Letzte Scene

[67] Fust. Schöffer. Stadtsoldaten hinter ihnen. Vorige.


FUST athemlos. Hier ist der Bösewicht, der Verführer meiner Tochter, greift ihn, Ihr Leute, im Namen des hohen Raths zu Mainz!

HUMERY faßt Fust am Arm, und tritt zwischen die Soldaten, die Guttenberg umringen. Zurück hier! im Namen des Rathes zu Mainz zurück, ich, der Syndikus des hohen Rathes, befehl' es Euch! Die Soldaten treten zurück.


Lorenz begleitet diese ganze Scene mit der seinem Charakter angemessenen heftigen Theilnahme.

Guttenberg steht ruhig und staunend.

Bertha umfaßt ihn, sobald Fust auftritt, und legt das Gesicht an seine Brust.


HUMERY donnernd. Wen wollt Ihr verhaften, den Guttenberg, den Mann, den Ihr freventlich betrogen, und in's Unglück gejagt? – Wie wagt Ihr noch solch neues Vergehen, und schmäht den Namen des Rathes, der von solchen Schandthaten unmöglich Kunde haben kann?

FUST. Führt nicht so hohe Reden, Herr Syndikus – es giebt Leute zu Mainz, deren Wort weiter klingt, als das Eure! Er zieht ein Pergament hervor. Hier ist der Verhaftsbefehl mit meines Bruders, des Senators Namen, für den Verführer meiner Tochter – laßt sehen, was Ihr dem entgegenstellt!

HUMERY nimmt eine Schrift aus dem Gürtel. Hier, dieses Dokument bestätigt, daß Se. Durchlaucht unser gnädigster[67] Kurfürst von Nassau, Adolph der Zweite, den Herrn Johannes von Guttenberg unter ihren Hofstaat aufgenommen, mit Gehalt und Verköstigung, bis an seines Lebens Ende. Guttenberg faßt in stummer Freude seine Hand, dieser fährt fort. Hier, seht's mit eignen Augen, Guttenberg steht von nun an unter des Kurfürsten alleiniger Gerechtsame3!

BERTHA zu Humery tretend. O Herr, was thatet Ihr für uns!

FUST starrt indeß Bertha an, die in freudigem Staunen sich von Guttenbergs Brust erhob. Sie ist es nicht!

PETER. Nein, nein, es ist nicht Käthchen!

FUST zu Guttenberg, der gleichfalls seine Ueberraschung und Freude kund gab. Bösewicht, sprich, wo hast Du mein Kind! – Alle Welt weiß, daß sie zu Dir in den Kerker ging, daß sie, in Nonnen- Tracht verhüllt, Dir aus der Stadt folgte! Sie ist verschwunden, nirgends fand man sie – Du hast mein Kind verführt, wo ist sie, sprich?

GUTTENBERG. Unwürd'ger Mann, von allem Uebeln, das Ihr mir gethan, ist dieser Argwohn das Schlimmste. Ich weiß es nicht, wo Eure Tochter weilt, und dennoch kann ich Euch vielleicht Kunde von ihr geben – nehmt dieses Blatt – Er zieht den Brief aus dem Busen. Der Augenblick ist da, der mein Versprechen lös't, – nicht also, Bertha? – Umschlingt Bertha. O, jetzt verstehe ich dich, du fromme Jungfrau!

FUST erbricht den Brief und lies't. »Vater! Ihr habt so Uebles gethan, daß ich Euch nimmermehr zur Seite wandeln kann! Durch Guttenberg erhaltet Ihr die Botschaft, daß Ihr Euer letztes einziges Kind verloren – Seine Stimme zittert heftig. Im Kloster der Klarisserinnen bete ich um Vergebung für Euch, und um Ruhe für mein krankes Herz! Stört mich nicht, mein Entschluß ist unerschütterlich, und der Arm der Kirche schützt eine[68] fromme Nonne gegen jede irdische Gewaltthat! – Gott tröste Euch, wie er mich getröstet!« Mein Kind, mein Kind! mein einziges Kind!

