Dritte Szene

[63] Josepha – Siedler – Ottilie – Leopold.


OTTILIE von rechts hinten, zu Siedler. Herr Doktor – kommen Sie mit?

SIEDLER ganz rasch zu ihr eilend, ohne Josepha zu beachten. Aber sofort! Mein Fräulein, ich hab' Ihnen so viel zu sagen! Wo ist denn Ihr Papa?

OTTILIE schalkhaft. Der rudert!

SIEDLER. Famos! Schnell ab mit Ottilie.

JOSEPHA ihm nachschauend. Ja, ja, man muß sich ein bißchen beherrschen!


Leopold von hinten rechts, den Hut auf, in einem kurzen hellfarbigen Überzieher. In der Hand trägt er sein Dienstbuch, Tintenfaß und Feder.


LEOPOLD. So, da san mir! Meine paar Sacherln hab' ich schon in aller Früh' z'sammengepackt! Da ist mei' Dienstbüch'l – i bitt' um mei Abgangszeugnis.

JOSEPHA. Na, muß denn das gleich sein? Wo soll ich denn hier schreiben?

LEOPOLD. Bitt' schön – Tinte und Feder hab' i gleich mit'bracht. Stellt es rechts auf den Tisch.

JOSEPHA. Haben Sie's aber eilig! Setzt sich an den Tisch. Geben's also her! Sie, gar so gut wird das Zeugnis net werden.

LEOPOLD. Kann ich mir schon denken. Aber, wenn ich der Frau Josepha an Zeugnis auszustellen hätt' – wer weiß, ob's besser wird.

JOSEPHA drohend. Leopold!

LEOPOLD. Und wann mi mei neuer Herr fragen wird: »Sie, warum san's denn nur so kurze Zeit bloß in derer Stellung gewesen? Was haben Sie sich denn zuschulden kommen lassen im ›Weißen Rößl?‹« da werd' i sagen: Bitt' schön, das is net mein Fehler! I hab' in dem Haus bleiben mögen mei Leben lang! I hab' der Frau Sephi dienen wollen ehrlich und treu ... Bitt' schön, schreiben's das hinein ... »wollte ehrlich und treu dienen« ... aber, es war mir halt net möglich, weil i keine Anerkennung gefunden hab' ... bitt' schön, schreiben's das auch hinein: »hat keine Anerkennung gefunden!« Und warum? Weil die Frau Rößlwirtin nur Augen gehabt hat für diesen Herrn Doktor Siedler! Und, das hab' i net vertragen können.[63] Bitt' schön, schreiben's das auch hinein: »Grund des Dienstaustrittes: der Herr Doktor Siedler!« – Und darum bin i freiwillig gegangen. Mit seinen Tränen kämpfend. Wann's mir auch jetzt in der ganzen Welt nimmer gefallen wird – und wann i auch wieder zurückdenken muß an die Frau Josepha Weinend. und an's »Weiße Rößl«. Mit gesteigerter Rührung. Bitt' schön, schreiben's das auch hinein!

JOSEPHA. Steht schon da! Ihm das Buch gebend. Hier haben's Ihr Buch!

LEOPOLD. Küß die Hand! Und jetzt adieu, Frau Sephi! ... B'hüt Ihna Gott! Reicht ihr die Hand.

JOSEPHA ihm die Hand reichend. Behüt' Ihna Gott!

LEOPOLD geht einige Schritte, dann mit einiger Rührung, zaudernd. Ich bitt' schön – darf ich Ihnen auch manchmal schreiben?

JOSEPHA. Ja, ja, schreiben's nur.

LEOPOLD. Küß die Hand! Macht wieder einige Schritte, dann aufs neue zaudernd. Und wann mich der Weg just vorbeiführt, darf ich auch zum Besuch kommen? Auf a Schalerl Kaffee?

JOSEPHA. Ja, ja, kommen's nur!

LEOPOLD. Küß die Hand! ... Und net wahr ... Sie san mir doch net böse?

