Zehnte Geschichte

[72] Meister Alberto von Bologna beschämt auf feine Weise eine Dame, die ihn wegen seiner Liebe zu ihr beschämen wollte.


Elisa schwieg, und des Erzählens letzte Pflicht blieb bei der Königin, die mit sicherer Stimme also zu reden begann:

Wie in hellen Nächten die Sterne den Himmel und im Frühling die Blumen den grünen Anger zieren, so gereichen guten Sitten und heiteren Gesprächen zierliche Witzworte zum Schmucke. Um ihrer Kürze willen schicken sie sich besser für uns Frauen als für Männer, denn viel und lange zu reden ist, wenn es sich vermeiden läßt, für Frauen noch unziemlicher als für Männer.

Heutzutage freilich ist, zu unserer und aller Jetztlebenden allgemeiner Schande, kaum noch ein Frauenzimmer zu finden, das feinen Witz verstünde, oder wenn es ihn ja versteht, darauf zu antworten wüßte. Denn den Scharfsinn, welchen der Frauen Geist in der Vorzeit offenbarte, haben die neueren auf den Putz ihres Leibes verwandt, und die, welche sich mit dem buntesten, von Zierat und Streifen geschmückten Gewand bekleidet, meint, sie müsse den übrigen um vieles vorgezogen werden und sei höherer Ehren wert. Doch sie bedenkt nicht, daß ein Esel, wenn jemand die Mühe des Aufladens übernehmen wollte, hundertmal mehr solchen Putz tragen könnte als sie und dennoch nicht mehr Ehre verdiente, als einem Esel gebührt. Wohl schäme ich mich, das auszusprechen, denn ich kann nichts wider die andern sagen, ohne auch mich zu tadeln. Diese geputzten, bemalten und bunten Weiber stehen entweder stumm und verständnislos da wie Steinbilder, oder sie beantworten an sie gerichtete Fragen so, daß es besser wäre, wenn sie geschwiegen hätten. Dabei wollen sie sich einreden, ihr Ungeschick, mit andern Mädchen oder gesitteten Männern zu reden, sei eine Folge ihrer Seelenreinheit, und geben ihrer Einfalt den Namen Sittsamkeit, als ob nur die Frau sittsam zu nennen wäre, die mit niemandem als der Magd, der Wäscherin und der Bäckersfrau redet. Wäre dies, wie sie sich einbilden, die Absicht der Natur gewesen, so hätte sie anderweitig ihrem[73] leeren Geschwätz Grenzen gesetzt. Allerdings soll man beim Witzwort, wie bei anderen Dingen, auch Zeit und Ort und die Person, mit der man redet, im Auge haben, denn schon öfter ist es geschehen, daß eine Frau oder ein Mann in der Meinung, jemanden durch scherzhafte Reden in Verlegenheit zu setzen, die Beschämung, die sie jenem zugedacht, auf sich selbst zurückfallen sahen, weil sie ihre Kräfte denen des andern gegenüber nicht richtig eingeschätzt hatten. Damit ihr, liebe Mädchen, euch nun davor zu hüten wißt, damit überdies bei euch das Sprichwort nicht zutreffe, daß, wie man überall hört, die Frauen in allen Dingen stets den kürzeren ziehen, so soll euch diese letzte der heutigen Geschichten, die von mir erzählt werden muß, gewitzigt machen, damit ihr euch so wie durch Adel der Gesinnung auch durch Feinheit der Sitte vor ihnen auszeichnet.

Noch nicht viele Jahre sind verstrichen, seit in Bologna ein trefflicher und fast in der ganzen Welt hochberühmter Arzt mit Namen Meister Alberto lebte, ja vielleicht lebt er heute noch. Dieser war von so edlem Geiste, daß er noch in seinem hohen Alter von fast siebzig Jahren, wo der Körper schon fast alle natürliche Wärme verloren hatte, den Flammen der Liebe den Eingang in sein Herz nicht verweigerte, als er auf einem Fest eine wunderschöne Witwe sah, die, wie einige berichten, Madonna Margherita de' Ghisolieri hieß. In dem Wohlgefallen, das er an ihr fand, nahm er jene Glut nicht anders als ein Jüngling in die betagte Brust auf, so daß er keine Nacht ruhig schlafen zu können glaubte, wenn er am Tage das anmutige und zarte Gesicht der schönen Dame nicht gesehen hatte.

