Erster Auftritt.

[33] Elias tritt vom Söller her ein, eilig, in Unruhe. Er trägt Leinwandhosen und leichte Schuhe; am Oberkörper nur das Hemd; hat keine Mütze auf. Bleibt stehen, geht dann zum Fenster und lauscht. Man hört in der Ferne, doch deutlich, eine Männerstimme, die ein Kirchenlied singt. Elias ist tief ergriffen.

Rahel kommt leise durch die Tür rechts herein, die geschlossen war, und die Rahel hinter sich wieder schließt. Der Bruder macht ihr ein Zeichen: sie soll stehen bleiben und zuhören.


RAHEL die auch bewegt ist, sagt leise. Laß mich die Tür zu Mutters Zimmer öffnen!

ELIAS leise. Ist Mutter wach?

RAHEL. Nein, – aber sie hört Vater doch. Verschwindet rechts; kommt leise wieder herein und läßt hinter sich offen; sagt leise. Sie hat gelächelt.

ELIAS leise. O, Rahel!

RAHEL bewegt. Elias! – Sag' nichts; – ich kann es nicht ertragen!

ELIAS. Blick' hinaus, Rahel! – Kann es Schöneres geben? Hunderte von stillen, ach! so stillen Menschen rings um die Kirche; und er im Gebet da drinnen und singend, ohne eine Ahnung zu haben, daß draußen wer ist. Die Fenster offen, aber zu hoch, als daß er sichtbar wäre, und die draußen auf ihrer Hut, daß nur kein Laut ihn störe! – Weißt Du noch? Er sprach von einer Kette Gebete. Diese Menschen rings um die Kirche, – das ist die Kette!

RAHEL. Ja. Lauscht dem Gesang. Er endet. Er singt heut oft.

ELIAS. Jetzt mach' die Türen zu. Ich habe Dir so[33] viel zu sagen. Ich bin schon zweimal hier gewesen und habe Dich gesucht.

RAHEL geht leise rechts ab; kommt wieder und macht die Tür hinter sich zu. Sagt lauter. Heut nachmittag sind noch mehr Leute gekommen.

ELIAS. Und es kommen immer noch mehr, – sie kommen meilenweit herbei! Du kannst sie gar nicht alle sehen; denn ein großer Teil ist hinten in den Hainen und hört den Laienpredigern zu. In solcher Entfernung stören sie Vater nicht. So gehen die Leute hin und her – zwischen den Hainen und der Kirche. – Aber sieh nur mal dort hinunter zum Strande –!

RAHEL. Was mag das nur sein? Das Gelände ist schwarz von Menschen! Was ist das?

ELIAS. Das Missionsschiff ist gelandet.

RAHEL. Das Missionsschiff?

ELIAS. Weißt Du nicht, daß die Leute der östlichen Distrikte sich für den großen Missionstag in der Stadt ein Dampfschiff gemietet haben. Es liegt jetzt hier im Fjord.

RAHEL. Hier?

ELIAS. Hier!

RAHEL. Aber warum legt es hier an?

ELIAS. Des Wunders wegen! Als unsere Vertreter, Pastor Kröjer und noch einer, an Bord des Schiffes kamen – bei dem Anlegeplatz am Meer ...

RAHEL. Nun?

ELIAS. ...und erzählten, was sich gestern hier zugetragen habe, und daß Vater noch allein in der Kirche sei und bete, –

RAHEL. Jetzt versteh' ich!

ELIAS. ...da wollte kein einziger weiter! Alle wollten hierher! Der Bischof und die Pfarrer baten ihre Leute, doch ja ihr Wort nicht zu brechen und die Abrede zu halten; doch sie wollten nun einmal hierher! Und so mußten die anderen nachgeben. Jetzt sind sie da.

RAHEL. Auch die Pastoren?[34]

ELIAS. Der Bischof und die Pastoren – natürlich!

RAHEL. Sie kommen doch nicht etwa hier ins Haus? – Elias, Du solltest Dich umkleiden!

ELIAS. Ich halt' es in Kleidern nicht aus.

RAHEL. Du hältst es nicht aus –?

ELIAS. Sie sind mir wie Feuer am Leibe. Und dann fühl' ich den Drang, ja, den Drang, mich durch die Lüfte zu schwingen. Ich kann Dir's nicht beschreiben. Doch manchmal ist mir, als wüchsen mir Schwingen.

RAHEL. Aber, Elias –!

ELIAS. Da ist er! Da geht er!

RAHEL. Wer? – Meinst Du den?

ELIAS. Er ist es doch? Ja, er ist's! Sie trugen ihn heut morgen her – krank, schwerkrank. Und nun geht er; sieh hin – dort!

Es war heut früh – unser Vater stimmte seinen ersten Gesang an. Keiner war darauf gefaßt, er würde singen; wir alle waren zu Tränen gerührt. Da stand der Kranke ganz von selbst auf. Wir bemerkten es nicht, bis er mitten unter uns ging. – – Auch Mutter wird aufstehen, Rahel! Ich sehe sie schon vor mir!

