XII

[210] Der Auftritt, der eben statt gefunden hatte, war schnell vorüber geflogen und hatte alle Anwesenden, jeden auf verschiedene Weise, so sehr aufgeregt, daß Niemand Worte gefunden hatte, um eine Ansicht zu äußern. Der Arzt stand noch in der Mitte des Saales unbeweglich auf der Stelle, wo ihn der Graf im Zorn hingeschoben hatte; man sah, daß er mit dem Entschlusse kämpfte, etwas Bedeutendes zu sagen; endlich näherte er sich dem Grafen, der in Nachdenken versunken war, und sagte mit Haltung und unterdrücktem Gefühl: Ich muß meinem Herzen Luft machen; ich muß meiner[210] Empfindung Worte geben; edler Mann, verehrter Herr Graf, Sie haben mein Leben aus einer furchtbaren Gefahr gerettet, denn wäre ich diese Höhe hinunter geflogen, wie der Barbar drohte, auf den gepflasterten Theil des Hofes hier unter dem Fenster, so war es um mich geschehen, denn mit solcher Gewalt hätte er mich nicht werfen können, daß ich dort den Rasen im Fallen erreicht hätte. Es war meine Pflicht, Sie gegen die Verläumdung zu vertheidigen; ich habe auch immer geglaubt, daß Sie meinen männlichen Charakter gehörig würdigen und mir nicht eine schimpfliche Feigheit im Augenblick der Gefahr zutrauen würden, eine Verläugnung, ähnlich der des Apostel Petrus, fügte er mit einem Seitenblicke auf die Gräfin hinzu; aber ich habe nicht geglaubt, daß ich Ihrem Herzen theuer wäre, daß Sie Ihr Leben zu meinem Schutze wagen, Ihre Brust zur Vormauer der meinigen machen würden. Die letzten Worte sprach er mit wankender Stimme und kaum beherrschter Rührung. Diese Handlung, schloß er endlich mit Pathos, bindet mein Geschick an das Ihrige für jetzt und immer.

Der Graf verstand erst nicht recht, was der Arzt wollte, denn er war zu jener Aeußerung am Wenigsten durch ein wärmeres Gefühl für denselben bestimmt worden, er hatte bloß sich in seinem Hausgenossen beleidigt gefühlt; als er aber endlich den Sinn der an ihn gerichteten Rede begriff,[211] sagte er, über den gutmüthigen Dünkel des Arztes lächelnd: Wir sind oft nicht so böse, mein lieber Doktor, wie Sie im Eifer von uns zuweilen glauben, aber oft auch bei Weitem nicht so gut, wie Sie sich uns vorstellen; deßhalb verdiene ich auch heut Ihren Dank nicht.

Bescheidenheit ist die Krone der Tugend, rief der Arzt begeistert und verließ den Saal, um seine Kranken zu besuchen. Die gutmüthige Einbildung des Arztes hatte dazu beigetragen, die Spannung aufzulösen, in die alle durch die eben erlebte Begebenheit versetzt waren. Lächelnd blickten sich die Zurückgebliebenen an, und Ruhe schien wieder im Schlosse herrschen zu wollen.

Dübois glaubte, da die Truppen den Hof verlassen hatten, daß auch St. Julien nicht mehr von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden brauchte; doch fragte er vorsichtig erst nach des Grafen Meinung, der natürlich seine Ansicht theilte, und bald erschien St. Julien und erschöpfte sich mit dem Grafen in Vermuthungen, um es sich zu erklären, weßhalb das Schloß so eilig von den Truppen geräumt worden sei. Des Grafen Ansicht, daß Franzosen in der Nähe sein müßten, wurde bald bestätigt, denn ein Reiter sprengte in den Hof, den Niemand sogleich für den Prediger erkannte, weil er ganz die gemächliche Art zu reiten aufgegeben hatte und sein Thier zu völlig ungewohnten Kraftäußerungen zwang.[212] Roß und Reiter waren ganz aus der gewöhnlichen Fassung, denn da sich der Geistliche eilig herab warf, ohne, wie sonst, für sein Pferd zu sorgen, so fing dieß ohne Umstände an, auf dem Rasen zu weiden und zu Emiliens Schrecken die darauf angebrachten Blumenstücke zu zertreten.

Aus Eile keuchend trat der Prediger nach wenigen Augenblicken herein, und jetzt, in der Unruhe seines Gemüths, achtete er noch weniger, als sonst auf die höflichen Formen des Umgangs; daher grüßte er kaum die im Saale versammelten Personen und rief dem Grafen zu: Meine Frau und Kinder folgen mir nach, Sie werden hier im Schlosse doch besser aufgehoben sein, als bei mir, die Franzosen sind mir auf den Fersen.

