Zweite Geschichte

[321] Bruder Alberto redet einer Frau ein, der Engel Gabriel sei in sie verliebt, und beschläft sie mehrmals in dessen Namen. Endlich springt er aus Furcht vor ihren Verwandten aus dem Fenster und flüchtet in das Haus eines armen Mannes, der ihn, als wilden Mann verkleidet, am nächsten Tag auf den Marktplatz bringt, wo er erkannt, von seinen Klosterbrüdern festgehalten und ins Gefängnis gesetzt wird.


Die Geschichte Fiammettas hatte die Augen ihrer Gefährtinnen mehrmals mit Tränen gefüllt. Als sie nun aber zu Ende gediehen war, sagte der König mit wirschem Gesicht: »Wohlfeilen Kaufes glaubte ich die Hälfte der Freuden, die Guiscardo und Ghismonda genossen, mit meinem Leben zu bezahlen. Daß ich so denke, kann niemanden unter euch verwundern, da ich lebend immerwährend tausend Tode erleide, und mir darum doch nicht das kleinste Teilchen Lust gewährt wird. Doch will ich jetzt auf meine Lage nicht weiter eingehen und gebe Pampinea auf, in den kläglichen Geschichten fortzufahren, die meinem Unglück teilweise ähnlich sind. Wenn sie einigermaßen in der Weise fortfährt, wie Fiammetta begonnen, so darf ich sicher hoffen, daß meine Glut durch einige Tautropfen gemildert wird.«

Als Pampinea den an sie gerichteten Befehl vernahm, erkannte sie in ihrer Freundschaft besser den Wunsch ihrer Gefährtinnen als den des Königs in dessen Worten. So beschloß sie denn, mehr in der Absicht, jene zu erheitern, als dem Befehle des Königs zu folgen, eine lustige Geschichte zu erzählen, ohne dabei von der gestellten Aufgabe abzuweichen, und sie begann also:

Das Volk hat ein Sprichwort: »Gilt ein Bösewicht für gut, so glaubt man's nicht, wenn er was Schlechtes tut«, das mir nicht allein reichlichen Stoff bietet, um über das zu reden, was mir aufgegeben ist, sondern an dem sich auch die Größe der Heuchelei der Mönche aufzeigen läßt, die mit ihren langen und weiten Gewändern, mit ihren künstlich gebleichten Gesichtern, mit ihrer Stimme, die sanft und demütig ist, wenn sie fremdes Gut begehren, aber laut und ungestüm, wenn sie an andern ihre[322] eigenen Laster tadeln oder wenn sie vorgeben, daß sie durch Nehmen, andere aber durch Geben selig werden; die sogar behaupten, daß sie nicht überall wie Menschen sind, die gleich uns sich selbst um ihre Seligkeit zu mühen haben, sondern wie Herren und Besitzer des Paradieses jedem, der da stirbt, je nach der Geldsumme, die er ihnen hinterläßt, einen mehr oder minder vorzüglichen Platz in diesem gewähren können – die mit all diesem, sage ich, zuerst sich selbst, wenn anders sie daran glauben, und dann alle diejenigen zu täuschen suchen, welche ihren Worten Glauben beimessen. Dürfte ich nur, was sie betrifft, alles offenbaren, was zu sagen wäre, so wollte ich manchen einfältigen Seelen klarmachen, was jene in ihren weiten Kapuzen verbergen. Wollte aber Gott, daß es ihnen allen mit ihren Lügen so erginge wie einem Minoriten, der nicht mehr jung war, aber in Venedig für einen der größten Kasuisten galt und dessen Geschichte zu erzählen ich besondere Lust habe, damit eure Gemüter, die noch von Mitleid über den Tod der Ghismonda erfüllt sind, sich vielleicht durch Scherz und Lachen wieder einigermaßen erholen mögen.

