese Bemerkung machte, war so einfältig, daß ich kaum glaube, er hat etwas Boshaftes gemeint, aber ich wurde durch sein Geschwätz daran erinnert, daß ich, um hier St. Julien besser zu verpflegen, als es im Hospital geschehen sein würde, und um ihn nicht der Gefahr auszusetzen, auf dem Wege dahin umzukommen, mich selbst verpflichtet habe, sobald es von der Regierung gefordert würde, ihn als Kriegsgefangenen zu stellen, und nahm ihm deßhalb das Ehrenwort ab, uns nicht zu verlassen, da er es gewiß bald erfährt, daß seine Freunde in der Nähe sind.

Die Nachrichten, die der Graf den Frauen mittheilte, waren wohl geeignet, Unruhe zu erregen, und nachdem nun Mehreres darüber hin und her gesprochen war, wurde man darüber einig, daß es allerdings möglich sei, auch hier von den Feinden beunruhigt zu werden, ob man gleich früher das Gegentheil gehofft hatte. Der Graf schlug den Frauen vor, sich wo möglich zu entfernen und sich nach Prag zu begeben, wenn noch Wege dahin offen sein sollten. Die Gräfin aber weigerte sich bestimmt ihn zu verlassen und versicherte, daß sie das Drückendste mit ihm weit leichter, als die Ungewißheit in der Ferne ertragen würde.[111]

Der Graf hatte es der Gräfin ungern vorgeschlagen, ihn zu verlassen, es war ihm ein Bedürfniß, in ihrer Gesellschaft zu leben. Er hielt es aber für seine Pflicht, ihr die Wahl zu überlassen, ob sie an einem entfernten Orte ohne ihn der Unruhe und möglichen Gefahr ausweichen, oder Beides mit ihm theilen wollte. Dankbar nahm er es daher an, als sie seinen Wünschen gemäß entschied. Daß Emilie blieb, war die natürliche Folge vom Entschlusse der Gräfin, denn diese war ihre einzige Stütze in der freundlosen Welt, und nicht allein Dankbarkeit, sondern auch innige Neigung fesselte sie an die Frau, die ihr seit Kurzem um so viel theurer geworden war, und die sie von Vielen verkannt glaubte.

Nach und nach war man, wie es immer geschieht, ruhiger geworden, nachdem man die Gefahr von allen Seiten betrachtet hatte; man sprach über mancherlei Vorsichtsmaßregeln, die anzuwenden wären; man entschloß sich, den größten Theil des Silbergeschirres und alle Sachen von bedeutendem Werthe zu verbergen, um den bevorstehenden Verlust so gering als möglich zu machen, denn man erwartete nichts Anderes, als Raub und Plünderung, von den feindlichen Truppen.

Emilie zitterte innerlich vor der Gefahr, doch ließ sie nur wenig von der heftigen Furcht merken, von der sie befallen war, theils, weil sie nicht für kindisch gehalten werden[112] wollte, theils, weil sie besorgte, die Gräfin möchte sie von sich entfernen und irgend wohin in Sicherheit bringen wollen, wenn sie ihre Unruhe bemerkte. Während solcher trüben Gedanken und Gespräche war es spät geworden, als der Arzt mit seinen gewöhnlichen starken und raschen Schritten sich dem Zimmer näherte, und ganz erhitzt eintrat.

Nach den ersten flüchtigen Begrüßungen rief er dem Grafen zu: Haben Sie das Unglück schon erfahren? Die Franzosen stehen vor Breslau, das ganze Land ist in ihren Händen.

Woher haben Sie die Nachricht? fragte der Graf, und Emilie heftete ihre Augen ängstlich auf den Arzt.

Ich war beim Herrn Pfarrer, erwiederte der Doktor Lindbrecht, da kam ein Verwalter aus der Nähe, ich weiß nicht, wie das Gut heißt, ich habe mich auch nicht darum bekümmert, wie der schlechte Mensch heißt, kurz, der kam von einer Reise aus der Gegend zurück und brachte die Nachricht. Er war selbst mit Mühe der Gefahr entgangen, seine Pferde zu verlieren, wie er sagte. Ich wollte, er hätte sie verloren, der Schurke, und die Ohren dazu. Aber er wird sobald nicht wieder den Herren Pfarrer besuchen, hoffe ich. Wir haben ihm beide unverholen unsere Meinung gesagt, der Herr Pfarrer sowohl, als ich; er eilte auch zum Hause hinaus, als wenn ihn der böse Feind vertriebe.[113]

Wie? sagte der Graf verwundert, weil er die Nachricht brachte, daß die Feinde vor Breslau stehen? Was konnte Sie oder den Herren Pfarrer darin beleidigen?

