Neunte Geschichte

[570] Lydia, die Gattin des Nikostratus, liebt den Pyrrhus. Um an ihre Liebe glauben zu können, fordert er drei Dinge von ihr, die sie alle vollbringt. Überdies ergötzt sie sich in Anwesenheit des Nikostratus mit ihm und macht diesem weis, es sei nicht wahr, was er mit eigenen Augen gesehen.


Neifiles Geschichte hatte allen so gefallen, daß die Damen nicht aufhören konnten, sie zu belachen und darüber zu sprechen, obschon der König mehrere Male Stillschweigen gefordert und dem Panfilo geboten hatte, seine Geschichte zu erzählen. Als sie endlich schwiegen, begann Panfilo folgendermaßen:

Ich glaube nicht, verehrte Damen, daß es irgend etwas gibt, wie schwer und bedenklich es auch sei, das der feurig Liebende[570] sich nicht zu unternehmen getraute. Obwohl uns dies in gar vielen Geschichten bewiesen worden ist, so glaube ich doch, es euch in noch höherem Maße durch eine Geschichte darlegen zu können, die ich euch vortragen will. Ich werde euch von einer Frau berichten, der bei ihren Unternehmungen weit mehr ihr gutes Glück als ihr besonnener Verstand zu Hilfe kam, weshalb ich keiner von euch raten möchte, in die Fußstapfen jener Frau zu treten, von der ich euch zu erzählen gedenke, denn nicht immer ist das Glück so gut gelaunt, und nicht alle Männer in der Welt sind so verblendet, wie dieser es war.

In Argos, einer sehr alten Stadt in Achaia, weit mehr durch ihre alten Könige als durch ihre Größe berühmt, lebte einst ein edler Mann, welcher Nikostratus hieß und dem das Glück, als er dem Alter schon nahe war, eine angesehene Frau gewährte, die nicht weniger unternehmend als schön war und Lydia hieß. Als edler und reicher Mann hielt er eine zahlreiche Dienerschaft, dazu Hunde und Beizvögel, und vergnügte sich häufig an der Jagd. Unter seinen übrigen Dienern aber hatte er einen namens Pyrrhus, einen anmutigen Jüngling, zierlich und schön von Gestalt und zu allem geschickt, was er unternehmen wollte. Ihn liebte Nikostratus vor allen andern und vertraute ihm mehr als jedem andern.

Eben in diesen Pyrrhus verliebte sich Lydia so, daß sie weder bei Tag noch bei Nacht ihre Gedanken anderswohin zu richten vermochte als auf ihn. Sei es nun, daß Pyrrhus diese Liebe nicht bemerkte oder nicht bemerken wollte, genug, er zeigte sich unbekümmert darum. Dies erfüllte die Seele der Dame mit unerträglichem Schmerz. Weil sie aber fest entschlossen war, ihm ihre Liebe zu offenbaren, rief sie eine ihrer Frauen, die Lusca hieß und der sie gänzlich vertraute, zu sich und sprach zu ihr:

»Lusca, die Wohltaten, die ich dir erwiesen habe, müssen dich mir gehorsam und treu machen. Darum hüte dich, daß von dem, was ich dir jetzt sagen werde, niemand etwas erfährt als der, für den ich dir diesen Auftrag geben werde. Du siehst, Lusca, ich bin jung und frisch und reichlich mit allem versehen, was ein Weib begehren kann. Nur über einen Punkt habe ich mich zu beklagen, daß eben mein Mann zu viel Jahre zählt, hältst du sie meinen gegenüber. So tut er mir in dem, woran[571] junge Frauen am meisten Gefallen finden, wenig Genüge. Da ich aber, gleich allen andern, Begehren danach trage, habe ich mir längst vorgenommen, wenn schon das Schicksal mir darin ungünstig war und mir einen so alten Mann gab, doch nicht dermaßen meine eigene Feindin zu sein, daß ich nicht Mittel und Wege zu meinem Vergnügen und Heile zu finden wüßte. Damit nun aber hierin wie in allem andern meine Wünsche erfüllt werden, habe ich beschlossen, daß unser Pyrrhus, als der würdigste, sie mit seinen Umarmungen erfülle. Meine Liebe zu ihm ist so groß, daß ich mich nicht wohlfühle, wenn ich ihn nicht sehe, und finde ich mich nicht bald und ohne Aufschub mit ihm zusammen, so fürchte ich wahrlich, daran zu sterben. Darum, wenn dir mein Leben lieb ist, entdecke ihm so, wie es dir am geeignetsten erscheint, meine Liebe und bitte ihn in meinem Namen, daß er zu mir kommen möge, sobald ich nach ihm schicken werde.«