PETER. So war denn Alles umsonst! O, Käthchen, so bist du mir doch verloren! Vater, weint an meiner Brust.

FUST. Nicht Vater nenne mich – Du bist's, der mir sie stahl! O wehe, daß ich sagen muß, ich hab's verschuldet!


Er sinkt auf den Hügel, Peter steht finster neben ihm.


GUTTENBERG bewegt. O reines, engelgleiches Mägdlein, warum mußtest du das Opfer dieser finstern Thaten sein! Er legt die Hand über die Augen.


Bertha umschlingt ihn weinend.


HUMERY. Es straft die Schuld des Vaters sich in dem Kinde, und nur des Kindes Opfer mag den Vater sühnen! Gott ist so milde als gerecht, er hat Balsam für jede Wunde, die er schlug. Erheitert Euer Antlitz, Guttenberg, und dankt dem Allgerechten, der Euch so wunderbar, durch Nacht zum Licht geleitet!

GUTTENBERG faßt seine Hand. O Herr, was danke ich Euch Alles!

HUMERY. Du nicht sollst mir's danken – ich that es nicht für Dich, der Menschheit that ich's, und mir selbst zur Ehre! Wehe dem Zeitgenossen, der Dich verstieß, die Nachwelt wird ihn richten, denn Guttenberg, Du bist ein großer Mann!


Glühende Abendröthe verbreitet sich über die Bühne. Man hört aus der Ferne her Glockentöne, die das Abendgebet einläuten; es müssen mehrere Glocken sein, worunter eine dumpf klingt.


HUMERY nimmt feierlich das Baret ab, legt die Rechte auf Guttenbergs Haupt, der demüthig, mit gesenktem Haupt dasteht, die Hände über seiner Bibel gefaltet, richtet dann die Blicke zum Himmel und spricht ernst mit tiefer Rührung. Horch, der eherne Mund der Glocken bestätigt meine Rede, im Abendgebet hebt sich die fromme Seele andachtsvoll zum Herrn empor, und glühend wie der Sonne letzter Strahl entfaltet die Begeisterung ihre Schwingen! – Mir ist, als öffne sich der Zukunft[69] dunkles Thor, im Glanzmeer dort seh' ich ob Deinem Haupt die Krone der Vollendung schweben, und Worte klingen mir herüber, wie sie kommende Geschlechter Dir segnend spenden!


Das ferne Geläute dauert fort bis zum Fallen des Vorhanges.

Bertha sinkt, während dies geschieht, mit gefalteten Händen auf die Kniee, so daß sie an der andern Seite von Humery kniet. Fust verbirgt das Gesicht mit beiden Händen. Peter starrt finster zur Erde.

Die Sonne sank indessen ganz, brennende Abendröthe verbreitet sich über die Bühne.


HUMERY.

Was einst Pallas Athene dem griechischen Forscher verhüllte,

Fand der denkende Fleiß, deines Gebornen, o Mainz!

Völker sprechen zu Völkern, sie tauschen die Schätze des Wissens,

Mütterlich sorgsam bewahrt, mehrt sie die göttliche Kunst.

Sterblich war einst der Ruhm, sie gab ihm unendliche Dauer,

Trägt sie von Pole zu Pol, lockend durch Thaten zur That! –

Nimmer verdunkelt der Trug die ewige Sonne der Wahrheit,

Schirmend schwebt ihr die Kunst, wolkenverscheuchend voran!

Nachwelt, du segnest den Edlen, dem so viel Großes gelungen,

Jedes nützliche Werk ist ihm ein Denkmal des Ruhms4!


Guttenberg steht mit gesenktem Haupt. Bertha bleibt in ihrer betenden Stellung. Fust und Schöffer behalten ihre Stellung von vorhin.

Der Vorhang fällt.
[70]

Fußnoten

1 Historisch.


2 Historisch.


3 Historisch.


4 Dieses sind die Worte auf Guttenbergs Denkmal im Guttenberger-Hof zu Mainz.


Quelle:
Charlotte Birch-Pfeiffer: Johannes Guttenberg. Berlin 21840.
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