Zehnte Geschichte

[502] Bruder Cipolla verspricht den Bewohnern eines Landstädtchens, ihnen eine Feder des Engels Gabriel zu zeigen. Da er aber an deren Stelle Kohlen findet, sagt er, sie seien von denen, mit welchen der heilige Laurentius geröstet ward.


Da jeder von der Gesellschaft seine Geschichte erzählt hatte, erkannte Dioneo, daß die Reihe nun an ihm sei. Ohne daher eine feierliche Aufforderung abzuwarten, gebot er denen Stillschweigen, welche noch die tiefsinnige Antwort des Guido zu loben fortfuhren, und begann mit folgenden Worten:[502]

Obgleich, ihr reizenden Damen, mir das Vorrecht gewährt ist zu erzählen, was mir gefällt, gedenke ich mich doch heute nicht von dem Gegenstand zu entfernen, den ihr sämtlich in euren Geschichten gar angemessen behandelt habt. Vielmehr will ich euch, in eure Fußstapfen tretend, erzählen, wie geschickt einer der Mönche des heiligen Antonius durch eine schnell ersonnene Auskunft der Verhöhnung entging, die zwei junge Leute ihm zu bereiten gedachten. Laßt es euch dabei nicht verdrießen, wenn ich, um die Geschichte gehörig zu erzählen, etwas ausführlich werde; denn wollt ihr nach der Sonne sehen, so werdet ihr bemerken, daß sie noch auf halber Höhe steht.

Wie ihr vielleicht gehört haben werdet, ist Certaldo ein Burgflecken der Florentiner Landschaft, im Elsatal gelegen, und obwohl es an Umfang nur klein ist, war es doch einst von adeligen und wohlhabenden Leuten bewohnt. Weil er nun hier vorzügliche Weide traf, pflegte ein Mönch des heiligen Antonius, der Bruder Cipolla hieß, lange Zeit hindurch jährlich einmal hier vorzusprechen, um die Almosen einzusammeln, welche die kurzsichtigen Leute jenen Mönchen gewähren. Vielleicht war er nicht weniger um seines Namens willen als wegen sonstiger Frömmigkeit hier willkommen, da die Umgegend jenes Städtchens jene Gewächse hervorbringt, die durch ganz Toskana berühmt sind und denen er seinen Namen verdankt: die Zwiebeln nämlich.

Bruder Cipolla war untersetzter Gestalt, rötlichen Haares und munteren Gesichts, dabei der abgefeimteste Spitzbube der Welt, und obwohl er keinerlei Unterricht genossen hatte, wußte er doch trefflich und ohne langes Besinnen zu reden, so daß, wer ihn nicht kannte, ihn nicht allein für einen großen Redekünstler gehalten, sondern ihn dem Cicero selbst oder dem Quinctilian an die Seite gesetzt hätte. Auch war er von allen in der Umgegend Gevatter oder Freund oder guter Bekannter. Eines Tages nun, als er im Augustmonat seiner Gewohnheit zufolge nach Certaldo gekommen war und als alle guten Männer und Weiber der umliegenden Dörfer sich zur Messe in der Pfarrkirche versammelt hatten, trat er, als es ihm an der Zeit schien, hervor und sagte:

»Ihr Herren und ihr Frauen! Wie ihr wißt, ist es euer Brauch,[503] alljährlich den armen Dienern des hochadeligen heiligen Herrn Antonius von eurem Korn und eurem Weizen zu spenden, der eine wenig, der andere viel, je nach dem Vermögen und der Frömmigkeit eines jeden, damit dieser gebenedeite Heilige eure Ochsen und eure Esel, eure Schweine und eure Schafe in seinen Schutz nehme. Außerdem pflegt ihr, insbesondere aber pflegen diejenigen unter euch, welche bei unserer Bruderschaft eingeschrieben sind, den kleinen Beitrag zu entrichten, den man einmal im Jahr zu bezahlen hat. Um nun das eine und das andere einzufordern, bin ich von meinem Oberen, nämlich dem Herrn Abt, hierher gesandt. So mögt ihr denn zu diesem Zweck unter dem Segen Gottes heute nachmittag nach drei Uhr, wenn ihr das Glöcklein läuten hört, euch außerhalb der Kirche versammeln, woselbst ich die gewohnte Predigt halten und euch das Kreuz zum Kusse reichen werde. Außerdem aber will ich, da mir bekannt ist, welch inbrünstige Verehrer des hochadeligen heiligen Herrn Antonius ihr seid, euch zu besonderer Gunst eine schöne und hochheilige Reliquie zeigen, die ich vor Zeiten selbst aus dem Heiligen Lande von jenseits des Meeres hergebracht habe. Dieses ist nämlich eine der Federn des Erzengels Gabriel, welche er in der Stube der Jungfrau Maria verloren hat, als er nach Nazareth zu ihr kam, um ihr zu verkündigen.« Mit diesen Worten schwieg er und las seine Messe weiter.

