Zweite Geschichte

[698] Eine Äbtissin steht eilig im Finstern auf, um eine ihrer Nonnen, die bei ihr verklagt worden ist, mit ihrem Liebhaber im Bett zu überraschen. Da sie aber selbst einen Priester bei sich hat, nimmt sie statt des Schleiers dessen Hosen um. Als die Angeklagte diese erblickt und die Äbtissin darauf aufmerksam macht, wird sie freigelassen und darf ungestört mit ihrem Geliebten verweilen.


Filomena schwieg, und die List der Dame, diese Liebhaber loszuwerden, die sie nicht lieben mochte, wurde von allen gelobt, die Verwegenheit der jungen Männer hingegen nicht für Liebe, sondern für Torheit erklärt. Danach wandte sich die Königin freundlich zu Elisa und sagte: »Fahre nun du fort.« Diese begann rasch:[698]

Geliebte Mädchen, sehr geschickt wußte Madonna Francesca, wie uns erzählt worden ist, sich von ihrer Last zu befreien. Allein auch eine junge Nonne verstand es, sich unter dem Beistand des Glücks von einer drohenden Gefahr durch scherzende Rede zu befreien. Wie ihr wißt, sind diejenigen nicht selten, welche, obwohl selber töricht, sich zu Lehrmeistern und Strafpredigern anderer erheben. Eben diese züchtigt aber, wie ihr aus meiner Geschichte lernen könnt, das Schicksal bisweilen auf die verdiente Art, wie dies der Äbtissin geschah, unter deren Aufsicht die junge Nonne stand, von der ich euch erzählen will.

Ihr müßt also wissen, daß in der Lombardei ein durch Frömmigkeit und Sittenstrenge sehr berühmtes Kloster ist, in dem unter den andern Nonnen auch ein junges Mädchen von edlem Blut und wunderbarer Schönheit weilte, welches Isabetta hieß. Als diese eines Tages zu einem ihrer Verwandten an das Sprechgitter herabgekommen war, verliebte sie sich in einen jungen Mann, welcher diesen begleitete. Da er ihre große Schönheit wahrnahm und ihr Verlangen in ihren Augen gelesen hatte, entflammte er auf gleiche Weise für sie.

Nicht ohne große Schmerzen für beide ertrugen sie diese Liebe eine Zeit hindurch ohne alle Furcht. Zuletzt jedoch, da beide gleichmäßig danach verlangten, fand der junge Mann ein Mittel, heimlich zu seiner Nonne zu gelangen. Auch sie war damit zufrieden, und so besuchte er sie nicht einmal, sondern viele Male zur großen Freude beider.

Als dies jedoch so weiterging, geschah es, von ihm und von ihr unbemerkt, daß er in einer Nacht, als er von Isabetta Abschied nahm und fortging, von einer der Nonnen des Klosters gesehen wurde. Diese teilte es mehreren andern mit. Anfangs gedachten sie Isabetta bei der Äbtissin, welche Madonna Usimbalda hieß und nach der Meinung der übrigen Nonnen und aller, die sie kannten, eine sehr fromme und treffliche Frau war, förmlich anzuklagen. Zuletzt aber zogen sie es vor, sie, damit kein Leugnen möglich sei, mit dem jungen Mann von der Äbtissin auf frischer Tat überraschen zu lassen. So schwiegen sie denn und teilten unter sich die Nachtstunden und die Wache ein, um jene zu ertappen.[699]

Isabetta, die sich vor all dem nicht hüten konnte, ja von all dem nichts wußte, ließ ihren Liebhaber in einer Nacht wiederkommen, was die sogleich wieder erfuhren, die hierauf achtgaben. Diese verteilten sich nun, als es ihnen an der Zeit schien und ein gutes Stück der Nacht schon verstrichen war, in zwei Gruppen, von denen die eine die Tür von Isabettas Zelle bewachte, während die andere in aller Eile zum Schlafzimmer der Äbtissin lief, dort anklopfte und, nachdem sie Antwort erhalten hatte, ihr zurief: »Auf, Madonna, steht schnell auf. Wir haben die Isabetta mit einem jungen Mann in ihrer Zelle ertappt.«

