Vierte Geschichte

[419] Ricciardo Manardi wird von Messer Lizio da Valbona bei dessen Tochter angetroffen. Er heiratet das Mädchen und söhnt sich mit ihrem Vater wieder aus.


Als Elisa schwieg und den Lobsprüchen lauschte, welche die Gefährtinnen ihrer Geschichte zollten, hieß die Königin Filostrato mit einer neuen Erzählung fortfahren. Dieser aber begann lachenden Mundes also:

Fast alle habt ihr mich gescholten, daß ich durch die von[419] mir gestellte Aufgabe Geschichten traurigen Inhalts herbeigerufen habe, über die ihr weinen mußtet. Um euch einigermaßen für jene Schmerzen zu entschädigen, will ich mir selbst auferlegen, euch mit etwas zu unterhalten, das euer Zwerchfell ein wenig erschüttert. Zu diesem Ende denke ich in einem kurzen Geschichtchen euch von einer Liebe zu erzählen, die, ohne anderes Ungemach als vorübergehende Seufzer und ein wenig mit Scham verbundene Angst erfahren zu haben, zu fröhlichem Ende gediehen ist.

Es ist nämlich noch gar nicht lange her, ihr edlen Damen, daß in der Romagna ein gar wackerer und wohlgesitteter Ritter, Messer Lizio da Valbona genannt, lebte, den seine Ehefrau, Madonna Giacomina, als er schon ziemlich bejahrt war, noch mit einer Tochter beschenkte, welche, wie sie heranwuchs, schöner und anmutiger wurde als alle anderen Mädchen in der ganzen Umgegend. Auch hatten Vater und Mutter, weil ihnen nur dies einzige Kind geblieben war, es über die Maßen lieb und bewachten es mit unglaublicher Sorgfalt, in der Meinung, dereinst noch einen gar vornehmen Schwiegersohn zu bekommen.

Nun besuchte ein junger Mann von schönem und frischem Aussehen, der zu der Familie Manardi in Brettinoro gehörte und Ricciardo hieß, häufig das Haus des Herrn Lizio und verweilte oft längere Zeit. Vor diesem aber hüteten weder Messer Lizio noch seine Frau das Mädchen mit größerer Vorsicht, als sie es vor ihrem eigenen Sohn getan hätten. Nachdem das Mädchen nun erwachsen geworden war, wurde der junge Mann gar wohl gewahr, wie schön, anmutig, gesittet und wohlerzogen es war, und verliebte sich in es auf das feurigste, hielt jedoch seine Liebe sehr sorgfältig verborgen. Dennoch erriet die junge Maid schnell seine Gefühle, und weit entfernt, sie abzulehnen, entsprach sie denselben zu Ricciardos größter Freude durch gleiche Gegenliebe.

Schon oft hatte er von seiner Liebe zu ihr sprechen wollen, und immer hatte er aus Scheu wieder geschwiegen. Endlich nahm er eines Tages seine Zeit wahr, faßte sich ein Herz und sagte zu ihr: »Caterina, ich bitte dich, laß mich nicht vor Liebe sterben.« Das Mädchen antwortete sogleich: »Wollte[420] Gott, du tätest es mir nicht noch ärger an.« Diese Antwort freute und ermutigte den Ricciardo so sehr, daß er erwiderte: »An mir soll es gewiß nie liegen, alles zu tun, was dir willkommen ist. Du aber vermagst die Mittel herauszufinden, die uns beiden das Leben wiedergeben können.« »Ricciardo«, entgegnete das Mädchen, »du siehst wohl, wie sehr ich bewacht werde. Ich weiß nicht, wie es anzustellen wäre, daß du zu mir kommen könntest. Weißt du aber ein Mittel, wie es ohne Schande für mich geschehen könnte, so will ich gern tun, was du verlangst.« Was das betraf, so hatte Ricciardo schon allerhand überdacht und antwortete nun sogleich: »Meine süße Caterina, auch ich weiß kein Mittel außer dem, daß du in dem Erker schliefest, der auf den Garten deines Vaters hinausgeht, oder wenigstens nachts dorthin kommen könntest. Wüßte ich dann, daß du da wärest, so sähe ich schon zu, so hoch es auch bis dort hinauf sein mag, daß ich hinaufkäme.« Darauf erwiderte Caterina: »Wenn du dich getraust hinaufzukommen, so denke ich, soll es mir auch gelingen, daß ich dort schlafen darf.« Nachdem Ricciardo das noch einmal bejaht hatte, küßten sich beide ein einziges Mal gar flüchtig und trennten sich alsdann.

