VII

[82] Der Pfarrer lebte ganz in dem Archive, er kam nur zum Abendessen zur übrigen Gesellschaft. Frühstück, Mittagessen[82] und Thee ließ er sich dort hinbringen, und durchsuchte mit der größten Genauigkeit Alles. Endlich war die Nachforschung geendigt, und er hatte nichts gefunden. Er stützte sich gedankenvoll auf den großen Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand, und bedauerte wahrhaft den Grafen, für den er in demselben Grade seine Freundschaft zunehmen fühlte, als er mit seinen Geschäften und Verhältnissen bekannter wurde. Willenlos zog er die Schublade des Tisches auf, in der er noch einige Papiere bemerkte, die aber von keiner Wichtigkeit zu sein schienen, und unter denen das Dokument gewiß nicht verborgen sein konnte, denn es waren Umschläge von Briefen, alte Recepte zu Arzneien, kleine, zum Theil zerrissene Rechnungen. Auch der Graf hatte diese Schublade geöffnet, aber sich gleich überzeugt, daß sie nichts enthalte, was schon der Größe nach die gesuchte Schrift sein könnte, also den Inhalt nicht weiter beachtet; der Pfarrer aber, der dergleichen Dinge gründlicher betrieb, sezte sich noch einmal vor den Tisch nieder, entfaltete und betrachtete jedes Blatt, und so fielen ihm zwei kleine, unordentlich zusammengedrückte Stücke Papier in die Hände, in denen er, als er sie entfaltete, bald einen Anfang der Abschrift der gesuchten Urkunde erkannte. Es war deutlich, daß der Abschreiber sich beide Male verschrieben, das Papier verdrüßlich zusammengedrückt und in die Schublade geworfen hatte, wo es[83] gewiß nicht hatten bleiben sollen. Freudig über seine gemachte Entdeckung, ließ der Geistliche sogleich den Grafen rufen und theilte ihm die gefundenen Papiere mit; der Graf erkannte die Hand des alten Lorenz; er holte Briefe herbei, die er früher von ihm erhalten hatte, und auch der Pfarrer überzeugte sich durch die Vergleichung, daß kein Anderer, als er, der Abschreiber der Urkunde gewesen sein könnte.

Was ist nun zu thun? sagte der Graf. Hat er die Urkunde meinen habsüchtigen Verwandten verkauft und kommt es zum Prozeß, so kann ich zwar durch diese Blätter die Entwendung derselben wahrscheinlich machen, aber dann mache ich im besten Falle den Menschen unglücklich, der meinem Vater so lange gedient hat, und beschimpfe die Mitglieder meiner eignen Familie, die sich aus Eigennutz so niedrige Schritte erlaubt haben.

Ich glaube nicht, daß das Dokument schon verkauft ist, sagte der Pfarrer, nach einigem Nachdenken. Es ist klar, daß der alte Schelm die Urkunde abgeschrieben hat, und das läßt sich nur auf eine Art erklären, nämlich, man hat mit ihm unterhandelt und sich vorerst überzeugen wollen, ob er in der That im Stande wäre, eine so höchst wichtige Schrift zu überliefern. Da wir diese Blätter hier gefunden haben, so ist es klar, daß die Abschrift nicht lange vor Ihrer Ankunft[84] gemacht worden ist, und daß der Alte gewiß die Absicht gehabt hat, alle Spuren dieser Arbeit zu vertilgen. Daher können Sie sich auch seine üble Laune erklären, als Sie ihm bei Ihrer unvermutheten Ankunft sogleich die Schlüssel des Archives abforderten, und sein Gewissen trieb ihn, sich so bald als möglich davon zu machen.

Wohl, sagte der Graf, aber was kann ihn gehindert haben, nun, seitdem er sich aus dem Schlosse entfernt hat, die Urkunde meinen Gegnern zu überliefern?