JOSEPHA. Na, wissen's, jetzt, wo's nimmer bei mir im Dienst sind, jetzt kann ich's ja sagen – freili bin i Ihnen bös! Net weil's glaubt haben, i wär verliebt in den Herrn Doktor Siedler – Du lieber Gott! – Ich bin ja noch jung – da wär eh nix dabei! Aber, daß Sie nur einen Augenblick haben glauben können, ich lass' mir von der G'schicht den Kopf verdrehen – schauen's, darum bin i Ihnen bös! Sie hätten sich sagen müssen: Die Frau Josepha is ja doch net närrisch! Die Frau weiß ganz genau, wo ihr Platz is – in die Kuchel, da gehört's hin! Und wenn die was im Herzen hat, was net hinein paßt, die wird's schon außa reißen! Und wann's ihr noch so weh' tat! Ja, das mußten's sich sagen, wenn's nur a bisserl an gesunden Menschenverstand gehabt hätten!

LEOPOLD erregt. Ja, wenn das so ist ... wenn das wirklich so ist ... Frau Sephi ... warum geh' ich denn nachher? ... Da kann ich ja bleiben!

JOSEPHA. Bitt' schön, ... Sie sind mein Zahlkellner gewesen! Sie haben mir Ihr Büch'l gegeben, – i hab' Ihnen meine Meinung hineingeschrieben ... nun bitte, lesen's![64]

LEOPOLD resigniert. Na ja, jetzt haben's mir a noch das ganze Buch verschandelt. Lesend. »Entlassen als Zahlkellner wegen ungebührlichen Benehmens« – Dazwischen sprechend. Is schon gut! »Aber engagiert auf Lebenszeit als Ehemann!« Jubelnd. Ja, Frau Sephi ... is denn das wahr? ... Is denn das wirklich wahr? ... Haben's sich denn da net verschrieben? Sie wollen mich wirklich auf Lebenszeit behalten? Als Zahlkellner ... als Ehemann, wollte ich sagen? ... Ist denn das Ihr Ernst?

JOSEPHA. Ja, wenn's in dem Buch da so steht!

LEOPOLD wieder in das Buch schauend. Jesses, Frau Sephi – Josepha – Rößlwirtin! Josepha an die Brust ziehend. Mein g'hörst! Mein!

JOSEPHA. Aber sein's doch nur stad! Schrein's doch net so!

LEOPOLD. Ich muß schreien, das muß hinaus, was da drinnen ist! Sonst zerreißt mir's ja die Brust! Juchzend. Juhu! Mein Sepherl!

JOSEPHA. Aber Leopold, um Gotteswillen, wenn jemand kommt, wenn das die Gäst' sehen!

LEOPOLD energisch. Ich hab' als Kellner so oft zusehen müssen, wie sich die Gäste busserln, – jetzt sollen die Gäste mal sehen, wie ein Kellner busserlt! Küßt sie wieder.

JOSEPHA. Ja, haben's denn noch net genug?

LEOPOLD. Noch lange net! Und jetzt werden's erst schauen, wie mir die Arbeit von der Hand fliegt! Jetzt sollen's mich erst kennen lernen. Herunter mit dem Überzieher! Reißt den Überzieher runter. Heraus mit d'n Frackschöß'! Reißt die Frackschöße aus den Hosentaschen, in die er sie gesteckt hat. Und Ihre Freud' werden's haben, wie i das Geschäft jetzt zusammenhalte! Wie ich mit den Kellnern umspringen werde! Und das sag' ich Ihnen, der Franz, der vorhin den kecken Schnabel gehabt hat, der muß zuerst aus dem Haus!

JOSEPHA. Aber Sie haben doch selbst gesagt, – ein Kellner ist auch ein Mensch!

LEOPOLD. Ja, da war ich selber no Kellner! Aber jetzt bin i der Herr! Und ein Aufbegehren gegen das, was i sag', das gibt's net mehr!

JOSEPHA. Jesses, da muß i ja förmlich selber eine Angst kriegen!

LEOPOLD. Nein, nein! Du net, Sephi, – du sollt's gut haben! – A Leben sollst führen wie die Engerl im Himmel! Und das Büch'l da, das heben wir uns auf, und wenn ich dir's wiedergebe zu unserer silbernen Hochzeit, da wirst mir gewiß hineinschreiben können: »Ehrlich und treu!«

JOSEPHA bewegt. Glaub's schon!

LEOPOLD. Mein liebes Sepherl! Umarmt und küßt sie.


Quelle:
Oskar Blumenthal und Gustav Kadelburg: Im weißen Rössl. Berlin 16[o.J.], S. 63-65.
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