In Imola war einmal ein Mann, der ein gar ruchloses und sündhaftes Leben führte und Berto della Massa hieß. Wie seine Schändlichkeiten aber den Imolesen bekannt wurden, kam es bald dahin, daß ihm in seiner Heimat niemand mehr trauen wollte, selbst wenn er die Wahrheit, geschweige denn wenn er Lügen erzählte. So sah er denn wohl ein, daß es in Imola mit seinen Gaunerstückchen nicht mehr gehen wollte, siedelte deshalb nach Venedig, dem Sammelplatz aller Taugenichtse, über und hoffte hier auf neue Art bessere Gelegenheit zu finden, nach seiner Weise im trüben zu fischen, als es bisher anderwärts der Fall gewesen war. Zu diesem Ende stellte er sich über alle schlechten Streiche, die er zuvor begangen, reuigen Gewissens, tat, als habe sich eine unsägliche Demut seiner bemächtigt, wurde der frömmste Christ von der Welt und ließ sich zum Minoriten einkleiden, als welcher er Bruder Alberto von Imola genannt ward.

In diesem neuen Gewande begann er dem Scheine nach ein strenges Leben zu führen, empfahl Bußen und Enthaltsamkeit auf das nachdrücklichste, aß kein Fleisch und trank keinen[323] Wein – wenn er nämlich keinen hatte, der nach seinem Geschmack war. Dem allem zufolge war fast niemand gewahr geworden, daß unser Mönch sich aus einem Diebe, Kuppler, Fälscher und Mörder plötzlich und ohne jene Laster aufzugeben, wenn er ihnen im verborgenen frönen konnte, zu einem gewaltigen Prediger entwickelt hatte. Auch hatte er sich überdies zum Priester weihen lassen und weinte bitterlich über das Leiden Christi, sooft er vor den Augen vieler die Messe las, da Tränen, wenn er ihrer bedurfte, ihn wenig kosteten. Mit einem Worte, er wußte durch seine Predigten und durch seine Tränen die Gemüter der Venezianer in solchem Maße zu gewinnen, daß er fast in jedem Testament als zuverlässiger Vollstrecker und Bewahrer ernannt ward, daß viele ihm ihr Geld zum Aufheben übergaben und daß er Beichtiger und Ratgeber des größeren Teiles aller Männer und Frauen wurde. Auf solche Weise war er denn vom Wolf zum Hirten geworden, und der Ruf seiner Heiligkeit war in jener Gegend größer, als der des heiligen Franziskus jemals in Assisi gewesen ist. Nun geschah es, daß ein junges, albernes und einfältiges Weib bei eben diesem heiligen Mönche mit anderen Frauen zur Beichte ging. Sie hieß Madonna Lisetta, stammte aus der Familie Quirino und war an einen Großhändler verheiratet, der mit seinen Galeeren nach Flandern gefahren war. Als diese nun, vor ihm kniend nach venezianischer Weise – und Windmacher sind die Venezianer alle –, einen Teil ihrer Angelegenheiten vorgetragen hatte, fragte Bruder Alberto, ob sie keinen Liebhaber habe. Sie aber antwortete mit erzürntem Gesicht: »Wo denkt Ihr hin, Herr Pater; habt Ihr denn keine Augen im Kopfe? Scheinen meine Reize Euch von derselben Sorte zu sein wie die der andern Weiber? Mehr als zu viele hätte ich, wenn ich sie wollte; aber ich bin keine Schönheit, in die sich jeder Narr verlieben dürfte. Wie viele sind Euch denn schon vorgekommen, deren Reize den meinigen gleichkämen? Ich wäre auch im Paradiese schön.« Und so fuhr sie fort, von ihrer Schönheit so viel Wesens zu machen, daß es gar nicht zum Aushalten war.

Bruder Alberto merkte gleich, daß die gute Frau nicht an übermäßigem Verstand litt, und weil er Erdreich gefunden zu[324] haben glaubte, das seinem Pfluge gerecht sei, verliebte er sich alsbald auf das lebhafteste in sie. Dennoch wollte er sich die guten Worte für eine gelegenere Zeit aufheben und begann für dies mal, um seine Heiligkeit an den Tag zu legen, sie zu schelten und ihr zu sagen, das seien Eitelkeiten, und mehr solche Redensarten. Darauf erwiderte die Frau, er sei ein Esel und wisse nicht, daß eine Schönheit mehr heißen wolle als die andere. Bruder Alberto aber wollte sie nicht allzusehr erzürnen, beschloß die Beichte und ließ sie mit den übrigen gehen.