Die Angst, erwiederte der Pfarrer, vor den möglichen Folgen; vielleicht auch ist der Handel noch nicht abgeschlossen, vielleicht fordert er mehr, als man ihm bietet. Kurz, da ich bestimmt glaube, daß die Schrift vor Ihrer Ankunft nicht verkauft war, so zweifle ich mit Recht daran, daß sie es jetzt ist, denn auf den Fall würde er noch Geld haben, ob er gleich locker lebt, und er hat keins, denn er hat mich noch kürzlich schriftlich gebeten, ihm Geld auf seine Pension, die er von Ihnen zieht, vorzuschießen.

Was wollen Sie daran wenden, fragte der Pfarrer nach einer kleinen Pause, um die Urkunde wieder zu bekommen?

So viel Sie für nöthig halten, sagte der Graf, bin ich gern bereit zu zahlen, um diese Geschichte auf eine anständige und für mich beruhigende Art zu endigen.[85]

Sie lassen mir also völlig freie Hand, sagte der Pfarrer, wenn es Ihnen auch hundert Dukaten kosten sollte?

Ich würde Ihnen Zeitlebens dankbar bleiben, rief der Graf, wenn Sie mich für ein so geringes Opfer von dieser Sorge befreien könnten.

Das hoffe ich gewiß, versicherte der Pfarrer. Ich habe zugleich, fuhr er fort, da ich alle Papiere durchgehen mußte, das Archiv für Sie geordnet, und wenn Sie es nun in dieser Ordnung lassen, so kann es Ihnen niemals mehr Beschwerde machen, eine Urkunde, die Sie nöthig haben, aufzufinden. Bei diesen Worten reichte er dem Grafen ein kleines Heft, worin dieser alle Lehnbriefe, Schenkungen, Prozesse, Familien-Abmachungen, die das Archiv enthielt, numerirt und chronologisch geordnet fand. Wenn wir nun das Dokument vom alten Lorenz wieder bekommen, bemerkte der Pfarrer, so brauchen wir es nur hier in diese Rubrik einzutragen; er deutete mit dem Finger darauf.

Der Graf konnte sich nicht der Verwunderung erwehren, daß ein Mann, der in seiner nächsten Umgebung, in seinen Wohnzimmern so wenig das Bedürfniß der Ordnung empfand, eine so musterhafte in alle Geschäfte brachte. Denn wie in dem Wohnzimmer des Pfarrers, so war ihm hier wieder, als er das Archiv betrat, das der Geistliche nur wenige Tage bewohnt hatte, höchst widrig aufgefallen,[86] wie der Tabacksrauch in Wolken im Zimmer schwebte, die Pfeifen zwischen Papieren auf dem Tische lagen und die ausgebrannte Asche derselben auf dem Boden, Kleidungsstücke auf allen Stühlen, und von frühem Morgen her die Geräthschaften zum Kaffee nachbarlich vereinigt mit Tellern, die noch die Ueberreste von kaltem Braten enthielten, den sich der Geistliche hatte kommen lassen. Dagegen aber waren alle Pergamente sowohl, als die Schränke, worin sie aufbewahrt wurden, von Staub gesäubert; was unordentlich seit Menschenaltern durch einander gelegen hatte, war in bestimmten Fächern geordnet, und es war dem Pfarrer nicht zu beschwerlich gewesen, jeden Morgen um fünf Uhr aufzustehen und ununterbrochen den ganzen Tag zu arbeiten, um dieß Geschäft zu beendigen.