Der Graf nahm gern die Familie des Predigers bei sich auf, ob ihn gleich selbst in diesem Augenblicke dessen Mangel an Lebensart verletzte; die große Familienkutsche des Geistlichen fuhr auch bald durch das Thor des Hofes, von einigen kleineren Equipagen begleitet, die die zahlreiche Familie desselben enthielten. Man hatte kaum für das Unterkommen Aller sorgen können, und der Prediger hatte eben seinen Entschluß ausgesprochen, für seine Person zurück zu reiten, um auf Ordnung zu sehen und so viel als möglich zur Erleichterung der Bauern zu thun, als Emilie ausrief: Ach Gott! dort kommen die Feinde. Alle Anwesenden eilten dem Fenster zu, an welchem[213] Emilie stand, und Alle bemerkten, daß in derselben Schlucht, durch die der Graf damals vom Gebirge herab gekommen war, als er den verwundeten St. Julien nach dem Schlosse tragen ließ, ein Funkeln von Waffen sichtbar wurde. In ängstlicher Erwartung waren Aller Blicke dorthin gerichtet; der Geistliche bemächtigte sich eines vorhandenen Fernrohres und theilte laut seine Bemerkung mit: Jetzt kommen sie aus der Schlucht heraus; Wer kann sie diesen Weg geführt haben? Das muß ein Einheimischer sein, ein Fremder hätte ihn nie gefunden. Es sind Reiter, fuhr er fort, im Sonnenschein sehe ich es deutlich; jetzt biegen sie hier herum; sie kommen zum Schloß; am Ende hätte ich besser gethan, meine Familie nicht hieher zu bringen. Auch Equipagen sind in dem Zuge; Der dort mit dem großen Federbusch wird wohl der General sein. Was? Auch eine Dame zu Pferde und ein schwarzgekleideter Herr neben dem General? Wo soll das Alles unterkommen, und Gott weiß, ob nicht schon unterwegs Viele untergebracht sind; am Ende ist mein Haus schon voll wilder Menschen, die mir Alles zerschlagen und verzehren, und wie soll ich nun durch den Haufen zurück? Er sprach immer fort, das Fernrohr noch lange vor sein Auge haltend, ob es gleich nicht mehr nöthig war, denn Jedermann konnte schon längst ohne dessen Hülfe bemerken, wie ein bedeutender Zug Kavallerie sich dem[214] Schlosse näherte. Der Anführer ritt jetzt an der Spitze, zu seiner Rechten eine Dame in Reitkleidern, die mit großer Sicherheit zu Pferde saß und den Kopf nach allen Seiten hin wendete, so daß der Wind mit den wallenden Federn ihres Hutes spielte. Zur Linken des Anführers ritt ein junger Mann in schwarzer Kleidung, der, als der Zug sich schon dem Baumgange näherte, der zum Schloß führte, sich zurückzog, indem er sich vor dem Anführer ehrerbietig neigte; als er deßhalb den Hut abnahm, wurde sein dunkel gelocktes Haar sichtbar, und der Graf glaubte den jungen Mann zu erkennen, den er damals auf dem Meierhofe bei dem Verwalter antraf, mit dem er des Obristen Thalheims Rechnung berichtigte. Die den französischen Anführer begleitende Dame und der junge Mann begrüßten einander mit großer Vertraulichkeit, als der Letzte sich von dem Zuge trennte.

Der Graf wendete sich jetzt nach dem Saale zurück und bemerkte, daß die Gräfin bleich und bebend auf die ankommenden Feinde schaute, und Emilie sich ängstlich an sie schmiegte. Lassen Sie uns nicht die Fassung verlieren, meine Lieben, sagte der Graf, und eilig berathen, was nun geschehen muß. Diese, ach! diese Truppen, sagte die Gräfin mit dumpfer, kaum hörbarer Stimme; auch Dübois, der in den Saal getreten war, schien ungewöhnlich bleich und[215] blickte ängstlich auf die Gräfin. Der Graf hatte nicht Zeit über den Eindruck nachzudenken, den die ankommenden Feinde auf seine Hausgenossen machten. Er rief der Gräfin zu, sich zurück zu ziehen, die stumm Emiliens Arm nahm und mit ihr hinauswankte. St. Julien konnte nicht begreifen, wie die Annäherung der Franzosen einen so entsetzlichen Eindruck machen könne, wie er ihn an der Gräfin bemerkte, wenn er auch begriff, daß sie als Feinde unwillkommen sein mußten. Auch Sie bitte ich, sagte der Graf zu ihm, fürs Erste mit Dübois den Saal zu verlassen, ich und der Herr Prediger, wir wollen die neuen Gäste empfangen.

Kaum hatte man diese wenigen Anordnungen treffen können, als der französische General, von seinem Gefolge umgeben, die Dame zu seiner Rechten, in den Hof einritt. Man konnte wohl bemerken, daß die Feinde gut unterrichtet sein mußten, denn sie hatten den Verwalter des Guts schon in ihrer Mitte und zwangen ihn, ihnen die für die Pferde nöthigen Vorräthe anzuzeigen; auch gab ihm der General selbst in gebrochenem Deutsch den Befehl, die vorhandenen Pferde auszuliefern, damit der Wagen der Dame neu bespannt werden könnte; das Schloß, so endigte sein Befehl, nehme ich in Besitz, so lange ich hier verweile. Der Verwalter, ein ziemlich unterrichteter Mann, stellte dem General[216] in französischer Sprache vor, da der Graf und seine Familie hier sei, so würde seine Excellenz doch gewiß darauf Rücksicht nehmen. So lange ich hier bin, bin ich Ihr Herr, antwortete der General ebenfalls französisch, und Sie haben dafür zu sorgen, daß alle meine Befehle pünktlich befolgt werden. Ihr Graf mag es lernen, sich in dieser Zeit ohne sein Schloß und ohne seine Diener einzurichten. Er war mit diesen Worten abgestiegen; ein Adjudant bot der Dame die Hand, und der General rief diesem zu: Sorgen Sie zunächst für die Zimmer von Madame. Ich werde selbst für mich sorgen, erwiederte die Schöne mit dreistem Lächeln und hüpfte an der Hand des Adjudanten die Treppe hinauf.

Der General stieg nun ebenfalls, langsam, von vielen Offizieren umgeben, mit Würde die Treppe hinauf. Der Pfarrer fühlte, wie sein Herz innerlich bebte, als das Klirren der vielen Sporen sich dem Saale näherte. Er hatte vom Fenster aus bemerkt, in welcher Schnelligkeit die Feinde von allen Nebengebäuden und allen Vorräthen, die sie enthielten, Besitz genommen hatten; er fürchtete nun für sich, für seine Familie und auch für den Grafen und dessen Hausgenossen.

