Fünfte Geschichte

[425] Guidotto von Cremona vertraut sterbend dem Giacomino von Pavia seine Pflegetochter an. Giannole di Severino und Minghino di Mingole verlieben sich zu Faenza beide in sie und werden darüber miteinander handgemein. Endlich wird entdeckt, daß das Mädchen eine Schwester des Giannole ist, und Minghino erhält sie zur Frau.


Über die Geschichte von der Nachtigall hatten die Mädchen, während Filostrato erzählte, so sehr gelacht, daß sie auch nun, da er zu reden aufgehört hatte, des Lachens kein Ende finden konnten. Nachdem sie aber ihrer Lachlust eine Weile freien Lauf gelassen hatten, sagte endlich die Königin: »Wahrlich, betrübtest du uns gestern, so hast du uns heute zu solchem Lachen gekitzelt, daß sich keine mit gutem Grund mehr über dich beschweren kann.« Darauf richtete sie ihre Worte an Neifile und gebot ihr fortzufahren. Diese aber begann mit freundlichem Munde also zu reden:

Da Filostrato uns in seiner Geschichte nach der Romagna geführt hat, so beliebt es auch mir, in meiner Erzählung jene Landschaft lustwandelnd ein wenig zu durchstreifen.

Wisset nämlich, daß vorzeiten in der Stadt Fano zwei Lombarden wohnten, Guidotto von Cremona und Giacomino von Pavia genannt, die zwar beide schon bejahrt, in ihrer Jugend aber fast beständig das Waffenhandwerk als rüstige Krieger betrieben hatten. Als nun Guidotto sterben wollte und weder einen Sohn noch sonst einen Freund oder Verwandten besaß, dem er mehr getraut hätte als dem Giacomino, so hinterließ er diesem, nachdem er ihm noch mancherlei über seine Angelegenheiten gesagt hatte, neben allem, was er besaß, seine etwa zehnjährige Tochter und starb alsdann.

Um dieselbe Zeit geschah es aber, daß die Stadt Faenza, die lange von Krieg und Mißgeschick heimgesucht worden war, sich einigermaßen wieder erholte, und daß allen denen, die wieder dorthin zurückkehren wollten, Erlaubnis dazu erteilt ward. Deswegen zog auch Giacomino, der früher dort gewohnt und an dem Aufenthalt Gefallen gefunden hatte, mit allem, was ihm gehörte, wieder nach Faenza und nahm dabei das Mädchen,[426] welches Guidotto ihm hinterlassen und das er wie seine eigene Tochter liebte und pflegte, mit hinüber.

Als das Mädchen allmählich heranwuchs, wurde es ausnehmend schön, wie damals kaum ein anderes in jener Stadt zu finden war, und mit seiner Schönheit hielt seine Sittsamkeit und sein Anstand gleichen Schritt. Da fanden sich denn begreiflicherweise man che Liebhaber ein, unter denen jedoch vor allem zwei Jünglinge, die beide wohlerzogen und gut geartet waren, ihr gleichmäßig die innigste Liebe zuwandten und darüber aus Eifersucht den bittersten Haß gegeneinander faßten. Von diesen Jünglingen hieß der eine Giannole di Severino und der andere Minghino di Mingole, und keiner von den beiden hätte, als das Mädchen fünfzehn Jahre alt war, einen Augenblick gezögert, sie zur Frau zu nehmen, hätten ihre Angehörigen es zugelassen. Da sie aber sahen, daß man ihren Wünschen mit Gründen begegnete, die sie nicht aus dem Wege zu räumen vermochten, beschloß ein jeder von ihnen, sich auf was immer für eine Weise in ihren Besitz zu setzen.

Nun hatte Giacomino eine alte Magd und einen Diener im Hause, der Crivello hieß und ein lustiger und gar umgänglicher Kauz war. Mit diesem befreundete sich Giannole und entdeckte ihm, als er glaubte, daß es an der Zeit sei, seine Liebe mit der Bitte, ihm zu helfen, daß er ans Ziel seiner Wünsche gelange, wobei er ihm, wenn er willfährig sei, eine große Belohnung versprach. Darauf erwiderte ihm Crivello: »Ich sehe nicht, wie ich dir in dieser Angelegenheit anders behilflich sein könnte als dadurch, daß ich dich selbst, sobald Giacomino einmal zum Abendessen ausgehen sollte, in ihr Zimmer führe; denn wollte ich ihr nur das mindeste von dir sagen, so schenkte sie mir gewiß kein Gehör. Ist dir nun damit gedient, so verspreche ich es dir und werde mein Wort halten. Dann sieh du aber zu, was du tun willst, um dein Ziel zu erreichen.« Giannole versicherte, weiter nichts zu verlangen, und mit dieser Verabredung gingen sie auseinander.

