Erste Geschichte

[310] Tancredi, Fürst von Salerno, tötet den Geliebten seiner Tochter und schickt ihr sein Herz in einer goldenen Schale; sie aber gießt vergiftetes Wasser darüber, trinkt es und stirbt.


Einen traurigen Gegenstand hat der König uns für heute zu besprechen gegeben, da wir fremde Tränen, die nicht erzählt werden können, ohne daß Hörer und Sprecher zum Mitleid erregt werden, schildern sollen, wo wir doch nur zusammenkamen, um uns zu erheitern. Vielleicht tat er es, um die Heiterkeit der vorigen Tage ein wenig auszugleichen. Was aber immer ihn dazu veranlaßt haben mag, so will ich, da mir nicht zukommt, seinen Gefallen zu ändern, euch eine klägliche, herzzerreißende und eurer Tränen würdige Begebenheit erzählen.[310]

Tancredi, der Fürst von Salerno, wäre ein mildherziger und gutgesinnter Fürst gewesen, hätte er sich in seinen alten Tagen nicht noch die Hände mit dem Blut zweier Liebender besudelt. Derselbe hatte zeitlebens nur eine Tochter gehabt, und wohl ihm, hätte er auch sie nicht besessen! Der Vater liebte sie so zärtlich, wie nur je eine Tochter von ihrem Vater geliebt ward, und nur um dieser Liebe willen, weil er es nicht übers Herz bringen konnte, sich von ihr zu trennen, verheiratete er sie selbst da noch nicht, als sie das heiratsfähige Alter schon um mehrere Jahre überschritten hatte. Endlich gab er sie zwar einem Sohne des Herzogs von Capua zur Frau, aber nach kurzer Ehe machte dessen Tod sie zur Witwe, und sie kehrte zum Vater zurück.

Sie war von Gesicht und Gestalt so schön, wie nur je ein anderes Weib gewesen, und dabei jung, entschlossen und gescheit in höherem Maße, als einer Frau vielleicht taugen mag. Während sie nun bei dem zärtlichen Vater in Überfluß und Bequemlichkeit lebte, wie es ihrem hohen Range zukam, und gewahr wurde, daß der Vater vor großer Liebe sich wenig bemühte, sie wieder zu verheiraten, beschloß sie, weil sie es nicht schicklich fand, ihn um einen zweiten Mann anzusprechen, sich, wenn es geschehen könne, heimlich einen würdigen Geliebten zu verschaffen. So beschaute sie sich denn viele adelige und nichtadelige Männer, die am Hofe ihres Vaters verkehrten, wie das an Höfen zu geschehen pflegte, und beachtete das Betragen und die Sitten vieler unter ihnen. Vor den andern gefiel ihr ein junger Diener ihres Vaters namens Guiscardo, der seiner Abkunft nach ziemlich gering, seinen Eigenschaften und seinem Betragen zufolge aber mehr als alle übrigen adelig zu nennen war. In diesen verliebte sie sich, als sie ihn öfters sah und an seinem Wesen immer größeren Gefallen fand, in aller Stille auf das inbrünstigste. Auch hatte der junge Mann, der ebenfalls klug war, die Gesinnung der Dame erkannt und ihr sein Herz in solchem Maße zugewendet, daß er alle Gedanken außer der Liebe zu ihr fast gänzlich aus seiner Seele getilgt hatte.

Während nun beide einander auf solche Weise heimlich liebten und die junge Dame nach nichts so sehr als nach einer Zusammenkunft mit ihm verlangte und dennoch ihre Liebe niemand anvertrauen wollte, erdachte sie sich eine neue List, um[311] ihn mit allem bekannt zu machen. Sie schrieb nämlich einen Brief, in welchem sie ihm anzeigte, was er am folgenden Tag zu tun habe, um zu ihr zu gelangen. Dann steckte sie diesen in die Höhlung eines Schilfrohrs, das sie dem Guiscardo scherzend mit den Worten übergab: »Daraus magst du heute abend deiner Magd ein Blasrohr zum Feueranzünden machen.« Guiscardo nahm es hin und erriet bald, daß sie es ihm nicht ohne Ursache gegeben und solche Worte dazu gesprochen habe. Infolgedessen entfernte er sich sogleich, trug das Rohr heim, besah es und zerbrach es, als er es gespalten fand. Als er nun darin ihren Brief entdeckte, ihn gelesen und die darin enthaltenen Vorschläge wohl in sich aufgenommen hatte, wurde er so froh wie kein anderer und begann sogleich, alles ins Werk zu setzen, was nötig war, um auf die angegebene Weise zu ihr zu gelangen.

