Zehnte Geschichte

[291] Alibech wird Einsiedlerin, und der Mönch Rusticus lehrt sie den Teufel in die Hölle heimschicken. Dann kehrt sie zurück und wird die Frau des Neerbal.


Dioneo, der die Erzählung der Königin mit großer Aufmerksamkeit angehört hatte, merkte, als sie vollendet war, daß ihm allein noch zu reden obliege. Daher begann er, ohne einen Befehl abzuwarten, lächelnd also zu sprechen:

Holde Damen, ihr habt vielleicht noch niemals gehört, wie man den Teufel in die Hölle heimschickt, und so will ich es euch erzählen, ohne mich dabei weit von dem Gegenstand zu entfernen, von dem ihr heute den ganzen Tag über gesprochen habt. Wenn ihr es gelernt habt, könnt ihr vielleicht noch einmal dadurch eure Seele retten. Auch werdet ihr aus dieser Geschichte erfahren, daß die Liebe, wenngleich sie lieber heitere[291] Paläste und üppige Gemächer bewohnt, es dennoch nicht verschmäht, zuweilen ihre Kräfte auch in den dichten Wäldern, den rauhen Gebirgen und den Höhlen der Wüste fühlbar zu machen. So läßt sich denn ersehen, daß jegliches Ding ihr unterworfen ist.

Um nun zur Sache zu kommen, sage ich, daß in der Stadt Capsa in der Berberei vor Zeiten ein gar reicher Mann lebte, der unter mehreren andern Kindern eine schöne und wohlgestaltete Tochter hatte, die Alibech hieß. Weil sie keine Christin war und von vielen Christen, die in der Stadt lebten, den christlichen Glauben und Gottesdienst sehr loben hörte, fragte sie eines Tages einen von ihnen, wie man denn eigentlich Gott dienen könne und am leichtesten dazu gelange. Dieser antwortete ihr, man diene Gott am besten, je mehr man die irdischen Freuden fliehe, wie es besonders diejenigen täten, die in die Einöden der thebaischen Wüste gegangen wären.

Das Mädchen mochte etwa vierzehn Jahre alt sein und war gar einfältig. Daher machte sie sich, nicht aus vernünftigem Antrieb, sondern aus einer gewissen kindlichen Lust, ohne irgend jemand etwas davon wissen zu lassen, am andern Morgen heimlich und ganz allein nach der thebaischen Wüste auf den Weg und gelangte, weil ihre Lust anhielt, mit großer Anstrengung nach einigen Tagen bis in jene Einöden. Hier ging sie auf die erste Hütte zu, die sie in der Ferne sah, und fand einen heiligen Mann an der Tür stehen, der ganz verwundert war, sie zu erblicken, und fragte, was sie suchen gehe. Sie antwortete ihm, sie suche, einer Eingebung von Gott folgend, wie sie ihm dienen und jemand finden könne, der sie darin unterrichte. Als der wackere Mann ihre Jugend und Schönheit betrachtete, fürchtete er, es möge der Teufel ihn wohl betrügen, wenn er sie bei sich behielte. Darum lobte er ihren guten Vorsatz, gab ihr einige Kräuterwurzeln, wilde Äpfel und Datteln zu essen und Wasser zu trinken und sagte dann: »Meine Tochter, nicht weit von hier wohnt ein heiliger Mann, der ein weit besserer Lehrmeister dessen ist, was du begehrst, als ich es bin. Geh du zu dem!« Und damit brachte er sie auf den Weg.

Als sie nun zum zweiten kam und von ihm dieselbe Antwort erhielt, ging sie noch weiter und kam zur Zelle eines jungen[292] Einsiedlers, eines recht frommen und guten Menschen, der Rusticus hieß. An ihn richtete sie dieselbe Frage, die sie schon an die andern getan hatte. Rusticus dachte, eine große Probe seiner Standhaftigkeit anzustellen, und schickte sie deshalb nicht wie die andern weg, sondern behielt sie bei sich in seiner Zelle, machte ihr, als es Nacht ward, ein Bettchen von Palmenlaub und hieß sie sich darauf niederlegen.

