266. Das Fischerstechen in Ulm.

[245] Hausleutner, schwäb. Archiv I. S. 527 ff.


Von dem Ursprung und Alter des Fischerstechens in Ulm kann ich aus Mangel der dazu erforderlichen Nachrichten, die bei der Schifferzunft liegen und von derselben nicht leicht zu erhalten sein möchten, nichts melden. Also nur eine ganz kleine Nachricht, auf welche Art dieses Fest jetzo gefeiert werde. Dies geschieht alle zwei Jahre im Anfang des August, an dem Ulmischen Schwörtag. Da dieser sich nach Laurentii richtet, so kann folglich nie ein gewisser Tag vorausbestimmt werden. An einem Sonntag ist das Regentenfest, am Montag Schwörtag und am Dienstag Fischerstechen. Diese Tage sind unveränderlich. Schon 14 Tage vor dem Regentenfest, am Ulmischen Kirchweihfeste, suchen die jungen Fischer beim regierenden Amtsbürgermeister um Erlaubniß an, ihr Stechen halten zu dürfen, und verehren ihm Fische. An eben diesem Tage begeben sie sich denn auch in einen Gasthof, verdingen mit dem Wirt Essen etc. auf das Fest selbst, und schon an diesem Tage fangen sie gleich an, das Fest mit einem großen Lärm von Trommeln, Pfeifen, Musik[245] und Tanz anzukünden. Dieser Lärm wird an dem darauffolgenden Sonntage, sowie am Regentenfeste getreulich wiederholt. Zu Bestreitung der Unkosten ist ihnen erlaubt, in der Stadt Beiträge einzusammeln, welches am Tage des Fischerstechens selber geschieht und schon des Morgens zwischen 6 und 7 Uhr anfängt. Man verehrt ihnen entweder Geld oder andere Dinge, z.B. Schnupftücher, seidene Halstücher, silberne und blecherne Löffel, Tabaksrollen u.s.w., denn sie nehmen Alles an. Das Geld kommt in verschlossene Büchsen; die andern Dinge werden an die sogenannten Speere gehängt, wovon eines das Hauptspeer heißt, an welchem immer die schönsten Dinge prangen, z.B. silberne Medaillen an roten seidenen Bändern, die die Fischermädchen den jungen Fischern, ihren Geliebten oder Brüdern verehren. Diesen Collektationszug, der aus zwei Tambouren, dem Bauer, der Bäurin (einem jungen Fischer) und einigen Narren besteht und von einer unsäglichen Menge Menschen begleitet wird, dirigirt ein Fischermeister, als die einzige kluge Person bei demselben; denn Jene scheinen für diesen Tag durch ihre Verkleidungen auf die Vernunft verzichtet zu haben. Da die jungen verkleideten Fischer hier natürlicherweise die sogenannte Narrenfreiheit haben, so bedienen sie sich derselben auch öfters in der ausgedehntesten Bedeutung. Sie springen in Brunnen, verüben an den Vorübergehenden allerlei Schabernack, herzen hübsche Mädchen auf öffentlicher Straße, dem sich freilich die guten Dinger oft recht muthwillig aussetzen, und was dergleichen Thorheiten mehr sind. Wein, Bier, Branntwein, Brod, Käs, Gebackenes, Confituren, Obst etc., Alles wird untereinander hinein gesoffen und gefressen, so daß man sich nur wundern muß, wie die Leute gesund bleiben können. Wir Weichlinge würden davon[246] freilich krank werden, aber diesen Athleten schadet nichts. – Bis gegen 2 Uhr Nachmittags hat das Colligiren ein Ende, und dann versammelt sich Alles wieder im Gasthof, wo sich nun auch die Weißfischer mit ihren Schönen, Kirchweihjungfern genannt, einfinden. Hier wird noch etwas geschmaust, und dann geht der Zug paarweise zur Donau hinaus. Voran gehen ein paar Tambours, dann 5 bis 6 Musikanten, sodann folgen die Kirchweihjungfern, auf's Festlichste gekleidet, und jede eine Citrone in der Hand tragend; dann die Mohren und Narren, und endlich die Weißfischer mit ihren Speeren. Das Hauptspeer nebst den andern Speeren werden auch mitgetragen und nachher auf das Kirchweihschiff gebracht. Wenn man an der Donau ist, so werden die Stecher oder Kämpfer vertheilt, nachdem vorher noch einmal getanzt worden. Ein Theil derselben bleibt am Ufer oder auf Schiffen, die dicht am Ufer halten. Ein anderer Theil wird an's andere Ufer übergeführt und kommt auf das Kirchweihschiff, auf dem sich auch die Fischermädchen, Tambours und Musikanten und andere Zuschauer befinden.

Nun fängt das Stechen an, das ich als eine allgemein bekannte Sache nicht näher beschreiben will. Die verkleideten Personen stechen gewöhnlich zuerst, dann die Weißfischer. Doch gibt es auch Ausnahmen, und bald kommen ein paar Weißfischer, bald ein paar Mohren, Narren, Bauer, Bäurin etc. Verheirathete stechen gewöhnlich nicht mit, und es wird nur dann eine Ausnahme gemacht, wenn es an jungen Leuten fehlt und also der Weißfischer zu wenig wären. Die Verheirateten werden dann von dem colligirten Gelde bezahlt. Das Instrument, womit gestochen wird, ist eine Stange, etwa in der Länge eines Spontons, und heißt das Speer. Der Theil, den der Stecher unter den Arm nimmt,[247] hat ein Querholz, das er fest an die Brust drückt. Das andere Ende der Stange hat ein rundes Scheibchen oder Tellerchen, womit der Feind auf die Brust – wenn man sie nämlich trifft – gestoßen wird. Manchmal trifft man freilich anderswohin, wo man es nicht so gerne hat, woraus schon Unglücksfälle, Händel und Schlägereien entstanden sind. Gewöhnlich wird es aber so eingerichtet, daß diejenigen, welche gegeneinander einen Groll auf dem Herzen haben, gar nicht miteinander zu stechen kommen. Auch muß es den jungen Burschen zur Ehre nachgesagt werden, daß sie meistens ehrlich und redlich nach der Brust zielen und dann nicht dafür können, wenn im schnellen Vorbeifahren durch eine unglückliche Wendung des Schiffchens ihr Speer anderswohin stößt. Während des Stechens lassen sich Musik und Trommeln wacker hören, vorzüglich werden die leztern so stark als möglich gerührt, wenn zwei Stecher gegen einander fahren.

Was die Verkleidungen betrifft, so hat es damit folgende Bewandtniß: Die Weißfischer gehen ganz weiß gekleidet und sind mit schwarzen Bändern ausgeziert. Ihr ganzer Anzug ist ein knappes weißes Westchen ohne Aermel, mit Baumwolle ausgefüttert, ebenso knappe Beinkleider, und auf dem Kopfe tragen sie eine hohe grüne Mütze von Filz mit großen Federn von Reihern, Pfauen oder Schwanen. Zum Stechen werden gewöhnlich schlechtere Mützen genommen. Diese Herren Weißfischer, die immer die ältern Jünglinge sind, scheinen sich überhaupt um Vieles besser zu dünken, als die Verkleideten, wozu man immer die jüngern nimmt. So halten sie es z.B. unter ihrer Würde, mit beim Colligiren zu sein (doch sehen von Zeit zu Zeit ein Paar derselben, noch immer in ihrer gewöhnlichen Kleidung, beim Zug nach, ob Alles in Ordnung gehe), mit nach der Gans zu fahren,[248] oder mit einem Verkleideten zu stechen. Nur wenn ein Weißfischer trocken bleiben will (eine traurige, theuer er kaufte Ehre, für die er die fürchterlichsten Stöße aushalten muß!), muß er nach der Regel mit Allen herumstechen, wo dann freilich auch Bauer, Bäurin, Mohren, Narren und was da ist, über ihn herkommt. Da nun dieses in seinen Augen verächtliche Gegner sind, so fährt er ihnen mit stolzer Miene entgegen und stürzt sie mit einem leichten Stoß in's Wasser. Vor Zeiten bekam ein solcher trocken Gebliebener das beste Geschenk am Hauptspeer. Weil aber entsetzliche Händel und oft unversöhnliche Feindseligkeiten daraus entstanden sind, so wurde dies abgeschafft, und nun wird um alles, was am Hauptspeer hängt, geloost. Ich habe auch schon gesehen, daß ein solcher trocken Gebliebener nachher freiwillig in's Wasser sprang, um zu zeigen, daß es ihm nur um die Ehre, nicht um das Trockenbleiben zu thun war. Dergleichen Helden sind von anwesenden fremden Herrschaften auch schon reichlich beschenkt worden.