Nun war der Mai schon nahe, und am andern Tag fing das Mädchen an, sich der Mutter gegenüber gewaltig zu beklagen, daß es in der vergangenen Nacht vor übermäßiger Hitze nicht habe schlafen können. »Wie, meine Tochter«, erwiderte die Mutter, »warm wäre es gewesen? Im Gegenteil, es war ja eher kühl.« Caterina aber antwortete: »Mutter, Ihr solltet lieber reden wie ich, und dann sagtet Ihr wohl die Wahrheit. Auf alle Fälle aber solltet Ihr bedenken, daß junge Mädchen mehr innere Wärme haben als bejahrte Frauen.« Darauf sagte die Mutter: »Darin hast du freilich recht, mein Kind. Doch kann ich nun einmal nicht nach Belieben warm und kalt machen, wie es dir vielleicht willkommen wäre. Das Wetter muß man schon ertragen, wie es die Jahreszeit eben mit sich bringt. Möglich, daß es in der nächsten Nacht kühler wird, und dann wirst du ja besser schlafen.« »Wollte Gott«, entgegnete Caterina, »aber es pflegt nicht gerade zu geschehen, daß die Nächte gegen den Sommer hin kühler werden.« »Was verlangst du denn aber, das[421] man tun soll?« sagte die Mutter. Caterina erwiderte: »Wenn es meinem Vater und Euch nicht unlieb wäre, ließe ich mir gern auf dem Erker, der an seine Stube stößt und nach seinem Garten hinausgeht, ein Bettchen machen und schliefe da. Gewiß, da hätte ich es beim Gesang der Nachtigall und bei größerer Kühle viel besser als in Eurem Schlafgemach.« Darauf sagte die Mutter: »So beruhige dich denn, meine Tochter. Ich werde es deinem Vater sagen, und was er beschließen wird, das werden wir tun.«

Als indes Messer Lizio, der vielleicht wegen seines Alters etwas eigensinnig war, diese Dinge vernahm, sagte er: »Was ist das für eine Nachtigall, bei deren Gesang sie schlafen will? Ich will sie lehren, beim Gesang der Heuschrecken einzuschlafen.« In der nächsten Nacht schlief Caterina, weniger vor Hitze als vor Ärger über die abschlägige Antwort ihres Vaters, nicht nur selber nicht, sie ließ auch, unter beständigem Klagen über die Wärme, ihre Mutter zu keinem Schlafe kommen. Am Morgen nach dieser übel verbrachten Nacht suchte die Mutter Messer Lizio auf und sagte zu ihm: »In der Tat, mein Gemahl, Ihr scheint unsere Tochter nicht besonders liebzuhaben. Was kann es Euch denn verschlagen, wenn sie die Nacht auf dem Erker schläft? Sie hat sich diese ganze Nacht vor Hitze nicht zu lassen gewußt. Und wie könnt Ihr Euch nur wundern, daß sie Gefallen daran findet, die Nachtigall singen zu hören? Ist sie doch noch ein halbes Kind, und junge Leute ergötzen sich nun einmal an den Dingen, die ihnen gleichen.« Als Messer Lizio diese Vorwürfe angehört hatte, sagte er: »Nun, meinetwegen, so laßt ihr denn ein Bett zurechtmachen, das klein genug ist, um auf dem Erker Platz zu finden. Sorge auch, daß ringsherum Vorhänge gespannt sind, und dann mag sie in Gottes Namen dort schlafen und die Nachtigall singen hören, soviel es ihr beliebt.«