Kaum war dies geschehen, so säumten die Versuchungen nicht eben lange, die Standhaftigkeit des Einsiedlers zu bekämpfen. Als dieser sich aber von jener bald völlig im Stich gelassen sah, wendete er, ohne viele Angriffe abzuwarten, dem Feinde den Rücken zu und ergab sich als besiegt. So ließ er denn die heiligen Gedanken, die Gebete und Geißelungen ganz beiseite liegen, rief sich dafür die Jugend und Schön heit des jungen Mädchens ins Gedächtnis und fing zugleich an, darüber nachzudenken, was für Mittel und Wege er ergreifen solle, um zum Ziele zu gelangen, damit sie nicht innewerde, er strebe als ein unkeuscher Mensch nach dem, was er von ihr begehrte. Zu dem Ende richtete er allerhand Fragen an sie, durch die er erfuhr, daß sie noch keinen Mann erkannt hatte und so unschuldig war, wie sie aussah. Deshalb beschloß er, sie unter dem Schein des Gottesdienstes seinen Wünschen gefügig zu machen.

Zuerst setzte er ihr mit vielen Worten auseinander, ein wie arger Feind des lieben Gottes der Teufel sei und wie man durch nichts Gott so lieb werden könne, als wenn man den Teufel heim in die Hölle schickte, in die unser Herrgott ihn verbannt habe. Das Mädchen fragte ihn, wie man das anfange. Rusticus antwortete ihr darauf: »Das sollst du bald erfahren, und darum tue, was du mich tun siehst.« Damit begann er, die wenigen Kleidungsstücke, die er trug, auszuziehen, und warf sich, als er ganz nackt war, auf die Knie, als wolle er beten. Das Mädchen ahmte ihn in allem nach. Er ließ es sich gegenüber knien, und wie er, in dieser Stellung verweilend, beim Anblick ihrer nackten Schönheit mehr denn je in seiner Begierde entbrannte, zeigte sich die Auferstehung des Fleisches. Als Alibech diese gewahr ward, wunderte sie sich und sprach: »Rusticus, was ist denn das für ein Ding, das ich da bei dir sehe, das sich so vordrängt und das ich nicht habe?« »Ach, meine Tochter«, sagte[293] Rusticus, »das ist eben der Teufel, von dem ich dir gesprochen habe. Siehst du, jetzt gerade plagt er mich so sehr, daß ich es kaum aushalten kann.« »Nun, Gott sei Lob«, sagte das Mädchen darauf, »so sehe ich, daß mir's besser geht als dir, denn ich für mein Teil habe keinen solchen Teufel.« Rusticus sagte: »Du sprichst die Wahrheit, du hast aber ein anderes Ding, das ich wieder nicht habe, und das ist ebenso schlimm.« »Warum nicht gar!« sagte Alibech. Rusticus antwortete ihr: »Du hast die Hölle, und ich sage dir, ich glaube, Gott hat dich zum Heil meiner Seele hierher gesandt. Denn wenn du dich meiner erbarmen und mir erlauben willst, daß ich, sooft dieser Teufel mich sehr plagt, ihn in die Hölle heimschicken darf, so wirst du mir eine große Erleichterung gewähren, Gott aber einen ausbündigen Dienst und Gefallen erzeigen, wenn du wirklich in der Absicht, die du mir gesagt hast, hierher gekommen bist.« Das Dirnlein erwiderte in gutem Glauben: »Ehrwürdiger Vater, da ich einmal die Hölle habe, so kann es geschehen, wenn Ihr wollt.« Darauf antwortete Rusticus: »Sei gesegnet, meine Tochter. So laß uns denn gehen und ihn heimschicken, auf daß er mich künftig in Frieden lasse.« Und mit diesen Worten führte er das Mädchen zu einem ihrer Betten und zeigte ihm, wie man sich stellen müsse, um diesen Verfluchten Gottes einzukerkern.

Das Dirnlein, das noch niemals einen Teufel heim in die Hölle geschickt hatte, spürte beim ersten Mal einiges Ungemach und sagte deshalb zu Rusticus: »Wahrlich, mein Vater, der Teufel muß ein abscheuliches Ding und ein rechter Feind Gottes sein, denn er tut selbst der Hölle, geschweige denn anderen Dingen weh, wenn er hineinkommt.« Rusticus sagte: »Meine Tochter, das wird nicht immer so sein.« Und um es dahin zu bringen, schickten sie, bevor sie sich vom Bettchen erhoben, ihn an die sechsmal heim in die Hölle, so daß sie ihm für diesmal den Hochmut aus dem Kopfe brachten und er Frieden hielt.

