Erste Szene

[7] Loidl – Resi – Leopold – Piccolo – Kracher.

Loidl sitzt am Tische links und spielt auf der Zither die Melodie des Liedes vom »Busserl«.


RESI mit einem kleinen Sträußchen am Mieder, singt.

»A Busserl is a schnackig Ding,

Das Beste, was man hoat –

Man ißt's halt net, man trinkt's halt net

Und allweil schmeckt's so guat!


Und was a Schreiber schreiben kunnt,

Wohl in zehntausend Stund',

Dös drückt oan einzig's Busserl aus,

Dem Dearndl auf den Mund.«


Leopold ist aus dem Speisesaale nach der vierten Zeile des Liedes mit einer Serviette in der Hand aufgetreten und hört der Melodie verträumt zu.


LEOPOLD seufzend. Ja, ein Busserl! Gut schmeckt's schon! Aber kriegen muß man's halt!

RESI. Aber Ihnen kann dös doch net schwer werd'n, Herr Le'pold.

LOIDL. Einem Mann, wie Sie – in einer so bedeutenden Stellung: Zählkellner im »Weißen Rößl«! Da ist ja ein Minister a net viel mehr!

LEOPOLD geschmeichelt. Na ja – man ist schon wer in der Welt! Mit dem Gelde Gelingend, das er nach Art der Zahlkellner unter dem Frackschoß in einer Ledertasche trägt. Man hat's ja zu was bracht, aber glaubend, daß das die Leute einsehen?

LOIDL. Wird schon kommen, – nur net nachlassen![7]

LEOPOLD. Ich laß' auch net nach! Aber, sagen's, Resi, wo haben's denn die schönen Blümeln her?

RESI. Droben vom Steinkogel! Wie ich heut in der Früh' runter kommen bin in 'n Ort, hab ich's abbrochen, droben vom Abhang. 's war gar net leicht!

LEOPOLD. Geben's mir das Sträußerl – da haben's an Sechserl dafür – ich kann's brauchen!

RESI ihm die Blumen gebend. Aber gern, Herr Le'pold!

LEOPOLD. Und jetzt, Loidl, singen 's die anderen Strophen, ich hör' das Lied gar so viel gern!

PICCOLO aus dem Speisesaal. Herr Leopold! Der Herr von Kracher will zahlen.

LEOPOLD. Soll warten! Siehst' denn net, dummer Bua, daß ich ka Zeit hab?

PICCOLO. Aber der Herr von Kracher ist schon ganz wild! Er wart' schon a halb' Stund'.

LEOPOLD. Soll weiter warten – der Herr von Kracher! Wegen der zwei Kreuzer Trinkgeld, die er mir immer gibt, werd' ich mich net abstrap'zieren.

KRACHER aus dem Speisesaal. Aber Leopold, was ist denn? Ich will zahlen – hören's denn net? Zahlen will ich.

LEOPOLD diensteifrig zu Kracher eilend. Bitte sehr, bitte gleich! Zieht die Brieftasche, aus der er ein kleines Blatt nimmt, welches er dann auf den Tisch legt, und notiert mit einem Bleistift, den er hinter dem Ohr getragen hat. Bin schon da, Herr von Kracher.

KRACHER diktierend. Ein Beinfleisch.

LEOPOLD. Dreißig – was dazu?

KRACHER. G'röste Erdäpfel, ein Bier.

LEOPOLD. Brot hatten's keins? Macht achtundvierzig. Greift sofort in die hintere Rocktasche, um Kupfergeld herauszuholen.

KRACHER einen Schein hinlegend. Können's mir außageb'n auf 'n Zehner?

LEOPOLD Geldstücke aufzählend. Bitte sehr! 48 und 2 sind fünfzig – ein Gulden – zwei – drei – vier – fünf – und Nimmt schnell aus der Brieftasche einen Fünfguldenschein, den er mit den Fingern schnalzend prüft, um sich zu überzeugen, daß es nicht zwei sind. macht zehn Gulden.

KRACHER das Geld nehmend und zwei Kreuzer liegenlassend. Na, lang' g'nug hat's dauert. Wendet sich zum Gehen nach links.

LOIDL den Hut in der Hand, zu Kracher. Bitt schön, Euer Gnaden![8]

KRACHER unwillig. Hab' kein Kleingeld. Ab links vorn.

LEOPOLD. Aus dem werden's nix rauskriegen, Loidl. Da schaun's her, zwei Kreuzer Trinkgeld! Ordentlich schämen muß man sich. Zu dem wiederauftretenden Piccolo. Da, Piccolo, nimm du's!

PICCOLO das Geld nehmend. Küß' die Hand, Herr von Leopold. Ab in das Haus.

RESI weitersingend.

»Und wenn'st nix mehr zum Plauschen woaßt,

Nimm's Maderl um den Hals!

Druck' ihr a saftig's Busserl auf

Und's Mädel woaß dann all's!«

LEOPOLD während des Nachspiels wiederholend. »Und's Mädel woaß dann all's!« Schwärmend. Jesses, wenn man sich denkt, daß man erst so weit wär'! O Gott! O Gott! ...


Quelle:
Oskar Blumenthal und Gustav Kadelburg: Im weißen Rössl. Berlin 16[o.J.], S. 7-9.
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