So gewann denn der Graf die Ueberzeugung, daß von dem Pfarrer, der in seiner Umgebung weder der Ordnung, noch weniger der Zierlichkeit zu bedürfen schien, und dem so wenig darauf ankam, ob er in der Gesellschaft liebenswürdig erschien, doch ein Jeder, der reelle Dienste nöthig habe, die die höchste Thätigkeit und angestrengteste Arbeit erforderten, diese gewiß nicht vergeblich hoffen würde. Er nahm sich also vor, dessen schroffes Betragen künftig milder zu beurtheilen und keinen Anstoß mehr an der wunderlichen Unordnung in seinem Hause zu nehmen.[87]

Der Pfarrer erbat sich die Erlaubniß, den gefundenen Anfang der Abschriften mit sich zu nehmen, und versprach dem Grafen, ihm den Erfolg seiner Untersuchung sogleich mitzutheilen, sobald er den alten Lorenz gesprochen hätte. Man trennte sich freundlich, und der Pfarrer ritt nach Hause, um zunächst an seine Predigt zu denken, die er den Sonntag halten mußte. Als er damit fertig war, schrieb er dem ehemaligen Kastellan des Schlosses in Erwiederung seines Gesuchs um einen Geldvorschuß, welches er früher mit Stillschweigen zu übergehen gesonnen war, und lud ihn ein, persönlich zu ihm zu kommen, um über dies Geschäft mit ihm zu reden. Er stellte seine Worte mit Klugheit so, daß sie ihn zu nichts verpflichteten, aber doch dem alten Lorenz alle Hoffnung gaben, das gewünschte Darlehn zu erhalten, und er erwartete also mit Recht, diesen mit Nächstem bei sich zu sehen.

Er hatte sich nicht getäuscht in seinen Vermuthungen, denn kaum waren drei Tage verflossen, so hielt vor dem Eingange zu des Pfarrers Wohnung eine Equipage, die keinen vornehmen Besuch ankündigte. Ein Mittelding zwischen Karren und Kalesche, dessen mit Oelfarbe angestrichener Kasten schief in sehr beschädigten Riemen hing, und dessen Thüren in Ermangelung der Schlösser mit Schnüren gebunden waren, hatte ein mageres, auf allen Füßen steifes und[88] lahmes Pferd mühsam durch die Straße des Dorfes gezogen, und dadurch dem darin sitzenden alten Manne vollkommen Zeit gewährt, mit heuchlerischer Freundlichkeit auf beiden Seiten alte Bekannte zu begrüßen, die die Köpfe verwundert aus den kleinen Fenstern steckten.

Der alte Lorenz – denn Niemand anders, als er war der Reisende – öffnete eine Thüre seines Wagens, indem er die befestigenden Schnüre losknüpfte, stieg langsam aus und trocknete mit einem bunten Schnupftuche die Thränen aus seinen rothen, immer triefenden Augen, klopfte den Staub, so gut es gehen wollte, von dem blauen, mit metallenen Knöpfen versehenen Rocke und entblößte sein halb kahles, mit wenigen weißen Haaren bedecktes Haupt schon, ehe er die Pforte öffnete, die zu des Pfarrers Wohnung führte, wozu ihm dieser vollkommen Zeit ließ, indem er, ruhig am Fenster stehend, mit der Pfeife im Munde, alle Vorbereitungen betrachtete, die der alte Mann machte, um anständig vor ihm zu erscheinen. Nicht immer war Herr Lorenz so höflich gewesen, alle Bauern zu grüßen oder so besorgt, mit gehörigem Anstande vor dem Pfarrer zu erscheinen. Er hatte viele Jahre das Schloß beinah allein bewohnt, ein gutes Gehalt bezogen, sich des Kellers, der Gärten, der Fischerei und der Wildbahn ohne Umstände bedient, stillschweigend unter diesen Bedingungen sich verheirathet[89] und, nachdem er Wittwer geworden war, zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, nachläßig genug erzogen. Er ließ den Sohn die Rechte studiren, und man hatte ihn, seitdem er die Universität bezogen, in der Gegend seines Geburtsortes nicht mehr gesehen. Die Tochter verließ den Vater, vorgeblich, um als Kammerjungfer zu dienen, seitdem der Graf schon aus der Ferne den alten Lorenz beschränkte, indem er andern, zuverläßigern Personen die Verwaltung der Guts-Einkünfte übertrug, und Herr Lorenz konnte nun weder für sich selbst seinen Tisch nach gewohnter Weise auf Kosten des Grafen ferner besetzen, noch seine zahllosen Freunde mehr so gastfrei bewirthen. Da ihm Gesellschaft und Genüsse mancher Art zum Bedürfniß geworden waren, so suchte er auswärts, was er sich im Schlosse nicht mehr verschaffen konnte; fing an die Schenken zu besuchen, begnügte sich mit gemeineren Getränken und wurde in demselben Grade mit den Bauern vertrauter, als sich seine vormalige Gesellschaft von ihm zurückzog. Natürlich war nun sein Gehalt nicht hinreichend, seine Ausgaben zu bestreiten; so verwickelte er sich in Schulden und fing an, als diese ihn nach und nach bedrängten, erst seine entbehrlichen Besitzthümer, und nach und nach alle zu verkaufen, so daß er eigentlich sich schon in großer Armuth befand, als der Graf ihn aus seinen Diensten entließ.[90]