Als er sich aber später dennoch öfter wieder in Stolz erhob und das Mädchen sich immer willig zeigte, ihn zu demütigen, geschah es, daß sie an dem Spiele Gefallen fand und zu Rusticus sagte: »Nun sehe ich wohl, daß die wackeren Leute in Capsa recht hatten, wenn sie sagten, Gott dienen sei ein so[294] süßes Ding. Denn wahrlich, ich erinnere mich nicht, je etwas getan zu haben, das mir soviel Lust und Vergnügen gewährt hätte, als den Teufel in die Hölle heimzuschicken. Und so halte ich dafür, daß jeder, der sich nicht anstrengt, Gott zu dienen, ein unvernünftiges Tier ist.« Aus diesem Grunde kam sie oft zu Rusticus und sagte: »Ehrwürdiger Vater, ich bin hierher gekommen, um Gott zu dienen, und nicht, um müßigzugehen. So kommt denn und laßt uns den Teufel heim in die Hölle schicken.« In dieser Beschäftigung sagte sie auch wohl zuweilen: »Rusticus, ich weiß gar nicht, warum der Teufel wieder aus der Hölle herausgeht; denn wäre er so gern drinnen, wie die Hölle ihn gern aufnimmt und festhält, so würde er immer drinnen bleiben.«

Da sie auf solche Weise den Rusticus häufig zum Gottesdienst einlud und ermunterte, hatte sie ihm allmählich die Wolle so aus dem Wams gezupft, daß er fror, wenn ein anderer geschwitzt hätte. Deshalb sagte er zu dem Mädchen, man müsse den Teufel nur dann züchtigen und in die Hölle heimschicken, wenn er sein Haupt in Hochmut erhebe. »Wir aber«, fügte er hinzu, »haben ihn durch Gottes Hilfe so entlarvt, daß er Gott bittet, in Frieden bleiben zu dürfen.« Dadurch brachte er das Mädchen für einige Zeit zum Schweigen. Da sie aber sah, wie Rusticus sie gar nicht weiter aufforderte, den Teufel in die Hölle heimzuschicken, sagte sie eines Tages zu ihm: »Rusticus, ist dein Teufel nun abgestraft und plagt er dich nicht mehr, so läßt mich nun meine Hölle nicht in Ruhe. Und darum wirst du ein gutes Werk tun, wenn du mit deinem Teufel die Wut meiner Hölle bändigen hilfst, wie ich mit meiner Hölle geholfen habe, deinem Teufel den Stolz zu vertreiben.« Rusticus, der von Kräuterwurzeln lebte, war genötigt, bei diesem Spiele oft zu passen. So sagte er ihr, um die Hölle zu beschwichtigen, brauche man einen ganzen Haufen Teufel, doch wolle er für sie tun, was er irgend imstande sei. So erfüllte er denn zuweilen noch ihre Wünsche, doch geschah es so selten, daß es nicht mehr sagen wollte, als wenn man einem Löwen eine Bohne in den Rachen wirft. Auch war die Dirne, die Gott nicht ihren Wünschen gemäß zu dienen glaubte, damit gar nicht zufrieden.

Während aber dieser Streit zwischen dem Teufel des Rusticus[295] und der Hölle der Alibech wegen übermäßigen Verlangens und geringer Kräfte noch fortdauerte, geschah es, daß in Capsa eine Feuersbrunst wütete und Alibechs Vater mit allen seinen Kindern und der übrigen Familie im eigenen Hause verbrannte, so daß nun Alibech die Erbin des ganzen Vermögens wurde. Deshalb machte sich ein junger Mann namens Neerbal, der all sein Geld vergeudet und gehört hatte, sie sei noch am Leben, auf den Weg, um sie zu suchen. Er fand sie, zu des Rusticus großer Freude, noch bevor die Gerichte das Vermögen ihres Vaters als erbloses Gut eingezogen hatten, führte sie gegen ihren Willen nach Capsa zurück, heiratete sie und nahm mit ihr das ganze Vermögen in Besitz.