Die Dienerin sagte dies gern zu, und sobald ihr Ort und Zeit gelegen schienen, zog sie Pyrrhus beiseite und richtete ihm, so gut sie konnte, die Botschaft ihrer Gebieterin aus. Als Pyrrhus sie vernahm, erstaunte er sehr, weil er in der Tat noch nie etwas dergleichen wahrgenommen hatte, und fürchtete, die Frau lasse ihm dies nur sagen, um ihn zu versuchen. Deshalb erwiderte er sofort in barschem Tone: »Lusca, ich kann nicht glauben, daß diese Worte von meiner Gebieterin kommen, und deshalb habe wohl acht, was du sagst. Ja, kämen sie auch von ihr, so kann ich nicht glauben, daß sie ihr von Herzen kämen, und wäre selbst dies der Fall, so erweist mir mein Herr doch mehr Ehre, als ich verdiene, und bei meinem Leben möchte ich ihm diese Schmach nicht antun. Daher hüte dich, mir je wieder ein Wort von solchen Dingen zu sagen.«

Lusca ließ sich indes durch so rauhe Worte nicht einschüchtern, sondern entgegnete ihm: »Pyrrhus, von diesen wie von allen andern Dingen, die meine Gebieterin mir aufträgt, werde ich dir so oft sprechen, wie sie es befiehlt, mag es dir nun zur Freude oder zum Leide gereichen. Doch du bist ein Tölpel.«

Etwas aufgebracht über die Antwort des Pyrrhus kehrte Lusca damit zur Gebieterin zurück, die sich den Tod wünschte, als sie diese vernahm. Einige Tage darauf sprach sie jedoch[572] wiederum zu der Dienerin: »Du weißt, daß auf den ersten Streich die Eiche nicht fällt. Darum dächte ich, du kehrtest noch einmal zu dem zurück, der zu meinem Verderben so pflichtgetreu sein will, offenbartest ihm zu gelegener Zeit meine ganze Glut und bemühtest dich auf alle Weise, daß die Sache Erfolg habe; denn geschähe dies nicht, so müßte ich gewiß sterben. Er aber glaubte sich verspottet, und wir ernteten, wo wir seine Liebe begehrten, seinen Haß.«

Die Dienerin sprach der Dame Trost zu, suchte den Pyrrhus auf, fand ihn fröhlich und guter Dinge und sprach zu ihm: »Vor wenigen Tagen, Pyrrhus, sagte ich dir, wie deine und meine Gebieterin von der Liebe, die sie für dich empfindet, verzehrt wird, und jetzt beteuere ich dir dasselbe noch einmal, damit du gewiß sein kannst, daß ihr Leben nur noch von kurzer Dauer sein wird, so du länger bei deiner Widerspenstigkeit bleibst. Darum bitte ich dich, gib ihrem Verlangen nach; denn bleibst du hartnäckig bei deiner Weigerung, so müßte ich dich, dem ich bisher große Klugheit beimaß, für einen entschiedenen Narren halten. Wie mußt du dich geehrt fühlen, daß eine solche Dame, so schön, so anmutig, dich über alles liebt, wie verpflichtet mußt du dich dem Glücke fühlen, wenn du erwägst, welche Gabe es dir bietet, wie sehr diese deinen jugendlichen Wünschen zusagen muß, welche Möglichkeiten sich dir dadurch auftun. Wen unter deinesgleichen kennst du, für dessen Vergnügen besser gesorgt wäre als für dich, wenn du verständig bist? Welcher andere könnte wohl an Waffen, Rossen, Gewand und Geld so gehalten werden, wie du es sein wirst, wenn du ihr deine Liebe gewähren willst? Öffne dein Herz meinen Worten und besinne dich! Erinnere dich, daß den Menschen nur einmal und nie wieder das Glück mit heiterer Miene und offenem Schoße entgegentritt und daß einer, der es dann nicht aufzunehmen weiß, sich hinterher, wenn er arm und entblößt dasteht, nur über sich, nicht aber über Fortuna zu beklagen hat. Was überdem die Treue angeht, die der Diener seinem Herrn schuldig ist, so ist sie nicht dieselbe wie die zwischen Freunden und Verwandten; vielmehr sollen die Diener ihre Herren, soweit sie es können, ebenso behandeln, wie sie von ihnen behandelt werden. Glaubst du denn wirklich,[573] falls du eine schöne Frau, Mutter, Tochter oder Schwester hättest, die dem Nikostratus gefiele, daß dieser dir die Treue so hielte, wie du sie ihm gegenüber seiner Frau bewahren willst? Ein Tor bist du, wenn du das glaubst! Sei vielmehr gewiß, daß er, wenn Bitten und Schmeichelreden nicht ausreichten, Gewalt anwendete, was auch immer deine Meinung sei. Behandeln wir also sie und die Ihrigen so, wie sie uns und die Unsrigen behandeln. Nutze die Gabe des Glücks und verscheuche es nicht, sondern geh ihm entgegen und empfange es willig, wenn es zu dir kommt. Fürwahr, tust du das nicht, so wirst du, abgesehen von dem Tode deiner Gebieterin, der ohne Zweifel daraus folgen wird, das Geschehene später noch so oft bereuen, daß auch du wirst sterben wollen.«

Pyrrhus, der über die früheren Mitteilungen der Lusca schon öfter nachgedacht hat, war bereits entschlossen, ihr, wenn sie wiederkäme, eine andere Antwort zu geben und den Wünschen seiner Gebieterin Gehör zu geben, sobald er nur sicher wußte, daß er nicht auf die Probe gestellt werde. Deshalb erwiderte er nun: »Sieh, Lusca, alles, was du mir sagst, erkenne ich als wahr an. Auf der andern Seite kenne ich aber auch meinen Herrn als einen gar klugen und umsichtigen Mann, und da er mir alle seine Angelegenheiten anvertraut, so besorge ich sehr, daß Lydia mit seinem Wissen und Willen dies alles nur tue, um mich zu prüfen. Will sie jedoch, damit ich Sicherheit erlange, drei Dinge tun, die ich von ihr begehren werde, so soll sie mir nachher wahrlich nichts gebieten, das ich nicht sofort zu erfüllen bereit wäre. Die drei Dinge aber, die ich verlange, sind folgende: erstlich, daß sie in des Nikostratus Gegenwart seinen guten Falken töte; dann, daß sie mir eine Locke aus dem Bart des Nikostratus schicke und zuletzt einen von seinen Zähnen, und zwar der besten einen.«

Schienen diese Forderungen der Lusca hart, so dünkten sie ihrer Gebieterin noch härter. Doch die Liebe, welche die Zaghaftesten mutig und die Einfältigsten verschmitzt macht, gab ihr Gedanken ein, wie sie zu jenem Ziel gelangen könne. So ließ sie ihm denn durch ihre Dienerin bestellen, was er gefordert habe, solle bald und vollständig erfüllt werden. Überdies aber wolle sie noch, da er den Nikostratus für so klug[574] halte, sich in dessen Gegenwart mit Pyrrhus ihrer Liebe freuen und jenem weismachen, daß dies nicht wahr sei.

So begann denn Pyrrhus zu erwarten, was die Edeldame beginne. Als Nikostratus nun einige Tage darauf ein großes Gastmahl gab, wie er dergleichen öfter zu geben pflegte, trat Lydia, als die Tische schon aufgehoben waren, in grünen Samt gekleidet und reich geschmückt in den Saal, wo die Gäste versammelt waren, ging vor den Augen des Pyrrhus und aller andern zu der Vogelstange, auf welcher der Falke saß, den Nikostratus so werthielt, machte ihn los, als wollte sie ihn auf die Faust nehmen, ergriff ihn bei den Fesseln und schlug ihn gegen die Wand, bis er tot war.

Nikostratus rief ihr da zu: »Wehe, Weib, was hast du getan?« Sie aber antwortete ihm nicht, sondern wandte sich zu den Edelleuten, die mit ihm gegessen hatten, und sprach: »Ihr Herren, wie sollte ich mich wohl an einem König rächen, der mir Schmach antäte, wenn ich nicht den Mut hätte, an einem Falken Rache zu nehmen? Wisset, daß dieser Vogel mir schon lange all die Zeit geraubt hat, welche die Männer dem Vergnügen ihrer Frauen widmen sollen. Sobald nur die Morgenröte naht, steht Nikostratus auf, steigt zu Pferde und eilt mit dem Falken auf der Hand hinaus in die weiten Ebenen, nur um ihn fliegen zu sehen. Mich läßt er, wie ihr hier seht, einsam und traurig in meinem Bette zurück. Darum gedachte ich schon öfter, das auszuführen, was ich heute getan habe, und nichts anderes hielt mich zurück als die Absicht, es in Gegenwart von Männern zu tun, die – so wie ich es von euch glaube – gerechte Richter meiner Beschwerde wären.«

Die Edelleute, die dies hörten und überzeugt waren, daß ihre Liebe zu Nikostratus nicht anders beschaffen sei, als ihre Worte tönten, lachten alle und sagten zu Nikostratus, der immer noch erzürnt war: »Oh, wie recht tat die Dame, ihre Kränkung durch den Tod des Falken zu rächen!« Schließlich verwandelten sie, während die Dame schon längst in ihr Gemach zurückgekehrt war, unter mancherlei Scherzen auch des Nikostratus Zorn in Lachen. Pyrrhus aber, der dies mit ansah, sagte zu sich selbst: »Hochherzigen Anfang zu beglückender Liebe hat die Dame gemacht. Wolle Gott, daß sie ausharre.«[575]

Wenige Tage waren vergangen, seit Lydia den Falken getötet hatte, als sie, während Nikostratus bei ihr in ihrer Kammer weilte, ihn zu liebkosen und mit ihm zu schwatzen anfing. Da er sie im Scherz ein wenig an den Haaren gezogen hatte, nahm sie dies zum Anlaß, die zweite Forderung des Pyrrhus zu erfüllen. Schnell nämlich ergriff sie ein kleines Büschel Barthaare und zog unter Lachen so stark daran, daß sie ihm die Haare ganz aus dem Kinn riß. Nikostratus schalt darüber; sie aber sprach: »Nun, was gibt es denn, daß du solch ein Gesicht machst? Etwa gar weil ich dir sechs Haare aus dem Bart gezogen habe? Das hat dir lange nicht so weh getan wie mir, als du mich an den Haaren zogst.« Und während sie so von einer Rede zur anderen ihren Scherz fortsetzte, hob sie die Locke, die sie ihm aus dem Barte gezupft hatte, sorgfältig auf und schickte sie noch am selben Tage ihrem teuren Geliebten.

Die dritte Forderung machte der Dame größere Sorge. Doch feinen Verstandes, wie sie war, und durch die Liebe noch mehr gewitzigt, wußte sie einen Weg ausfindig zu machen, auf dem sie auch dieser Forderung genügen zu können hoffte. Nikostratus hatte nämlich zwei Knaben bei sich, die ihm von ihren Vätern übergeben worden waren, damit sie, ihrer adeligen Abkunft gemäß, in seinem Hause gute Sitten lernen möchten. Wenn Nikostratus speiste, schnitt der eine ihm vor, der andere aber reichte ihm zu trinken. Diese beiden ließ sie rufen, redete ihnen ein, daß sie aus dem Mund röchen, und wies sie an, den Kopf soweit sie könnten zurückzuziehen, wenn sie Nikostratus bedienten. Doch sollten sie mit niemand darüber sprechen.

Die Knaben, welche ihr glaubten, fingen nun an so zu tun, wie ihnen geheißen war. Die Frau aber fragte eines Tages den Nikostratus: »Hast du bemerkt, was jene Knaben tun, wenn sich dich bedienen?« »Freilich«, sprach er, »auch habe ich sie schon fragen wollen, warum sie so tun.« »Tue das ja nicht«, antwortete die Frau, »denn ich kann es dir sagen, und wenn ich es dir die ganze Zeit her verschwiegen habe, so geschah es, um dich nicht zu verletzen. Das geschieht dir nur, weil du gar stark aus dem Munde riechst, und ich weiß nicht, woran das liegt, da es doch sonst nicht so zu sein pflegte. Für dich aber ist das verdrießlich, da du mit adeligen Leuten umzugehen[576] hast. Drum sollten wir zusehen, ob dem nicht abzuhelfen ist.« Darauf sprach Nikostratus: »Was könnte das nur sein? Sollte ich vielleicht einen faulen Zahn im Munde haben?« »Vielleicht«, antwortete Lydia.

Damit führte sie ihn an ein Fenster, ließ ihn den Mund aufmachen, und nachdem sie auf beiden Seiten nachgesehen hatte, rief sie aus: »O Nikostratus, wie hast du das nur so lange ausgehalten! Hier auf dieser Seite hast du einen Zahn, der, wie mir scheint, nicht nur schadhaft, sondern ganz faul ist. Wenn du ihn länger im Munde behältst, verdirbt er gewiß die, welche ihm zur Seite stehen. Darum rate ich dir, tue ihn heraus, bevor die Sache schlimmer wird.« »Da es dir so scheint, so bin ich's zufrieden«, antwortete Nikostratus; »schicke denn unverzüglich zu einem Zahnarzt, der ihn mir ausziehe.« Darauf jedoch antwortete die Frau: »Gott bewahre, daß deshalb ein Arzt herkomme. Der Zahn scheint mir so zu stehen, daß ich ihn ohne Arzt sehr gut allein ausziehen kann. Auch sind diese Leute bei diesem Geschäft so unbarmherzig, daß mein Herz es in keiner Weise ertragen könnte, dich unter ihren Händen zu sehen oder zu wissen. Darum will ich es auf jeden Fall selber tun. Wenigstens kann ich, wenn es dich zu sehr schmerzt, sogleich nachlassen, was der Zahnarzt nicht täte.«

So ließ sie denn das Werkzeug zu diesem Dienst herbeiholen und schickte jeden mit Ausnahme der Lusca, die sie bei sich behielt, aus dem Zimmer. Dann verschloß sie die Tür von innen, hieß den Nikostratus sich auf dem Tisch ausstrecken, ergriff mit der Zange, die sie ihm in den Mund steckte, einen seiner Zähne und zog daran, wie sehr er auch vor Schmerz schreien mochte, während Lusca ihn festhielt, so lange, bis sie ihm mit aller Gewalt einen Zahn herausgezogen hatte. Diesen brachte Lydia beiseite, holte einen andern, ganz verfaulten, den sie schon in der Hand hielt, hervor und zeigte diesen dem wehklagenden, schier halbtoten Gatten. »Sieh«, sagte sie, »was du nun schon so lange im Munde gehabt hast.« In der Überzeugung, daß sie die Wahrheit spreche, kam er sich trotz der ausgestandenen Schmerzen und obgleich er noch immer viel jammerte, dennoch wie geheilt vor, nachdem der Zahn einmal heraus war. Durch allerhand stärkende Mittel gekräftigt, verließ[577] er, als der Schmerz nachzulassen begann, das Gemach. Die Frau aber nahm den Zahn und schickte ihn alsbald ihrem Geliebten, der nun, von ihrer Liebe fest überzeugt, sich zu allem bereit erklärte.

In dem Verlangen, ihn in dieser Überzeugung noch mehr zu bestärken, wollte die Dame, der jede Stunde länger schien als deren tausend, nun auch das noch erfüllen, was sie ihm zuletzt versprochen hatte. Zu diesem Zwecke stellte sie sich krank, und als Nikostratus sie eines Tages nach dem Essen, nur von Pyrrhus begleitet, besuchte, bat sie ihn, daß sie beide ihr zur Linderung ihrer Leiden in den Garten hinabhelfen möchten. So faßte sie Nikostratus an der einen, Pyrrhus an der andern Seite und trugen sie in den Garten, wo sie sie auf einer kleinen Wiese am Fuß eines schönen Birnbaumes niedersetzten.

Eine Weile hatten sie hier gesessen, als die Dame, welche den Pyrrhus schon unterrichtet hatte, was er zu tun habe, zu diesem sagte: »Pyrrhus, ich trage großes Verlangen nach einigen von diesen Birnen. Steige denn hinauf und wirf mir ein paar herunter.« Schnell kletterte Pyrrhus hinauf und fing an, Birnen herunterzuwerfen. Doch während er so warf, begann er zu rufen: »Ei, Herr, was macht Ihr denn? Und Ihr, Madonna, schämt Ihr Euch denn nicht, das in meinem Beisein zu gestatten! Glaubt Ihr etwa, ich sei blind? Erst eben wart Ihr ja so krank; wie seid Ihr nun so schnell genesen, daß Ihr solche Dinge treibt? Steht Euch nun einmal der Sinn danach, so habt Ihr doch schöne Gemächer genug; warum geht Ihr nicht in eines derselben? Das wäre doch anständiger, als solche Geschichten hier in meiner Gegenwart zu tun!«

Die Frau wandte sich zu ihrem Gatten und sprach: »Was schwatzt Pyrrhus? Ist er toll geworden?« »Ich bin nicht toll«, erwiderte Pyrrhus, »Madonna, glaubt Ihr denn, ich könnte nicht sehen?« Nikostratus wunderte sich nun auch und sagte: »Wahrhaftig, Pyrrhus, ich glaube, du träumst.« »Herr«, entgegnete dieser, »ich träume keineswegs. Ihr träumt aber auch nicht; vielmehr rührt Ihr Euch so eifrig, daß keine einzige Birne oben bliebe, wenn dieser Birnbaum es auch so machte.« Nun sprach die Frau: »Was kann das nur sein? Könnte es sein, daß er das wirklich zu sehen glaubt, was er behauptet? Weiß Gott, wäre[578] ich so gesund wie ich war, ich müßte hinauf, um zu sehen, was das für Wunder sind, die er zu erblicken versichert.«

Pyrrhus auf dem Birnbaum ließ indes nicht ab, von diesen Geschichten weiter zu reden. Da rief Nikostratus: »Steig herab!« Und er tat es. Nun fragte jener: »Was willst du also gesehen haben?« »Haltet Ihr mich denn für närrisch oder schlaftrunken?« sprach Pyrrhus. »Sah ich Euch etwa nicht auf Eurer Frau, da ich es doch einmal sagen soll, und sah ich nicht, daß Ihr aufstandet, als ich herabstieg, und Euch dorthin setztet, wo Ihr jetzt sitzt?« »Gewiß«, sprach Nikostratus, »du warst nicht bei Sinnen; denn seit du auf den Birnbaum stiegst, haben wir uns nicht mehr von der Stelle gerührt, als wie du uns eben jetzt siehst.« Hierauf entgegnete Pyrrhus: »Was streiten wir darüber? Ich habe Euch doch gesehen, und sah ich Euch, so sah ich Euch auf dem Eurigen.«

Nikostratus wunderte sich immer mehr, bis er endlich sprach: »Nun, so will ich doch sehen, ob dieser Birnbaum behext ist, und ob der, der sich auf ihm befindet, solche Wunder sieht.« Und er stieg hinauf. Sobald er oben war, fingen die Dame und Pyrrhus an, sich miteinander zu ergötzen. Als Nikostratus das sah, rief er aus: »Wehe, du schändliches Weib, was tust du? Und du, Pyrrhus, auf den ich so vertraute?« Unter solchem Schelten begann er wieder hinabzusteigen. »Wir sitzen hier ganz still«, sprachen die Frau und Pyrrhus, und da sie ihn herabsteigen sahen, setzten sie sich wieder ebenso, wie er sie verlassen hatte.

