Dritte Geschichte

[702] Auf Anstiften Brunos, Buffalmaccos und Nellos macht Meister Simon dem Calandrino weis, er sei schwanger. Dieser gibt den Genannten zu seiner Heilung Kapaune und Geld, worauf er ohne Entbindung wieder genest.


Als Elisa ihre Erzählung geschlossen und alle Gott gedankt hatten, daß er die junge Nonne glücklich von den Verfolgungen der neidischen Schwestern befreit hatte, gebot die Königin dem Filostrato fortzufahren, und dieser begann, ohne einen weiteren Befehl abzuwarten:

Schöne Damen, der liederliche Richter aus der Mark, von dem ich euch gestern erzählte, hinderte mich, eine Geschichte von Calandrino mitzuteilen, die ich euch anfangs zum besten geben wollte. Und weil eben alles, was von ihm erzählt wird, nur den Spaß vermehren kann, will ich euch, obwohl wir schon viel von ihm und seinen Gefährten gesprochen haben, auch diese Geschichte erzählen, die ich gestern im Sinne hatte.

Schon früher habt ihr zur Genüge gehört, wer Calandrino und die andern waren, von denen ich in dieser Geschichte zu sprechen habe. Ohne mehr davon zu erwähnen, berichte ich euch jetzt nur, daß eine Tante des Calandrino gestorben war und ihm zwei hundert Lire in Silbergeld hinterlassen hatte. Nun erzählte Calandrino überall, daß er ein Gut kaufen wolle, und soviele Makler es nur in Florenz gab, mit so vielen fing er an zu unterhandeln, nicht anders, als wenn er zehntausend Goldgulden auszugeben hätte. Allein sobald es zum Preis des verlangten Gutes kam, zerschlug der Handel sich immer wieder.

Bruno und Buffalmacco, die dies erfuhren, hatten ihm schon oft versichert, daß er besser daran täte, das Geld mit ihnen zu verjubeln, als Land zu kaufen, wie wenn er davon Lehmkugeln zu drehen gedächte. Allein weder hierzu, noch selbst dahin[702] hatten sie ihn je zu bringen gewußt, daß er ihnen auch nur einmal etwas zu essen gegeben hätte. Hierüber beklagten sie sich nun einst gegeneinander, und als auch noch einer ihrer Gesellen, ein Maler namens Nello, dazukam, überlegten sie alle drei, wie sie es anzufangen hätten, um sich einmal auf Kosten des Calandrino den Schnabel zu salben.

Ohne damit lange zu zögern, hatten sie unter sich verabredet, was ein jeder zu tun hätte, und paßten am folgenden Morgen auf, bis Calandrino aus seinem Hause trat. Noch war er nicht weit gegangen, als ihm Nello entgegentrat und sagte: »Guten Tag, Calandrino!« Calandrino antwortete, Gott möge ihm einen guten Tag und ein gutes Jahr schenken, worauf Nello scheu ein wenig zurücktrat und ihm lange ins Gesicht sah. »Was schaust du denn?« sprach Calandrino zu ihm. Nello erwiderte: »Ist dir heute nacht etwas gewesen? Du scheinst mir gar nicht mehr derselbe.« Calandrino begann sogleich besorgt zu werden und sprach: »Weh mir, was ist denn? Was denkst du denn, daß mir fehle?« »Nun«, sagte Nello, »ich sage es nicht deshalb, aber du scheinst mir ganz verwandelt; möge es etwas anderes sein.« Und damit ließ er ihn gehen.

Calandrino ging weiter, schon ganz besorgt, obgleich er nicht das geringste spürte. Nun trat ihm Buffalmacco entgegen, der nicht weit entfernt war und gesehen hatte, wie er von Nello fortging, grüßte ihn und fragte, ob er sich denn unwohl fühle. »Ich weiß nicht«, antwortete Calandrino, »aber eben sagte mir auch Nello, daß ich ihm ganz verändert vorkäme. Wär es möglich, daß mir nichts fehlte?« »Wollte Gott«, sagte Buffalmacco, »dir fehlte nichts, lieber als etwas. Du scheinst mir schon halb eine Leiche.« Nun glaubte Calandrino schon, er hätte das Fieber.