Die Flügelthüren des Saales wurden geöffnet, der General trat herein und der Graf ihm mit Anstand entgegen.[217] Ich weiß es, Herr General, daß der Krieger im Kriege oft genöthigt ist, mit Härte seine Bedürfnisse zu fordern, doch bin ich von französischen Kriegern überzeugt, daß sie jeden Druck vermeiden werden, den nicht die Umstände gebieten.

Der General schwieg einen Augenblick und betrachtete den Grafen zweifelhaft. Ihr Name, sagte er endlich, ist Ihr Name nicht Hohenthal? Der bin ich, sagte der Graf und blickte nun ebenfals verwundert auf den General. Mein Gott! rief dieser, indem er beide Arme nach dem Grafen ausstreckte, kennen Sie mich denn nicht wieder? Es ist ja unmöglich, theurer Freund, daß das Andenken an mich ganz bei Dir verlöscht ist; muß ich mich denn nennen, hast Du denn alle heitern Stunden in Paris vergessen? Clairmont! rief der Graf mit Erstaunen. Derselbe, bester Graf, erwiederte der General, indem er ihn herzlich in seine Arme schloß.

Wir haben uns lange nicht gesehen, sagte endlich der Graf lächelnd, Vieles hat sich seitdem geändert, und es ist nicht leicht, in dem General Clairmont den heitern, schlanken, tanzenden Clairmont, meinen damaligen Freund, wieder zu erkennen, und gewiß hättest Du es damals wohl nicht geglaubt, daß Du jemals unter Umständen, wie die gegenwärtigen, mein Gast sein würdest. Gewiß, gewiß nicht, sagte der General und sah sich mit einiger Unruhe[218] nach seinem Adjudanten um. Erlaube, sagte er drauf zum Grafen, ein kleines Dienstgeschäft. Der Graf zog sich zurück, und der General trug dem Adjudanten auf, jede Gewaltthätigkeit zu verhindern, alle Vorräthe unberührt zu lassen, Alles, so viel als möglich, in die Nebengebäude einzuquartieren und sich überhaupt so zu betragen, als ob sie zum Besuch bei einem Freunde wären.

Der Adjudant eilte, diese, den früheren so entgegen gesetzten Befehle zu ertheilen, und der General wendete sich wieder zu dem Grafen. Hätte ich nur ahnen können, sagte er, daß dieß Dein Schloß wäre, mein alter Freund, so hätte ich Dich zwar besucht, aber nicht mit so ansehnlicher Begleitung, nicht auf Kriegsfuß; aber man hat Dich mir nur immer als den reichen Grafen, ohne Dich zu nennen, bezeichnet, und da dachte ich dann, – ich dachte, man könne es sich hier etwas bequem machen, ohne daß ich nach Deinem Namen fragte.

Der Adjudant kehrte zurück; der Befehl zu schonen war etwas zu spät gekommen; die Vorräthe waren schon unter die Truppen vertheilt, noch etwas Wein hatte der Adjudant retten können, weil man ihn zum Gebrauch des Generals zurück gelassen hatte, und auch die Pferde des Grafen hatte er wieder nach dem Stalle zurück führen lassen. Die dem[219] Prediger gehörigen hatten noch keinen Liebhaber gefunden und waren also ebenfalls gerettet.

Indem der General noch mit der Verlegenheit hierüber kämpfte, zeigte sich Dübois an der Thüre und winkte mit ängstlichen Mienen dem Grafen. Der General bemerkte es und fragte mißtrauisch: Es giebt doch keine neue Unordnung durch meine Leute? Und als Dübois statt aller Antwort mit den Achseln zuckte, rief er: Reden Sie, wenn, was Sie zu sagen haben, Jemanden aus meinem Gefolge betrifft. Wenn es Ew. Excellenz denn befehlen, sagte der Haushofmeister zögernd, so muß ich berichten, daß die gnädige Frau Generalin die Zimmer der Frau Gräfin und des Fräuleins in Besitz genommen und unsere Damen daraus verdrängt hat, so daß Alle, auch die Frau Predigerin, nun in das kleine Zimmer der Haushälterin zusammen gedrängt sind, wo die Frau Gräfin krank auf dem Bette liegt; ich wollte nun um den Befehl des Herrn Grafen bitten, um zu erfahren, was zur Erleichterung und Bequemlichkeit der Frau Gräfin geschehen kann. Eine dunkle Röthe, hervorgerufen von Scham und Zorn, verbreitete sich über das Gesicht des Generals. Führen Sie mich nach dem Zimmer der Frau Gräfin, rief er dem Haushofmeister zu. Voran! ich folge Ihnen. Dübois that, wie ihm befohlen worden, und schritt voran; der General folgte und der Graf schloß sich an, um wo möglich[220] einen unangenehmen Auftritt zu verhindern. Dem Prediger wäre es unmöglich gewesen, zurück zu bleiben, auch wenn ihm Jemand diese Qual hätte auferlegen wollen; er folgte also ebenfalls den Uebrigen.

Als dieser Zug das Zimmer der Gräfin erreichte, fanden sie die junge Dame, welche den General zu Pferde hieher begleitet hatte, vor dem Spiegel sitzen. Sie hatte das Reitkleid schon ausgezogen, und hatte um den entblößten Busen und die Schultern einen durchsichtigen Musselin geworfen, der bei jeder Bewegung enthüllte, was er scheinbar verhüllen sollte. Diese leichte Tracht erregte ihr keine Verlegenheit, obgleich drei bis vier Bediente im Zimmer waren, die Schachteln und Pappkasten aller Art herauf gebracht hatten, aus deren Inhalt ihre Gebieterin einen reizenden Anzug wählen wollte. Die eben gebrauchte Schminke stand noch vor ihr, und sie war damit beschäftigt, einen Zweig Rosen in ihre dunkeln Locken zu befestigen, als der General eintrat, dem sie zärtlich entgegen lächelte. Lassen Sie mich meine Kleidung vollenden, bat sie ihn, ehe ich Ihnen zur Tafel folge.

