Vierte Geschichte

[706] Cecco di Messer Fortarrigo verspielt zu Buonconvento alles, was er hat, und das Geld des Cecco di Messer Angiulieri dazu. Dann läuft er diesem im Hemde nach, läßt ihn unter dem Vorwand, daß jener ihn beraubt habe, von Bauern ergreifen, zieht dessen Kleider an, besteigt sein Pferd und eilt davon, während Angiulieri im Hemd zurückbleibt.


Unter großem Gelächter hatte die ganze Gesellschaft angehört, wie Calandrino seine Frau beschuldigt hatte. Sobald aber Filostrato schwieg, nahm Neifile nach dem Willen der Königin das Wort:

Ehrenwerte Mädchen, fiele es dem Menschen nicht schwerer,[706] andern Leuten Einsicht und Tugend zu zeigen als Torheit und Laster, so bemühten viele sich nicht vergeblich, ihre Zunge im Zaume zu halten. Dies hat euch die Torheit des Calandrino hinreichend bewiesen, der, um von dem Übel zu genesen, das seine Einfalt ihn für wahr halten ließ, durchaus nicht gezwungen war, die heimlichen Gelüste seiner Frau öffentlich bekanntzumachen. Dieser Umstand hat mich an eine dem Sinne nach entgegengesetzte Geschichte erinnert, in der nämlich die Bosheit des einen den Verstand des andern besiegte, zum großen Schaden und Spott des Überwundenen. Diese Geschichte nun denke ich euch zu erzählen.

Es waren also vor noch nicht vielen Jahren in Siena zwei im Alter schon vorgerückte Männer, die beide Cecco hießen, der eine jedoch di Messer Angiulieri, der andere di Messer Forrtarigo mit Zunamen. Obschon sie in vielen andern Stücken schlecht in ihren Sitten zusammenpaßten, stimmten sie doch in einem Stück, darin nämlich, daß beide ihre Väter haßten, so sehr überein, daß sie um dessentwillen Freunde geworden waren und viel miteinander umgingen.

Dem Angiulieri, der ein schöner und wohlgesitteter Mann war, schien es, daß er in Siena von dem Einkommen, welches sein Vater ihm ausgesetzt hatte, nur schlecht leben könne. Da er nun vernahm, daß ein gewisser Kardinal, der sein großer Gönner war, als Legat des Papstes nach der Mark Ancona gekommen sei, entschloß er sich, zu ihm zu gehen, in der Hoffnung, dort seine Lage zu verbessern. Indem er dies seinem Vater mitteilte, einigte er sich mit ihm, daß dieser ihm auf einmal gab, was er ihm sonst in sechs Monaten zu geben hatte, damit er sich davon bekleiden, sich beritten machen und sonst anständig erscheinen könne.

Während er nun noch jemand suchte, den er in seinem Dienst mit sich nehmen könnte, hörte Fortarrigo von der Sache. Sogleich begab er sich zum Angiulieri und bat ihn, so gut er nur wußte und konnte, daß er ihn mit sich nähme, indem er ihm Diener, Begleiter und alles mögliche sein und keinen Lohn außer freier Zehrung fordern wolle. Angiulieri erwiderte ihm, daß er ihn nicht mit sich nehmen werde. Zwar wisse er sehr wohl, daß jener für jeden Dienst tauglich sei, er wisse aber[707] auch, daß er spiele und überdies sich auch bisweilen betrinke. Hierauf entgegnete Fortarrigo, er wolle sich gewiß vor dem einen wie vor dem andern hüten, bekräftigte dies mit so viel Schwüren und fügte so viele Bitten hinzu, daß Angiulieri endlich nachgab und erklärte, er sei es zufrieden.

Beide traten nun eines Morgens ihre Reise an und gingen nach Buonconvento, um dort zu essen. Nach der Mahlzeit ließ Angiulieri, da die Hitze groß war, sich im Gasthof ein Lager zurechtmachen, kleidete sich mit Fortarrigos Hilfe aus und legte sich schlafen, indem er sagte, jener möchte ihn wecken, sobald die neunte Stunde schlüge.