In seiner früheren, glücklicheren Zeit war er von Allen, die ihn kannten, mit einer gewissen Achtung behandelt worden, und eben auch dem Pfarrer war er nicht immer ein unwillkommener Besuch gewesen, sondern dieser hatte ihn früher oft freundlich an der Thüre seines Hauses bewillkommnet; schon seit langer Zeit aber war dieß Verhältniß zwischen beiden aufgehoben, und der Geistliche nickte dießmal nur nachläßig mit dem Kopfe in Erwiederung der tiefen Verbeugung, mit der ihn der ehemalige Kastellan begrüßte, als er endlich das Zimmer betrat.

Wir haben uns lange nicht gesehen, sagte der Pfarrer nach einem kurzen Schweigen, um das Gespräch zu eröffnen; wie geht's, seitdem Sie das Schloß verlassen haben?

Lorenz richtete die rothen Augen heuchlerisch gen Himmel, stützte sich mit beiden, gefalteten Händen auf seinen knotigen Stab und sagte, indem er aus tiefer Brust seufzte: Ach Gott! Herr Pfarrer, wie kann es einem alten, verlassenen Manne gehen? Kinderlos, freundlos, verstoßen von dem Herren, dem ich so viele Jahre gedient habe, wie seinem Vater vor ihm, nun, Gott sei es überlassen, ich klage Niemand an, aber ich wurde verstoßen, und Ausländer, Franzosen, Landesfeinde, die nehmen den Platz ein, der einem alten treuen Diener gebührte; nun, ich will nicht klagen, Gott mag richten, ihm sei es überlassen.[91]

Der Graf aber, erwiederte der Pfarrer, sagt, Sie selbst haben das Schloß verlassen wollen, also sind Sie gegangen, und Niemand hat Sie vertrieben.

Ja, ja, der Graf sagt so, fuhr Lorenz seufzend fort, aber wie ich behandelt wurde, welches Mißtrauen man mir zeigte, mir, dem alten redlichen Diener, das sagt der Herr Graf wohl nicht. Ja, ja! arme Leute müssen schweigen und großer Herren Unrecht leiden, das ist der Lauf der Welt, Herr Pfarrer, und ich will nicht darüber murren. Aber mein guter seliger Herr hätte mir das nicht gethan, sezte er weinend hinzu, mit meinem seligen Herren wurde alle meine Freude in dieser Welt begraben.

Sie haben aber doch noch manche gute Stunde erlebt, sagte der Pfarrer, nach dem Ihr seliger Herr lange begraben war.

Was will das sagen, seufzte Lorenz, indem er ein schelmisches Lächeln kaum unterdrücken konnte; was ist alle irdische Lust, die man mit traurigem Herzen genießt? Und was ist die Erinnerung an vergangene, bessere Tage, wenn man mit Alter und Armuth kämpfen muß?

Aber der Graf, sagte der Pfarrer, hat Ihnen ja Ihre Pension gelassen und, wie ich gehört habe, sogar noch zugelegt.