Unter den vielen andern aber, die sich in der Kirche befanden, während Bruder Cipolla diese Sachen vorbrachte, waren auch ein Paar junge Leute, von denen der eine Giovanni del Bragoniera, der andere aber Biagio Pizzini genannt ward, beides durchtriebene Käuze. Als diese über die Reliquie des Bruders Cipolla eine Weile miteinander gelacht hatten, nahmen sie sich vor, dem Mönche, obwohl sie gut mit ihm befreundet waren und viel mit ihm verkehrten, in bezug auf diese Feder einen Streich zu spielen. Sie hatten erfahren, daß Bruder Cipolla an jenem Morgen auf der Burg bei einem seiner Freunde speiste. Sobald sie ihn also dort zu Tisch wußten, gingen sie hinunter nach der Landstraße, wo das Wirtshaus lag, in dem jener abgestiegen war. Hier sollte nach ihrer Abrede Biagio sich mit dem Diener des Bruders Cipolla in ein Gespräch einlassen, während Giovanni unter den Sachen des Mönchs nach[504] der Feder suchen und sie, was immer für ein Ding es auch sein möchte, mitnehmen wollte, damit sie sähen, wie er sich nachher vor dem Volke herausredete.

Bruder Cipolla hatte einen Diener, den einige Guccio Trampeltier, andere Guccio Schmutzfink, noch andere aber Guccio Schweinigel nannten. Dieser war ein so jämmerlicher Wicht, daß es gelogen ist, wenn man sagt, Lippo Topo habe jemals ebenso einfältige Streiche gemacht. Bruder Cipolla pflegte oft im Bekanntenkreise Witze über ihn zu reißen und dann zu sagen: »Mein Diener hat neun Eigenschaften, die so beschaffen sind, daß eine von ihnen, gleichgültig welche, wenn sie sich an Salomo, Aristoteles oder Seneca fände, hinreichte, um deren Tugend, Weisheit und heiligen Wandel völlig wertlos zu machen. Denkt euch also, welch ein Mensch der sein muß, in dem sich, obwohl er weder Tugend noch Weisheit noch heiligen Wandel besitzt, jene Eigenschaften alle neun beieinander finden.«

Da man ihn nun nicht selten fragte, was für neun Eigenschaften das denn seien, so hatte er einen Vers daraus gemacht, der also lautet:


Ein Lügenmaul

Ist er und faul,

Verstockt in Trutz

Und reich an Schmutz.

Stets voll Verdacht

Und unbedacht;

Ein Feind der Pflicht,

Ein grober Wicht,

Und was er soll,

Das tut er nicht.


»Außerdem«, pflegte Bruder Cipolla zu sagen, »hat er noch einige andere Fehlerchen, doch die wollen wir mit dem Mantel der christlichen Liebe zudecken. Was indes an seinen seltsamen Manieren das Spaßhafteste ist: in jedem Dorf, wohin er gerät, will er ein Weib nehmen und ein Haus mieten, und so lang und schwarz und schmutzig auch sein Bart ist, bildet er sich dennoch ein, so schön und anmutig zu sein, daß seiner Meinung nach alle Frauenzimmer, die wir zu Gesicht kriegen, in ihn sich verlieben, und ließe man ihn gewähren, so liefe er[505] allen nach und verlöre Gürtel und Kragen. Einräumen muß ich indes, daß er mir vielfach sehr behilflich ist, denn so geheim auch jemand mit mir zu reden haben mag, ist er doch immer zur Stelle, um sich sein Teil davon abzulauschen, und wenn ich, wie es vorkommt, etwas gefragt werde, so ist er so besorgt, ob ich auch auf die Antwort gerüstet sei, daß er sich jedesmal vordrängt und alsbald ja oder nein für mich antwortet, wie es ihm angebracht scheint.«

Diesen hatte Bruder Cipolla im Wirtshaus zurückgelassen und ihm angelegentlich befohlen, darüber zu wachen, daß niemand seine Sachen, besonders aber seinen Quersack anrühre, weil sich darin heilige Gegenstände befänden. Guccio Schmutzfink indes weilte in der Küche noch lieber als die Nachtigall auf ihrem grünen Zweige, am liebsten aber, wenn er dort irgendeine Magd witterte. Nun hatte er in der Wirtsküche solch ein Frauenzimmer zu sehen bekommen, das dick und fett und klein und mißgestaltet war, ein Paar Brüste hatte wie zwei Mistkörbe, ein Gesicht, als gehörte sie zur Familie der Baronci, und dabei verschwitzt, schmierig und eingeräuchert war.

An diese machte er sich nun heran, nicht anders als der Geier an das Aas, und ließ die Stube des Bruders Cipolla und dessen sämtliche Sachen im Stich. Obwohl es August war, setzte er sich zu ihr, die Nuta hieß, ans Feuer, fing ein Gespräch mit ihr an und erzählte ihr, daß er ein Edelmann in geheimen Auftrag sei und daß er Gulden hätte, mehr wie lügenmaltausend, die noch nicht einmal gerechnet, die er andern schuldig sei, deren eher mehr wäre als weniger, und daß er soviel könne und verstehe wie der Tausendsasa in Person. Obwohl nun seine Kapuze so schmierig und fettig war, daß sie ausgereicht hätte, um den großen Suppenkessel von Altopascia zu würzen; obwohl sein Wams zerrissen und geflickt war und um den Hals und unter den Achseln so glänzend vor Schmutz, mit Flecken und so vielerlei Farben übersät, daß tatarische und indische Stoffe nie buntere Farben zeigten; obwohl seine Schuhe völlig zerrissen und seine Strümpfe vielfach durchlöchert waren: so kümmerte ihn dies alles nicht im mindesten, vielmehr versicherte er der Magd, nicht anders als wäre er der gnädige Herr von Castiglione, daß er sie neu bekleiden und ausstatten, jener[506] Knechtschaft, wo sie fremden Leuten dienen müsse, ohne sich groß etwas erwerben zu können, entheben und ihr Aussichten auf glücklichere Umstände eröffnen wolle. Mit so vielem Nachdruck er aber auch dies alles und noch viel mehr vorbrachte, so war es doch, wie es immer bei seinen Unternehmungen zu geschehen pflegte, nicht anders, als hätte er in den Wind gesprochen, und seine Beredsamkeit blieb ohne Erfolg.