Nicht hier ist Ihr Ankleidezimmer, sagte der General mit Härte, folgen Sie mir dahin, wo Sie hingehören; und all der Kram uns nach! rief er den Bedienten zu. Er ergriff nach diesen Worten ziemlich unsanft die Hand seiner[221] Freundin und führte sie mit Gewalt in ihrer leichten Tracht nach dem Saale; die noch nicht recht befestigten Rosen hingen herunter, schlugen bei dem eiligen Schritte, zu welchem der General sie zwang, die Wangen der Schönen; die Bedienten rafften Reitkleid, Schminke, Blumen und Schachteln unordentlich zusammen, und folgten dem Zuge, der auf diese Weise in die Mitte des Saales gelangte, wo der General die Hand der Dame plötzlich los ließ und dem Grafen sagte: Du wirst gewiß die Güte haben, dieser Person ein Zimmer anweisen zu lassen.

Mit ungewissen Blicken betrachtete der Graf die junge Dame und sagte: Wenn Madame Deine Gemahlin ist, – Wenn Madame meine Gemahlin wäre, so würde sie sich wie eine Frau von Stande zu betragen wissen.

Dieß Wort klärte die Sache auf, und der Graf befahl, daß man ihr im untern Stockwerk ein Paar Zimmer anweisen sollte. Eben wollte sie, von den Bedienten, die ihre Schachteln trugen, begleitet, den Weg dahin antreten, als der Prediger zu ihr trat und sie folgendermaßen anredete: Ich habe meinen Augen nicht trauen wollen; ich habe es nicht für möglich gehalten, daß ich Sie unter solchen Umständen hier antreffen könnte. Kann man so durchaus jedes Gefühl der Scham und Dankbarkeit verläugnen.

Die junge Person hatte verlegen vor sich nieder geblickt;[222] da aber jetzt Alles auf sie einstürmte, so fand sie auf ein Mal den Muth zur Frechheit wieder, und indem sie die Augen dreist auf den Pfarrer richtete, sagte sie: Ich wüßte doch nicht, Wem ich hier so viel Dank schuldig wäre; doch wohl Ihnen nicht dafür, daß Sie mich zu einer elenden Stelle haben empfehlen wollen? Der Pfarrer wollte etwas erwiedern, aber der General, bei dem die Neigung für seine Geliebte wiederkehrte, so wie das Gefühl der Beschämung über ihr Betragen verschwunden war, machte es ihm unmöglich, indem er seine Schöne bei der Hand nahm und sagte: Komm, mein Kind, ich will Dich selbst nach Deinem Zimmer führen.

Er verließ in dieser Absicht mit ihr den Saal, und der Graf konnte sich nun an den Pfarrer mit der Frage wenden, Wer denn eigentlich die junge Person sei? Mein Gott, rief dieser, Lisette ist es, des alten Schuftes, des Lorenz, Tochter. Man fand nicht Zeit, sich zu verwundern; der Graf eilte, die Gräfin wieder in Besitz ihrer Zimmer zu setzen, wohin sie krank und matt gebracht wurde, den Grafen dringend bittend, es zu vermeiden, daß sie gezwungen würde, den General zu sehen, wenn er etwa darauf kommen sollte, ihr einen Besuch machen zu wollen.

Als der Graf in den Saal zurückkehrte, fand er den General und den Prediger darin auf und abgehend, und er[223] hörte eben, wie der Letztere das Versprechen empfing, daß die in seinem Pfarrhause einquartierten Soldaten zurück gezogen werden sollten. Es war sehr bald zwischen dem General und dem Grafen die alte Vertraulichkeit der früheren Zeit erneuert worden, und der Letztere theilte dem feindlichen Anführer St. Juliens Begebenheit mit, sammt den Gründen, die ihn zu der Bitte bestimmten, den jungen Mann nicht zu nöthigen, seinen Fahnen zu folgen. Der General sah es ein, daß sein Freund in Unannehlichkeiten verwickelt werden könnte, wenn er den jungen Mann entließe und die preußische Regierung ihn jemals wieder in Anspruch nehmen könnte; aber, schloß er seine Rede, da dieser Fall nicht eintreten kann, so vermag ich auch Deine Besorgniß nicht zu begreifen.

Wie verstehst Du das? fragte der Graf mit Erstaunen. Glaubst Du denn in der That, erwiederte der General sehr gelassen, daß der Kaiser Napoleon die Großmuth so weit treiben wird, die preußische Monarchie wieder herzustellen, die schon vernichtet ist, und daß er zu diesem Behuf dem Könige Provinzen zurück geben wird, die wir schon besitzen?

Niemals war es dem Grafen eingefallen, daß es in dem Plane des französischen Kaisers liegen könnte, Preußen ganz aus der Reihe der Staaten zu tilgen, und es erschütterte[224] deßhalb sein Innerstes, daß Jemand ihm gegenüber ein so ungeheures Unglück so gelassen aussprechen konnte. Könnte ich glauben, erwiederte er dem General, daß dieß Entsetzliche eintreten könnte, es würde mich zur Verzweiflung bringen. Ich kann begreifen, daß Ihr in Frankreich mit Gleichgültigkeit den Wechsel der Regenten, den Austausch der Länder betrachtet; Ihr habt so vielen Wechsel erlebt; Alle Eure Einrichtungen sind noch viel zu jung und neu, als daß sie tiefe Wurzeln hätten schlagen können; Ihr würdet Euch ebenfalls trösten, wenn Napoleon unterginge und die Bourbons wiederkehrten.