Als danach einige Tage verstrichen waren, nahm er einen vertrauten Gefährten und begab sich mit diesem in das Haus der Madonna Lisetta. Hier ging er mit ihr allein in ein Zimmer, warf sich, daß niemand ihn sehen konnte, ihr zu Füßen und sagte: »Madonna, ich bitte Euch um Gottes willen, vergebt mir, was ich Euch am Sonntag sagte, als Ihr mir von Eurer Schönheit sprachet. Ich bin in der Nacht darauf dafür so geschlagen worden, daß ich bis heute nicht aus dem Bett habe aufstehen können.« Darauf sagte Monna Lisetta: »Wer schlug Euch denn so?« »Das will ich Euch wohl sagen«, entgegnete Bruder Alberto. »Während ich, wie es meine Gewohnheit ist, die Nacht über auf den Knien lag und betete, erblickte ich plötzlich einen hellen Glanz in meiner Zelle, und ich konnte mich nicht sobald umdrehen, um zu sehen, was es sei, als ich einen wunderschönen Jüngling mit einem dicken Stock in der Hand vor mir stehen sah, der mich sogleich beim Kragen faßte, mich zu Boden riß und mir so viele Hiebe gab, bis ich ganz zerschlagen war. Darauf fragte ich ihn, warum er mir so getan habe; er aber antwortete: ›Weil du dich heute unterstanden hast, die himmlische Schönheit der Madonna Lisetta, die ich nächst Gott vor allen andern Dingen liebe, zu schmähen.‹ Dann fragte ich ihn wieder: ›Wer seid Ihr denn?‹ und er antwortete mir: ›Ich bin der Engel Gabriel.‹ ›Ach Herr‹, erwiderte ich darauf, ›seid doch nur so gut und verzeiht mir.‹ Er entgegnete aber: ›Ich verzeihe dir, jedoch nur unter der Bedingung, daß du, sobald du kannst, zu ihr gehst und dir von ihr verzeihen läßt. Will sie dir dann nicht vergeben, so komme ich wieder und prügle dich so lange, daß du dein Leben lang genug haben wirst.‹ Was er mir aber hernach noch gesagt hat,[325] wage ich Euch nicht wiederzuerzählen, wenn Ihr mir nicht zuvor vergeben wollt.«

Monna Lisetta, die nicht leicht ein Wässerchen trüben konnte, war über diese Worte, denen sie vollen Glauben schenkte, ganz vergnügt geworden und sagte nach einer kleinen Weile: »Habe ich's Euch nicht gleich gesagt, Bruder Alberto, daß meine Schönheit himmlischer Art ist? Aber Gott soll mir nicht helfen, wenn es mir nicht leid ist um Euch, und damit Euch weiter kein Leid geschehe, verzeihe ich Euch gleich auf der Stelle unter der Bedingung, daß Ihr mir erzählt, was der Engel weiter zu Euch sagte.«

Bruder Alberto erwiderte: »Madonna, weil Ihr mir denn verziehen habt, will ich Euch alles genau sagen. Doch mache ich Euch darauf aufmerksam, daß Ihr Euch wohl hüten müßt, gegen irgend jemand auf der Welt von dem, was ich Euch sagen werde, das mindeste laut werden zu lassen, wenn Ihr, die Ihr das glücklichste Frauenzimmer seid, das lebt, Euch nicht alles verderben wollt. Derselbe Engel Gabriel trug mir auf, Euch zu bestellen, Ihr gefielet ihm so gut, daß er schon oft gekommen wäre, um die Nacht bei Euch zuzubringen, wenn er nicht gefürchtet hätte, Euch zu erschrecken. Und nun läßt er Euch durch mich sagen, daß er Euch eine Nacht besuchen und eine Weile bei Euch bleiben will. Weil er aber ein Engel ist und Ihr ihn nicht anrühren könntet, wenn er in Engelsgestalt käme, so will er, während er Euch besucht, Euch zu Gefallen menschliche Gestalt annehmen. Zu dem Ende will er von Euch wissen, wann und in wessen Gestalt er zu Euch kommen soll. Sobald er darüber Auskunft hat, wird er kommen, und Ihr könnt Euch für die glücklichste Frau von der Welt halten.«