Die zwei jungen Leute fanden sonach den Guccio Schweinigel mit der Nuta beschäftigt. Höchlichst zufrieden darüber, da sie nun halbe Mühe zu haben glaubten, gingen sie, ohne von jemand angehalten zu werden, in Bruder Cipollas Zimmer, das offen stand, und das erste, worüber sie sich hermachten, um es zu durchsuchen, war der Quersack des Mönches, in dem die Feder stecken mußte. Wirklich fanden sie hier in einem großen, vielfach mit Zindeltaffet umwickelten Bündel ein kleines Kästchen, und in diesem, nachdem sie es geöffnet hatten, eine der Schwanzfedern eines Papageien, von der sie mit Recht vermuteten, daß es dieselbe sein werde, die er den Certaldesen zu zeigen versprochen hatte. In der Tat konnte er zu jener Zeit dergleichen dem Volke wohl weismachen, denn noch waren die glänzenden Spielereien aus Ägypten nur zu einem kleinen Teil nach Toskana herübergebracht worden, während sie später zum größten Unheil von ganz Italien in unzähliger Menge bei uns eingeführt wurden. Waren sie damals überhaupt noch wenig bekannt, so wußten die Bewohner jenes Landstädtchens so gut wie nichts von ihrem Dasein, und solange die anspruchslose Einfalt unserer Altvorderen bestand, hatte dort wohl die große Menge nie den Namen eines Papageien nennen gehört, geschweige denn einen solchen gesehen.

Zufrieden, die Feder gefunden zu haben, nahmen sie die zwei jungen Leute zu sich und füllten das Kästchen, um es nicht leer zu lassen, mit einigen Kohlen, die sie in einer Zimmerecke liegen sahen. Dann verschlossen sie es, brachten alles wieder in denselben Zustand, wie sie es gefunden hatten, und kehrten, ohne von jemand bemerkt worden zu sein, vergnügt mit ihrer Feder nach Hause zurück, wo sie voller Neugier erwarteten, was Bruder Cipolla sagen werde, wenn er statt der Feder die Kohlen fände.[507]

Inzwischen gingen die Männer und die einfältigen Weiblein, die in der Kirche gewesen waren und vernommen hatten, daß sie nachmittags um drei Uhr eine Feder des Engels Gabriel zu sehen bekommen sollten, nach beendeter Messe wieder heim, und ein Nachbar teilte dem andern, eine Gevatterin der nächsten die Nachricht mit. So strömten denn, nachdem alle zu Mittag gegessen hatten, im sehnsüchtigen Verlangen, die Feder zu sehen, so viele Männer und Weiber in dem Burgflecken zusammen, daß sie kaum darin Platz fanden. Bruder Cipolla erhob sich indes, nachdem er gut zu Mittag gespeist und darauf ein wenig geschlafen hatte, bald nach drei Uhr von seinem Lager und ließ auf die Nachricht hin, daß schon eine große Menge von Landleuten herbeigeströmt sei, um die Feder zu sehen, dem Guccio Schmutzfink sagen, er möge mit dem Glöcklein hinaufkommen und den Quersack mitbringen. Nur mit Mühe vermochte dieser sich von der Küche und der Nuta loszureißen. Doch tat er es und langte keuchend und außer Atem, weil das viele Wassertrinken ihm den Leib so aufgetrieben hatte, mit den begehrten Gegenständen oben an. Dann stellte er sich auf das Geheiß des Bruders Cipolla an die Kirchentür und läutete sein Glöcklein nach Kräften. Bruder Cipolla aber begann, wie er das Volk beisammen sah, ohne zu bemerken, daß jemand über seinen Sachen gewesen war, die Predigt und sagte gar vielerlei, das ihm für seine Absichten dienlich schien. Als es nun endlich so weit war, daß er die Feder des Engels Gabriel zeigen sollte, sprach er zuerst mit großer Feierlichkeit das Confiteor, dann ließ er zwei Wachsfackeln anzünden, nahm die Kapuze ab, wickelte langsam den Taffet auf und zog das Kästchen hervor. Hierauf sagte er noch einige Worte zu Lob und Preis des Engels Gabriel und seiner Reliquie und öffnete alsdann das Kästchen.

Da er dieses nun mit Kohlen angefüllt sah, fiel ihm nicht etwa ein, daß Guccio Trampeltier ihm das könnte getan haben; denn er wußte gut genug, daß er zu so etwas nicht Witz genug hatte. Auch verwünschte er ihn nicht, daß er das Kästchen nicht besser vor den Händen anderer, von denen dieser Streich ausgegangen war, behütet hatte. Auf sich selbst aber fluchte er im stillen, daß er die Obhut seiner Sachen dem Guccio anvertraut[508] hatte, von dem er doch selbst wußte, wie er war; ›unbedacht, ein Feind der Pflicht, ein fauler Wicht, und was er soll, das tut er nicht.‹ – Ohne indes die Farbe zu wechseln, erhob Bruder Cipolla Augen und Hände gen Himmel und sagte, so daß ihn alle vernahmen: »O Gott, gepriesen sei immerdar deine Allmacht!« Dann machte er das Kästchen wieder zu und sagte, zum Volk gewandt:

»Ihr Herren und ihr Frauen, ihr müßt wissen, daß ich zu einer Zeit, da ich noch sehr jung war, von meinem Obern in jene Länder geschickt wurde, wo die Sonne aufgeht. Dabei war mir der ausdrückliche Auftrag erteilt, den Porzellanprivilegien nachzuforschen, welche stempeln zu lassen zwar nichts kostet, die aber dennoch andern Leuten von weit größerem Nutzen sind als uns. Zu diesem Zweck machte ich mich von Venedig aus auf den Weg, passierte die Vorstadt Griechenland und ritt dann durch das Königreich Algarbien über Bagdad nach Parione, von wo ich nicht ohne beträchtlichen Durst nach Sardellien gelangte. Doch wozu soll ich euch die Länder, die ich durchreist habe, einzeln aufzählen? Genug, ich setzte über den Arm des heiligen Georg und kam nach Lügeland und Trügeland, welche Gegenden von zahlreichen Völkern dicht besiedelt sind. Von hier aus erreichte ich Täuschenhausen, woselbst ich viele von unseren Klostergeistlichen und eine Menge von Mönchen anderer Orden antraf, welche um Gottes willen sämtliches Ungemach mieden und, solange sie nur ihren Vorteil dabei fanden, sich um fremde Mühseligkeiten wenig kümmerten, auch in jenen Ländern nie anderes Geld ausgaben als falsches.

Darauf gelangte ich in das Land der Abruzzen, wo Männer und Frauen in Holzschuhen auf die Berge klettern und die Schweine in ihre eigenen Kaldaunen wickeln. Nur wenig weiterhin traf ich Leute, welche das Brot an Stöcken und den Wein in Säcken trugen. Von diesen kam ich dann in das Wurmgebirge, wo alles Wasser abwärts fließt, und in kurzem drang ich dort so weit vor, daß ich nach pastinakisch Indien kam, wo, wie ich bei dem Gewand, das ich trage, euch zuschwöre, man das Federvieh in der Luft fliegen sah, was allerdings für jeden, der es nicht selbst gesehen hat, kaum glaublich ist. Daß ich euch indes darin keine Unwahrheit sage, das kann mir Maso del Saggio bezeugen,[509] der ein großer Kaufmann ist und den ich dort antraf, wie er Nüsse knackte und die Schalen nach der Elle verkaufte.

Da ich indes nicht finden konnte, was ich eigentlich suchte, indem man von dort aus zu Wasser weiterreisen muß, so kehrte ich wieder um und kam in jenes heilige Land, wo das alte Brot in einem Sommerjahr vier Heller gilt, das frische aber umsonst gegeben wird. Hier fand ich den ehrwürdigen Vater Messer Tumirnichts Wennsbeliebtius, den verdienstvollen Patriarchen von Jerusalem. Dieser wollte aus Ehrerbietung für das Gewand des hochadeligen heiligen Herrn Antonius, das ich von jeher getragen, mich alle heiligen Reliquien sehen lassen, die er bei sich führte. Deren waren nun so viele, daß ich, wenn ich sie euch alle herzählen wollte, auf mehrere Meilen weit nicht fertig würde. Um euch indes durch mein Schweigen nicht zu sehr zu betrüben, will ich euch wenigstens von einigen berichten. Zuvörderst zeigte er mir den Finger des heiligen Geistes, der noch so frisch und unverwest war wie je zuvor. Sodann die Locken des Seraphs, der dem heiligen Franziskus erschien, den Fingernagel eines Cherubs und eine der Rippen des heiligen Hocestporcus. Ferner einige Kleidungsstücke des heiligen eatholischen Glaubens, ein paar Strahlen des Sterns, der den drei Weisen im Morgenlande erschien, ein Fläschchen von dem Seuweiß, den der heilige Michael vergossen, als er mit dem Teufel kämpfte, eine Kinnbacke des Todes, an dem der heilige Lazarus gestorben ist, und noch vieles andere.

Weil ich mich nun gefällig gegen ihn erwies und ihm einen der Abhänge des Monte Morello in italienischer Übersetzung und einige Kapitel des Capretium abließ, die er schon lange zu haben gewünscht, so teilte er auch mir von seinen heiligen Reliquien mit. Er schenkte mir einen der Zähne des heiligen Kreuzes, ferner in einem zierlichen Fläschchen ein wenig Glockenklang vom Tempel Salomos, sodann die Feder des Engels Gabriel, von der ich euch schon gesagt habe, und einen der Holzschuhe des heiligen Gherardo von Villamagna, den ich erst ganz vor kurzem in Florenz dem Gherardo von Bonsi, der eine große Ehrfurcht davor empfand, gegeben habe. Endlich aber schenkte er mir einige von den Kohlen, mit denen der hochheilige Märtyrer Sankt Laurentius geröstet wurde.[510]