Auf einmal kam auch Bruno hinzu, und ehe er ein anderes Wort sagte, sprach er: »Calandrino, wie siehst du aus? Du scheinst mehr tot als lebendig. Wie fühlst du dich?« Als Calandrino sie nun alle so reden hörte, war er fest überzeugt, krank zu sein, und fragte sie ganz erschrocken: »Freunde, was soll ich tun?« »Nun«, sagte Bruno, »am besten gehst du gleich wieder nach Hause, legst dich zu Bett und läßt dich gut zudecken. Dann schickst du dein Wasser zum Meister Simon, der, wie du[703] weißt, unser guter Freund ist. Der wird dir gleich sagen, was du zu tun hast. Wir aber wollen jetzt mit dir kommen, und wenn dir etwas not tut, es besorgen.«

Nello schloß sich ihnen an, und so kehrten sie mit Calandrino in seine Wohnung zurück, wo er ganz erschöpft in seine Schlafkammer trat und zu seiner Frau sagte: »Komm und decke mich gut zu, denn ich fühle mich sehr krank.« Nachdem er sich also niedergelegt hatte, schickte er sein Wasser durch eine kleine Magd zu Meister Simon, der gerade in seinem Laden »Zur Melone« am Mercatovecchio war. Indes sagte Bruno zu seinen Kameraden: »Ihr bleibt hier bei ihm, und ich will gehen, um zu hören, was der Arzt sagen wird, und ihn, wenn es nötig ist, gleich mitbringen.« »Ja, tue das, lieber Freund«, sagte Calandrino zu ihm. »Geh und bring mir Nachricht, wie die Sache steht, denn ich fühle, ich weiß nicht was, in meinem Leibe.«

Nun eilte Bruno zu Meister Simon, wo er früher eintraf als das Mädchen, welches das Wasser trug, und unterrichtete den Meister von der ganzen Sache. Als daher die Magd kam und der Doktor das Wasser sah, sprach er zu ihr: »Lauf und sag dem Calandrino, er solle sich gut warm halten, ich käme sogleich zu ihm und sagte ihm, was ihm fehle und was er zu tun habe.«

Das richtete die Magd aus, und es währte auch nicht lange, so kam Bruno mit dem Doktor. Dieser setzte sich ihm zur Seite, fing an, ihm den Puls zu fühlen, und sprach nach einiger Zeit in Anwesenheit der Frau, welche dabeistand: »Sieh, Calandrino, um wie ein Freund mit dir zu sprechen, dir fehlt nichts weiter, als – du bist schwanger.« Kaum hatte Calandrino dies gehört, da fing er kläglich zu schreien an und rief: »Weh mir, Tessa, das hast du mir angetan, weil du nur immer obenauf liegen willst. Ich habe es dir wohl gesagt.« Als die Frau, die ein sittsames Weib war, ihn so reden hörte, errötete sie über und über, senkte den Kopf und ging aus der Kammer, ohne ein Wort zu erwidern. Nun fuhr Calandrino in seinem Klagegeschrei fort und sprach: »Weh mir Unglücklichem! Was soll ich nur machen? Wie soll ich dieses Kind zur Welt bringen? Wo soll es hinaus? Ich sehe wohl, daß die Raserei meines[704] Weibes mich ums Leben bringt. Möge Gott sie verderben und mich wieder froh machen. Aber wahrhaftig, war ich gesund, wie ich es nicht bin, ich spränge auf und prügelte sie so lange, daß sie kein Glied ganz behielte, obschon mir ganz recht geschieht, weil ich sie nimmer hätte obenauf lassen sollen. Aber wahrlich, komme ich diesmal mit dem Leben davon, so soll sie mir vor Verlangen eher sterben, als daß ich es wieder geschehen lasse.«