Als aber die Frauen sie, bevor sie noch bei Neerbal geschlafen hatte, befragten, wodurch sie denn in der Wüste Gott gedient habe, antwortete sie, durch Heim schicken des Teufels in die Hölle, und Neerbal habe eine große Sünde begangen, sie solcher Verrichtung zu entziehen. Die Frauen fragten weiter, wie man denn den Teufel heim in die Hölle schickte, und die Dirne zeigte es ihnen, halb mit Worten, halb mit Zeichen. Darüber mußten jene so sehr lachen, daß sie gar nicht aufhören konnten, und sie sagten: »Liebes Kind, sei deshalb unbesorgt, das kann man auch hier bei uns recht gut tun, und Neerbal wird auf dieselbe Weise unserem Herrgott fleißig mit dir dienen.« Dann erzählte eine der andern in der Stadt die Geschichte, und es wurde dort zum Sprichwort, der lustigste Gottesdienst sei der, den Teufel heim in die Hölle zu schicken. So ist denn diese Redensart übers Meer gekommen und noch heute im Schwange.

Darum, meine jungen Damen, müßt auch ihr, denen die Gnade Gottes gar not tut, lernen, wie man den Teufel in die Hölle heimschickt, denn Gott hat seinen Spaß daran, die Beteiligten ihr Ergötzen, und viel Gutes kann dadurch erzeugt werden und auf die Welt kommen.


Tausendmal und mehr hatte die Geschichte des Dioneo die sittsamen Mädchen zum Lachen gebracht, so spaßhaft kamen ihnen seine Worte vor. Als er aber zum Schluß kam und die Herrschaft der Königin nun ihr Ende erreicht hatte, nahm sie den Lorbeerkranz vom Haupt, setzte ihn mit vieler Anmut[296] dem Filostrato auf und sagte: »Nun werden wir sehen, ob der Wolf es besser verstehen wird, die Schafe zu führen, als bisher Schafe die Wölfe geführt haben.«

Als Filostrato dies hörte, sagte er lächelnd: »Wäre es auf mich angekommen, so hätten die Wölfe den Schäflein ebensogut beigebracht, den Teufel in die Hölle heimzuschicken, wie Rusticus der Alibech. Und so nennt uns denn nicht Wölfe, da ihr euch nicht wie Schäflein benommen habt. Da mir indes das Regiment übertragen ist, so will ich mein Reich regieren.« Neifile antwortete ihm: »Höre, Filostrato, statt uns belehren zu wollen, hättet ihr lieber wie Masetto aus Lamporecchio, von den Nonnen Klugheit lernen und die Sprache nicht eher wiederbekommen sollen, als bis die Knochen ohne Lehrmeister hätten pfeifen gelernt.« Filostrato merkte wohl, daß man ihm keine Antwort schuldig bleiben würde. So gab er das Witzeln auf und begann, sich statt dessen mit der Regierung des ihm übertragenen Reichs zu beschäftigen. Daher ließ er den Seneschall rufen und sich von ihm berichten, wie weit alles gediehen sei. Dann ordnete er mit vielem Verstand für die Dauer seiner Herrschaft an, was ihm ziemlich und für das Vergnügen der Gesellschaft förderlich erschien, und wandte sich, als dies geschehen war, mit folgenden Worten an die Damen:

»Liebevolle Damen! Seitdem ich Gut und Böse zu unterscheiden weiß, war ich zu meinem Unglück wegen der Schönheit der einen oder anderen unter euch immer dem Amor unterworfen. Daß ich demütig und gehorsam war und in allem aus vollen Kräften seiner Weise nachlebte, hat mir nichts geholfen. Vielmehr hat man mich zuerst um eines andern willen verlassen, und nachher ist es mir schlecht und schlechter gegangen, und so wird es mir wohl auch bis zu meinem Tod ergehen. Deshalb will ich denn, daß nichts anderes der Gegenstand unserer morgen zu erzählenden Geschichten sei, als was meinem eigenen Lose entspricht, nämlich die Schicksale derjenigen, deren Liebe ein unglückliches Ende nahm. Denn auch der Ausgang meiner Liebe wird, wenn es so weitergeht, höchst betrüblich sein, und allein um dessentwillen hat mir einer, der wohl wußte, was er tat, den Namen beigelegt, mit dem ihr mich ruft.« Mit diesen Worten stand er auf und beurlaubte alle bis zum Abendessen.[297]

Der Garten war so schön und ergötzlich, daß niemand aus der Gesellschaft es vorzog, ihn zu verlassen, um anderwärts größeres Vergnügen zu finden. Da die schon kühlere Luft ihnen nicht mehr beschwerlich war, unterhielten sie sich damit, den Rehen, Kaninchen und anderen Tieren nachzueilen, die, während sie saßen, mehr als hundertmal zwischen ihnen hindurchgesprungen waren und sie gestört hatten. Dion eo und Fiammetta begannen, von Herrn Wilhelm und der Dame von Vergiu zu singen, Filomena und Panfilo spielten Schach, und so vertrieben sie sich, der eine hiermit, der andere damit, die Zeit, bis, kaum erwartet, die Stunde des Abendessens herankam. Die Tafeln waren bei dem schönen Springquell gedeckt, und sie aßen in großer Fröhlichkeit zu Abend.

