Zwei Künstlerinnen

[235] Die heilige Cäcilie versteht sich, wie man weiß,

Sehr wohl auf das Harmonium

Und spielt dem lieben Gott zum Preis

Sehr schön darauf herum.

Doch ist sie mehr des Zarten froh

Und liebt das Pianissimo

Und schmelzende Andante,

Weil sie, wie jede Künstlerin,

Mit feinem und erfahrnem Sinn

Erkannte:

Dies enchantiert mein Publikum,

Engel und Anverwandte.


Bellona hörte lange schon

Der Hymnen und Choräle Ton

Mit vielem Mißbehagen.

Darum begann[235]

Sie dann und wann

Die Pauke schon zu schlagen.

Bald war sie dort, bald war sie da

Mit ihrer groben Musika.

Seis auf den Philippinen,

Seis in Südafrika,

Wo sie mit frohen Mienen

Schon viele Hörer sah.

Jedoch, das Rechte ward es nie.

Bellona zog die Stirne kraus

Und murmelte verdrießlich:

So eine kleine Sinfonie

Kann schließlich

Auch Doktor Richard Strauß.

Ich brauch noch viel mehr Blech und Krach,

Bei dem Gewimmer wird mir schwach;

Oh, hätt ich Massen, Massen,

Mein ganzes Seelenungestüm

In einem Fugenungetüm

Gewaltig loszulassen.


Indessen zog Cäcilia

Mit Inbrunst die Harmonika

Und fand (bei ausverkauftem Haus)

Auf Himmel und Erden viel Applaus,

Wobei der Zar

Der allerbegeistertste Klatscher war.


Das wurmte Bellonen,

Es ist nicht zu sagen,

Wie sehr.[236]

Sie schleppte Kanonen

Und Pulverwagen

Daher.

Und prüfte die Zünder

Und putzte die Schlünder

Und fand:

Es war das Orchester

Der Monsterballester

Im trefflichsten Stand.


Und blies dem Zaren ins Ohr:

Du Tor!

Was sitzst du im Parkette

Und lauschst den Säuselein

Von Geigen und Schalmein

Der himmlischen Motette!

Dabei schläfst du noch ein,

Und könntst doch selbst der Geister

Lebendigster Töne-Meister:

Der Welt-Kapellenmeister sein.


Das ist das Amt des Zaren!

Die ehmals der Tataren

Blutge Bezwinger waren,

Sind deine Ahnen, Zar!

Du sollst, wie sie, dich strecken,

Ostwärts die Pranken recken,

Ganz Asien soll bedecken

Mit seinem Flügelpaar

Moskowiens Doppelaar.

Es ist bei den Mongolen[237]

Noch viel für dich zu holen;

Doch wird es dir gestohlen,

Greifst du nicht hurtig zu,

Von gelben Hundehorden,

Die schon zu frech geworden,

Weil du in Mollakkorden

Versinkst zu fauler Ruh.

Auf, auf! Es gilt à tout.


Zar Nikolaus der Gute,

Der hörte das nicht gern,

Es wurde weh zumute

Dem zartgemuten Herrn;

Er dachte an den stillen Haag,

Wo man mit delikaten

Reden, von ihm geladen,

Der Frage des ewigen Friedens pflag.


Indessen, wenn er auch privat

Dem Ideale huldigt,

Es weiß der Zar, was er dem Staat

Als Landesvater schuldigt.

Man kann nicht immer, wie man mag.

Sein Herz blieb freilich in dem Haag

(Und wird dort ewig, ewig bleiben),

Doch sein Verstand,

Der hat erkannt,

Wo jetzt der Hase im Pfeffer lag,

Und daß durchaus es nötig sei

(Hauptsächlich von wegen der Mandschurei),

Die gelben Hunde zu Paaren zu treiben.[238]

Und lehnte mit gesenktem Schädel

Den schönen Friedenspalmenwedel

In eine stille Ecke, wo

Baronin Suttner täglich ihn

Einstäubt mit echtem Zacherlin

In einem Futterale von dickem Kaliko.


Bellona aber, toll vor Freude, fuhr

Auf einem feurig roten Wolkenballen

Zum Fluß Amur,

Nahm einen Tannbaum in die Greifenkrallen,

Taucht ihn in Blei und schrieb damit (in Dur

Zumeist, wie sich versteht) auf eine Riesenfläche

Von Schnee die neue große Partitur

Der Sinfonie des Massenmords. Die Bleche

Sind nicht darin gespart, und auch das Schlagwerk nicht.

Kanonisch baut sich auf das furchtbare Gedicht

In Tönen, die den Erdball beben machen

Und selbst des Himmels Donner überkrachen,

Geschweige denn Cäciliens Litanein.


Die stellt das Spielen jetzt wohl eine Weile ein.

Quelle:
Otto Julius Bierbaum: Gesammelte Werke. Band 1: Gedichte, München 1921, S. 235-239.
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