Als Nikostratus unten angelangt war und sie wieder da fand, wo er sie verlassen hatte, begann er sie zu schmähen. Pyrrhus aber entgegnete: »Nikostratus, jetzt erkenne ich in Wahrheit, daß ich mich, so wie Ihr gesagt habt, täuschte, als ich auf dem Birnbaum war, und das erkenne ich an nichts anderem als daran, daß ich gesehen und erfahren habe, wie sehr Ihr Euch eben getäuscht habt. Daß ich aber wahr spreche, werdet Ihr einsehen, sobald Ihr erwägen wollt, daß Eure Gattin, von ihrer hohen Sittsamkeit und großen Klugheit abgesehen, doch wahrlich, wenn sie Euch solchen Schimpf antun wollte, dies nicht vor Euren eigenen Augen täte. Von mir will ich nicht erst reden. Lieber ließe ich mich vierteilen, als an dergleichen[579] nur zu denken, geschweige denn, es in Eurer Gegenwart zu tun. Gewiß also muß die Hexerei dieser Täuschung von dem Birnbaum ausgehen, denn die ganze Welt könnte mir nicht ausreden, daß Ihr hier Eurer Gattin beigewohnt habt, wenn ich Euch nun nicht behaupten hörte, ich hätte dasselbe getan, was ich doch sicherlich weder gedacht noch getan habe.«

Die Dame, die sich gar zornig stellte, stand nun auf und sprach: »Möge dich der Himmel strafen, weil du mich für so einfältig hältst, solche Schlechtigkeiten, wenn ich mich schon darauf einlassen wollte, hier vor deinen Augen zu begehen, wie du behauptest. Bekäme ich Lust auf so etwas, dann sei gewiß, daß ich dazu nicht hierher kommen, sondern es in einer unserer Kammern schon so einzurichten wüßte, daß es wunderlich zuginge, wenn du es je erführest.«

Nikostratus, der für wahr hielt, was beide beteuerten, daß sie sich nie getraut hätten, dergleichen vor seinen Augen zu tun, ließ nun von solcherlei Rede und von seinen Vorwürfen ab und begann über das seltsame Ereignis und das Wunder dieser Täuschung zu sprechen. Die Frau aber, die sich noch immer der Meinung wegen, die Nikostratus von ihr gehegt hatte, beleidigt stellte, sprach: »Wahrlich, soweit ich es hindern kann, soll dieser Birnbaum dergleichen Schande weder mir noch einer andern Frau jemals wieder bereiten. Darum, Pyrrhus, geh rasch und hole ein Beil und räche dich und mich zugleich an ihm, obgleich eigentlich Nikostratus verdient hätte, daß man ihm das Beil auf den Kopf schlüge, weil er sich ohne Überlegung so rasch die Augen des Geistes hat verblenden lassen. Denn wenn du auch mit leiblichen Augen zu sehen glaubtest, was du behauptest, so hättest du als verständiger Mensch ihnen doch nie beistimmen und annehmen sollen, daß es sich wirklich so verhalte.«

Pyrrhus lief nun eilig nach dem Beil und hieb den Birnbaum um. Als ihn die Frau am Boden sah, sprach sie zu Nikostratus: »Nun, da ich den Feind meines guten Rufes gefällt sehe, ist auch mein Zorn dahin.« Dann verzieh sie dem Nikostratus auf seine Bitte freundlich seine Schuld, machte ihm aber zur Bedingung, nie wieder von ihr, die ihn mehr als sich selbst liebe, so Arges zu glauben.[580]

So kehrte der arme betrogene Gemahl mit ihr und ihrem Liebhaber in den Palast zurück, wo die beiden später noch oft und mit größerer Gemächlichkeit Lust und Freude aneinander fanden. Möge der Himmel auch uns dergleichen bescheren!

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 570-581.
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