Zweite Szene

[9] Loidl – Resi – Josepha – Leopold.


JOSEPHA aus dem Haus. Aber Leopold – Sackerment no a mal – was ist denn mit Ihna g'scheh'n? Haben's denn gar nix zu tun? Das ganze Haus voller Gäst' – das Dampfschiff wird auch gleich kommen, und der Leopold steht vor der Tür und läßt sich was vorsingen! Seit wann sind denn Sie so musikalisch?

LEOPOLD. Ja, wenn ich das Lied hör' ... vom Busserln ...

JOSEPHA. Was denn Busserln? Jetzt in der Früh? Dafür ist der Feierabend da! Da können's wegen meiner busserln, so viel als woll'n.

LEOPOLD freudigst. Ja, wenn Sie's gütigst erlauben, nachher werd' ich so frei sein! Sich ihr nähernd.

JOSEPHA zurückweichend. Aber, eine andere – das bitt' ich, mir aus! Net mich! Und das will ich Ihnen gleich sagen, Herr Leopold, – diese verdrahten Augen, die müssen's sich abgewöhnen! Die hab' ich bei 'nem Kalberl ganz gern, aber bei einem Zahlkellner kann ich's net leiden.

LEOPOLD. Ach, wenn Sie wüßten ... Frau Sephi.

JOSEPHA. Was denn, Frau Sephi? Seit wann steh'n wir zwei denn so miteinander?

LEOPOLD. Na, Sie sagen doch auch manchmal, wenn's g'rad gut aufg'legt sind, Poldi zu mir.[9]

JOSEPHA. Bitte sehr! Dös ist ganz etwas and'res. Der Steg, der von mir zu Ihnen führt, der führt noch lange nicht von Ihnen zu mir! Für Sie bin ich die Frau Maria Gabriela Josepha Voglhuber, gebürtige Steingruber – die Wirtin vom »Weißen Rößl«. Das können Sie sich merken! Und weil wir g'rad beim Plauschen sind, will ich Ihnen noch etwas sagen. Vor drei Jahren hab' ich von meinem Mann, Gott hab' ihn selig, das Hotel hier übernommen. In derer Zeit hab ich fünf Oberkellner gehabt – lauter brave, tüchtige Menschen, so lang's die Augen nur im G'schäft gehabt hab'n. – Aber, es hat net lang dauert, da haben's ang'fangen, sich nach mir umzuschau'n – g'rad wie gewisse Leute. Wissen's, was ich mit denen g'macht hab'? Aussig'schmissen hab' ich's, alle fünfe! ... Sie, Leopold, nehmen's sich in acht, daß Sie das halbe Dutzend net voll machen!

LEOPOLD sich aufs Herz klopfend. Wenn's nur net gar zu schwer wär', das nieder zu drucken.

JOSEPHA. Immer drucken's nur! Es wird sich schon machen. Und jetzt gehn's an die Arbeit. Die Speisekart'n soan no net g'schrieb'n, die Tisch soan noch nicht in Ordnung. Vorwärts.

LEOPOLD. Gleich wird's g'macht sein, aber vorher – wann ich schon selber nix sagen darf – Ihr das Sträußchen überreichend, in gespreiztem Hochdeutsch. Diese Blumen sollen für mich sprechen.

JOSEPHA lachend. Jesses! Poetisch wird er auch noch, der Leopold! Innen muß aber schon sehr schlimm geh'n! Wo haben's denn das Sträußerl g'kauft?

LEOPOLD. Aber bitt' schön! – das hab' ich selber abbrochen in aller Früh' – droben vom Abhang!

JOSEPHA. Schad, daß Sie net einig'fall'n sind! Das hätt' Sie vielleicht kuriert! Nach dem Haus zeigend. Aber, darf ich jetzt vielleicht bitten? ...

LEOPOLD. Frau Maria Josepha Gabriela Voglhuber, gebürtige Steingruber – ich habe die Ehre. Wendet sich zum Gehen.

JOSEPHA. Und daß's net vergess'n. Das Dampfschiff kommt um 9 Uhr 35 – daß da nur die Leut' alle an der Landungsstelle sind. Wir im Salzkammergut müssen dazuschau'n. Wir hab'n eh' nur die paar Tag', wo's net regnet.

LEOPOLD. Unbesorgt, wir werden die Gäst' schon einfang'n. Die paar Zimmer, die wir noch leer hab'n, die werd'n wir schon voll kriegen.

JOSEPHA. Schau'ns nur nach, daß Nummer vier hübsch in Ordnung ist. Frische Gardinen an die Fenster, auf den Balkon stellen's die neuen Gartensessel, und das gute Sofa von Nummer 36 kommt auf das Zimmer.