Nicht deßwegen, rief der Arzt mit Heftigkeit, was gehen mich die Feinde weiter an, nicht der Franzosen wegen, die vor Breslau stehen, sondern um des armen Menschen Willen, den ich hier im Hause wieder herzustellen suche.

Was sagte er denn von dem? fragte der Graf mit einiger Spannung, kannte er ihn, wußte er etwas von seinen Verhältnissen?

Nichts wußte der elende Mensch, rief der Arzt mit Erbitterung, Lügen, Verläumdungen verbreitete er von dem Kranken, von mir, von Ihnen.

Was konnte er sagen? fragte der Graf mit erhöhter Verwunderung. Denken Sie, rief der Arzt mit funkelnden Augen und vor Zorn glühenden Wangen, er kannte mich nicht, er wußte nicht, wer ich bin, und hatte deßhalb die Frechheit, in meiner Gegenwart zu erzählen, bei Ihnen hier auf dem Schlosse würde ein französischer Spion unterhalten, der alle Wege auskundschaftete, der von hier aus den Feinden alle Nachricht zukommen ließe, um so durch Ihren Beistand das Land ins Verderben zu bringen.

Die Behauptung ist lächerlich, sagte der Graf mit Verachtung. Schändlich ist sie, rief der Arzt. Ein Mensch, der[114] in einem so elenden Zustande war, daß er Wochenlang nicht sprechen, ja beinah kein Glied rühren konnte, der soll ein Spion sein. Sie, der Sie aus Menschenliebe sich dieses Unglücklichen annahmen, sollen ihn bei sich haben, um durch ihn mit den Feinden zu unterhandeln, und ich, der ich meine Wissenschaft, meine besten Kräfte anwende, um einen Menschen dem Rachen des Todes zu entreißen, werde dafür als ein Landesverräther betrachtet.

Geben Sie sich zufrieden über das unsinnige Geschwätz des Pöbels; vernünftige Menschen werden uns Allen mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen, sagte der Graf mit scheinbarer Ruhe. Es wäre aber gut, fügte er hinzu, wenn Sie Herren St. Julien der gleichen verschwiegen, es könnte ihn aufreizen, kränken.

Was denken Sie von mir? fragte der Arzt beleidigt, halten Sie mich für so roh and unwissend? Jede Kränkung muß ihm schaden, und bei seiner Jugend muß man sich doppelt hüten. Ein solcher Feuergeist könnte darauf kommen, uns keinen Schaden zufügen und das Schloß verlassen zu wollen, ehe er hergestellt ist. Sorgfältig muß ihm darum Alles verborgen werden, was ihn auf solche Gedanken bringen könnte. Ich will darum meinen Zorn verrauchen lassen und dann auch gleich sehen, wie er sich befindet.

Die Frauen erzählten nun dem Arzte, daß der junge[115] Mann einige Stunden in ihrer Gesellschaft zugebracht habe, und Emilie bemerkte mit Theilnahme, daß er noch sehr schwach sei und noch ein sehr krankes Ansehen habe.

Wenn er sich nur nicht durch zu langes Aufsitzen geschadet hat, rief der Arzt, die Jugend kennt kein Maß, und wenn nur die Stunden angenehm hingebracht werden, so kümmert sich so ein Kranker wenig darum, wie viele Sorgen er seinem Arzte verursacht. Nun, ich werde gleich sehen, welche Folgen sein Besuch gehabt hat. Er wollte sich nach dieser Erklärung entfernen, kehrte aber schnell in der Thüre wieder um und wendete sich hastig an den Grafen, der indessen nachdenkend auf und ab gegangen war. Beinah, rief er, hätte ich einen Auftrag vergessen; der Herr Pfarrer hat mir dieß Briefchen für Sie gegeben, und ich Dummkopf hätte es beinah aus Zerstreuung bei mir behalten, statt es Ihnen einzuhändigen. Er reichte mit diesen Worten dem Grafen ein kleines Billet auf ziemlich grobem Papier, nach des Pfarrers gewöhnlicher Weise in höchster Kürze, ohne alle Zierlichkeit abgefaßt, ja selbst ohne Beachtung der Formen, die Höflichkeit und Sitte sonst gewöhnlich dem Menschen vorschreiben. Der wörtliche Inhalt desselben war dieser: Statt des Titels:


P. P.

Morgen um halb neun Uhr werde ich mit dem alten[116] Lorenz bei Ihnen sein. Er wird die Urkunde wiederschaffen. Ich bitte also, den Schlüssel zum Archive und die versprochenen hundert Dukaten bereit zu halten.

Seefeld,

Prediger zu – –.