Alle diese heiligen Gegenstände führe ich nun andächtig bei mir und habe sie auch sämtlich hier am Orte. Indessen hat mein Oberer bis jetzt und bis ihre Echtheit erwiesen wäre, mir niemals gestattet, sie vorzuweisen. Jetzt aber hat er sich teils durch einige Wunder, die sie bewirkt haben, teils durch Briefe, die er von dem Patriarchen empfangen, überzeugt, daß sie sind, wofür sie mir gegeben wurden, und mir deshalb die Erlaubnis erteilt, sie zu zeigen. Und so sehr hüte ich mich, sie einem andern anzuvertrauen, daß ich sie überallhin mitnehme. Namentlich verwahre ich die Feder des Engels Gabriel, damit sie keinen Schaden nehmen, in einem Kästchen und die Kohlen, mit denen der heilige Laurentius gebraten ward, in einem andern. Nun sind diese beiden Kästchen einander so ähnlich, daß ich schon öfter das eine mit dem andern verwechselt habe, und so ist mir denn auch heute geschehen. Während ich glaubte, das Kästchen mitgebracht zu haben, in welchem sich die Feder befindet, habe ich das andere mit den Kohlen des heiligen Laurentius ergriffen. Aber ich halte dafür, daß dies keineswegs ein zufälliger Irrtum, sondern daß es vielmehr sicherlich eine Fügung Gottes war, welcher meine Hände das Kästchen mit den Kohlen ergreifen ließ, um mich dadurch zu erinnern, daß in zwei Tagen das Fest des heiligen Laurentius sei. Darum nämlich ließ Gott mich statt der Feder, die ich mit mir nehmen wollte, die gebenedeiten Kohlen, die durch den Saft, der von jenem hochheiligen Leibe niedertroff, ausgelöscht wurden, ergreifen, weil es seine Absicht war, daß ich, indem ich euch die Kohlen, mit denen er einst geröstet ward, vorzeige, in eurem Herzen die fromme Verehrung, die ihr diesem Märtyrer schuldig seid, neu entzünde.

Darum, meine Kinder, die Gott segnen möge, nehmt eure Mützen ab und tretet in Ehrfurcht und Andacht alle heran, diese Kohlen zu schauen. Vorher aber sollt ihr wissen, daß, wer mit diesen Kohlen in dem Zeichen des Kreuzes berührt ist, während des ganzen folgenden Jahres sicher sein darf, daß kein Feuer ihn brennen kann, ohne daß er es fühle.«

Nachdem er also gesprochen und einen Lobgesang auf den heiligen Laurentius angestimmt hatte, öffnete er das Kästchen und zeigte die Kohlen. Eine Zeitlang beschaute sie die einfältige[511] Menge mit ehrfurchtsvollem Erstaunen. Bald aber drängten sie sich ungestüm um den Bruder Cipolla und verlangten unter viel größeren Opfern, als sie sonst zu geben gewohnt waren, inständig, daß er einen jeden mit den heiligen Kohlen berühre.

Diesen Bitten zufolge nahm Bruder Cipolla eine jener Kohlen nach der anderen zur Hand und malte ihnen auf ihre Jacken und weißen Hemden und den Weibern auf ihre Kopftücher so große Kreuze, als nur irgend darauf Platz hatten. Dabei versicherte er ihnen, daß, wie er schon oftmals erfahren, ebensoviel, wie von diesen Kohlen durch das Aufmalen der Kreuze abgerieben werde, in dem Kästchen von selbst wieder nachwüchse.

So machte Bruder Cipolla nicht ohne erheblichen Nutzen für sich die Bewohner von Certaldo zu Kreuzrittern; denjenigen aber, die ihm einen Possen zu spielen gedachten, indem sie ihm seine Feder wegnahmen, spielte er durch seine Geistesgegenwart einen ebenso großen. Beide waren in der Predigt, und als sie hörten, wie geschickt er sich aus der Verlegenheit zu ziehen wußte und wie weit er dazu ausholte und mit was für Redensarten, gerieten sie in ein solches Lachen, daß sie fürchten mußten, die Maulsperre zu bekommen. Nachdem aber die Volksmenge sich verlaufen hatte, gingen sie zu ihm, entdeckten ihm unter dem größten Jubel der Welt, was sie getan hatten, und gaben ihm seine Feder zurück. Diese trug ihm im folgenden Jahr nicht weniger ein als im heurigen die Kohlen.


Diese Geschichte hatte der ganzen Gesellschaft ungemeines Vergnügen und Ergötzen gewährt, und allgemein hatte man über den Bruder Cipolla und besonders über seine Pilgerfahrt und die Reliquien gelacht, die er teils gesehen, teils mitgebracht hatte. Als die Königin wahrnahm, daß die Geschichte und mit dieser ihr Regiment ein Ende genommen hatte, erhob sie sich von ihrem Sitze, nahm sich den Lorbeerkranz vom Haupte und setzte ihn auf Dioneos Haupt, indem sie lächelnd sprach: »Zeit ist es, o Dioneo, daß du auf eine Weile erfährst, was es heißen will, Weiber lenken und regieren zu müssen. Sei denn nun König und führe dein Regiment so, daß wir es bei seinem Ende[512] loben können.« Lachend empfing Dioneo den Kranz und antwortete: »Wertere Könige als mich werdet ihr freilich schon manchmal gesehen haben, die Schachkönige mit eingerechnet. Wahrlich aber, wolltet ihr mir gehorchen, wie es einem echten Könige zu gehorchen Pflicht ist, so wollte ich euch Freuden genießen lassen, ohne die jeder Lustbarkeit etwas zum vollen Ergötzen fehlt. Besser indessen, ich schweige davon. Genug, ich will regieren, so gut ich es vermag.«