LEOPOLD. Jesses, da erwarten's wohl gar 'nen Erzherzog?[10]

JOSEPHA lachend. Dös g'rad net. Aber ein lieber Gast kommt da hinein, der alle Jahre bei uns einkehrt.

LEOPOLD etwas eifersüchtig. Wer ist denn das?

JOSEPHA. Der Herr Doktor Siedler.

LEOPOLD mit gesteigerter Eifersucht. Ach, der Herr von Siedler! Von dem haben mir schon meine Vorgänger erzählt. Den soll ja die gnä' Frau ganz besonders ins Herz geschlossen haben.

JOSEPHA. Hab' ich auch. Das ist ein fescher, lustiger Gast, der bringt Leben ins Haus, und da lacht einem das Herz, wenn er da ist.

LEOPOLD. So, wirklich?

JOSEPHA. Der muß besonders aufmerksam bedient werden, damit er nur das nächste Jahr wiederkommt.

LEOPOLD. Nun, wegen meiner braucht er sich nicht zu bemühen. Im Abgehen. Wann ich dem etwas antun kann, der soll's gut haben. Ab in das Haus.

JOSEPHA Leopold nachsehend, lachend. Ein narrischer Mensch, der Leopold.


Loidl, der inzwischen mit Resi im Hintergründe geblieben war, ist jetzt wieder vorgekommen.


LOIDL. Aber bildsauber, und hat Sie gar so viel gern!

JOSEPHA. Was Sie net alles wissen. Das hat er Ihnen wohl erzählt?

LOIDL. Aber i bitt' Sie, Frau Voglhuber, das sieht man doch! Die Blumen, die er für Sie g'pflückt hat – da droben am Abhang ...!

JOSEPHA. Die will ich jetzt gar net. Justament net. Resi das Sträußchen hinwerfend. Da Resi – nimm du's. Vielleicht kannst du dir noch ein paar Kreuzer damit verdienen. Aber mit Ihnen, Loidl, hab' ich noch ein paar Wörtl z'reden. Wollen's denn no net aufhören mit derer Bettlerei?

LOIDL. Ja, warum soll ich denn das G'schäft aufgeb'n? Das geht ja sehr gut.

JOSEPHA. Schämen sollten Sie sich! Ein wohlhabender Mann wie Sie – so die Leut' zu betrügen. Sie tun ja g'rad so, als wären's das ärmste Hascherl von der Welt! Die ält'sten Fetzen hängt er sich um ...

LOIDL. In meinem Sonntagsgewand kann i doch net betteln gehn!

JOSEPHA. Und dabei weiß doch jedes Kind im Ort, daß er ein hübsches Häuserl hat und zwei Küh, und auf der Sparkasse hat er a noch an schönen Batzen!

LOIDL. Ja, wo hätt ich denn das her, wenn ich net so fleißig gebettelt hätt'? Da heißt's aufpassen, daß einem keiner vorübergeht. Schon mein Vater selig, von dem ich das G'schäft übernommen hab', hat immer g'sagt: »Nur koanen auslassen!«[11]

JOSEPHA. Na, die Lehr' befolgen's auf's Wort. Alle Fremden betteln's an, durch den ganzen Sommer.

LOIDL. Ja, im Winter haben wir doch keine. Und wozu sein denn die Fremden da, als daß wir ihnen das Geld abnehmen? Sie machen's drinnen, und ich mach's halt draußen – das ist der ganze Unterschied.

JOSEPHA. Da muß i aber schön bitten! Bei mir kriegen die Leut' was für ihr Geld.

LOIDL. Ja, glauben's denn, bei mir net? Die Freude, die ihnen das Schenken macht, ist denn das nix? Die Gelegenheit, die ich ihnen geb' zum Wohltun – das ist doch auch was wert.

JOSEPHA. Alsdann müßten die Fremden eigentlich zu Ihnen sagen: Vergelt's Gott!

LOIDL. Wär' ganz in der Ordnung!


Quelle:
Oskar Blumenthal und Gustav Kadelburg: Im weißen Rössl. Berlin 16[o.J.], S. 9-12.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Im weißen Rößl
Im weißen Rößl

Buchempfehlung

Anselm von Canterbury

Warum Gott Mensch geworden

Warum Gott Mensch geworden

Anselm vertritt die Satisfaktionslehre, nach der der Tod Jesu ein nötiges Opfer war, um Gottes Ehrverletzung durch den Sündenfall des Menschen zu sühnen. Nur Gott selbst war groß genug, das Opfer den menschlichen Sündenfall überwiegen zu lassen, daher musste Gott Mensch werden und sündenlos sterben.

86 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon