Schwestergesundheit, ausgebracht am Johannisfeste

[260] 1782.


Der Eintracht und der Schwestern Preis,

Wer beide zu vereinen weiß,

Ist nicht genug zu preisen:

Als Bruder stets um Schwestern sein,

Und nie mit ihnen sich entzwei'n,

Das ist der Stein der Weisen.


Die Schwestern gruben zwar den Stein

Gar tief in ihre Herzen ein,

Daß wir ihn nicht ergründen;

Allein das schreckt den Maurer nicht:

Er wird bei seiner Sonne Licht

Den Stein gewiß noch finden.


Doch bis der edle Diamant,

Der allen Zwist und Hader bannt,

Durch uns're Kunst erschienen,

Will ich, wie jeder Maurer soll,

Zu unserm und der Schwestern Wohl

Mit frommen Wünschen dienen.


Wenn Vorwitz eine Schwester sticht

Nach Dingen, die uns Eid und Pflicht[260]

Zu sagen nicht erlauben,

So gebet ihr ein X für U,

Und macht ein ernst Gesicht dazu,

Und traun! sie wird es glauben.


Wenn Schwestern böser Laune sind,

Und mit Gemahl und Hausgesind'

Aus langer Weile keifen,

So müßt ihr taub und fühllos sein,

Und euch bemüh'n, den rauhen Stein

Mit Job's Geduld zu schleifen.


Wenn Schwestern eifersüchtig schmäh'n,

Und euch Gardinenpredigten

Um eu're Ohren sausen,

So denket, daß hier vor Gericht

Ein lauer Bruder Redner spricht,

Schlaft ein, und laßt euch zausen.


Wenn Zorn in Schwesteraugen glüht,

Aus ihrem Munde Feuer sprüht,

Und euch in Schrecken setzet,

Geht wacker zu, seht euch nicht um;

'S ist eitel Colophonium,

Das euch kein Haar verletzet.


Wenn eine Schwester seitwärts schielt,

Und Hangen und Verlangen spielt,

So nehmt geschwind die Binde,

Und hütet euch vor'm Tageslicht;

Der Seh'nde geht hier lange nicht

So sicher als der Blinde.


Wenn eine Schwester zankt, daß sie

Nicht Erben kriegt, so machet nie

Durch Zank das Uebel grösser;

Beruhigt sie für diesen Fall,

Und machet für ein andermal

Die Eh'standsarbeit besser.
[261]

Wenn's eine gar zu bitter macht,

Und ohn' Erbarmen Tag und Nacht

Mit Haß und Lieb' euch quälet,

So duldet's ohne Ach! und Weh!

Und denkt, ihr seid der Leidende,

Der seinen Weg verfehlet.


Die Schwester aber, die euch liebt,

Und Tag und Nacht euch Freuden gibt,

Die, Brüder, sei euch theuer!

Verehrt die Holde für und für

Mit Maurertreu', und gebet ihr

Das allerstärkste Feuer!


Die Schwester, die den Maurer liebt,

Die Schwester, die uns Freuden gibt,

Soll hoch und ewig leben!

Uns aber soll, der alles schafft,

Stets treuen Sinn und Maurerkraft

Und Muth in Fülle geben!

Quelle:
Aloys Blumauer: Sämmtliche Gedichte. München 1830, S. 260-262.
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