Hierauf ließ er, wie es üblich geworden war, den Seneschall herbeikommen und gebot ihm in der gehörigen Reihenfolge, was er zu tun habe, solange sein Regiment dauerte. Dann aber sagte er: »Schon auf mancherlei Weise, ihr verehrten Damen, ist vom menschlichen Scharfsinn und von den mannigfachen Geschicken gesprochen worden, so daß ich fürchten mußte, lange Zeit zu brauchen, um eine solche Aufgabe zu finden, wäre nicht Frau Licisca vor kurzer Zeit hierher gekommen, um mir durch ihr Gerede für die morgigen Erzählungen einen Gegenstand an die Hand zu geben. Wie ihr vernommen habt, hat sie behauptet, daß keine aus ihrer Bekanntschaft als Jungfrau zu ihrem Gatten gekommen sei, und ferner hinzugefügt, daß sie wohl wisse, wie zahlreich und arg die Streiche seien, die auch die Ehefrauen ihren Männern spielen. Wenn wir nun auch die erste Hälfte dieser Behauptung auf sich beruhen lassen – denn das sind nur Kindereien –, so halte ich doch dafür, daß über die zweite ergötzlich zu sprechen sei. Aus diesem Grunde ist denn mein Wille, weil Frau Licisca uns einmal darauf gebracht hat, daß morgen von den Streichen erzählt werde, welche, sei es aus Liebe oder um sich aus einer Verlegenheit zu ziehen, Frauen ihren Männern gespielt haben, mögen diese es nun gewahr geworden sein oder nicht.«

Einige von den Damen meinten, daß es sich nicht recht für sie schicke, solch einen Gegenstand in ihren Erzählungen zu behandeln, und baten daher den König, daß er die bereits gestellte Aufgabe wieder abänderte. Er aber antwortete ihnen: »Meine Damen, wie meine Aufgabe beschaffen ist, weiß ich nicht minder gut als ihr. Dennoch konnten die Gründe, die ihr gegen sie anführt, mich nicht bewegen, davon abzugehen; denn ich bin der Überzeugung, daß in den jetzigen Zeitläuften Männern[513] wie Frauen gestattet ist zu reden, was ihnen beliebt, wenn sie nur darauf achten, in ihren Handlungen ehrbar zu bleiben. Wißt ihr etwa nicht, daß infolge der bösen Geißel, die uns heimgesucht, die richterlichen Beamten ihre Gerichtsstätten verlassen haben, daß die göttlichen sowohl als auch die menschlichen Gesetze schweigen und jedem die Befugnis, sein Leben zu schützen, im weitesten Umfange gewährt ist? Wenn also eure Sittsamkeit in den Gesprächen ein wenig von ihrer Strenge verliert, keineswegs, um infolgedessen in Handlungen die kleinste Unziemlichkeit zu gestatten, sondern nur, um euch selbst und anderen Unterhaltung zu gewähren, so sehe ich nicht ein, mit welchem irgend stichhaltigen Grund euch deshalb jemand tadeln könnte. Zudem hat diese eure Gesellschaft vom ersten Tage bis zur gegenwärtigen Stunde die strengste Ehrbarkeit bewahrt und sich, was immer auch der Inhalt der Erzählung gewesen sein möge, nicht durch die kleinste Unziemlichkeit befleckt, wie sie das auch in Zukunft mit Gottes Hilfe nicht tun wird. Und wem wäre denn eure Sittsamkeit nicht zur Genüge bekannt, welche weder die heiteren Gespräche noch, wie ich überzeugt bin, die Schrecken des Todes auf Abwege zu locken vermöchten? Die Wahrheit zu sagen, glaube ich vielmehr umgekehrt, daß, wolltet ihr euch weigern, an solchen Scherzreden gelegentlich teilzunehmen, ein Böswilliger eher den Verdacht äußern könnte, daß ihr euch in solchen Dingen schuldig fühltet und deshalb euch davon zu reden scheutet. Schließlich gereichte es mir zu geringer Ehre, wenn, nachdem ich jedem meiner Vorgänger gehorsam war, ihr mich zwar zum König macht und mir dadurch die Befugnis, euch Gesetze zu geben, erteilt, es aber gleichzeitig ablehnen wolltet, so zu erzählen, wie ich es bestimmt habe. Laßt also jene Besorgnis fahren, die schuldbewußten Gemütern mehr ansteht als den euren, und seid vielmehr alle miteinander besorgt, uns, wenn das Glück gutgesinnt, eine recht schöne Geschichte zu erzählen.«

Als die Damen dies vernommen hatten, sagten sie, so möge es denn bleiben, wie er bestimmt habe. Der König aber gestattete jedem, bis zur Stunde des Abendessens seinem Vergnügen nach Gutdünken nachzugehen. Da indes die Erzählungen dieses Tages besonders kurz gewesen, stand die Sonne noch hoch am[514] Himmel; als daher Dioneo mit den zwei anderen jungen Männern sich zum Brettspiel niedergesetzt hatte, rief Elisa die Damen beiseite und sagte zu ihnen: »Schon so lange, wie wir hier sind, habe ich gewünscht, euch nach einem gar nicht weit von hier gelegenen Platze zu führen, an dem, wie ich vermute, noch keine von euch jemals gewesen ist und der das Frauental heißt. Bis jetzt konnte ich noch keine Gelegenheit dazu finden; heute aber steht die Sonne noch hoch. Beliebt es euch also, mit mir zu kommen, so zweifle ich nicht, daß es euch keineswegs gereuen wird, seid ihr erst einmal dort gewesen.« Die Damen erwiderten, sie seien bereit, und so machten sie sich, ohne den Männern ein Wörtlein zu sagen, nur von einer herbeigerufenen Dienerin begleitet, auf den Weg.

