Zweite Szene

[62] Josepha – Siedler.


SIEDLER kommt nach einer kleinen Pause. Nun, Frau Josepha – so nachdenklich? –

JOSEPHA. Ach, Sie sind's, Herr Doktor? Ihm lachend in das Gesicht schauend. Lassen's nur! ... Was geht einem net alles im Kopf herum ... Dummes und Gescheit's – gar net der Rede wert.

SIEDLER leise drohend. Ich möchte wetten, ich weiß, woran Sie denken.

JOSEPHA ihn wieder anschauend. Das glaub i doch net!

SIEDLER. Sicher an die heimliche Liebe, von der Sie mir vor acht Tagen bei meiner Ankunft erzählt haben, und bei der ich Ihnen so gern helfen wollte. Gestehen Sie mir doch nur – wer ist's denn?

JOSEPHA. Eher beißet' ich mir die Zunge ab!

SIEDLER. Damit ich's ihm sagen kann, wie lieb Sie ihn haben.

JOSEPHA kopfschüttelnd. Das könnt' jetzt do net mehr helfen – aus is'!

SIEDLER. Ach, Sie haben ihm wohl den Laufpaß gegeben?

JOSEPHA. Ach, den Paß hat er gar net erst abgewartet – er ist von selber g'laufen!

SIEDLER. Ja, wieso denn?

JOSEPHA. Weil er halt eine andere gern hat!

SIEDLER. O, o! Das hat Ihnen wohl sehr wehe getan?

JOSEPHA. A klan's bisserl schon – aber wissen's, i hab' halt eine gute Haut, da heilt alles schnell! Wir im Gebirg' – wir geben uns net lang' ab mit aner unglücklichen Liab! – Und wenn ich schon den Mann net kriegen kann, den i gern hab', so muß i halt versuchen, den Mann gern zu haben, den ich kriegen kann! Und ein Mann gehört amal hier in das Haus – das Rößl verlangt's! Da muß i halt dem Rößl den Gefallen tun.

SIEDLER. Aber vielleicht übereilen Sie sich – wer weiß, ob der Mann wirklich eine andere liebt?

JOSEPHA. Wer ihm das net hätt' ansehen sollen!

SIEDLER. Was, gezeigt hat er Ihnen das auch noch? Das ist aber sehr rücksichtslos von dem Menschen![62]

JOSEPHA. Ja, die Lieb', die denkt halt immer nur an sich selber.

SIEDLER. Das darf sie aber nicht, man muß sich doch ein bißchen beherrschen!


Quelle:
Oskar Blumenthal und Gustav Kadelburg: Im weißen Rössl. Berlin 16[o.J.], S. 62-63.
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