Der Bauer und die Bäurin sind in altschwäbische Bauerntracht gekleidet und haben also daher ihre Namen. Die Narren haben eine Art von Harlekinstracht an, einen Fuchsschwanz an der Mütze und hinten an den Beinkleidern, machen sich einen Bart, schwärzen sich auch wohl die Wangen und andere Theile des Gesichts. Die Narren theilen sich in zwei Klassen; in solche, die mitstechen, und in solche, die nicht mitstechen, d.i. in gemiethete Narren. Die leztern sind arme Bursche, die sich für Geld in diese Kleidung stecken und zum Geldeinnehmen mit einer Büchse an eine Thüre, auf eine Brücke oder anderswohin postiren lassen. Die übrigen Verkleidungen sind willkürlich und werden ganz der Erfindungskraft der jungen Fischer überlassen. Die[249] meisten gehen auch erst draußen an der Donau in der sog. Fischerhütte vor sich. Mohren sind am gewöhnlichsten. Manchmal stellt ein Paar einen Leichenbitter und eine Leichenbitterin, einen Schulmeister und eine Schulmeisterin, einen Herrn und eine Dame in französischer Tracht u.s.w. vor. Viele Kosten werden aber auf diese Verkleidungen nicht gewendet, und daher stellen sie auch selten etwas Besonderes vor.

Die Einnahme besteht nicht blos in dem, was in der Stadt herum eingesammelt wird, sondern jede Person, die das Fischerstechen mit ansehen will, muß dafür etwas zahlen, und die Herren Fischer wissen dabei ihre Maßregeln so gut zu treffen, daß nicht leicht ein Mensch es umsonst wird mit ansehen können. Will man es auf dem Wall sehen, so steht beim Eingang ein Narr mit einer Büchse da. Will man beim Thor hinaus, so stößt man wieder auf einen ähnlichen Narren. Will man es auf einem Schiff sehen, so muß man wieder bezahlen, kurz, die Herren sind wie der Tod, man kann ihnen nicht entlaufen. Trotz der eingesammelten großen Summe muß doch oft noch mancher junge Fischer, der die Kirchweih mithält, aus seinem Beutel dazu legen, weil sie das Fest noch bis zum nächsten Sonntag dauern und brav aufgehen lassen.

Weh muß es übrigens feinfühlenden Herzen thun, daß dieses Fest, wobei so viel gelacht wird, und wobei der tiefer Sehende noch einige Ueberreste altdeutscher Größe und Kraft ahndet, mit einer wahren Grausamkeit beschlossen wird. Lange vor Anfang des Fischerstechens, etwa um 1 Uhr, werden nämlich an einem über die Donau gespannten Seil drei Gänse an den Füßen aufgehangen, die so verschiedene Stunden hängen bleiben, und denen am Ende auf eine jämmerliche Art der Kopf abgerissen wird. Die armen Thiere schlagen oft[250] entsetzlich mit den Flügeln, richten sich mit dem Kopf auf und versuchen auf alle Art, sich aus ihrer unangenehmen Lage zu befreien. Aber da ist keine Menschenseele, die Mitleiden mit ihnen hätte oder ihnen helfen könnte. Wenn nun das Fischerstechen vorbei ist, so fahren der Bauer und die Bäurin, ein paar Mohren oder Narren, oder wer da will, unter dem Seil durch, ergreifen eine Gans am Kopfe und plumpen so mit ihr in's Wasser. Da durchaus kein Messer gebraucht werden darf, so drehen sie sich mit dem Kopf des armen Thieres unaufhörlich herum, bis es bricht. Manche kennen gewisse Vortheile und haben ihn gleich, welches ihnen zur Ehre angerechnet wird; andere hingegen martern die arme Gans oft sehr lange. Bricht endlich der Hals, so stürzen sie tief in's Wasser hinunter, kommen dann wieder herauf und schwimmen, den blutenden Kopf siegreich emporhaltend, dem auf sie wartenden Schifflein nach. Das Fischerstechen könnte gewiß ohne diese Grausamkeit vorübergehen, aber unsere junge Fischerschaft läßt sich dieselbe so wenig nehmen, als der Wiener seine Thierhetze und der Spanier seine Stiergefechte.