Nach einem Weg von wenig mehr als einer Meile gelangten sie zu dem Frauental, in das ein ziemlich schmaler Fußpfad, auf dessen einer Seite ein kristallheller Bach ihnen entgegenrieselte, führte. Es erschien ihnen dies Tal, besonders zu jener Tageszeit, wo die Hitze noch groß war, so ergötzlich und schön, wie man es sich nur immer zu erdenken vermag. Wie eine jener Damen mir später berichtet hat, war die ebene Talsohle so rund, als wären sie mit dem Zirkel abgemessen, obwohl man leicht erkannte, daß sie ein Kunstwerk der Natur und keines von Menschenhand sei. Der Umkreis jener Ebene aber betrug wenig mehr als eine halbe Meile, und rings umher erhoben sich sechs Hügel von mäßiger Höhe, auf deren Gipfel je ein Landhaus, dessen Bau sich einer schönen Burg fast vergleichen ließ, zu sehen war. Die Abhänge dieser Hügel stiegen stufenweise bis zur Ebene nieder, wie wir in den Theatern die Sitzreihen von der höchsten bis zur niedrigsten Umkränzung angeordnet sehen, so nämlich, daß ihre Weite sich nach unten stets verminderte. Soweit diese Hänge nach der Mittagsseite abfielen, waren sie von Weinreben, Oliven, Mandel- und Kirschbäumen, Feigen und vielen andern fruchtbringenden Bäumen ganz überdeckt, ohne daß nur eine Spanne unbelaubt geblieben wäre. Die Abhänge aber, welche den mitternächtigen Wagen anschauten, strotzten und grünten so dicht, wie es der Raum nur zuließ, von Eichen-, Eschen- und allerlei anderm Gebüsch. Die Talebene dagegen, die außer dem einen Eingang, durch[515] den die Damen gekommen waren, keinen zweiten besaß, war mit Edeltannen, Zypressen, Lorbeerbäumen und einigen dazwischengestreuten Pinien in so wohlverteilten und geordneten Gruppen bewachsen, als hätte der für solche Anlagen geschickteste Künstler sie gepflanzt. Durch dieses Laubdach vermochten die Strahlen der Sonne, auch wenn sie hoch stand, entweder gar nicht oder doch nur sehr sparsam auf den Boden zu dringen, der eine einzige Wiese des kürzesten grünen Grases bildete, zwischen dem unzählige purpurfarbene und andere Blumen sprossen.

Was aber außerdem nicht minder erfreute als alles übrige, war ein Bächlein, das aus einem Tale, welches zwei jener Hügel trennte, über mehrere Felsstufen niederfloß, im Fallen ein dem Ohr angenehmes Rauschen hervorrief und in so glänzenden Wasserstaub sich zerschlug, daß man von ferne Quecksilber zu sehen glaubte, welches infolge eines Druckes in kleinen Tröpfchen aus einem Behältnis hervorspritzt. Auf dem Boden des kleinen Tales angelangt, sammelte sich das Wasser in einem schmalen Bette, durch das es eilig bis zur Mitte der Ebene dahinfloß, um dort ein Teichlein zu bilden, nicht größer als die Weiher sind, welche die Städter, wo die Gelegenheit sich dazu bietet, in ihren Gärten anzulegen pflegen. Dieser kleine Teich war nicht tiefer, als um einem Manne bis an die Brust zu reichen, und da das Wasser ohne die leiseste Trübung war, gestattete es in seiner Klarheit, genau zu erkennen, daß der Grund aus dem feinsten Kiese bestand, und hätte jemand die Muße dazu gehabt, er wäre imstande gewesen, die einzelnen Steinchen zu zählen. Aber wer auf das Wasser sah, erblickte nicht nur den Grund, sondern zugleich so viele hin und her schießende Fische, daß es, neben dem Vergnügen, Staunen erregte. Kein anderes Ufer umschloß dieses Wasserbecken als allein der Rand jener Wiese, die um so schöner grünte, je näher sie sich zu dem Teiche niedersenkte und je mehr sie von seiner Feuchtigkeit erfrischt ward. Alles Wasser, das im Umfang dieses Beckens keinen Raum fand, wurde von einem zweiten Bett aufgenommen, durch welches es aus dem Tale geleitet in das tiefer gelegene Land abfloß.

Als die jungen Damen nun hier angelangt waren und sich[516] nach allen Richtungen umgeblickt hatten, lobten sie zuerst auf das lebhafteste die Schönheit des Ortes; dann aber weckten die große Hitze und der Anblick des kleinen Sees, der vor ihnen lag (und da sie sicher waren, von niemand belauscht zu werden), in ihnen die Lust, sich zu baden. So befahlen sie denn ihrer Dienerin, auf dem Wege, durch den man in das Tal gelangte, Wache zu halten und, im Falle jemand sich nähern sollte, ihnen ein Zeichen zu geben, und alle sieben entkleideten sich. Das Wasser, in das sie nun niederstiegen, verbarg ihre schneeweißen Körper nicht mehr, als ein zartes Glas eine Rose verbirgt. Auch wurde das klare Wasser durch ihre Bewegungen nicht im mindesten getrübt, so daß sie Gefallen daran fanden, den Fischen, die sich nirgends zu verstecken wußten, nachzujagen, so gut es gelang, und zu versuchen, ob sie einige mit den Händen zu fangen vermöchten. Wirklich erhaschten sie unter allgemeinem Jubel ein paar; und da sie eine Zeitlang im Wasser geweilt hatten, stiegen sie heraus und kleideten sich an.

Dem Lobe, das sie diesem schönen Orte bereits erteilt hatten, noch größeres hinzuzufügen, vermochten sie nicht. Da es ihnen indes an der Zeit schien, nach Hause zurückzukehren, machten sie sich unter Gesprächen über die Schönheit dieses Spaziergangs langsamen Schrittes auf den Weg. Ziemlich früh wieder beim Palast angelangt, fanden sie die jungen Männer noch, wie sie sie verlassen hatten, mit dem Spiel beschäftigt. Pampinea sagte lächelnd zu ihnen: »Heute haben auch wir euch angeführt.« »Wie?« antwortete Dioneo, »fangt ihr an zu tun, wovon ihr nachher erzählen sollt?« »Allerdings, Herr König«, entgegnete Pampinea und erzählte ihm ausführlich, woher sie kämen, wie jener Ort beschaffen und wie wenig entfernt er sei, und was sie dort vorgenommen hätten.

Die Erzählung von der Schönheit jenes Platzes erregte in dem Könige das Verlangen, ihn zu sehen. Er ließ daher schnell das Abendessen auftragen, und nachdem dies in gemeinsamer Heiterkeit beendet war, verließen die drei jungen Männer die Damen und gingen mit ihren Dienern zu dem Tale, das auch von ihnen noch keiner zuvor betreten hatte. Aufmerksam betrachteten sie alle seine Schönheiten und erklärten es zu einer der anmutigsten Stellen auf der Welt. Dann badeten sie sich,[517] kleideten sich aber bald wieder an und kehrten, weil es schon spät war, nach Hause zurück, wo sie die Damen zu einem Liede, das Fiammetta sang, einen Reigen tanzend, fanden. Nach dem Ende des Tanzes unterhielten sie sich mit den Damen über die Schönheit des Frauentals und sagten viel zu seinem Lobe. Daher ließ denn der König den Seneschall herbeirufen und befahl ihm, Sorge zu tragen, daß am nächsten Morgen einige Ruhebetten hergerichtet und dort aufgestellt würden, im Fall der eine oder andere vielleicht Gefallen daran fände, dort während der Mittagsstunden zu schlafen oder auszuruhen. Dann aber ließ er Lichter, Wein und Zuckerwerk herbeibringen und gebot der Gesellschaft, nachdem sie sich ein wenig erquickt hatte, zum Tanze anzutreten. Panfilo führte auf des Königs Verlangen den Tanz an; dieser aber sagte, zu Elisa gewandt, freundlich: »Schöne Maid, du übertrugst mir heute die Ehre der Krone, so will ich dir für diesen Abend die des Liedes übertragen. Singe uns also eines, wie es dir am besten gefällt.« Elisa erwiderte lächelnd, daß sie gern dazu bereit sei und begann mit süßer Stimme in folgender Weise:


Kann deiner Klau ich, Amor, mich entwinden,

So hoff ich sicherlich,

Kein andrer Hamen soll mich fürder binden.


Als Kind schon ward ich dein mit Leib und Blut,

Den Frieden, dacht ich, solltest du mir spenden,

Und wie bei innigstem Vertraun man tut,

Warf alle Waffen selbst ich aus den Händen.

Doch du, Tyrann, wie eiltest du, zu wenden

Die Waffen gegen mich

Und mich mit schwerer Kette zu umwinden.


Kaum aber, daß sie mich gefesselt hat,

Gibst du mich auch, an Tränen fast erstickend,

Dem Mann, der mir zum Tod ins Leben trat

Und der mir noch gebeut, den Sinn berückend.

So schwer ist seine Tyrannei, so drückend,

Daß sie kein Haar breit wich

Den Seufzern, die mein Leid, verzehrend, künden.
[518]

Mein Flehen all, die Winde streun's umher,

Er hört's nicht, horcht ihm nicht, wenn sie's ihm böten,

Drum wächst mein Leiden auch je mehr und mehr.

Das Leben haß ich, weiß mich nicht zu töten,

Erbarm dich meiner, Herr, in diesen Nöten.

Du kannst es ja, nicht ich.

Laß ihn, von dir für mich besiegt, mich finden.


Verweigerst du mir dies, so wolle nun

Das Band, das Hoffnung einst geknüpft, zerhauen.

Inständig bitt ich, Herr, dich das zu tun.

Tust du's, so heg ich sicheres Vertrauen,

So schön mich wieder, als ich war, zu schauen.

Und froh zu sehn, wie sich

Die Rosen meiner Wangen neu entzünden.


Als Elisa ihr Lied mit einem gar kläglichen Seufzer beendet hatte, wunderten sich zwar alle über diese Worte; keiner unter ihnen vermochte aber zu entdecken, was sie für einen Anlaß hatte, also zu singen.

Inzwischen ließ der König, der in der besten Laune war, den Tindaro herbeirufen und befahl ihm, seine Sackpfeife zu bringen, bei deren Klang nach seiner Anordnung noch zahlreiche Tänze aufgeführt wurden. Erst als ein beträchtlicher Teil der Nacht bereits verstrichen war, hieß er einen jeden schlafen gehn.[519]

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 502-521.
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