Hart an dem fürstlichen Palast war schon vor undenklichen Zeiten eine Höhle in den Felsen gehauen, die von einem künstlich durch die Wand des Felsens getriebenen Luftloch einiges Licht empfing. Weil indes die Höhle selbst vernachlässigt war, hatten aufgeschossene Dornen und Sträucher auch jenes Luftloch fast ganz verdeckt. In diese Höhle konnte man durch eine geheime Treppe gelangen, die sich in einem der von der Dame bewohnten Zimmer im Erdgeschoß des Palastes befand, obgleich der Eingang mit einer starken Tür verschlossen war. Auch war von der Treppe seit so undenklichen Zeiten kein Gebrauch gemacht worden, daß sie dem Gedächtnis aller Schloßbewohner so gut wie entfallen war und kaum einer sich erinnerte, daß sie vorhanden sei. Dennoch aber hatte die Liebe, deren Auge das Verborgenste beachtet, sie in das Gedächtnis der liebenden Dame zurückgerufen. Damit niemand das mindeste gewahr würde, hatte sie tagelang mit den Werkzeugen, die ihr zur Hand waren, allein sich abgemüht, die Türe zu öffnen. Dann war sie in die Höhle gegangen, hatte sich jenes Luftloch angesehen und dem Guiscardo geschrieben, daß er versuchen möge, dort herunterzukommen. Auch hatte sie ihm zu diesem Zweck angegeben, wie tief es ungefähr von dort bis auf den Boden sein könne.

Zur Ausführung dieses Planes machte sich Guiscardo in aller[312] Eile einen Strick mit allerhand Knoten und Schlingen zurecht, um daran hinabzusteigen, zog ein Lederkoller an, das ihn vor den Dornen schützen sollte, und machte sich dann, ohne jemand ein Wort wissen zu lassen, in der nächsten Nacht auf den Weg nach jenem Luftloch. Hier befestigte er das eine Ende des Strickes an einem kräftigen Stamm, der hart am Rande stand, ließ sich alsdann in die Höhle hinab und erwartete die Dame. Diese stellte sich zur rechten Zeit, als wollte sie schlafen, schickte ihre Gesellschafterinnen weg und öffnete, nachdem sie sich eingeschlossen hatte, die Tür zur Höhle, in der sie ihren Guiscardo fand. Beide begrüßten sich mit unbeschreiblicher Freude, gingen dann miteinander in das Gemach und verbrachten dort den größten Teil des Tages unter dem lebhaftesten beiderseitigen Ergötzen. Als sie darauf sorgfältige Abrede getroffen hatten, wie sie ihre Liebe fernerhin geheimhalten wollten, kehrte Guiscardo in die Höhle zurück, und die junge Dame suchte, nachdem sie die Tür verschlossen, ihre Gesellschafterinnen wieder auf. Guiscardo aber kletterte in der folgenden Nacht an seinem Stricke empor, kroch aus dem Luftloch, durch das er gekommen war, wieder heraus und ging nach Hause.

Da er nun den Weg einmal gefunden hatte, legte er ihn im Verlaufe der Zeit noch oft auf dieselbe Weise zurück. Endlich aber verwandelte das Schicksal, das den Liebenden so lange und so große Freuden nicht gönnte, durch ein trauriges Ereignis ihre Glückseligkeit in Jammer und Tränen.

Tancredi pflegte zuweilen ganz allein in das Gemach seiner Tochter zu kommen, eine Zeitlang bei ihr zu bleiben, mit ihr zu sprechen und dann wieder zu gehen. So kam er denn auch eines Tages nach Tische, als die junge Dame, deren Name Ghismonda war, mit ihren Gesellschafterinnen im Garten verweilte, in ihr Zimmer herunter, ohne daß ihn jemand gehört oder gesehen hätte. Als er sie nicht fand, wollte er ihr Vergnügen nicht unterbrechen. Die Fenster waren verschlossen und die Vorhänge ihres Bettes niedergelassen, und der alte Fürst setzte sich in einer Ecke zu Füßen des letzteren auf einen Schemel, lehnte das Haupt ans Bett, zog den Vorhang über sich, als hätte er sich absichtlich verbergen wollen, und schlief ein.[313]