Aus diesem Grunde begann er sich, je nachdem es sich fügte, bald zu Pferde und bald zu Fuß vor dem Hause der Dame sehen zu lassen. Diese sowohl als mehrere andere Frauen wurden auf solche Weise gewahr, was ihn dort so häufig vorüberzukommen veranlaßte, und oft spotteten sie miteinander, daß ein an Jahren und Erfahrungen so reicher Mann verliebt sei, als ob nach ihrer Meinung die holde Leidenschaft der Liebe allein in den törichten Herzen der Jünglinge und sonst nirgendwo Raum finden und dort verweilen könne.

Meister Alberto fuhr indes fort, vor dem Hause der Dame[74] vorüberzugehen, und so geschah es, daß an einem Feiertage, wo sie mit anderen Frauen vor der Tür saß, sie alle miteinander sich vornahmen, den Meister Alberto, den sie schon von weitem hatten kommen sehen, zum Verweilen einzuladen und ehrenvoll aufzunehmen, dann aber ihn wegen dieser seiner Liebe zu necken. So taten sie auch wirklich. Als er kam, standen sie alle auf, luden ihn zu sich ein und führten ihn in einen kühlen Hof, wo sie ihn mit feinen Weinen und Backwerk bewirteten. Zuletzt aber befragten sie ihn mit artigen und wohlgesetzten Worten, wie er sich in diese schöne Dame habe verlieben können, da er doch wisse, von wie vielen schönen, wohlgesitteten und adeligen jungen Männern sie geliebt werde.

Als der Meister sah, daß man ihn auf feine Weise aufziehen wollte, nahm er eine heitere Miene an und entgegnete: »Madonna, daß ich liebe, kann keinen Verständigen in Verwunderung setzen, und daß ich gerade Euch zum Gegenstand dieser Liebe erwählt habe, erst recht nicht, denn Ihr verdient es. Und obgleich nach dem Naturgesetz alten Männern die Kraft zum Liebesspiel schwindet, so fehlt es ihnen darum weder am guten Willen noch an der Fähigkeit zu unterscheiden, was der Liebe würdig ist. Vielmehr weiß das reife Alter dies um so viel besser zu erkennen als die Jugend, da es diese an Einsicht übertrifft. Die Hoffnung, um derentwillen ich in meinem Alter Euch, die Ihr von vielen Jünglingen geliebt werdet, zu lieben wage, ist diese: schon öfter bin ich dabei gewesen, wenn die Damen zum Vesperbrot Wolfsbohnen mit Lauch aßen. Ob nun gleich am ganzen Lauch nichts Gutes ist, so ist doch das am wenigsten Widerwärtige und dem Munde Wohlgefälligste der Kopf. Dennoch pflegt ihr alle, von verkehrter Lust geleitet, den Kopf in der Hand zu behalten und nur die Blätter zu essen, die nicht allein wertlos sind, sondern auch abscheulich schmecken. Wäre es nun nicht möglich, Madonna, daß Ihr in der Wahl Eurer Liebhaber ebenso verfahrt? Und wenn Ihr es tätet, wähltet Ihr mich, und die andern hätten das Nachsehen.«

Die Edeldame schämte sich ein wenig, ebenso ihre Gefährtinnen. Dann aber sagte sie: »Meister, Ihr habt unser übermütiges Beginnen treffend, aber höflich gezüchtigt. Glaubt aber, die Liebe eines so verständigen und ehrenwerten Mannes, wie Ihr seid,[75] ist mir teuer. Deshalb gebietet, soweit sich das mit meinem guten Ruf vereinbaren läßt, über mich wie über Euer Eigentum.« Der Meister und seine Begleiter erhoben sich, er dankte der Dame und ging, nachdem er sich unter Lachen und Freude empfohlen hatte.

So wurde die Dame, weil sie nicht im Auge gehabt hatte, wen sie necke, besiegt, wo sie zu siegen glaubte. Wollt ihr nun klug sein, so werdet ihr euch vor dem gleichen Fehler hüten.