Sobald die Maid die Einwilligung ihres Vaters vernommen hatte, ließ sie sogleich ihr Bett auf dem Erker aufschlagen, um schon die nächste Nacht dort schlafen zu können. Dann lauerte sie so lange, bis sie den Ricciardo zu sehen bekam und ihm das verabredete Zeichen geben konnte, das er auch sogleich verstand. Als Messer Lizio nun am Abend hörte, das Mädchen[422] sei zu Bett gegangen, verschloß er die Tür, die von seinem Zimmer aus auf jenen Erker führte, und legte sich dann gleichfalls schlafen. Ricciardo aber erkletterte, sobald alles im Hause still geworden war, zuerst mit einer Leiter eine Mauer. Dann arbeitete er sich an den Vorsprüngen einer anderen, anstoßenden Mauer mit unsäglicher Mühe und großer Gefahr herunterzustürzen, bis zu dem Erker vor, wo sein Mädchen ihn in aller Stille, aber voller Entzücken empfing.

Nach tausend ausgetauschten Küssen legten sich beide nieder und genossen fast die ganze Nacht hindurch alle Lust, die Liebende einander gewähren können, wobei sie denn begreiflicherweise die Nachtigall gar vielmals schlagen ließen. Nun geschah es aber, da ihre Freuden groß, die Nächte aber damals kurz waren und sie den Tag nicht so nahe vermuteten, wie er es wirklich war, daß sie beide, von der warmen Luft sowohl als auch von ihren Liebesspielen erhitzt, völlig unbedeckt einschliefen und daß Caterina, die den rechten Arm unter Ricciardos Hals gelegt hatte, mit der linken Hand das Ding festhielt, das ihr Mädchen euch, zumal vor Männern, zu nennen scheut.

Während sie noch so fortschliefen, überfiel sie der Tag, ohne sie zu wecken. Inzwischen war Messer Lizio aufgestanden, und da ihm eben einfiel, daß seine Tochter auf dem Erker schlief, sagte er bei sich selbst: »Sehen wir doch einmal nach, ob die Nachtigall diese Nacht Caterina einen besseren Schlaf geschenkt hat.« Damit ging er leise auf den Erker hinaus, hob den Vorhang auf, der um das Bett gespannt war, und erblickte sie nackt und bloß und so mit Ricciardo vereint, wie es vorhin beschrieben worden ist, schlafen. Sobald Messer Lizio vollkommen sicher war, daß es Ricciardo sei, schlich er sich wieder fort, ging in das Schlafgemach seiner Frau und weckte diese mit folgenden Worten: »Hurtig, Frau, steh auf und komm geschwind, um anzuschaun, wie deine Tochter an der Nachtigall so viel Wohlgefallen gefunden, daß sie diese gefangen hat und noch in den Händen hält.« »Wie wäre denn das zugegangen?« sagte die Frau. »Komm nur schnell«, erwiderte Messer Lizio, »und du wirst schon selbst sehen.«

Madonna Giacomina zog sich in aller Eile an und folgte[423] dann stillschweigend ihrem Gemahl zum Bette ihrer Tochter, wo sie dann allerdings, als dieser die Vorhänge auseinanderschlug, deutlich sah, wie Caterina die Nachtigall, die sie so gern singen hörte, gefangen hatte und noch festhielt. Hocherzürnt, daß Ricciardo sie so hintergangen hatte, wollte Madonna Giacomina schon Lärm schlagen und den jungen Mann schelten. Messer Lizio aber hielt sie zurück und sagte: »Frau, so dir meine Liebe wert ist, so hüte dich, den Mund aufzutun; denn wahrlich, da sie ihn nun einmal eingefangen hat, so soll sie ihn auch haben. Ricciardo ist von gutem Hause und dabei ein wohlhabender junger Mann. Die Verwandtschaft mit ihm kann uns nur Ehre bringen. Und will er im guten aus meinem Hause entlassen werden, so muß er sich zuvor mit ihr versperchen, damit er dann die Nachtigall in seinen eigenen Bauer gesteckt hat und nicht in einen fremden.«