Sobald Angiulieri schlief, schlich Fortarrigo sich in die Schenke, und nachdem er hier einiges getrunken hatte, begann er mit mehreren ein Spielchen. Diese hatten ihm in kurzer Zeit das wenige Geld, das er bei sich hatte, abgenommen und gewannen ihm nun auf die gleiche Weise auch alle Kleider ab, die er auf dem Leibe trug. Begierig, sich wieder herauszureißen, ging er im Hemd, wie er war, dorthin, wo Angiulieri schlief, nahm, als er ihn in tiefem Schlafe fand, aus der Börse alles Geld, das Angiulieri darin hatte, kehrte zum Spiel zurück und verlor auch dies, wie das übrige.

Indes erwachte Angiulieri, stand auf, kleidete sich an und fragte nach Fortarrigo. Da er nirgends zu finden war, meinte Angiulieri, daß er wohl irgendwo seinen Rausch ausschlafen möge, wie er sonst zu tun gewohnt war. Er beschloß deshalb, ihn im Stich zu lassen, ließ Sattel und Felleisen seinem Rosse auflegen und gedachte in Corsignano einen andern Diener anzuwerben. Als er jedoch, im Begriff abzureisen, den Wirt bezahlen wollte, fand er sein Geld nicht. Darüber entstand natürlich großer Lärm, und das ganze Wirtshaus geriet in Aufruhr, als Angiulieri behauptete, er sei darin bestohlen worden, und drohte, er wolle sie alle gefangen nach Siena führen lassen.

Da kam auf einmal Fortarrigo im Hemd angegangen, da er jetzt auch die Kleider nehmen wollte, wie er das Geld schon genommen hatte. Als er den Angiulieri im Begriff erblickte, das Pferd zu besteigen, rief er: »Was soll das bedeuten, Angiulieri? Wollen wir schon wieder fort? Oh, warte nur noch einen Augenblick. Gleich muß einer kommen, der mein Wams für[708] achtunddreißig Soldi zum Pfande hat. Ich bin überzeugt, er gibt es uns für fünfunddreißig zurück, wenn wir ihn gleich bezahlen.«

Während dieser Worte kam einer hinzu, der den Angiulieri dadurch, daß er ihm die Geldsumme angab, die jener im Spiel verloren hatte, überzeugte, Fortarrigo sei es gewesen, der ihm sein Geld genommen habe. Äußerst erzürnt hierüber, überhäufte Angiulieri den Fortarrigo mit den heftigsten Schmähungen, und hätte er sich vor andern nicht mehr als vor Gott gefürchtet, so hätte er ihm Schlimmeres angetan. So aber bestieg er schnell sein Pferd, mit der Drohung, ihn bei der Gurgel aufhängen oder bei Strafe des Galgens aus Siena verbannen zu lassen. Fortarrigo aber sprach immer weiter, als wenn Angiulieri gar nicht zu ihm, sondern zu einem ganz andern gesprochen hätte: »Angiulieri, lassen wir doch in Gottes Namen all dies Gerede, das ja doch zu nichts nütze ist. Merke aber das eine: wenn wir es gleich einlösen, so bekommen wir es gewiß für fünfunddreißig Soldi wieder. Doch zögerst du nur bis morgen, so läßt er nichts von den achtunddreißig ab, die er mir darauf lieh, und er tut mir den Gefallen nur, weil ich eigentlich auf seinen Rat gesetzt habe. Sprich, warum wollen wir die drei Soldi nicht sparen?«

Als Angiulieri ihn so reden hörte, geriet er in Wut, besonders weil er sah, wie alle Umstehenden ihn angafften und zu glauben schienen, daß keineswegs Fortarrigo sein Geld verspielt habe, sondern daß vielmehr er jenem das seinige vorenthalte. »Was habe ich mit deinem Wams zu tun?« rief er aus. »Mögest du am Halse aufgehängt werden, der du mich nicht allein bestohlen und das Meinige verspielt hast, sondern mich jetzt noch in meiner Reise aufhältst und mich zum besten haben willst.«