Auf der anderen Seite hatte Minghino die alte Magd gewonnen und sich so sehr geneigt gemacht, daß sie schon mehrfach Bestellungen an das Mädchen besorgt und dieses beinahe für ihn entflammt hatte. Überdies aber hatte sie ihm auch versprochen,[427] daß sie ihn zu seiner Geliebten führen wolle, sobald Giacomino einmal einen Abend außerhalb des Hauses zubrächte.

Nun geschah es aber – nicht gar lange, nachdem die verschiedenen Parteien sich auf solche Weise verabredet hatten –, daß Giacomino einmal, wie es Crivello eingefädelt hatte, bei einem seiner Freunde zu Abend aß. Der Diener verfehlte nicht, es Giannole wissen zu lassen, und verabredete mit ihm, daß er auf ein gewisses Zeichen kommen und die Haustür offen finden solle. Zugleich unterrichtete aber auch die Magd, die von alldem nichts wußte, den Minghino, daß Giacomino nicht zu Hause esse, und sagte ihm, er möge sich nur in der Nähe des Hauses bereit halten, um, sobald er das verabredete Zeichen erblicken werde, zu kommen und zu seiner Geliebten zu gehen.

Als der Abend herankam, zogen die beiden Verliebten, ohne voneinander zu wissen, obgleich ein jeder den andern wegen seiner Absichten in Verdacht hatte, beide mit bewaffneter Begleitung aus, um vom Gegenstand ihrer Wünsche Besitz zu ergreifen. Minghino versteckte sich mit den Seinigen im nahegelegenen Haus eines seiner Freunde, um dort das Zeichen der Magd abzuwarten. Giannole dagegen hielt sich mit seinen Gefährten in einiger Entfernung von dem Hause.

Inzwischen suchten Crivello und die Magd, sobald Giacomino fortgegangen war, einer den andern auf jede erdenkliche Weise zu entfernen. Crivello sagte zur Magd: »Warum gehst du denn noch nicht schlafen? Was in aller Welt hast du dich noch im Hause herumzutreiben?« »Ich möchte nur wissen«, entgegnete die Magd, »warum du deinen Herrn nicht holen gehst. Warum wartest du denn, nun du gegessen hast?« Und so gelang es keinem, den andern von der Stelle zu bringen. Als aber endlich die Stunde herangekommen war, die Giannole mit Crivello verabredet hatte, sagte dieser bei sich selbst: »Was habe ich mich um die Alte zu kümmern? Will sie nicht still sein, so kann sie noch ihr Teil abkriegen.« Damit machte er das verabredete Zeichen und ging, um die Tür zu öffnen. Sogleich traten Giannole, der schon herbeigeeilt war, und zwei seiner Begleiter in das Haus und ergriffen das Mädchen, das sie im Saale fanden, um es fortzuschleppen.[428]

Das Mädchen aber schrie und wehrte sich, was es nur konnte, und die Magd schrie nicht minder. Minghino vernahm das Geschrei und eilte mit den Seinigen rasch dahin, von wo er es kommen hörte. Wie diese nun das Mädchen schon zur Tür herauszerren sahen, zogen sie sämtlich ihre Schwerter und riefen: »Ihr Verräter, ihr seid des Todes! Das soll euch nicht gelingen! Was ist das für ein Unfug?« Mit diesen Worten schlugen sie auf jene los, und über dem Lärm kamen denn auch die Nachbarn mit Lichtern und Waffen herbeigelaufen und tadelten nicht allein den versuchten Frevel, sondern standen auch dem Minghino tätig bei. So gelang es dem letzteren nach langem Kampfe, das Mädchen dem Giannole wieder abzunehmen und es in die Wohnung des Giacomino zurückzubringen. Das Handgemenge hatte aber nicht eher ein Ende, als bis die Lanzenknechte des Stadthauptmanns dazugekommen waren, die viele der Anwesenden und unter diesen namentlich den Minghino, den Giannole und den Crivello festnahmen und ins Gefängnis brachten.