Halt! rief der General, lästre den Kaiser nicht, sprich nichts Hochverrätherisches in meiner Gegenwart; die Bourbons werden Frankreichs Boden nie wieder betreten.

Ich wollte nur sagen, erwiederte der Graf, daß diese Begebenheit nicht außerhalb der Gränzen der Möglichkeit liegt, und daß Euer Kaiser, so hoch das Glück ihn auch emporgehoben hat, selbst dazu beitragen kann, sie wirklich zu machen; denn meinst Du, wenn unser Unglück so groß sein sollte, daß wir dieß Mal gänzlich erliegen müßten, und die Macht von Rußland nicht hinreichen sollte, Euern Sieg zu hemmen, daß dann nicht ein neuer Muth eben aus der Verzweiflung entstehen würde? Glaube mir, Jeder würde sein ganzes Vermögen, seine Seelenkräfte und sein Herzensblut[225] daran setzen, das Vaterland zu retten und auf dessen Thron den angestammten König, der zu uns gehört, wie wir zu ihm, wieder zurückzuführen. Und wenn nun diese Hunderttausende Euch entgegenträten, die Alle ein Gefühl, ein Gedanke begeisterte, von denen Jeder entschlossen wäre, wenn es sein muß, rühmlich zu unterliegen, aber nie von seinem Platze zu weichen, werdet Ihr dann auch diese besiegen können? Und wird nicht vielleicht dieß Gefühl sich aller Länder bemeistern, die Frankreich in Fesseln hält? Und wäre es dann nicht möglich, daß der Stern, der Euch jetzt leitet, verschwände und Ihr Eure alte Bahn suchtet? Ich bitte Dich, sagte der General mit einem mitleidigen Lächeln, laß uns nicht über Politik sprechen, ich darf Deine Aeußerungen nicht anhören, die nur Dich verderben können, ohne uns im Mindesten zu schaden. Ich will zu Deiner Beruhigung den jungen Mann bei Dir lassen, bis dieser Krieg geendigt ist und der Friede, der nicht lange ausbleiben wird, uns belehrt hat, wessen Ansicht die richtige war.

Der Graf fühlte selbst, daß es besser sei, dergleichen Gespräche zu vermeiden, und ließ St. Julien bitten, die Gesellschaft zu vermehren, indem er zugleich die Damen entschuldigte, die durch die Krankheit der Gräfin abgehalten würden, zu erscheinen. Dem General schien diese Einrichtung eine Erleichterung zu gewähren, weil er sich nach dem,[226] was vorgefallen war, der Gräfin gegenüber unbehaglich gefühlt haben würde; auch seine Begleiterin erklärte, nicht erscheinen zu wollen, und so waren die Männer dieß Mal bei der Tafel allein, und der General benuzte die größere Freiheit, die dadurch entstand, als der Wein ihn etwas begeisterte, zu manchen Scherzen, die die Gegenwart der Frauen unmöglich gemacht haben würde, und es schien seine Heiterkeit zu erhöhen, wenn er solche witzige Einfälle an den Geistlichen richten konnte, der nicht recht den Muth hatte, sie abzuweisen, weil er den feindlichen General fürchtete, und sich doch empfindlich gekränkt fühlte, daß er seine geistliche Würde so verletzen lassen mußte.

Der Graf suchte den Pfarrer gegen die Angriffe des Generals zu schützen, indem er diesen an die früheren Zeiten erinnerte, die sie miteinander in Paris verlebt hatten, und sich nach manchen Bekannten erkundigte, die damals zu ihrem Kreise gehört hatten. Es machte auf die Gesellschaft einen traurigen Eindruck, daß der General gleichzeitig beinah über jeden berichtete, der ist in jener Schlacht geblieben; der starb an seinen Wunden nach der Schlacht; den raffte eine ansteckende Krankheit im Lager hinweg; so, daß kaum zwei oder drei als Lebende bezeichnet wurden, die sämmtlich einen bedeutenden Rang in der Armee erreicht hatten.

Es macht mich schwermüthig, rief der Graf, wie vieles[227] Leben untergehen muß, um die Pläne eines Einzelnen zur Ausführung zu bringen, und da beinah Alle, mit denen wir damals lebten, in Staub zerfallen sind, so frage ich mit Bangigkeit nach dem Freunde, den ich wahrhaft liebte, und von dessen Schicksal ich, seit wir uns trennten, nichts habe erfahren können. Was ist aus dem jungen Evremont geworden.

Die Heiterkeit, mit welcher der General bis jetzt über den Tod aller Jugendbekannten gesprochen hatte, verschwand plötzlich aus seinen Zügen, und es schien, als ob in der Frage des Grafen ein Zauber läge, wodurch auch die Wirkung des Weins aufgehoben würde, denn ernst und nüchtern erwiederte er: Mit dieser Frage rufst Du den schrecklichsten Augenblick meines Lebens mir zurück, und alles Entsetzen, welches damals meine Brust erfüllte, droht mich von Neuem zu ergreifen. Er bedeckte mit der Hand einen Augenblick seine Augen, fuhr dann damit über die Stirn und sagte: Traurig hat unser junger Freund geendigt, und ich habe niemals den Zusammenhang seines Schicksals erfahren können. Du verließest Paris, als die entsetzlichen Auftritte begannen, die unsere Revolution täglich hervorrief. Der alte Graf Evremont, der Vater unseres Freundes, hieß es um diese Zeit, sei gestorben; ein dunkles Gerücht behauptete, er sei nach der Schweiz entflohen, auch von dem Sohne wollte[228] man behaupten, er sei abwesend, als er plötzlich in Paris erschien und sich allenthalben öffentlich zeigte. Er ließ es sich gefallen, daß ihn Niemand mehr Graf, sondern Alle Bürger Evremont nannten. Es war die Rede davon, daß er bei der Armee angestellt werden sollte, als er auf ein Mal wieder verschwand; man behauptete, er sei emigrirt, und seine noch vorhandenen Güter wurden eingezogen, denn es ergab sich, daß Vieles verkauft war. Ich theilte die allgemeine Ansicht, daß er sich zur Condéschen Armee begeben habe, und dachte in Jahren nicht weiter an ihn.