Doch Fortarrigo ließ sich nicht irremachen und sprach weiter, als sage jener dies alles nicht zu ihm: »Wie? Warum soll ich hier nicht drei Soldi sparen? Glaubst du, daß ich sie dir nicht wieder borgen kann? Tu es doch, wenn du mich lieb hast! Was hast du denn für Eile? Nach Torrenieri kommen wir heute immer noch. Drum mache, hol deine Börse heraus. Wisse, ganz Siena könnte ich durchsuchen und fände doch kein Wams,[709] das mir so gut stände wie dieses. Und dann zu sagen, daß ich es ihm für achtunddreißig Soldi gelassen hätte, da es wohl vierzig und mehr wert ist, so daß du mich auf doppelte Weise in Schaden brächtest.«

Aufs äußerste empört darüber, daß dieser Mensch, nachdem er ihn beraubt, ihn noch mit Worten aufhalten wollte, antwortete ihm Angiulieri nicht weiter, sondern wandte den Kopf des Pferdes um und ritt auf dem Weg nach Torrenieri davon. Fortarrigo aber, dem ein boshafter Einfall in den Sinn kam, fing an, im Hemd, wie er war, hinter ihm herzutraben. Als sie so etwa zwei Meilen zurückgelegt hatten, wobei jener immer wegen des Wamses bettelte und Angiulieri, um sich diese Plage vor den Ohren wegzuschaffen, scharf zuritt, erblickte Fortarrigo gerade vor Angiulieri einige Bauern im nahen Felde an der Straße. Diese rief er laut an und schrie: »Haltet ihn! Haltet ihn!« Sie eilten, der eine mit dem Spaten, der andere mit der Hacke, auf die Straße, versperrten dem Angiulieri den Weg, hielten ihn auf und ergriffen ihn, da sie fest überzeugt waren, daß er jenen andern, der ihm so im Hemde schreiend nachlief, beraubt haben müsse.

Es nutzte ihm nichts, daß er ihnen sagte, wer er sei und wie die Sache sich verhalte, denn bald kam Fortarrigo mit zorniger Miene herbei und rief: »Ich weiß fürwahr nicht, warum ich dich nicht totschlage, treuloser Räuber, der du mit dem Meinigen davongelaufen bist.« Dann fuhr er, zu den Bauern gewandt, fort: »Sehet, ihr Herren, in welchem Aufzug er mich im Gasthof zurückließ, nachdem er vorher seinen letzten Heller verspielt hatte. Wohl kann ich sagen, daß ich durch Gottes und euren Beistand diesen Rest wiedererlangt habe, wofür ich euch immerdar dankbar sein werde.«

Angiulieri antwortete nun zwar, allein seine Worte wurden nicht angehört. Mit Hilfe der Bauern zog ihn vielmehr Fortarrigo vom Pferde zu Boden, entkleidete ihn, zog sich seine Kleider an, stieg dann zu Roß, ließ den Angiulieri im Hemd und ohne Strümpfe zurück und kehrte heim nach Siena, wobei er überall versicherte, er habe dem Angiulieri Pferd und Kleider im Spiel abgewonnen. Jener aber, der gehofft hatte, reich zu seinem Kardinal nach der Mark zu gehen, kehrte nun arm[710] und im Hemd nach Buonconvento zurück und wagte es vorderhand aus Scham nicht, nach Siena zurückzukehren. Nachdem man ihm jedoch Kleider geborgt hatte, bestieg er den Klepper Fortarrigos und begab sich damit zu seinen Verwandten nach Corsignano, bei denen er so lange blieb, bis er aufs neue von seinem Vater Unterstützung erhalten hatte.

So hat Fortarrigos boshafte List den verständigen Plan des Angiulieri zuschanden gemacht, obschon dieser sie, als Zeit und Gelegenheit günstig waren, nicht ungerächt ließ.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 706-711.
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