Erst nachdem der ganze Lärm vorüber war, kam Giacomino nach Hause und war im Anfang äußerst ungehalten über das Geschehene. Als er aber bei genauerer Untersuchung des Vorfalls sich überzeugte, daß das Mädchen dabei vollkommen schuldlos war, beruhigte er sich ein wenig und nahm sich im stillen vor, es so bald wie immer möglich zu verheiraten, damit dergleichen sich nie mehr wiederholen könne.

Als die Angehörigen beider Parteien am andern Morgen der Wahrheit gemäß gehört hatten, was geschehen war, sahen sie wohl ein, welche üblen Folgen die Sache für die beiden jungen Leute haben konnte, wenn Giacomino diejenigen Schritte tat, zu denen er völlig berechtigt war. Deshalb gingen sie zu ihm und baten ihn mit guten Worten, daß er weniger auf die Beleidigung sehen möge, welche die jungen Männer in ihrer Unbesonnenheit ihm zugefügt hätten, als auf die Liebe und das Wohlwollen, das er, wie sie glaubten, für sie, die Bittenden, hege, wobei sie sich selber zu jeder Buße bereit erklärten, die zu fordern ihm beliebte, und dasselbe zugleich im Namen der beiden Anstifter anboten.

Giacomino, der in seinen Tagen mancherlei erlebt hatte und[429] ein Mann von wohlmeinender Gesinnung war, erwiderte mit wenig Worten: »Werte Herren, wäre ich auch hier in meiner Heimat, wie ich in der eurigen bin, so hegte ich dennoch viel zu viel Freundschaft für euch, um in dieser Sache anders als nach euren Wünschen zu verfahren. Um so mehr aber muß ich mich eurem Verlangen fügen, da ihr durch das Geschehene niemand als euch selbst zu nahe getreten seid. Wisset nämlich, daß das Mädchen, um das es sich handelt, nicht, wie die meisten glauben mögen, aus Cremona oder Pavia gebürtig, sondern eine Faentinerin ist, wenn auch weder ich noch sie selbst noch der, von dem ich sie erhalten habe, anzugeben wissen, wessen Tochter sie ist. Darum soll denn in der Angelegenheit, um derentwillen ihr mich bittet, alles so geschehen, wie ihr selbst bestimmen werdet.«

Als die guten Männer vernahmen, das Mädchen sei aus Faenza, wunderten sie sich nicht wenig und baten deshalb den Giacomino, nachdem sie ihm zuvor für seine wohlwollende Antwort gedankt hatten, daß er ihnen doch sagen möge, wie das Mädchen in seine Hände gekommen sei und wie er erfahren habe, daß sie aus Faenza stamme. Giacomino erwiderte ihnen: »Guidotto von Cremona, der mein Freund und Waffengefährte gewesen ist, sagte mir auf seinem Totenbette, daß er, als diese Stadt von Kaiser Friedrich eingenommen und dabei geplündert wurde, mit einigen seiner Gefährten in ein Haus eingedrungen sei, das sie zwar voller Sachen, aber von den Einwohnern verlassen gefunden hätten. Nur ein Kind von etwa zwei Jahren sei zurückgeblieben und habe ihm, wie er die Treppen hinaufgekommen sei, ›Vater‹ entgegengerufen. Dadurch zum Mitleid bewogen, habe er das kleine Mädchen nebst den übrigen Sachen, die er dort im Hause vorgefunden, mit sich nach Fano genommen. Dasselbe Mädchen nun hinterließ er mir bei seinem Tode mit allem, was er hatte, und trug mir auf, es zu verheiraten, wenn die Zeit dafür gekommen sei, und ihm alsdann alles, was sein gewesen, zur Mitgift zu geben. Nun wäre sie zwar alt genug, um zu heiraten, noch aber habe ich keinen gefunden, der mir genehm gewesen wäre. Doch käme ich gern bald dazu, damit Vorfälle wie die von gestern abend sich nicht wiederholen können.«[430]

