Zwischen den Schlachten

[242] (Eine schleppversfüßige Betrachtung)


Das Geschäft in Bomben und Torpedos geht

Augenblicklich in Ostasien ziemlich stille.

Seitdem die japanische Flotte nach Wladiwostock

Für zweimalhunderttausend Rubel Stahlzylinder geschmissen hat,

Ohne beträchtlichen Schaden anzurichten und,

Infolgedessen, ohne der Weltgeschichte

Ein neues Kapitel einzuverleiben, ist[242]

So gut wie noch weniger passiert, es sei denn,

Daß ich die Äußerung jenes Adjutanten

Des Generals Kuropatkin erwähne, der

Sich heute schon einen alten Hut voll freut, indem er

Sich vorstellt, wie er mit den übrigen Helden

Des heiligen Rußland eine Spritztour durch Japan

Macht und die niedlichen Geishas aus nächster Nähe

Kennen lernt und statt Wuttki Sake säuft.


Aus diesem Grunde scheint es angebracht, Betrachtungen

Ganz allgemeiner Natur darüber anzustellen,

Wohin sich nun wohl eigentlich unsre

Sympathien zu wenden haben; denn

Das Vergnügen an einem auswärtigen Kriege ist nur halb,

Wenn man nicht ganz genau und sicher weiß:

Welcher der beiden ist meiner Teilnahme würdig?


Nun könnte man freilich sagen: »Dummes Zeug, sie sind

Mir alle beide gleichermaßen pipe,« – aber

Dann ist die Sache eben ohne jeden Reiz. – Nein:

Ich möchte wirklich wissen: Wünsche ich

Väterchen den Sieg oder dem Mikado?


Väterchen ist mir wohlbekannt; er ist

Mit dem Großherzoge von Hessen verwandt, und

Jedes Jahr wohnt er ein paar Wochen in Darmstadt.

Dort geht er spazieren wie ein gewöhnlicher Mensch,

Hat ein kleines, weiches Hütchen auf und interessiert sich

Für Professor Olbrichs Dreieckornamente.

Manchmal unterhält er sich mit Ernst Ludwig

Über die verflossene Künstlerkolonie und

Über das Wetter: Daß es veränderlich ist,[243]

Wie Fürstenlaunen, und manchmal läßt er

Eine Bemerkung darüber fallen, daß

Seinem Geschmacke Darm-Athen besser behagt, als

Berlin an der Spree, obwohl oder weil in dieser Stadt ... jedoch

Das führt zu weit. – Vom japanischen Mikado weiß

Ich weniger. Das Bild, das Sullivan

Von ihm in Walzertakten entworfen hat,

Scheint stark geschmeichelt zu sein; es heißt,

Er sei nicht halb so amüsant in Wirklichkeit; doch

Soll er einen Garten voll Chrysanthemen besitzen, in dem

So viele Arten dieser Blume wachsen, wie

Ein Europäer es sich durchaus nicht vorstellen kann.


Demnach stünde der Zar mir zweifellos näher, und

Ich habe auch wirklich einige Neigung, ihm

Den Sieg zu wünschen, aber ich sage mir

Dennoch manchmal: ein paar Hiebe

Könnten den Russen auch nicht schaden, denn

Schießt die Knute (das Bild ist kühn) zu sehr ins Kraut,

Langt sie am Ende zu uns herüber, und

Eigentlich haben wir selber schon genug

Knutoïde Einrichtungen im Deutschen Reiche.


Wendet sich aber mein Sinn sympathisch dann

Hin zum Reiche der aufgehenden Sonne, so

Wird mir doch gleich bange, denn schließlich:

Was in aller Welt geht mich denn Japan an?

Kawakami zwar hat in Erstaunen mich,

Muß ich gestehen, heftiger gesetzt, als selbst

Josef Kainz, denn sein Harakiri

War eine angenehme Leistung, und seine reizende Frau,[244]

Sadda – Yakko, ist ein süßes Ding, das

Nur mit immer neuer Rührung ich

Lachen und weinen als Kesah sah. Aber,

Selbst wenn ich Hokusai und Utamaro und

Noch ein Dutzend schwer merkbarer Namen mir

Ins Gedächtnis rufe und mit Dankbarkeit

An Lackschatullen denke und Räuchergefäße

Und seidene Kockemonos und die Dichterin sei Schonagon, – ich

Kann mir nicht helfen, mir wird nicht warm dabei;

Die gelben Äffchen bleiben mir ewig Hose wie Jacke.

Was also tu ich mit meiner Sympathie?

Zähl ich die Knöpfe an meinem Überrock ab, oder

Rupf ich die Blättchen einem Chrysanthemümchen aus:

Mikado – Väterchen, Mikado – Väterchen? Oder

Wart ichs ergeben ab, was Bernhard Bülow in seiner Eigenschaft

Als Kanzler des Deutschen Reiches für richtig finden wird?

Oder gedulde ich mich so lange, bis der männermordende

Gott der Schlachten mit sich ins reine gekommen ist, wem

Von den beiden er seine Sympathie schenken soll?

Nein, nichts von alledem gedenke ich zu tun: ich

Lege mein nächstes Honorar (und wärens gleich zwanzig Mark)

In Japan- oder Russen-Papieren an, je nachdem

Mein Leibbankier die Konjunktur beurteilt, – und

Von diesem Augenblicke an weiß ich bestimmt, wohin

Die Nadel meiner Sympathie sich wenden muß.

Quelle:
Otto Julius Bierbaum: Gesammelte Werke. Band 1: Gedichte, München 1921, S. 242-245.
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