Alles wahr, Herr Pfarrer, klagte Lorenz, aber was braucht ein alter schwacher Mann nicht Alles?

Sie könnten als ein einzelner Mann recht gut leben,[92] sagte der Pfarrer verweisend, wenn Sie nicht immer in den Schenken säßen, wenn Trunk und Spiel Ihnen nicht so viel kosteten.

Lieber, lieber Gott! jammerte Lorenz mit Thränen, wie sind deine Menschen doch so hart. Richtet nicht, Herr Pfarrer, so werdet ihr nicht gerichtet. Wenn ein alter Mann unter Gottes Himmel einsam wandelt, und ruht sich nach der Ermüdung aus und labt sich in seiner Ermattung durch einen Trunk, so schilt ihn die Welt einen Säufer; wenn ein trauriger Mensch seinen Kummer zerstreuen will, und greift in der Angst seiner Seele nach den bunten Blättern oder nach den Würfeln, so nennt Ihr ihn sündlich einen Spieler.

Es läßt sich wenig Gutes mehr von Ihnen hoffen, sagte der Pfarrer ungeduldig, Sie sind ein rechter Heuchler geworden.

Ich ergebe mich in den Willen Gottes, sagte Lorenz, ohne sich aus seinem angenommenen Charakter herausschelten zu lassen. Ihm gefällt es, daß ein alter Mann geschmäht und gescholten werden soll von denen, auf deren Beistand er hoffte. Ich dachte Ihr Herz milder zu finden, Herr Pfarrer, sezte er mit einem Tone hinzu, in dem ein sanfter Vorwurf liegen sollte. Ich klagte Ihnen meine Noth, und Ihr Brief ließ mich hoffen, daß Sie geneigt wären, sie zu lindern.[93]

Es ist gegen meine Grundsätze, sagte der Pfarrer, Geld zu solchen Zwecken auszuleihen, wozu Sie es verwenden würden, wenn ich auch eine Summe übrig hätte.

Des Herren Wille geschehe, sagte Lorenz; aber wozu, fügte er verdrüßlich hinzu, ließen Sie mich denn dann den weiten Weg machen? Um mir eine abschlägige Antwort zu holen? Hätten Sie mir die nicht schriftlich geben können, ohne mir die Zeit zu rauben, in der ich mich nach andern Mitteln hätte umsehn können?

Welche Mittel haben Sie denn? fragte der Pfarrer mit scheinbarer Theilnahme, um sich aus der Noth zu helfen.

Ich weiß es nicht, sagte der alte Heuchler, Gott wird mir Wege zeigen; vielleicht, daß mein Sohn im Stande ist, mir beizustehen.

Erhielten Sie kürzlich Nachrichten von Ihrem Sohne? fragte der Geistliche hastig.

Nicht so ganz kürzlich, antwortete Lorenz mit merklicher Verlegenheit. Wo hält er sich jetzt auf? stürmte der Pfarrer auf ihn ein, treibt er die Rechte noch, bekleidet er ein Amt oder hat er Aussicht, eins zu erhalten?

Ich kenne seine Umstände nicht ganz genau, sagte der Alte ausweichend, sein Brief ist darüber nicht deutlich, doch hat er wohl Aussicht, Gottlob, sein Brot zu erwerben.

Von wo aus hat er Ihnen geschrieben? fragte der Pfarrer,[94] indem er nahe zu dem alten Manne hintrat, eine Hand auf seine Schulter legte und ihm scharf in die Augen sah.

Ich habe den Ort vergessen, erwiederte Lorenz zögernd.

Aber Ihr Sohn ist in Schlesien? fuhr der Pfarrer fort zu fragen. Der Brief hat keinen gar weiten Weg gemacht?

Ja, in Schlesien ist er, stotterte der Alte.

Hm! sagte der Pfarrer, indem er seine Hand von der Schulter des alten Sünders zurücknahm, der sich dadurch sehr erleichtert zu fühlen schien. Der Geistliche ging einige Male im Zimmer auf und ab, und blies den Rauch aus seiner Pfeife gedankenvoll vor sich hin.

