Gottesdienst

[109] (An Hanns von Gumppenberg zur Erinnerung an Dachau im Mai 1891.)


Auf steiler Höhe stand ich schauend.

Mein Auge trank in tiefen, großen

Zügen die Schönheit.

Weit in graue, webende Fernen

Schweifte der Blick auf fröhlichen Fittichen,

Holte die schimmernde Schönheit mir,

Bettete tief sie ins Herz mir ein.


Rotes Moor in schmalen Strichen,

Lilafarbener Sammt lockerer Frühlingsackererde

Weich dazwischen gebreitet;

Junges, lachendes Wiesengrün

Wellig hineingeschlungen:

Freudebanner der jubelnden Hoffnung

In des Keimdrangs bräutlich leuchtender,

Lustiger Farbe.
[109]

Flüssig glitzerbewegtes Silber

Hurtig eilenden Wassers blinkt

In weiten Windungen bogengeschlungen:

Wie ich dich liebe mit jauchzender Seele,

Oh du frische, rauschende, fröhliche,

Tummelnde Freiheit!

Grünbehauchte Weiherspiegel

Sinnen tiefen, stillen Traum

Mitten in der übermütigen Farbenheiterkeit.

Dunkle, trotzige Wäldermassen,

Braun,

Breit,

Brüten gewaltigen Ernst und das dunkle

Geheimnis wipfelumrauschter Einsamkeit.

Zwischenhinein hellrote Dächer,

Bläulich wirbelnder Rauch daraus;

Blitzende Fenster von Menschenhäusern

Leuchten wie lachende Augen.


Aber weit, weit drüber hinweg,

Weit, in duftiger blauender Ferne,

Weit, oh weit über dem Kleingespiel,

Starr,

Gewaltig,

Mit rissigen Schroffen,

In Schnee und Eis krystallen gehüllt,

Ragen die Alpen.


Stille, Stille über dem Riesenrund.

Ueber mir[110]

Hoch in den Lüften

Schreit ein Falke,

Langsam kreisend durch das tiefe Lüfteblau.


Stille, Stille .... die schweigende Schönheit

Atmet leise, voll. – Da schwebt

Aus der Tiefe der kleinen Stadt

Hell ein Singen empor, es klingt:

»Der Mai ist gekommen« ....

Von Kinderlippen.


In enger Stube sitzen die Kleinen.

Ich sehe im Geiste die frischen roten

Mäulerchen sich gleichmäßig öffnen,

Sehe den Lehrer die Fiedel streichen,

Sehe die lustig mitsingenden Augen, –

Kindheit, Kindheit,

Fröhliche, frische,

Singende Unschuld!


In die Ferne noch einen Blick,

Noch einen Blick über die Schönheit hin,

Ueber das Farbenwechselspiel

Lebender, atmender, wunderreicher

Schönheit.


Und ich folge dem Kindergesang,

Der durch das schönheitstrunkene Herz mir

Wie ein Frühlingsdranghauch weht.[111]

Hinunter steig ich durch Gassengewinkel,

Immer den langausklingenden Tönen

Lauschend nach,

Gefangen, gezogen ....

Da verscheidet der Sang.

Vor einem großen, grauen Hause

Steh ich still.

Durch offene Thore

Weht von Weihrauch

Kühl mildharziger Duft. In die Kirche

Tret ich ...


Da starb meiner Schönheit Bild.


Häßliches freches Bunt an den Wänden,

Grausam thörichter Spott mit den Leiden

Eines gewaltigen, liebedurchloderten,

Göttlichen Menschen.

Kniende Weiber mit dumpfen, blöden,

Aengstlichen Zügen murmeln Gebete.

Klappernd gleitet durch die harten,

Gekrümmten Finger die abgegriffene

Perlenschnur des knöchernen Rosenkranzes.

Ein dickes Priestergesicht aus Speckstein

Neigt sich und nickt

Und wackelt und wendet sich

Vorn am Altare.


Eine tiefe, schneidende Bitternis grub

Aetzend sich in mein Herz.[112]

Was der Natur hold heilige Schönheit

Mir geschenkt, verdarb vor dem armen

Menschenkram,

Dem Menschenbettelvolk,

Das sich vor fremdem Leid in den Staub

Winselnd wirft,

Statt freudig hinauf,

Jauchzend freudig mit vollem Herzschlag,

Hoch hinauf sich zu heben zu seliger,

Lebender Schönheit.


Quelle:
Otto Julius Bierbaum: Irrgarten der Liebe. Berlin/Leipzig 1901, S. 109-113.
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