Unter den Anwesenden war ein gewisser Guiglielmo aus Medicina, der sich genau erinnerte, was für ein Haus es gewesen war, das Guidotto ausgeplündert hatte. Und da er den Eigentümer desselben ebenfalls dort gegenwärtig sah, trat er zu ihm und sagte: »Bernabuccio, hörst du wohl, was Giacomino da sagt?« »Freilich«, erwiderte Bernabuccio, »und eben denke ich genauer über die Sache nach; denn ich erinnere mich sehr wohl, daß ich in der damaligen Verwirrung eine Tochter gerade in dem Alter, das Giacomino angab, verlor.« »Gewiß, das muß sie sein«, entgegnete Guiglielmo, »denn ich habe selbst einmal gehört, wie Guidotto das Haus beschrieb, wo er zu jener Zeit geplündert habe, und daraus ganz deutlich entnommen, daß es das deinige gewesen ist. Besinne dich also, ob du sie an keinem Zeichen wiederzuerkennen weißt, und dann schicke nach ihr, und du wirst ohne Zweifel finden, daß sie deine Tochter ist.«

Bernabuccio sann eine Weile nach und entsann sich am Ende wirklich, daß sie über dem linken Ohr eine kreuzförmige Narbe haben müsse, die entstanden war, als er ihr kurz vor jenem Ereignis dort ein kleines Gewächs hatte ausschneiden lassen. So ging er denn, ohne weiter zu zögern, auf Giacomino zu, der noch anwesend war, und bat ihn, daß er ihn mit sich nach Hause nehmen und ihm das Mädchen zeigen möge. Giacomino war gern dazu bereit und ließ das Mädchen rufen, sobald sie in sein Haus gekommen waren. Als Bernabuccio sie aber zu sehen bekam, war es ihm, als sähe er die Züge der Mutter, die noch eine schöne Frau zu nennen war, leibhaftig vor sich. Ohne sich indes damit zu beruhigen, bat er Giacomino um die Erlaubnis, ihr die Haare über dem linken Ohr ein wenig aufheben zu dürfen, was dieser auch gestattete. Bernabuccio trat zu dem Mädchen, das verlegen und beschämt dastand, und hatte ihm kaum mit der rechten Hand die Haare ein wenig gelüftet, als er auch schon das Kreuz erblickte und sich durch dieses Zeichen völlig überzeugte, daß es wirklich seine Tochter sei. Sogleich umarmte er sie unter vielen Tränen, wie sehr sie sich auch sträuben mochte, und sagte, zu Giacomino gewandt: »Teuerster Bruder, das Mädchen ist meine Tochter; das Haus, das Guidotto geplündert hat, war das meinige, in dem meine Frau bei dem plötzlichen Schrecken das Kind vergessen hatte, und[431] bis heute haben wir alle geglaubt, es sei an jenem Tage, wo mein Haus verbrannte, ebenfalls ein Raub der Flammen geworden.«

Als das Mädchen diese Worte vernahm, maß es ihnen Glauben bei, teils weil es den Sprecher schon bei Jahren sah, teils weil sich in seinem Herzen eine verborgene Stimme regte, und es fing, von nicht minderer Rührung ergriffen, gleichfalls zu weinen an. Bernabuccio schickte schnell nach ihrer Mutter und den andern Frauen der Verwandtschaft, sowie nach den Schwestern und Brüdern, zeigte sie ihnen allen, erzählte ihnen, was geschehen war, und führte sie dann nach tausend Umarmungen unter großen Festlichkeiten und mit voller Zustimmung des Giacomino in sein Haus.

Als diese Neuigkeiten dem Stadthauptmann, der ein wohlgesinnter Mann war, bekannt wurden, beschloß er, dem Giannole, den er noch gefangenhielt und der als Bernabuccios Sohn des Mädchen leiblicher Bruder war, sein Vergehen für diesmal ungestraft hingehen zu lassen. Daher redete er dem Bernabuccio wie dem Giacomino zu und brachte es glücklich dahin, daß dem Giannole wie dem Minghino verziehen und dem letzteren zu größerer Freude der Anverwandten das Mädchen, welches Agnesa hieß, verlobt wurde, worauf er dann auch den Crivello und die an dern, die um der gleichen Angelegenheit willen eingesperrt waren, mit ihnen zugleich freiließ.

Minghino aber feierte bald darauf mit großem Aufwand fröhliche Hochzeit, führte seine Braut heim und lebte noch viele Jahre glücklich und in Frieden.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 425-432.
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