Um nicht von denen abzuweichen, die vor ihm Königinnen gewesen waren, forderte Filostrato Lauretta auf, einen Tanz zu beginnen und ein Lied zu singen. »Herr«, erwiderte sie, »fremde Lieder weiß ich nicht, und von den meinen kann ich keines auswendig, das einer so fröhlichen Gesellschaft hinlänglich gerecht würde. Wollt Ihr es aber, so wie ich es habe, so will ich gern eines singen.« Der König antwortete darauf: »Nichts, was du gemacht hast, kann anders als schön und gut sein, und deshalb sage uns eines, wie du es im Gedächtnis hast.« Da begann Lauretta mit gar sanfter Stimme und in etwas schwermütiger Weise, während die übrigen antworteten, also:


Niemand hat Leid empfunden,

Mit soviel Grund zu klagen,

Als ich, die ich von Schmerz bin umwunden.


Der Herr, auf dessen Wink die Himmel weichen,

Hat mich zu seiner Lust gemacht,

So schön, anmutig, reizend ohnegleichen,

Daß, wer hienieden himmelwärts gedacht,

Der Schönheit säh ein Zeichen,

Die droben stets vor seinem Auge lacht.

Allein die Erdennacht

Begriff nicht meine Reize,

Hat mich verschmäht und nimmer schön gefunden.
[298]

Wohl war ein Jüngling einst, der voll Verlangen,

Weil zart ich war und klein,

Mit Arm und mit Gedanken mich umfangen:

Aus meinen Augen sog er Flammen ein.

Die Zeit, die schnell vergangen,

Verwandt er nur, gefällig mir zu sein.

Hingebend ward ich sein

Und fand ihn meiner würdig;

Jetzt aber, ach, ist solches Glück entschwunden.


Drauf hat ein andrer liebend mich erkoren,

Voll keckem Übermut,

Weil er sich tapfer dünkt und hochgeboren.

Der hält voll Eifersucht mich streng in Hut,

Leiht falschem Wahn die Ohren.

Ich aber fühl, in herber Tränenflut

Verzweifelnd, nur zu gut,

Daß ich, zum Heile vieler

Geboren, nun an einen mich gebunden.


Mein widriges Geschick muß ich verklagen,

Das mich betöret, ach,

Des Kleiderwechsels willen ja zu sagen.

Im dunklen Kleid einst froh, muß Ungemach

Ich nun im hellen tragen

Und überdies des bösen Leumunds Schmach.

O arger Hochzeitstag,

Was bin ich nicht gestorben,

Bevor ich deine Bitterkeit empfunden.


Geliebter Freund, den ich mit Lust besessen,

Dem keiner jemals glich,

Du weilst dort oben in dem Anschaun dessen,

Der uns erschaffen hat. Erbarme dich

Der Frau, die zu vergessen

Dich nie vermag, und überzeuge mich,

Die Flamm entzünde sich

Aufs neu, in der ich glühte;

Wo nicht, so kürze dieses Lebens Stunden.
[299]

Hier endete Lauretta ihr Lied, das von allen überdacht, von verschiedenen aber verschieden verstanden ward. Die einen meinten, es komme auf das mailändische Sprichwort hinaus: »Besser eine fette Sau als eine hübsche Frau«, andere aber erkannten darin einen erhabeneren, tieferen und wahreren Sinn, von dem indes zu reden jetzt nicht an der Zeit ist. Dann wurden auf des Königs Befehl Wachsfackeln in Menge angezündet und auf dem blumigen Rasen noch mehrere andere Lieder gesungen, bis alle Sterne, die aufgegangen waren, zu sinken begannen. Nun erst meinte der König, es sei Schlafenszeit, und hieß deshalb alle mit der Gutennacht sich in ihre Gemächer zurückziehen.[300]

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 291-301.
Lizenz:
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