Madonna Giacomina beruhigte sich, als sie ihren Mann über das Geschehene so wenig erzürnt sah, und war am Ende ganz zufrieden, daß ihre Tochter eine glückliche Nacht gehabt, gut geschlafen und obendrein die Nachtigall gefangen habe. Auch dauerte es nach diesem Gespräch nicht mehr lange, so erwachte Ricciardo. Als er sah, daß der helle Tag schon angebrochen war, hielt er sich für verloren, weckte Caterina und sagte: »Was soll nun aus uns werden, mein Herz? Der Tag ist schon gekommen, und ich bin noch hier?« Bei diesen Worten trat Messer Lizio hinzu, hob den Vorhang auf und sagte: »Wir werden es schon machen.« Als Ricciardo diesen erblickte, war es ihm nicht anders, als würde ihm das Herz aus dem Leibe gerissen. Sogleich setzte er sich im Bette auf und sagte: »Ach, Herr, um Gottes willen, ich bitte Euch um Gnade. Ich erkenne, daß ich als ein nichtswürdiger, böser Mensch den Tod verdient habe. Macht also mit mir, was Euch immer beliebt. Dennoch aber bitte ich Euch, wenn es sein kann, mir das Leben aus Gnade zu schenken und mich nicht umzubringen.« Darauf antwortete Messer Lizio: »Ricciardo, das habe ich mit der Liebe und dem Vertrauen, das ich zu dir hegte, nicht um dich verdient. Da es nun aber einmal so ist und deine Jugend dich zu einem solchen Vergehen verleitet hat, so nimm nun, um dich vor dem Tode, mich aber vor der Schande zu retten, Caterina[424] zu deiner rechtmäßigen Gemahlin, und dann mag sie so, wie sie heute nacht die Deine gewesen ist, ihr ganzes Leben über es bleiben. Auf diese Weise allein kannst du mich wieder versöhnen und dir selbst dein Leben retten. Bist du aber nicht gesonnen, so zu tun, dann beeile dich, deine Seele Gott zu befehlen.«

Während dieses Gespräches hatte Caterina die Nachtigall fahren lassen und sich zugedeckt. Nun aber weinte sie bitterlich und bat zum einen ihren Vater, dem Ricciardo zu vergeben, zum andern aber auch den letzteren zu tun, was Messer Lizio verlangte, damit sie dann noch lange dergleichen Nächte in allem Frieden genießen könnten. Indes bedurfte es dazu nicht erst vieler Bitten. Scham wegen des begangenen Fehltritts und der Wunsch, ihn wiedergutzumachen, Furcht vor dem Tode und das Verlangen nach Rettung und endlich die glühende Liebe und die sehnliche Lust, den geliebten Gegenstand zu besitzen, bewogen ihn insgesamt, sich aus freien Stücken und ohne langes Besinnen zu allem bereit zu erklären, was Messer Lizio begehrte. Darauf ließ dieser sich von Madonna Giacomina einen Ring leihen, mit dem Ricciardo in beider Gegenwart gleich an Ort und Stelle sich der Caterina ehelich verloben mußte. Erst nachdem dies geschehen war, ließen Messer Lizio und seine Gemahlin die Neuvermählten allein, und zwar mit den Worten: »Ruht euch nun aus, denn das wird euch vielleicht wohler tun, als aufzustehen.«

Kaum waren jene beiden fortgegangen, so umarmten sich die jungen Leute aufs neue und fügten zum Beschluß der ersten Tagereise den sechs Meilen, die sie während der Nacht zurückgelegt hatten, noch zwei andere hinzu, ehe sie aufstanden. Nachdem darauf Ricciardo sich mit Messer Lizio noch ausführlicher besprochen hatte, vermählte er sich wenige Tage später nach hergebrachter Sitte und in Gegenwart der Freunde und Verwandten abermals mit Caterina, führte sie mit vielen Festlichkeiten in seine Heimat, wo er eine prächtige, ehrenvolle Hochzeit ausgerichtet hatte, und ging dann in Ruhe und Freuden, bei Tag und bei Nacht, soviel es ihm nur beliebte, noch lange mit ihr auf den Nachtigallenfang.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 419-425.
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