Der Graf war freudig überrascht durch den glücklichen und schnellen Ausgang einer Sache, die ihm so viele Sorgen verursacht hatte, zugleich aber ein wenig beleidigt durch die unhöfliche Form, in welcher ihm dieser glückliche Ausgang gemeldet wurde, und indem er anerkannte, welchen wichtigen Dienst ihm der Pfarrer geleistet habe, beschloß er doch zugleich, die nächste Gelegenheit wahrzunehmen, wenn er etwas Bedeutendes für den Geistlichen thun könne, um sich von der Last der Dankbarkeit zu befreien, die ihm nach des Pfarrers Gemüthsart drückend zu werden drohte.

Der Arzt verfügte sich nun zu seinem Kranken, er fand dessen Puls fieberhaft, seine Wunden gereizt, kurz seinen Zustand auf alle Weise verschlimmert, und schrieb dieß Unglück dem zu langen Aufsitzen und einer zu lebhaften Unterhaltung zu. Es ist ganz so, wie ich es mir gedacht habe, rief er mehrere Male hintereinander und befahl dem alten Haushofmeister künftig darüber zu wachen, daß Herr St. Julien nicht lange in Gesellschaft bleibe und in den nächsten[117] zwei, drei Tagen das Zimmer gar nicht verließe. St. Julien schwieg. Er ließ sich mit dem Arzte in keinen Streit über die Ursache seines verschlimmerten Zustandes ein, er ließ sich alle seine Verordnungen gefallen und gab sehr gern das Versprechen, sein Zimmer in den nächsten Tagen nicht zu verlassen. Wenn Sie wollen, sagte er mit einiger Bitterkeit, so will Ihnen versprechen, Monate lang mich hier einzuschließen, bis zum Frieden, wenn Sie es verlangen. Gott behüte, sagte der Arzt, nur so lange, bis Ihr Puls wieder ruhig geht, bis Sie ohne Gefahr Sich dem Vergnügen der Gesellschaft überlassen können; dann, im Gegentheil, werde ich Ihnen Zerstreung sehr anempfehlen, denn Sie werden schwermüthig und das darf nicht sein, das hindert die Genesung.

Da St. Julien den Wunsch zu schlafen äußerte, so zog sich der Arzt zurück, indem er bemerkte, der Schlaf sei Balsam, den die Natur in alle Wunden träufle, und der am Besten die gereizten Nerven beruhige. Er ging; aber St. Julien war weit davon entfernt, die Wohlthat des Schlafes zu genießen; alle Bilder, die der heutige Tag ihm gezeigt hatte, gingen noch einmal vor seiner Seele vorüber, und er wiederholte sich innerlich alle Worte, die zu ihm waren gesprochen worden. Von Neuem setzte ihn der seltsame Empfang der Gräfin in Erstaunen, und von Neuem fühlte er[118] sich von der edeln Gestalt angezogen und gerührt von der Güte, die sie ihm gezeigt hatte.

Von Neuem entzückten ihn die süßen Töne, die Emiliens Lippen entschwebten, und lebendig stand sie vor dem Auge seiner Seele; er fühlte den Blick der blauen Augen im Herzen, er sah die schlanke Gestalt in allem Reiz der anmuthigsten Jugend, aber er fühlte auch schmerzlich die Härte, die Kälte, mit welcher der Graf ihn zum ersten Male verwundet hatte. So bin ich denn hier nichts, klagte er innerlich, als ein gefangener Feind, der so lange mit Schonung behandelt wurde, als er ein Gegenstand des Mitleids war, und der, kaum dem Grabe entrissen, Mißtrauen und Zweifel erregt; so schnell ist die Theilnahme verschwunden, daß mich der Graf im ersten Augenblicke, in dem er mich außerhalb des Bettes erblickt, mit Härte an meine Gefangenschaft erinnert. Hätten sie mich an dem unglücklichen Tage im Walde sterben lassen, so wäre ich nun frei. Er tadelte sich selbst über diese Gedanken und beschuldigte sich der Undankbarkeit; indem er sich die Güte des Grafen vergegenwärtigte, blieb ihm der Gedanke höchst quälend, daß er eigentlich nackt in dessen Hause aufgenommen worden war, und er Alles, von den dringendsten Bedürfnissen des Lebens an, bis zu den überflüßigen Dingen, die ein in Wohlhabenheit erzogener Mensch so schwer entbehrt, der Güte des Grafen verdankte,[119] und daß er diese Güte nicht mehr so unbefangen benutzen könne, seitdem er, wie er glaubte, so unfreundlich behandelt worden war. Er seufzte tief, und diese Seufzer und die unruhige Bewegung belehrten den Haushofmeister, daß er nicht den ruhigen Schlaf gefunden hatte, den der Arzt als so heilsam pries.