Wenn Sie mir also nicht helfen wollen, Herr Pfarrer, fing nach einem kurzen Schweigen der alte Lorenz wieder an, so will ich Sie Gottes Schutz befehlen und mich wieder auf den Rückweg nach meiner armen Hütte begeben.

Ich hatte die Absicht, sagte der Pfarrer, indem er dem Alten wieder vertraulich näher trat, noch mit Ihnen über andere Gegenstände zu sprechen und Ihnen einen Weg zu zeigen, auf dem Sie vielleicht Geld erhalten könnten, ohne es zu leihen; denn Sie wissen, geliehenes Geld macht nur eine halbe Freude, das Wiedergeben fällt gar zu schwer.

Man muß sich vor der Zeit darüber nicht grämen, lächelte der Alte. Doch lassen Sie hören; wenn man gar nicht für die Erstattung zu sorgen braucht, so ist es freilich am Besten.[95]

Setzen wir uns, sagte der Pfarrer, und lassen Sie uns offenherzig sprechen. Sie sehen, wir sind allein, und was wir auch sprechen mögen, es kann keine Folgen haben, da kein Zeuge vorhanden ist, um die Aussage, die Sie etwa machen wollten, für Sie bedenklich zu machen.

Befremdet und mißtrauisch sah der Alte den Pfarrer an, indem er seiner Einladung folgte. Beide setzten sich, so daß ein kleiner Tisch zwischen ihnen war. Sie hatten, hob der Pfarrer von Neuem und etwas feierlich an, auf dem Schlosse die Schlüssel zum Archiv in Händen, nicht wahr?

Ich hatte viele Schlüssel, sagte der Alte trotzig, so lange ich das Schloß verwaltete, Gott weiß, was sie Alles schlossen, ich habe mich nie darum bekümmert.

Sie sind aber doch wohl oft im Archiv gewesen? fragte der Pfarrer, indem er ihn bedenklich anblickte.

Wie kann ich wissen, wo ich im Schlosse gewesen bin, oder nicht, sagte Lorenz nicht ohne Verlegenheit. Es ist wohl viel verlangt, daß ein alter Diener Rechenschaft darüber ablegen soll, wo er vierzig Jahre lang seine Füße hingesetzt hat, oder wo er in einem alten, weitläuftigen Gebäude nicht gewesen ist.

Ich begreife nicht, sagte der Pfarrer mit einem mißtrauischen[96] Blicke, wie meine Fragen Sie so unruhig machen können.

Und ich begreife noch weniger, antwortete Lorenz mit erzwungener Keckheit, wer Ihnen ein Recht giebt, mir alle diese Fragen vorzulegen. Mich bestimmt, erwiederte der Pfarrer mit Herablassung, vor allem das Mitleid, welches ich mit Ihnen habe, denn mir würde es leid thun, einen alten Mann, den ich so lange gekannt habe, unglücklich werden zu sehen.

Was wollen Sie damit sagen? fragte der Alte mit einiger Bestürzung.

Der Pfarrer richtete die Augen scharf auf den vor ihm sitzenden Sünder, und sagte dann langsam und nachdrücklich: Der Graf vermißt aus dem Archive eine ihm wichtige Schrift, sie ist warscheinlich entwendet, Niemand als Sie hat vor dem Grafen die Schlüssel gehabt; auf wen kann der Verdacht fallen, als auf Sie?

Was gehen mich die Schriften des Grafen an, sagte der Alte; ich habe sie nie angesehen, ich habe mich nie darum bekümmert, und der Graf hat mir ja die Schlüssel abgenommen, so wie er kam; warum hat er nicht gleich gesprochen, was will er nun von mir?

Sie waren also niemals im Archiv, um die Schriften zu durchsuchen? fragte der Geistliche gelassen.[97]

Niemals, antwortete Lorenz mit Frechheit, meine Hände haben die alten bestäubten Dinger nicht angerührt.