Die Hinrichtungen waren damals häufig in Paris, und es war die traurige Pflicht des Dienstes, in solchen Fällen einen Platz um die Guillotine zu besetzen; so wurde auch ich eines Morgens beordert, diese Pflicht mit meiner Compagnie zu erfüllen. Es waren mehrere unglückliche Schlachtopfer schon gefallen; ich hatte mich von dem scheußlichen Anblick abgewendet, und ich begreife noch nicht, welche innere Macht mich zwang, mich endlich nach dem Schaffot hinzuwenden; da grade hatte es eine edle Gestalt bestiegen, die geisterbleich mit den dunkeln Augen in meine starrte. Ich wollte rufen: Evremont! aber das Entsetzen fesselte die Stimme in meiner Brust; in demselben Augenblick ertönte ein so durchdringend gellender Schrei der Verzweiflung, daß alle Zuschauer dieses grausen Schauspiels zusammenbebten und sich unwillkürlich[229] nach der Seite hinwendeten, von woher der Schrei ertönte; auch meine Augen folgten der allgemeinen Richtung, und ich sah einen Augenblick zwei blendend weiße Arme nach dem Schaffot ausgestreckt, ein todtenbleiches Gesicht einer Frau mit wahnsinnigem Ausdruck; ein zweiter Schrei ertönte, und die Gestalt sank zurück und war mir in der Menge verloren. Als ich mich wieder nach dem Schaffot wendete, hatte unser unglücklicher Freund geendet, und sein edles Blut strömte dampfend hinunter. Ich gestehe Dir, sagte der General, nachdem Alle eine Zeitlang geschwiegen hatten, an diesem Tage kam mir die Revolution, der ich sonst mit ganzer Seele anhing, gräßlich vor; ich beweinte unsern Freund mit bittern Thränen, ich glaubte nicht, daß ich, nachdem ich dieß erlebt hatte, jemals wieder heiter werden könnte, und doch, was ist der Mensch mit seinen Freuden und Schmerzen? Ich überwand dieß, wie vieles Andere und wurde wieder mit dem Leben vertraut.

Und jene unglückliche Frau? fragte der Graf mit ungewisser Stimme.

Ich habe niemals erfahren, Wer sie war und in welcher Beziehung sie zu ihm stand, erwiederte der General; seine Schwester aber war es nicht, fügte er hinzu, die würde ich erkannt haben. Dabei fällt mir ein, fuhr er lächelnd fort, es war ja des armen Evremonts sehnlichster Wunsch, diese[230] Schwester mit Dir zu verbinden, und Du selbst warst ja auch damals dazu geneigt; wie hat sich denn doch Alles anders gestaltet; oder sollte die Gräfin, Deine Gemahlin vielleicht –

Meine Gemahlin ist eine Deutsche, versetzte der Graf. Nach meiner Abreise von Paris hatte ich bald jede Spur des unglücklichen Freundes, wie seiner liebenswürdigen Schwester verloren; die Zeit beruhigte mich nach und nach über den Verlust, und als sich die Dinge schon lange anders gestaltet hatten, hegte ich noch immer die Hoffnung, ich würde ihn, den ich so herzlich liebte, einmal plötzlich wieder erblicken; ja, so wie Du mir heute unvermuthet erschienst, so träumte ich oft, würde er mir als vermeintlicher Feind entgegentreten und mich als herzlicher Freund in seine Arme schließen.

Und er wäre eine willkommenere Erscheinung gewesen, sagte lächelnd der General.

Sei nicht ungerecht, erwiederte der Graf, und tadele es nicht, wenn das traurige Schicksal eines Freundes mich schmerzt, den wir Beide liebten. Das ist der Fluch der Revolutionen, fuhr er mit bewegter Stimme fort, daß sie das Edelste hinwegraffen, daß sie den tugendhaftesten Bürger und den gemeinsten Bösewicht auf dieselbe Stufe des Elends schleudern, und beider Blut oft auf gleiche Weise vergießen.

Das ist wahr! rief der General, und sind wir denn nun[231] nicht dem großen Geist unendlichen Dank schuldig, der dieß blutige Ungeheuer fesselte, der Ruhe und Sicherheit in alle Familien zurückkehren hieß und Frankreichs Söhne auf eine Bahn des Ruhms leitete, so kühn, so glänzend, wie die Geschichte kein Beispiel bietet?

Es wäre ungerecht, sagte der Graf, eine entschiedene Größe nicht anerkennen zu wollen, auch wenn wir sie im Feinde bewundern müssen, aber glaube mir, fügte er lächelnd hinzu, wir alle haben noch kein Urtheil über Napoleon; dieß müssen wir der unpartheiischen Nachwelt überlassen; wir sind zu sehr in der Gegenwart befangen; diejenigen, die er im kühnen Laufe seines Glücks mit sich erhebt, werden ihn vielleicht zu sehr bewundern, und die, die er als egoistischer Sieger schonungslos drückt, werden ihn vielleicht zu leidenschaftlich hassen; nur die Nachwelt wird mit Gerechtigkeit aussondern, Was wirklich groß in Euerm Helden erscheint, und auch anerkennen, daß er nicht frei von Eitelkeit und kleinlicher Selbstsucht war.