Schon hatte die Sonne sich gegen Abend geneigt, und die größte Hitze war vorüber, als die Erzählungen der jungen Mädchen und der drei Jünglinge zu Ende gediehen waren. Da redete die Königin voller Anmut so zu ihnen: »Nichts, ihr lieben Gefährtinnen, bleibt unter meiner Regierung für den heutigen Tag zu tun übrig, als euch eine neue Königin zu geben, die nach ihrem Gutdünken für den folgenden Tag ihre und unsere Lebensweise zu geziemender Erheiterung bestimmen mag. Und obwohl es richtig ist, daß der Tag erst mit dem Einbruch der Nacht zu Ende geht, halte ich es doch für gut, daß die folgenden Tage zu dieser Stunde beginnen, weil niemand ohne einige Vorbereitungszeit gehörige Verfügungen für die Zukunft treffen kann, und damit alles besorgt werden könne, was die Königin für morgen dienlich erachten wird. So soll denn zur Ehre dessen, auf den alles Leben sich bezieht, und zu unserer Freude am folgenden Tag die verständige Filomena unser Reich regieren.«

Mit diesen Worten erhob sie sich, nahm den Lorbeerkranz von ihrem Haupte und setzte ihn jener ehrerbietig auf, die nun zuerst von ihr, dann von den übrigen Mädchen und zuletzt von den Jünglingen als Königin begrüßt wurde. Alle boten ihr bereitwillig ihre Dienste an. Filomena errötete zwar ein wenig, als sie sich zur Königin gekrönt sah, dann aber faßte sie, der von Pampinea eben erst gesprochenen Worte eingedenk, Mut. Um nicht unbeholfen zu scheinen, bestätigte sie zuerst alle von Pampinea bestimmten Ämter, verfügte, was am andern Morgen und Abend am selben Orte, wo sie eben verweilten, bereitet werden sollte, und begann dann also zu sprechen:

»Geliebte Gesellinnen, obgleich Pampinea ihrer Güte und nicht meinem Verdienst zufolge mich zu euer aller Königin ernannt[76] hat, bin ich doch nicht gesonnen, unsere Lebensweise allein nach meiner Meinung, sondern auch nach der euren zu ordnen. Damit ihr nun im voraus wißt, was meiner Ansicht nach zu tun sei, und damit ihr alsdann nach eurem Gefallen etwas hinzufügen oder ablehnen könnt, will ich euch mit wenigen Worten meine Gedanken mitteilen.

Wenn meine Beobachtungen über das von Pampinea heute befolgte Verfahren mich nicht trügen, so hat es sich als ergötzlich und empfehlenswert erwiesen. Deshalb denke ich auch, nichts daran zu ändern, solange es uns nicht durch öftere Wiederholung oder aus einem anderen Grunde langweilig wird. Nachdem also bestimmt sein wird, wie wir das Begonnene fortsetzen wollen, werden wir uns erheben, eine Weile lustwandeln und, wenn die Sonne untergehen will, im Kühlen speisen. Dann aber wird es nach einigen Liedern und anderer Kurzweil wohlgetan sein, schlafen zu gehen. Morgen früh wollen wir aufstehen, wenn es noch frisch ist, und jeder mag sich nach seiner Neigung vergnügen. Zur gehörigen Zeit aber wollen wir zurückkehren, zu Mittag speisen, alsdann tanzen, und endlich, nach der Mittagsruhe, werden wir nach dem heutigen Beispiel mit dem Geschichtenerzählen fortfahren, das, wie mir scheint, den wesentlichsten Bestandteil unserer Freude und Belehrung ausmacht. Außerdem will ich auch, was Pampinea nicht tun konnte, weil sie zu spät zur Herrschaft gelangte, unseren Geschichten bestimmte Grenzen setzen und euch diese im voraus angeben, damit ein jeder Zeit habe, sich auf eine schöne Geschichte entsprechenden Inhalts zu besinnen. Da nun die Menschen vom Anbeginn der Welt an den Zufällen des Glücks und des Schicksals unterworfen gewesen sind und bis zu ihrem Ende unterworfen bleiben werden, mag, wenn es euch gefällt, es damit so gehalten werden, daß ein jeder erzählen soll, wie Menschen nach dem Kampf mit allerlei Ungemach wider alles Hoffen zu fröhlichem Ende gediehen sind.«