Die einfältige Madonna sagte darauf, es sei ihr sehr angenehm, wenn der Engel Gabriel sie liebe, denn sie habe ihn auch recht lieb und habe niemals ein Bild von ihm gesehen, ohne ein Dreierlicht davor anzuzünden. Wenn er sie besuchen wolle, sei er ihr jederzeit willkommen. Sie erwarte ihn ganz allein auf ihrer Stube. Das aber bedinge sie sich aus, daß er sie nicht um der Jungfrau Maria willen im Stich lasse. Man habe ihr gesagt, daß er der gar gut sei, und es komme ihr selbst so vor; denn überall, wo sie ihn sähe, läge er immer vor der[326] Jungfrau auf den Knien. Im übrigen möge er kommen, in welcher Gestalt ihm beliebe, wenn sie nur nicht erschrecke.

Dem entgegnete Bruder Alberto: »Madonna, was Ihr da sagt, ist sehr verständig, und ich werde mit dem Engel schon alles in Ordnung bringen, was Ihr mir auftragt. Ihr könntet mir aber eine große Gunst erzeigen, die Euch nichts kostete. Die Gunst ist nämlich die, daß Ihr den Engel in meiner Gestalt zu Euch kommen heißt. Nun will ich Euch aber auch sagen, warum das eine Gunst für mich ist. Nimmt er meine Gestalt an, so muß er mir die Seele aus dem Leibe holen und sie derweilen ins Paradies versetzen, dann geht er in meinen Körper ein, und solange er bei Euch bleibt, solange weilt meine Seele im Paradiese.« Darauf sagte die törichte Madonna: »Gut, ich bin es zufrieden. So mögt Ihr denn zur Entschädigung für die Prügel, die Ihr um meinetwegen bekommen, diese Freude haben.« »Tragt denn Sorge«, entgegnete Bruder Alberto, »daß er heute nacht Eure Haustür offen findet und ohne weiteres herein kann; denn wenn er, wie er das doch tun soll, in menschlicher Gestalt zu Euch kommt, so kann er nicht anders als durch die Tür herein.« Die gute Frau sagte, sie werde es besorgen, und Bruder Alberto empfahl sich. Sie aber warf sich, als sie allein war, so in die Brust, daß ihr der Hintere nicht ans Hemd langte, und es dünkten ihr tausend Jahre, bis der Engel Gabriel sie zu besuchen käme.

Bruder Alberto hatte inzwischen in der Meinung, daß er diese Nacht nicht sowohl den Engel als den tüchtigen Reiter spielen müsse, um nicht allzu schnell aus dem Sattel gehoben zu werden, bereits angefangen, sich mit Zuckerwerk und andern guten Dingen zu stärken. Dann ließ er sich vom Kloster Urlaub geben und ging mit einem andern Mönch in das Haus einer seiner Freundinnen, von welchem aus er in vorkommenden Fällen den Weiberlauf schon öfter begonnen hatte. Als es ihm an der Zeit schien, begab er sich von dort in das Haus der Lisetta, wo er sich mit allerlei Narreteien, die er mitgebracht, als Engel verkleidete und dann hinauf in das Gemach der jungen Frau ging. Als diese die weiße Figur eintreten sah, warf sie sich vor ihr auf die Knie. Der Engel aber segnete sie, hieß sie aufstehen und winkte ihr, sich schlafen zu legen. Ihr kam[327] dieses Geheiß nur gelegen, sie gehorchte mithin alsbald, und der Engel legte sich darauf neben seine Verehrerin. Bruder Alberto war wohlgewachsen und kräftig, auch standen ihm die Beine trefflich zu Leibe, und so lieferte er denn in den Armen Frau Lisettas, die ein festes Fleisch und weiche Haut hatte, ihr andere Beweise der Liebe, als sie sie von ihrem Manne gewohnt war. Auch ohne Flügel tat er die Nacht hindurch gar manchen Flug und erfreute so die junge Frau, der er noch überdies gar viel von der himmlischen Herrlichkeit erzählte, ausnehmend.

Als endlich der Morgen herannahte, schied er, nach besprochener Wiederkehr, mit seiner Engelsmaske und kehrte zu dem Klosterbruder zurück, dem inzwischen, damit er sich allein im Bett nicht fürchten möchte, die gute Frau vom Hause freundliche Gesellschaft geleistet hatte. Frau Lisetta aber ging, sobald sie gegessen hatte, in geziemender Begleitung zum Bruder Alberto, berichtete ihm Neuigkeiten vom Engel Gabriel, erzählte, was sie von ihm über die Herrlichkeit des ewigen Lebens gehört habe und wie er aussehe, und fügte dem allem noch die seltsamsten Fabeleien hinzu. Bruder Alberto antwortete ihr darauf: »Madonna, ich weiß nicht, was zwischen ihm und Euch vorgefallen ist. Wohl aber weiß ich, daß er, als er diese Nacht zu mir kam und ich ihm Eure Bestellung ausgerichtet hatte, sogleich meine Seele unter so viel Blumen und Rosen davontrug, daß man deren hienieden noch nie so viele zusammen gesehen hat. Da weilte ich denn an einem der entzückendsten Orte, die je gewesen sind, bis zum Morgengebet. Was inzwischen aus meinem Körper geworden ist, davon weiß ich nichts.« »Sagt' ich's Euch denn nicht?« entgegnete die Frau. »Euer Körper hat die ganze Nacht mit dem Engel Gabriel in meinen Armen gelegen, und wenn Ihr mir nicht glauben wollt, so schaut nur unter Eurer linken Brustwarze nach, wo ich dem Engel solch einen schrecklichen Kuß gegeben habe, daß noch ein paar Tage lang das Mal an Euch zu sehen sein wird.« Darauf sagte Bruder Alberto: »Nun, so will ich denn heute abend etwas tun, was ich seit langer Zeit nicht getan habe, ich will mich entblößen, um nachzusehen, ob Ihr mir die Wahrheit sagt.«

Nach vielem weiteren Geschwätz ging die junge Frau wieder nach Haus; Bruder Alberto aber kehrte in Engelsgestalt[328] noch oft zu ihr zurück, ohne auf irgendein Hindernis zu stoßen. Indessen geschah es, daß Madonna Lisetta, als sie eines Tages mit einer Gevatterin zusammen war und sich mit dieser über Schönheiten stritt, ihrer erwähnten Einfalt zufolge und um für ihre Schönheit den Vorrang vor allen übrigen zu behaupten, sagte: »Wenn Ihr nur wüßtet, wem meine Schönheit gefällt, so wäret Ihr wahrhaftig von den übrigen still.« Da die Gevatterin sie schon kannte, so war sie neugierig zu hören, was da herauskäme, und sagte: »Madonna, es mag schon sein, daß Ihr recht habt. Solange man aber nicht weiß, von wem Ihr redet, solange ändert man auch nicht leicht seine Meinung.« Darauf erwiderte die kurzsichtige junge Frau: »Gevatterin, man soll nicht davon reden; aber der Engel Gabriel ist mein Liebster. Der hat mich lieber als sich selbst, denn er sagt, ich sei das schönste Frauenzimmer auf der Welt.« Die Gevatterin hatte bei diesen Reden wohl Lust zu lachen, doch bezwang sie sich, damit Frau Lisetta noch weitererzählen möchte, und sagte: »Nun, beim Himmel, wenn der Engel Gabriel Euer Liebster ist und Euch das versichert, dann muß es wohl wahr sein: aber ich dachte nicht, daß die Engel solche Geschichten machen.« »Gevatterin«, sagte die junge Frau, »da habt Ihr Euch geirrt. Gott soll mich strafen, wenn er's nicht besser macht als mein Mann. Auch sagt er mir, sie tun es dort oben so gut wie wir. Weil er mich aber für schöner hält als jede andere im Himmel, hat er sich in mich verliebt und kommt oft über Nacht zu mir. Habt Ihr es nun begriffen?«