Bruno, Buffalmacco und Nello wollten vor Lachen fast bersten, als sie diese Reden des Calandrino hörten, doch hielten sie an sich. Meister Schafskopf jedoch lachte so aus vollem Halse, daß man ihm alle Zähne hätte ausziehen können. Nach einer Weile gab Calandrino dem Doktor die besten Worte und beschwor ihn, in diesem Unglück ihm mit Rat und Hilfe beizustehen. Der Meister aber sagte: »Calandrino, du mußt dich nicht ängstigen; denn, Gott sei Dank, wir haben die Sache schnell erkannt, und ohne viel Mühe und in wenigen Tagen gedenke ich dich zu befreien. Freilich mußt du etwas Geld nicht scheuen.« »Ach ja, teuerster Meister«, entgegnete Calandrino, »um Gottes Barmherzigkeit! Ich habe hier zweihundert Lire, für die ich mir ein Gütchen kaufen wollte. Wenn sie nötig sind, nehmt sie ganz, nur daß ich nicht niederzukommen brauche; denn wahrhaftig, ich begreife nicht, wie ich das machen soll. Ich höre die Weiber, wenn sie gebären sollen, einen so großen Lärm machen, und sie haben die Gelegenheit dazu doch groß genug. Aber ich glaube, wenn ich diesen Schmerz aushalten sollte, ich stürbe, ehe ich niederkäme.«

»Mach dir keine Sorgen«, entgegnete der Doktor. »Ich werde dir einen Trank destillieren lassen, der gar wirksam und zugleich sehr angenehm zu trinken ist. Der löst in drei Morgen alles auf, und du bist dann gesünder als ein Fisch. Doch nachher, sieh zu, daß du verständiger bleibst und nicht wieder in diese Torheiten verfällst. Zu diesem Trank brauchen wir indes drei Paar fette Kapaune, und zum Einkaufen von allem andern, was dazu nötig ist, magst du einem von deinen Freunden hier fünf Lire Silber geben. Das alles laß mir in meinen Laden bringen, und ich werde dir dann morgen in Gottes Namen den destillierten Trank schicken, und du magst damit[705] anfangen, einen tüchtigen Becher auf einmal auszutrinken.« Als Calandrino dies hörte, sprach er: »Laßt es Euch nur recht empfohlen sein, liebster Meister.« Und nachdem er nun dem Bruno die fünf Lire und das Geld für die drei Paar Kapaune gegeben hatte, beschwor er ihn, sich ihm zuliebe in dieser Sache zu bemühen.

Der Arzt ging heim, ließ ihm etwas Gewürzwein zurechtmachen und schickte ihm diesen. Bruno aber kaufte die Kapaune und was außerdem zu einer Schmauserei nötig war und verzehrte alles fröhlich mit dem Doktor und seinen andern Gesellen. Calandrino trank drei Morgen hintereinander von dem Gewürzwein, und der Doktor und seine Kameraden besuchten ihn. Jener fühlte ihm den Puls und sagte: »Calandrino, du bist ohne Fehl hergestellt. Du kannst ruhig heute noch in Geschäften ausgehen und brauchst nicht mehr das Haus zu hüten.«

Calandrino stand fröhlich auf, ging seinen Geschäften nach und lobte überall, wo er nur mit jemand ins Gespräch kam, die schöne Kur, die Meister Simon ihm verordnet und durch die er ihn in drei Tagen ohne allen Schmerz entschwängert habe. Bruno, Buffalmacco und Nello aber waren nicht wenig zufrieden, durch ihre List den geizigen Calandrino hinters Licht geführt zu haben, obschon Monna Tessa, welche die Sache merkte, lange darüber mit ihrem Manne brummte.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 702-706.
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