RAHEL. Aufstehen wird sie. Ich erwart' es jeden Augenblick; aber ich zittere vor diesem Augenblick. – Warum siehst Du mich so an, Elias?

ELIAS. Manchmal, wenn Du redest, ist mir, als seien es Verse. Auch wenn die anderen reden.

RAHEL. Elias –?!

ELIAS. Manchmal wieder – wie eben jetzt – hör' ich nur den Klang der Worte, nicht ihren Sinn. Denn ich höre zugleich etwas, das sich nicht verlautbart.

RAHEL. Sich nicht verlautbart.

ELIAS. Am häufigsten, daß Vater mich ruft; – mich beim Namen ruft, wie gestern morgen. Bewegt. Er hat sich etwas dabei gedacht, als er mir diesen Namen gab. Der Name klingt und klagt mich an – und mit seiner Stimme. – Zu gewissen Zeiten unablässig; – es verfolgt mich! Und dann fühl' ich den Drang, mich in die größten Gefahren zu stürzen. Ich bin überzeugt,[35] ich käme mit heiler Haut davon ... Hab' nur keine Angst! Hier ist ja keine Gefahr.

RAHEL. Elias, komm – wir wollen uns zusammen in Mutters Zimmer setzen! Bei Mutter ist Frieden.

ELIAS. Ich kann nicht. – Rahel, antworte mir vor Gott, – laß Deinen letzten, leisesten Zweifel sprechen und dann antworte mir: ist das ein Wunder, was wir hier erlebt haben?

RAHEL. Gott, Elias, – mußt Du immer wieder –

ELIAS. Ist es denn nicht entsetzlich, daß die beiden einzigen Menschen, die noch zweifeln, seine Kinder sind? – Ich gäb' mein Leben hin, wär' ich nur erst überzeugt.

RAHEL. Elias, nicht weiter! Ich bitte Dich!

ELIAS. Sag' mir nur, was Du glaubst! – Der Bergrutsch?! Das ist zu überwältigend, um ein Zufall sein zu können. Nicht wahr? Und Mutters Schlaf? So wie er nur die Glocke zog, – schlief sie ein. Und schlief trotz des Felsendonners?! Schläft, solange er betet? – Ist das kein Wunder? Aber warum ist denn nicht auch das andere ein Wunder, ein großes Wunder?

RAHEL. Ich glaube fast, Elias, – es ist eins.

ELIAS. So, glaubst Du?

RAHEL. Ja, aber ich fürchte mich auch davor.

ELIAS. Fürchtest Dich davor, – wenn es ein Wunder ist? Dann kannst Du auch nicht glauben, daß es ein Wunder ist.

RAHEL. Ja.

ELIAS. Denn das kann doch nicht bloß seine magnetische Heilkraft sein? Oder die Macht seiner Persönlichkeit? Nein, das ist mehr! Ist es das Wunder? Bist Du davon durchdrungen?

RAHEL. Mit dieser Frage kann ich mich jetzt nicht quälen. Um Frieden vor ihr zu haben, deswegen flüchte ich mich hinein zur Mutter ... Mutters ehrliches Wesen erfüllt sozusagen den ganzen Raum und wiegt solche Fragen in Ruhe. – – Jetzt handelt es sich um anderes, Elias.

ELIAS. Um anderes –

RAHEL. Ich sehe weiter ... Was wird nachkommen,[36] – wenn sie erst aufgestanden ist. Denn damit ist die Sache doch nicht abgetan. Schließlich –

ELIAS. Schließlich –?

RAHEL. Schließlich steht doch ihr Leben auf dem Spiel! Bricht in Tränen aus.

ELIAS. Rahel –? Gott!

RAHEL. Mutter hat nicht mehr die Kraft des Widerstandes. Und er will vorgehen – gerade jetzt!

ELIAS. Womit?

RAHEL. Nun, mit dem, – dem ... nenn's, wie Du willst!

ELIAS. Aber gesetzt, es ist ein Wunder, Rahel? Wozu dann sich ängstigen?

RAHEL. Ich kann die Folgen für Vater und Mutter nicht übersehen – für uns alle. – Verstehst Du mich denn gar nicht?

ELIAS. Nein.

RAHEL. Nein! Mir ist ganz gleichgültig, was es ist – es ist unser Verderben. Es bringt uns schließlich in den Tod.

ELIAS. Das Wunder?

RAHEL. Ja, ja. Es ist kein Segen, – es ist das Entsetzen. – Elias! Sie zieht ihn ins Zimmer hinein.

ELIAS. Was ist?

RAHEL. Da steht ein Mann draußen am Fenster und starrt herein.

ELIAS. In einem Rock, bis an den Hals zugeknöpft –?

RAHEL. Ja. – Mit gedämpftem Aufschrei. Da Steht er ja schon in der Stube! Sie geht rückwärts, als fliehe sie vor einem Gespenst, und rettet sich in das Zimmer ihrer Mutter.

ELIAS. In der Stube?


Der Unbekannte tritt in diesem Augenblick auf den Söller links, überschreitet die Schwelle, steht still und sieht sich um.


Quelle:
Björnson, Björnstjerne: Gesammelte Werke. Berlin [1911], Band 5, S. 33-37.
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