Eben in dieser Nacht hatte die Äbtissin Gesellschaft von einem Priester, den sie oft in einer Truhe zu sich bringen ließ. Als sie nun jene Worte vernahm und fürchtete, die Nonnen möchten in ihrer Eile aus übermäßigem Eifer die Tür aufsprengen, stand sie schnell auf und kleidete sich im Finstern an, so gut sie wußte. Indem sie aber einen gewissen faltigen Schleier zu ergreifen meinte, welchen die Nonnen auf dem Kopf tragen und den sie das Psalterium nennen, faßte sie die Hosen des Priesters. Und so groß war ihre Eile, daß sie, ohne es gewahr zu werden, diese sich über den Kopf warf, hinauseilte und schnell die Tür hinter sich verschloß, indem sie rief: »Wo ist diese von Gott Verwünschte?« Alsbald gelangte sie mit den andern, die so eifrig und begierig darauf waren, Isabetta auf frischer Tat zu ertappen, daß sie nicht bemerkten, was ihre Äbtissin auf dem Haupte trug, zur Tür der Zelle, sprengte diese mit Hilfe der übrigen auf und trat ein. Und nun fand man die beiden Liebenden umschlungen in ihrem Bette.

Diese, von der Überraschung ganz bestürzt, wußten nicht, was sie tun sollten, und blieben ruhig liegen. Die junge Nonne ward jedoch sogleich von den übrigen ergriffen und auf Befehl der Äbtissin in den Kapitelsaal geführt. Der junge Mann war zurückgeblieben, kleidete sich an und erwartete, was die Sache für einen Ausgang nähme. Er war entschlossen, allen Klosterfrauen, die er erreichen könnte, übel mitzuspielen, wenn seiner Geliebten irgend etwas zuleide geschähe, und diese dann mit sich zu nehmen.[700]

Unterdessen begann die Äbtissin, nachdem sie im Kapitel ihren Sitz eingenommen hatte, in Gegenwart aller Nonnen, die immer noch bloß auf die Schuldige blickten, dieser die schwersten Beschimpfungen zu sagen, die je einem Weibe gesagt wurden, wie einer, welche die Heiligkeit, die Ehrbarkeit und den guten Ruf des Klosters mit ihren unziemlichen und schmachvollen Werken, sobald man diese außerhalb erführe, schwer befleckt hätte, und fügte dann den Scheltworten die härtesten Drohungen hinzu. Die Nonne, schüchtern und verschämt wie eine Schuldbewußte, wußte nichts zu antworten, sondern schwieg und erregte dadurch bereits das Mitleid der andern.

Als die Äbtissin jedoch mit zornigen Reden fortfuhr, hob das junge Mädchen zufällig den Kopf und sah, was die Äbtissin auf dem Haupte trug, und wie die Hosenbänder ihr rechts und links herabhingen. Sie erkannte schnell, was es war, und sprach nun kecken Mutes: »Frau Äbtissin, so Euch Gott helfe, bindet Euch doch erst die Haube zu und sagt mir dann, was Ihr wollt.« Die Äbtissin, die sie nicht verstand, entgegnete: »Was Haube, du sündiges Weib! Hast du jetzt noch die Frechheit, Witze zu machen? Scheint dir nach dem, was du getan hast, daß hier Späße an ihrem Orte sind?« Das Mädchen wiederholte zum zweitenmal: »Madonna, ich bitte Euch bloß, bindet Euch die Haube zu, und dann sagt mir, was Euch beliebt.« Nun richteten natürlich auch viele der Nonnen ihre Augen auf den Kopfschutz der Äbtissin, und während sie selbst mit den Händen danach griff, wurden alle gewahr, warum Isabetta so sprach.

Als die Äbtissin den gleichen Fehler an sich er kannte und inneward, daß er allen offenbar und kein Verbergen desselben möglich sei, änderte sie ihre Rede und begann auf einmal ganz anders zu sprechen als zuvor, indem sie damit schloß, daß es unmöglich sei, dem Stachel des Fleisches zu wehren, und hinzufügte, daß jede, wie es bis zu dieser Stunde geschehen sei, sich fortan heimlich ein gute Zeit schaffen möge, sobald sie könne. Die junge Nonne ward nun freigelassen, die Äbtissin kehrte zu ihrem Priester, und Isabetta zu ihrem Liebhaber zurück. Diesen aber ließ sie noch oft zu sich kommen,[701] zum großen Ärger derer, welche sie beneideten. Die andern jedoch, welche noch keinen Liebhaber hatten, versuchten heimlich, so gut sie konnten, ihr Glück.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 698-702.
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