Während er noch schlief, verließ Ghismonda, die zu ihrem Unglück eben an jenem Tage den Guiscardo zu sich beschieden hatte, ihre beiden Gesellschafterinnen, kehrte leise in ihr Zimmer zurück, verschloß es hinter sich und öffnete, ohne zu bemerken, daß jemand da war, dem Guiscardo, der sie bereits erwartete, die Tür. Als beide nun nach ihrer Gewohnheit sich zusammen niederlegten, miteinander scherzten und sich ergötzten, geschah es, daß Tancredi erwachte und dem, was Guiscardo und seine Tochter miteinander vornahmen, zuhörte und zusah. Tief ergrimmt wollte er seinen Zorn sogleich über sie ausschütten; dann aber zog er es vor, zu schweigen und womöglich verborgen zu bleiben, um später mit größter Überlegung und geringer Schande für sich selbst das auszuführen, was zu tun ihm bereits dunkel vorschwebte. Die beiden Liebenden blieben nach gewohnter Weise lange Zeit beieinander und wurden Tancredi noch immer nicht gewahr. Endlich standen sie auf, Guiscardo kehrte in die Höhle zurück, und die junge Dame verließ das Zimmer. Darauf ließ Tancredi, obgleich er schon alt war, sich aus einem Fenster des Zimmers in den Garten hinunter und erreichte, ohne von jemand beobachtet worden zu sein, mit tödlichem Gram im Herzen sein Zimmer.

In der folgenden Nacht wurde auf seinen Befehl Guiscardo, den sein Lederkoller ungelenk machte, eben als er um die Zeit des ersten Schlafes aus jenem Luftloch schlüpfen wollte, von zwei Reisigen gefangen und heimlich vor Trancedi geführt. Als dieser ihn sah, sagte er, fast bis zu Tränen erschüttert: »Guiscardo, meine Güte gegen dich hat den Schimpf und die Schande nicht verdient, die du mir, wie ich heute mit eigenen Augen gesehen habe, in dem Meinigen angetan hast.« Guiscardo antwortete ihm auf diese Worte weiter nichts als: »Die Liebe vermag viel mehr als Ihr und ich.«

Darauf befahl Tancredi, daß er in aller Stille in einem benachbarten Raume bewacht werde, und so geschah es. Tancredi aber ging, nachdem er viele und mancherlei Vorhaben durchdacht hatte, am andern Tag, bevor Ghismonda von dem Geschehenen das mindeste erfahren hatte, seiner Gewohnheit zufolge nach Tisch in das Gemach seiner Tochter, ließ sie zu sich rufen, schloß sich mit ihr ein und sagte dann unter Tränen:[314] »Ghismonda, ich glaubte deiner Tugend und Ehrbarkeit so gewiß zu sein, daß, von wem immer es mir gesagt worden wäre, ich mir niemals hätte träumen lassen, du könntest auch nur daran denken, dich einem Manne, der dir nicht angetraut ist, zu ergeben, geschweige denn, du wärest fähig, es wirklich zu tun, wie ich es mit eigenen Augen gesehen habe. Daß es nun dennoch geschehen ist, wird mir den kurzen Rest von Leben, den mein Alter mich noch erwarten läßt, auf immer verbittern. Wollte Gott nur wenigstens, daß, wenn du einmal zu solcher Sittenlosigkeit herabsinken solltest, du dir einen Mann erwählt hättest, der deinem Adel ebenbürtig gewesen wäre. So aber hast du dir unter den vielen, die sich an meinem Hofe aufhalten, den Guiscardo ausgesucht, einen Menschen vom niedrigsten Stande, der an unserem Hofe sozusagen aus bloßem Erbarmen bis auf den heutigen Tag ernährt worden ist, und du hast mich dadurch in die größten Sorgen gestürzt, da ich nicht weiß, was ich nach dem Geschehenen mit dir anfangen soll. Mein Vorsatz über Guiscardo, den ich diese Nacht, als er aus dem Luftloch der Höhle schlüpfte, festnehmen ließ und gefangenhalte, ist bereits gefaßt. Was aber aus dir werden soll, mag Gott wissen, denn ich weiß es nicht. Auf der einen Seite bewegt mich die Liebe, die ich von jeher zärtlicher für dich empfunden habe als jeder andere Vater für seine Tochter, auf der andern erregt mich der gerechte Zorn über deine verbrecherische Torheit. Jene will, daß ich dir vergebe, dieser aber nötigt mich wider meine Natur, dich hart zu bestrafen. Bevor ich mich jedoch entschließe, will ich hören, was du selbst über das Geschehene zu sagen hast.« Und mit diesen Worten neigte er das Haupt und weinte so heftig wie ein Kind, das arge Schläge empfangen hat.