Als die Gevatterin von Madonna Lisetta fortging, konnte sie die Gelegenheit kaum erwarten, alle diese Geschichten weiter unter die Leute zu bringen. Zu diesem Zweck rief sie bei einem Fest eine große Menge Frauen zusammen und erzählte diesen in gehöriger Ordnung ihre Neuigkeiten. Die Frauen teilten die Geschichte ihren Männern und anderen Freundinnen mit, diese erzählten sie wieder weiter, und so war ganz Venedig in weniger als zwei Tagen voll davon. Unter den andern aber, die von der Angelegenheit reden hörten, waren auch die Schwäger der Madonna Lisetta, und diese nahmen sich in aller Stille vor, den Engel kennenzulernen und zu versuchen, ob er auch fliegen könne. Darum standen sie mehrere Nächte hindurch auf der Lauer.[329]

Inzwischen hatte aber auch Bruder Alberto ganz entfernt von der Geschichte reden hören. Als er nun eines Nachts zu der jungen Frau ging, um ihr Vorwürfe zu machen, hatte er sich kaum entkleidet, da waren auch schon ihre Schwäger, die ihn hatten kommen sehen, an der Tür und wollten herein. Kaum hatte Bruder Alberto das gehört, so erriet er wohl, was es zu bedeuten habe, sprang schnell aus dem Bett, öffnete ein Fenster, das auf den großen Kanal hinausging, und stürzte sich, da ihm kein anderer Ausweg übrigblieb, von dort aus ins Wasser. Da der Kanal tief war und er gut schwimmen konnte, tat er sich keinen Schaden. Vielmehr schwamm er auf die andere Seite des Kanals hinüber, flüchtete eilig in ein Haus, das er dort offen fand, und bat einen Mann, den er darin antraf, ihm um Gottes willen das Leben zu retten, wobei er ihm eine Menge Lügen vorerzählte, warum er nackt und zu später Stunde sich dort befinde. In einer Regung von Mitleid schlug der gute Mann ihm vor, sich, während er selbst in Geschäften ausgehen mußte, in sein Bett zu legen und dort bis zu seiner Rückkehr ruhig zu verweilen. Dann schloß er ihn ein und besorgte, was er zu tun hatte.

Indessen fanden die Schwäger der jungen Frau, als sie hereinkamen, daß der Engel Gabriel unter Zurücklassung seiner Flügel davongeflogen war. Zornig, sich so angeführt zu sehen, sagten sie der Frau die härtesten Dinge und kehrten endlich von der Trostlosen mit der Ausstattung des Engels nach Hause zurück.

Mittlerweile war es heller Tag geworden, und der gute Mann, zu dem Bruder Alberto sich geflüchtet hatte, hörte, als er auf dem Rialto stand, erzählen, wie der Engel Gabriel in der Nacht bei Madonna Lisetta geschlafen habe, wie er, als die Schwäger ihn bei ihr gefunden, aus Angst ins Wasser gesprungen, und wie man nicht wisse, was aus ihm geworden sei. Daraus nun erriet er bald, es müsse der sein, den er bei sich im Hause hatte. Als er nun heimkam, brachte er den Mönch zum Geständnis und wußte es nach vielem Hin- und Herreden so weit zu bringen, daß dieser ihm fünfzig Dukaten herbeischaffen mußte, wollte er nicht an die Schwäger der Madonna Lisetta ausgeliefert sein.[330]