Alter heuchlerischer Schurke! rief der Pfarrer, indem ihn die Verachtung unwillkührlich hinriß, und zugleich zog er sein Taschenbuch hervor und zeigte dem alten Lorenz seine angefangenen Abschriften. Sie können Ihre Hand nicht ableugnen, rief er ihm drohend hinzu, und sehen Sie, Ihre Handschrift straft Ihre Worte Lügen. Wo ist die Urkunde hingekommen, fuhr er fort, weswegen haben Sie sie abgeschrieben?

Ich weiß es nicht, sagte der Alte zitternd und ernstlich erschrocken. Wahrscheinlich um mich im Schreiben zu üben. Mein Gott, Herr Pfarrer, fuhr er weinend fort, Sie werden doch einen alten Mann nicht unglücklich machen und ihn nicht solcher Dinge beschuldigen wollen, die er nie begangen hat.

Ich will Ihr Unglück nicht, sagte der Pfarrer, und eben so wenig der Graf. Es trifft Sie der wahrscheinliche Verdacht, die Urkunde entwendet zu haben; schaffen Sie sie wieder herbei, und der Graf ist bereit, die Sache zu vergessen und Ihnen noch funfzig Dukaten zu schenken.

Was ich nicht habe, kann ich nicht herbeischaffen, sagte Lorenz wieder ruhiger, nachdem der Pfarrer Geld geboten hatte, Sie kränken meinen ehrlichen Namen, Herr Pfarrer, Gott mag Ihnen die Sünde vergeben.[98]

Der Geistliche that sich Gewalt an, um gelassen zu bleiben, er sagte aber dennoch mit unwillkürlicher Heftigkeit: Wenn Sie nicht selbst Ihr Unglück wollen, so handeln Sie als ein vernünftiger Mensch, vermeiden Sie die gerichtliche Untersuchung, die Sie ins Zuchthaus führen müßte; merken Sie das wohl. Ich sage Ihnen jetzt mein letztes Wort, der Graf giebt hundert Dukaten, wenn die Schrift ohne gerichtliche Hülfe herbeigeschafft wird.

Mein Gott, sagte Lorenz, die Augen zum Himmel erhebend, mein Gott, Herr Pfarrer, wie wehe thun Sie mir altem, hülflosem Manne. Sie wollen Schande auf mein graues Haupt laden, der Herr vergebe es Ihnen. Was im Archiv gewesen ist vor funfzig Jahren, das muß noch jetzt darin sein, aber der Graf weiß nicht Bescheid, er versteht nicht zu suchen; wenn man mich will nachsuchen lassen, ungestört, ganz allein, und Sie mir die hundert Dukaten zusichern wollen, so bin ich überzeugt, ich werde die Urkunde auffinden, und Sie werden dann einsehen, daß Sie mir altem Manne Unrecht gethan haben. Der Pfarrer sah ihn einen Augenblick schweigend an und sagte dann: Ich glaube wohl, daß der Graf dieß billigen wird, Sie können also die Nacht hier bleiben, und Morgen können wir nach dem Schlosse, und Sie mögen dann Ihre Nachsuchungen anstellen.

Nein, nein! rief der Alte ängstlich, das ist nicht möglich,[99] ich muß heute Abend nach Hause, aber übermorgen bin ich wieder bei Ihnen; ich habe morgen ein dringendes Geschäft.

Der Pfarrer sah sehr wohl ein, welch ein Geschäft der ehemalige Kastellan beendigen mußte, ehe er daran denken konnte, die Urkunde im Archiv aufzufinden; er ließ ihn also ungehindert fahren, nachdem die gegenseitigen Versprechungen erneuert waren, daß nämlich Lorenz das Dokument unfehlbar finden und dagegen eben so unfehlbar hundert Dukaten erhalten würde.

Quelle:
Sophie Bernhardi: Evremont. Theil 1, Breslau 1836, S. 82-100.
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