Du übernimmst aber doch schon jetzt die Rolle der Nachwelt, sagte der General empfindlich, und urtheilst, ob Du gleich behauptest, daß wir nicht urtheilen können.

Wir können uns über diesen Gegenstand nicht verstehen, erwiederte der Graf, indem er freundlich die Hand seines Freundes faßte, jeder von uns müßte seine Lebensansichten[232] und Erfahrungen aufgeben, wenn er zu der Meinung des Andern übertreten sollte, darum laß es uns erwarten, ob nicht auch uns die Zukunft in dieser Hinsicht wieder näher zusammen rückt.

Du meinst, sagte der General gereizt, wenn die Bourbons wieder über Frankreich herrschen, wenn alle alten Anmaßungen wiederkehren, wenn – Ich meine gar nichts, sagte der Graf ihn unterbrechend, als daß wir die Zeit unseres Beisammenseins nicht in unnützen Streitigkeiten verlieren sollten. Darin hast Du Recht, erwiederte der General, wir wollen nichts, gar nichts mehr über Politik sprechen, bis nach dem Frieden, der uns vielleicht auf eine andere Weise näher zusammenrückt, als Du vorhin meintest.

Der Graf schwieg um den Streit zu beendigen, und St. Julien bat den General um eine Unterredung und folgte ihm zu diesem Zwecke nach seinem Zimmer; hier trug er ihm die Bitte vor, einen Brief an seine Mutter zu besorgen.

Ich darf eigentlich gar nicht wissen, daß Sie hier sind, sagte der General; da Ihre Gesundheit aber noch nicht hergestellt ist, und Sie doch keinen Antheil an den Gefechten nehmen können, so will ich Sie hier als krank zurücklassen und Ihren Brief besorgen, den Sie mir morgen abgeben müssen, da wir übermorgen weiter ziehen, um uns der großen Armee anzuschließen. St. Julien fühlte sich beschämt[233] und gekränkt, daß er nicht in den Reihen der Braven fechten sollte; ihn ängstigte der Gedanke, daß der General sein Zurückbleiben für Feigheit halten könnte, und er setzte ihm deßhalb sein ganzes Verhältniß zum Grafen auseinander und bat ihn, selbst zu enscheiden, ob er sein dem Grafen gegebenes Wort verletzen könne.

Der General hörte mit Rührung St. Juliens Bericht und bewunderte aufrichtig die edle schonende Weise, mit welcher ihm jeder denkbare Beistand war geleistet worden. Sie wären ohne den Grafen verloren gewesen, sagte er endlich, also sind Sie gewissermaßen sein, und kein Mann von Ehre darf sein Ehrenwort verletzen; auch bin ich überzeugt, dieser Krieg wird bald beendigt sein, dann werden Sie uns zurückgegeben und das Leben liegt noch vor Ihnen, um sich Ruhm zu erwerben. Aber nun erklären Sie mir, schloß er seine Rede, wie kam es, daß man Sie, getrennt von der Armee, in dieser hülflosen Lage einsam fand?

Eine dunkle Röthe bedeckte St. Juliens Gesicht, er schwieg verlegen und stotterte endlich: es war eine Ehrensache, ein Duell, dem ich mich nicht entziehen konnte. Ich will nicht weiter in Sie dringen, sagte der General kalt, die Sache scheint nicht solcher Natur zu sein, daß sie sich aufrichtig mittheilen läßt. Geben Sie mir morgen Ihren Brief. Hiemit entließ er den jungen Mann, der, aufs Tiefste verletzt, sein[234] einsames Zimmer suchte, um den Schmerz zu verbergen, der sein Herz zerriß, da er sah, wie er von dem General verkannt wurde, der offenbar zu glauben schien, daß wenig ehrenvolle Gründe ihn zum Schweigen bestimmten.

Der Arzt war indessen auf dem Schlosse angekommen und berichtete, daß das Unglück viel gelinder vorüber ginge, als man hatte vermuthen können. Anfangs, rief er, ja Anfangs, da sah es freilich übel aus; die Franzosen kamen wüthend wie die Tigerthiere; Der forderte Wein, Jener wollte Braten und Fisch, und die Verwirrung war grenzenlos, denn die armen unvernünftigen Bauern verstanden nicht einmal, was ihre Gäste wollten; diese nahmen ihre Zuflucht zu Prügeln, um sich verständlich zu machen; die Weiber fingen an zu heulen; die Kinder kreischten dazwischen; kurz, es war ein Getöse, als ob die Welt untergehen sollte. Zum Glück war ich gegenwärtig, fuhr der Arzt mit Selbstzufriedenheit fort; ich, der niemals seine Pflichten versäumt, wenn die Erfüllung derselben auch mein Leben in Gefahr bringen sollte, ich besuchte heute wie immer meine Kranken, und auch zu dem Schmerzenslager drang das wüste Geschrei. Da ich nun französisch verstehe, so konnte ich wie eine wohlthätige Gottheit zwischen Feinde und Bauern treten; ich bewirkte, daß die Franzosen ihre Forderungen herabstimmten, indem ich ihnen die Unmöglichkeit zeigte, daß der Bauer nicht geben könne,[235] was er nicht hat; und ich erklärte den Bauern die Bedürfnisse ihrer Gäste; diese hörten auf zu prügeln, und die Weiber, statt zu heulen, deckten die Tische. Die Feinde wurden guter Laune und die Gemüther näherten sich; dabei fand es sich, daß einige Franzosen krank sind, die Feldapotheke ist aber schlecht versehen, und der junge Arzt der Franzosen war sehr in Verlegenheit; auch hier kann ich heilbringend dazwischen treten; ich habe, was er bedarf; ich werde ihm selbst die nöthigen Arzneien hinbringen, und er wird meinen Rath benutzen; den Bauern aber habe ich befohlen, für Kraftbrühen für die Kranken zu sorgen.