Der gute Mann erhielt sein Geld; als aber Bruder Alberto danach von dort wegzukommen begehrte, sagte ihm jener: »Dazu gibt es nur ein einziges Mittel, wenn Euch das recht ist. Wir feiern heute ein Fest, zu dem der eine einen als Bären verkleideten Mann mitbringt, der andere einen Wilden, der dritte dies, der vierte das. Dann wird auf dem Markusplatz eine Jagd abgehalten. Ist die zu Ende, dann ist auch das Fest aus, und ein jeder geht mit dem, den er mitgebracht hat, wohin es ihm beliebt. Wollt Ihr nun so oder so mitmachen, ehe man auskundschaften kann, daß Ihr hier seid, so kann ich Euch nachher hinführen, wohin Ihr wollt. Andernfalls sehe ich nicht, wie Ihr, ohne erkannt zu werden, von hier wegkommen wollt; denn die Schwäger Eurer Dame haben in der Vermutung, daß Ihr in dieser Nachbarschaft versteckt sein müßt, überall Wachen ausgestellt, um Euch zu fangen.«

Obgleich es den Bruder Alberto hart ankam, in solchem Aufzug ausgehen zu sollen, entschloß er sich aus Furcht vor den Verwandten der Dame doch endlich dazu und sagte dem guten Manne, wohin er gebracht sein wolle und wie er mit jeder Verkleidung, unter welcher dieser ihn zu führen beabsichtige, zufrieden sei. Darauf salbte ihn dieser über und über mit Honig, bestreute ihn mit Flaumfedern, tat ihm eine Kette um den Hals, band ihm eine Maske vor und gab ihm einen großen Stock in die eine Hand, an die andere jedoch zwei gewaltige Hunde, die er sich vom Fleischer geliehen hatte.

Inzwischen aber ließ er mit echt venezianischer Redlichkeit auf dem Rialto durch jemanden bekanntmachen, daß jeder, der den Engel Gabriel sehen wolle, auf den Markusplatz kommen möchte. Bald nachdem dies geschehen war, führte er ihn heraus, ließ ihn vor sich hergehen, während er ihn von hinten an der Kette hielt, und brachte ihn so unter großem Lärmen vieler, die fortwährend riefen: »Wer ist denn das?« auf den Platz, wo teils aus denen, die ihnen nachgezogen, teils aus andern, welche die Bekanntmachung gehört und vom Rialto herbeigekommen waren, eine unglaubliche Menschenmenge sich versammelt hatte.

Als er auf dem Platze angekommen war, band er an einer erhöhten Stelle seinen wilden Mann an eine Säule und stellte[331] sich, als ob er auf den Beginn der Jagd warte. Den armen Alberto aber plagten indessen Fliegen und Bremsen, weil er mit Honig bestrichen war, auf das fürchterlichste. Sobald er nun den Platz recht voller Leute sah, tat er, als wolle er seinen wilden Mann loslassen, zog aber statt dessen dem Bruder Alberto die Larve vom Gesicht und sagte: »Ihr Herren, weil der Eber ausbleibt und aus der Jagd nichts werden kann, so will ich euch, damit ihr nicht umsonst gekommen seid, den Engel Gabriel zeigen, der des Nachts vom Himmel auf die Erde herniedersteigt, um den venezianischen Frauenzimmern die Zeit zu vertreiben.«

Als die Larve herunter war, wurde Bruder Alberto sogleich von allen erkannt. Allgemein erhob sich gegen ihn ein wütendes Geschrei. Es wurden ihm die härtesten Dinge und die ärgsten Schimpfreden gesagt, mit denen jemals ein schlimmer Geselle überhäuft worden war. Überdies warf ihm der eine den, der andere jenen Unrat ins Gesicht. Auf solche Weise hielten sie ihn eine lange Weile fest, bis endlich die Neuigkeit noch zum Glück in sein Kloster gelangte, worauf nicht weniger als sechs Mönche sich auf den Weg machten. Als sie auf dem Platz ankamen, warfen sie ihm eine Kutte über, banden ihn los und brachten ihn nicht ohne johlendes Geschrei in ihre Behausung, wo er, wie man glaubt, nach einem trübseligen Leben im Kerker gestorben ist.

So tat Alberto, der böse war und für gut galt, Schlechtes, und niemand glaubte daran. Er wagte es, sich für den Engel Gabriel auszugeben, wurde in einen wilden Mann verwandelt und mußte endlich verdientermaßen in Schimpf und Schande seine Sünden erfolglos beweinen. Möchte es Gott gefallen, daß es allen andern seines Schlages ebenso erginge!

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 321-332.
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