Wenn nun dieses alles vorbei ist, so geht der Zug wieder in die Stadt, doch wird vorher noch getanzt, wobei sich die jungen Fischermädchen gar nichts daraus machen, wenn ihre rüstigen Kämpfer ganz von Wasser triefen. Nun geht der Zug durch einige Straßen der Stadt, es wird noch an einigen Plätzen getanzt, vor einigen Wirtshäusern getrunken, und erst jezt legen die Helden des Tages trockene Kleider an. Dann versammeln sie sich in ihrem Gasthofe, wo es dann die ganze Nacht durch mit lärmender Freude munter und lustig zugeht. Des andern Tages tragen sie sich ganz roth, haben die von ihren Mädchen erhaltenen Medaillen,[251] allenfalls auch andere vom Hauptspeere durch's Loos empfangene Dinge um sich hängen, ziehen in der Stadt herum, besuchen bald dieses, bald jenes Wirtshaus, trinken und tanzen. Auch außerhalb der Stadt besuchen sie in den folgenden Tagen verschiedene Lustörter und vergnügen sich mit ihren Schönen. Und so währt es bis zu Ende der Woche, welche die Schwörwoche heißt, fort. Noch muß ich bemerken, daß am Sonnabend vor dem Fischerstechen ein Probestechen gehalten wird. Dies geschieht aber in einer andern Gegend der Donau, weiter oben, als wo nachher das Fischerstechen selber gehalten wird. Bei diesem Probestechen ist oft schon der Grund zu Feindschaften gelegt worden, deren Ausbrüche beim Hauptstechen nur mit Mühe verhindert werden konnten.

In den Jahren, wo kein Fischerstechen war, hatten die jungen Fischer sonst eine andere Lustbarkeit, die man das Bäuerlein herunter fahren heißt. Sie scheint aber wegen der Kosten, weil dazu nicht colligirt wurde, eingegangen zu sein. Diese Lustbarkeit war ganz simpel und gar bald vorbei. Es ward nämlich das Kirchweihfest in die Gegend der Donau oberhalb der Stadt gebracht, dort vom Bauer und der Bäurin in ihrer charakteristischen Kleidung, ferner von jungen Fischerinnen in gewöhnlicher Kleidung und von mehr andern Personen ein Schiff bestiegen. Ueber das Schiff wurden zwei Bretter in die Quere gelegt, die weit in das Wasser hinaus reichten. Darauf nun mußte Bauer und Bäurin stehen. Nun schwankte man mit dem Schiffe so viel als möglich, und mitten unterm Schwanken wurden beide, Bauer und Bäurin, in das Wasser gestoßen, dann wieder in das Schiff gezogen und mit flacher Hand auf den Hintern gepantscht. Dies wurde von Zeit zu Zeit[252] wiederholt, bis man an der Stadt vorbei und unterhalb derselben war. Hier stieg man wieder aus, und hierin bestand die ganze Lustbarkeit.

Herr Prof. Dr. Haßler in Ulm schrieb mir auf eine Anfrage in Betreff des Fischerstechens: »Das lezte vom Jahre 1855 aus Anlaß der hiesigen Zusammenkunft der Geschichts- und Alterthumsforscher hat sich durch Nichts von dem ältern unterschieden; dagegen habe ich im Jahre 1842 bei der hiesigen Versammlung der Philologen und Schulmänner die Fischer veranlaßt, die streitenden Parteien in ihren Hauptrepräsentanten als Humanisten und Realisten darzustellen, nämlich den einen als Stockphilologen mit dem Phantom eines colossalen Folianten überschrieben: Ciceronis opera omnia. Editio novissima – den andern mit der Rechentafel auf dem Magen, auf welcher das Einmaleins befindlich war. Natürlich wurde der Leztere von dem Philologen zuerst in's Wasser gestochen, dann purzelte aber auch dieser hinein«119.

119

Vgl. das Fischerstechen in Ulm zu Ehren der Versammlung der deutschen Alterthumsforscher, abgehalten am 20. Sept. 1855. Eine poet. Schilderung von Friedrich Albrecht, 8°. Druck und Verlag der Gebrüder Nübling, Schilderung des Stechens S. 9 u. 10 ff.

Quelle:
Birlinger, Anton: Sitten und Gebräuche. Freiburg im Breisgau 1862, S. 245-253.
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