Auch dafür, sagte der Graf, wird besser hier im Schloß gesorgt werden können.

Das ist wahr, rief der Arzt, auch Feinde sind Menschen, die Wissenschaft macht keine Unterschiede, ich muß sie wieder herzustellen suchen, und wollen sie so undankbar sein, wenn sie durch meine Hülfe ihre Glieder wieder brauchen können, sie zu unserem Schaden zu benutzen, so ist das ihre Sache, die sie verantworten mögen.

Der General war wieder zur Gesellschaft zurückgekehrt und hatte des Arztes Bericht, von diesem unbemerkt, gehört. Er verstand im Ganzen seine Mittheilung und lächelte über die seltsamen Geberden, womit er seine Rede begleitete. Jetzt, rief der lebhafte Arzt, muß ich erst sehen, wie es mit[236] Herrn St. Julien steht, und dann zurück zu meinen Franzosen. Er wendete sich schnell und bemerkte nun, daß der General dicht hinter ihm gestanden hatte, und da er, nachdem er sich gewendet hatte, in die Augen des feindlichen Anführers blickte, so sprang er vor Schrecken, St. Juliens erwähnt zu haben, drei Schritte zurück. Ich Unglücklicher! rief er aus, welche Unvorsichtigkeit habe ich begangen! Der General, der ihn errieth, sagte: Beruhigen Sie sich, ich lasse Ihnen Ihren Kranken, Sie sind ein braver Mann, wenn auch etwas sonderbar, lächerlich würden wir in Paris sagen, aber hier in Deutschland werden Sie vielleicht bloß etwas seltsam genannt werden.

Der Arzt war erstaunt und empört zugleich, daß man ihn lächerlich finden könnte, und die dunkle Röthe seines Gesichts wie seine funkelnden Augen zeigten, daß er etwas Heftiges antworten wollte; der Graf, der ihn errieth, lenkte jedoch seinen Zorn ab, indem er ihn erinnerte, daß er heute St. Julien noch nicht besucht habe, und ihn auch bat, sich nach dem Befinden der Gräfin zu erkundigen. Der Arzt eilte hinaus, diese doppelte Pflicht zu erfüllen, und der General sagte, als er den Saal verlassen hatte, zum Grafen: Das scheint eine gutmüthige Karrikatur. Du hast Deinen Haushalt recht vollständig auf den Fuß der guten alten Zeit eingerichtet,[237] denn Du besitzest in diesem Deinem trefflichen Arzte, wie es scheint, zugleich einen Hofnarren.

Wir müssen es unsern Besiegern gestatten, sagte der Graf lächelnd, unsere gelehrten Freunde mit Namen zu bezeichnen, wie es ihnen gut scheint, und haben kein Recht oder wenigstens keine Macht, ihre Freimüthigkeit zu beschränken.

Nimm es nur nicht übel, sagte der General gutmüthig, daß ich meine Meinung ohne Umstände aussprach; aber gewiß muß man sich erst an die wunderlichen Manieren Deines Arztes gewöhnen, ehe man seine guten Eigenschaften gehörig würdigen kann, und mit einem Französisch ist der Mann behaftet, daß ich es, in welcher Gegend der Welt ich auch war, noch niemals barbarischer vernommen habe.

Und grade dieß, sagte der Graf, ist sein Stolz. Er ist überzeugt, daß er wie ein geborner Pariser spricht; sein Ohr hört gar keinen Unterschied.

Nun siehst Du, erwiederte der General, Du mußt seine Narrheit ja selbst zugeben.

Der Prediger konnte sich in der Nähe des Generals gar nicht behaglich fühlen, und es war ihm also sehr erwünscht zu vernehmen, daß die Rückkehr nach seinem Pfarrhause ohne Gefahr zu bewerkstelligen sei; er beschloß daher, seine Familie auf dem Schlosse zu lassen, wo er sie unter dem unmittelbaren Schutze des feindlichen Generals am Sichersten[238] glaubte, und kehrte mit dem Arzte nach dem Dorfe zurück, um selbst zu sehen, wie es den Bauern erginge.

Alles war hier in vollkommener Ruhe, die französischen Soldaten hatten sich überzeugt, daß die Bauern bereit waren, sie so gut als möglich zu bewirthen; da sie die Vorräthe der Häuser selbst untersucht hatten, so wußten sie, wie weit sie ihre Forderungen ausdehnen könnten, und waren genügsamer geworden.

Nachdem sie ihre Waffen geputzt hatten, fingen sie an, mit den Kindern zu spielen oder ihrem Wirthe in seinen häuslichen Beschäftigungen zu helfen. Einige suchten sich eine Violine und einen Baß zu verschaffen, um in der Schenke zum Tanze zu spielen; denn die jüngeren Soldaten hatten sich nicht eher zufrieden gegeben, bis sie alle weiblichen Personen, die das Regiment begleiteten, zum Tanze willig gemacht hatten; auch einige Mägde aus dem Dorfe waren überredet worden, und so zog nun diese ansehnliche Schaar der Schenke zu, um den Ball zu eröffnen.

Die Kranken fand der Arzt um Vieles besser, da sie sich durch die vom Schlosse gesendeten Kraftbrühen und durch den guten, ebenfalls von dort erhaltenen Wein sehr gestärkt fühlten.

Der französische Arzt war dankbar für die Arzneien, die ihm sein deutscher Kunstgenosse mittheilte, und der Prediger[239] lud den deutschen wie den französichen Arzt ein, den Abend bei ihm zuzubringen, welches von Beiden bereitwillig angenommen wurde.

Quelle:
Sophie Bernhardi: Evremont. Theil 1, Breslau 1836, S. 210-240.
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