Der alte Dübois näherte sich behutsam dem Lager, und indem er leise den Vorhang des Bettes aufhob, sah er zu seinem Schrecken das Gesicht des Kranken in Thränen gebadet. Um Gottes Willen, rief er, was ist Ihnen begegnet? Was kann Sie so erschüttern? Bedenken Sie Ihren Zustand und schonen Sie Ihr Leben. St. Julien schämte sich seiner Schwäche und sagte, indem er die Thränen von den bleichen Wangen trocknete: Sie sehen, lieber Dübois, die lange entkräftende Krankheit macht mich so schwach, wie ein Kind. Ich weine, indem ich an meine Mutter denke und mir ihren Jammer vorstelle, da sie so lange nichts von mir erfahren hat und nach der Art, wie ich aus dem Regiment verschwunden bin, wenn diese Nachrichten zu ihr gekommen sind, mich getödtet glauben muß.

Dübois hatte schon einige Male versucht, das Gespräch darauf zu lenken, wie der junge Mann im Walde gefunden worden war, und hatte von ihm zu erfahren gewünscht, Wer ihn nach diesem einsamen Platz verlockt habe, und weßhalb[120] man ihn habe ermorden wollen; aber immer war St. Julien diesem Gespräche ausgewichen, und der Haushofmeister war viel zu höflich, als daß er ihm eine Antwort hätte abdringen sollen. Auch dieß Mal bemühte er sich etwas Näheres über diesen Gegenstand zu erfahren. St. Julien wich nicht, wie gewöhnlich, dem Gespräch aus, sondern sagte mit milder, aber ernster Stimme: Sie haben mir so viel Gutes erwiesen, daß ich Ihnen undankbar erscheinen muß, wenn ich nicht offen mit Ihnen spreche, aber selbst auf diese Gefahr hin muß ich über eine Sache schweigen, die nicht mich allein angeht, und ich bitte Sie, mich so wenig als möglich an diesen unglücklichen Tag zu erinnern.

Diese wenigen Worte waren hinlänglich, um die Lippen des gutmüthigen, wohlerzogenen Haushofmeisters auf ewig über diesen Gegenstand zu schließen, und er wollte sich vom Lager des Kranken zurückziehen, als dieser sich aufrichtete und ihn mit bewegter Stimme bat, einen Brief, den er ihm diktiren wollte, an seine Mutter zu schreiben. Ich kann nicht ruhig sein, sagte der Kranke, ehe sie nicht Nachricht von mir hat, und Sie wissen, in welchem Zustande mein Arm noch ist, ich darf noch nicht daran denken, selbst zu schreiben. Dübois setzte seine Brille auf, holte ein Schreibzeug herbei, legte Papier zurecht, und St. Julien diktirte ihm einen Brief, in dem sich die zärtlichste Liebe für seine Mutter aussprach.[121] Er meldete ihr, daß ein unglücklicher Zufall ihn betroffen habe, durch den er von der Armee getrennt sei, er sprach von seiner Verwundung und in so dankbaren Ausdrücken von der großen Hülfe, die er im Hause des Grafen gefunden, daß Thränen den Blick des Haushofmeisters verdunkelten, und er die Brille abnehmen mußte, um sich die Augen zu trocknen. Endlich, nachdem sich Dübois wieder erholt hatte und sein Amt als Schreiber von Neuem verwalten konnte, wurde dem Briefe noch die Bitte hinzugefügt, daß die Mutter des jungen Mannes Mittel finden möchte, ihm eine bedeutende Summe zukommen zu lassen, damit er nicht länger gezwungen wäre, von den Wohlthaten Anderer zu leben, wie edelmüthig sie ihm auch erwiesen würden. Dübois sah den Kranken verwundert an und legte die Feder einen Augenblick bei Seite; da aber St. Julien noch einmal die letzten Worte wiederholte, so schrieb der alte Mann sie gewissenhaft nieder, indem er kaum merklich mit dem Kopfe schüttelte. Als der Brief vollendet war, ließ der Kranke sich die Feder reichen, um mit höchster Anstrengung seinen Namen zu unterschreiben, und bat dann Dübois, den Brief dem Grafen offen zu überreichen, mit der Bitte, ihn an seine Mutter zu befördern; denn gewiß, sagte er, kann es einem so angesehenem Manne nicht schwer fallen, ein Mittel zu finden, dieß Schreiben auf irgend einem Wege[122] nach Frankreich zu befördern. Dübois versprach seinen Wunsch zu erfüllen, und es schien, daß der Kranke nun ruhigen Vorstellungen Raum gäbe, denn sein bejahrter Freund bemerkte bald nach diesem Gespräche, daß er entschlummert war.

Quelle:
Sophie Bernhardi: Evremont. Theil 1, Breslau 1836, S. 100-123.
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