Mädchen und Männer lobten diese Anordnung und erklärten sich willig, sie zu befolgen. Dioneo allein sagte, als die andern bereits schwiegen: »Wie alle übrigen es schon ausgesprochen haben, so sage auch ich, Madonna, daß Eure Verfügungen durchaus zweckmäßig und empfehlenswert sind. Doch bitte ich, daß[77] mir eines als besondere Gunst gewährt und für die Dauer unserer Gesellschaft erhalten werde: daß ich nämlich durch diese Verfügung nicht gezwungen sei, eine Geschichte über den aufgegebenen Gegenstand zu erzählen, sondern daß mir trotz derselben die Wahl völlig frei bleibe. Damit aber niemand meint, ich erbitte mir diese Gunst, weil ich keinen Vorrat von Geschichten zur Hand habe, so bin ich im voraus erbötig, unter den Erzählenden immer der letzte zu sein.«

Da die Königin ihn als einen munteren und kurzweiligen Menschen kannte und daher wohl erriet, er fordere dies nur, um die Gesellschaft, wenn sie des ernsteren Redens müde wäre, mit einer lustigen Geschichte wieder aufzuheitern, gewährte sie ihm unter Zustimmung der übrigen gern die erbetene Gunst. Dann erhob sie sich von ihrem Sitze, und die Mädchen gingen langsamen Schrittes zu einem klaren Bach, dessen Wasser von einem Hügel zwischen Felsstücken und grünen Kräutern in ein von dichten Bäumen beschattetes Tal niederfloß. Hier plätscherten sie barfüßig und mit nackten Armen im Wasser umher und trieben allerlei Scherze. Als die Essenszeit nahte, kehrten sie zum Schlosse zurück und nahmen mit Behagen die Abendmahlzeit ein.

Nach Tisch ließ die Königin Musikinstrumente bringen und befahl, einen Tanz zu beginnen, den Lauretta anführen und Emilia, von des Dioneo Laute unterstützt, durch ein Lied begleiten sollte. Auf diesen Befehl hin begann Lauretta einen Tanz, während Emilia mit ihrer zum Herzen dringenden Stimme folgendes Lied sang:


Von meiner Schönheit bin ich so gefangen,

Daß neue Liebe nie

Mich locken wird mit anderem Verlangen.


Wenn ich in eignes Anschaun mich versenke,

Erblick ich, was dem Geiste Ruh verspricht,

Was neu sich zuträgt, wessen ich gedenke,

Beraubt mich so geliebter Wonne nicht.

So weiß ich denn, es schaut mein Angesicht

An fremden Reizen nie,

Was mir im Herzen zündete Verlangen.
[78]

Bin ich, um solcher Seligkeit zu pflegen,

Mein hohes Glück mir anzuschaun entbrannt,

So flieht es nicht und kommt mir selbst entgegen.

In Worte wird die Süße nicht gebannt,

Die es gewährt; es faßt sie der Verstand

Sterblicher Wesen nie,

Entzündet sie nicht ähnliches Verlangen.


Ich fühle stündlich wachsend mich entbrennen,

Je mehr ich dorthin wende meinen Blick;

Drum weih ich mich nur ihm, will sein mich nennen.

Zwar kostet' ich erst das versprochne Glück;

Doch größre Lust ist, hoff ich, noch zurück,

So daß auf Erden nie

Empfunden ward so seliges Verlangen.


Dieses Tanzlied, in dessen Endreime alle fröhlich eingefallen waren, gab durch seinen Inhalt einigen aus der Gesellschaft viel zu denken. Als es indes geendet war und man noch einige andere Tänze hatte folgen lassen, war schon ein Teil der kurzen Nacht verstrichen. Deshalb gefiel es der Königin, den ersten Tag zu beschließen. Sie ließ die Fackeln anzünden und gebot einem jeden, sich bis auf den andern Morgen zur Ruhe zu begeben. Alle gingen in ihre Gemächer und taten nach ihrem Befehle.[79]

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 72-81.
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