Ghismonda hatte bei der Rede ihres Vaters, aus der sie entnahm, daß nicht allein ihre geheime Liebe entdeckt, sondern auch ihr Guiscardo gefangen sei, unbeschreiblichen Schmerz empfunden und war oft nahe daran gewesen, diesem nach Art der meisten Frauen in Tränen und lautem Wehklagen Luft zu machen. Dennoch besiegte sie die Schwäche, behielt die Züge ihres Gesichtes mit wunderbarer Festigkeit in der Gewalt und setzte sich vor, in der Meinung, daß ihr Guiscardo schon[315] umgebracht sei, lieber ihr Leben lassen zu wollen, als die geringste Bitte für sich zu tun.

Darum antwortete sie ihrem Vater nicht wie ein betrübtes oder eines Vergehens bezichtigtes Weib, sondern fest und unbekümmert, mit trockenen Augen und sicheren, unveränderten Zügen folgendermaßen: »Tancredi, ich bin weder zu leugnen noch zu bitten gesonnen, denn das eine würde und das andere soll mir nichts nützen. Auch will ich deine Liebe und Milde durch nichts auf der Welt für mich zu erregen suchen, vielmehr bin ich entschlossen, zuerst die Wahrheit zu gestehen und meine Ehre mit genügenden Gründen zu verteidigen, dann aber meinen hohen Sinn durch Taten auf das nachdrücklichste zu bewähren. Es ist wahr, ich habe Guiscardo geliebt, liebe ihn noch und werde ihn lieben, solange mein Leben währt, was nicht mehr lange sein wird; und sollte man nach dem Tode noch lieben, so werde ich auch dann nicht aufhören, ihn zu lieben. Zu dieser Liebe hat mich indes nicht nur meine weibliche Schwäche, sondern auch deine Saumseligkeit, mich zu verheiraten, verbunden mit seiner Trefflichkeit, getrieben. Da du selbst, Tancredi, von Fleisch und Blut bist, so mußtest du wissen, daß du eine Tochter erzeugt hast, die aus Fleisch und Blut und nicht aus Eisen oder Stein besteht. Du mußtest dich erinnern und mußt es noch heute tun, obwohl du jetzt alt geworden bist, von welcher Art die Gesetze der Natur sind und mit welcher Kraft sie die Jugend bestürmen, und wenn du gleich als Mann einen Teil deiner besten Jahre mit Waffenübungen verbracht hast, so konnte dir doch nicht unbekannt sein, was Muße und Überfluß über bejahrte, geschweige denn über junge Leute vermögen. Nun bin ich, als deine Tochter, von Fleisch und Blut und weit davon entfernt, gelebt zu haben, vielmehr noch jung an Jahren, und aus beiden Gründen voll sinnlichen Verlangens, dessen Stärke auf das äußerste dadurch gesteigert worden ist, daß ich schon einmal vermählt gewesen und so gewahr geworden bin, welche Wollust es ist, jenes Verlangen zu befriedigen.

So entschloß ich mich denn, da ich doch jenen Angriffen nicht zu widerstehen vermochte, als ein schwaches junges Weib das zu tun, wozu sie mich verlockten, und verliebte mich wirklich.[316] Aber wahrlich, ich bot dabei alle meine Kräfte auf, um, soweit ich es zu verhindern imstande war, durch den Fehltritt, zu dem die Natur mich zwang, weder dir noch mir Schande zu bereiten. Auch hatten Amors Mitleid und meines Geschickes Gunst mir so verborgene Wege erspäht und gewiesen, daß ich zum Ziel meiner Wünsche gelangte, ohne daß jemand etwas davon gewahr worden wäre. Dies alles leugne ich nicht, wer dir auch jene Kunde hinterbracht hat oder wie du sonst das Geschehene erfahren hast. Übrigens habe ich mich dem Guiscardo nicht, wie viele tun, aufs Geratewohl ergeben; nein, ich habe ihn nach sorgfältiger Überlegung unter vielen anderen erwählt, ihn mit umsichtiger Sorgfalt zu mir eingeführt und mit bedächtiger Ausdauer von beiden Seiten mich lange der Erfüllung meiner Wünsche gefreut.

Daß ich eben ihn mir ausersehen, scheinst du, von meinem Fehltritt an sich abgesehen, dem gemeinen Vorurteile mehr als der Wahrheit nachgehend, mir mit besonderer Bitterkeit vorzuwerfen, wenn du sagst, ich hätte mich mit einem Menschen geringeren Standes eingelassen – als ob du mir nicht gezürnt hättest, wenn ich mir einen Edelmann zu gleichem Umgang erwählt hätte. Dabei berücksichtigst du aber nicht, daß du keineswegs mich eines Unrechts bezichtigst, sondern allein das Schicksal, welches nur allzuoft die Unwürdigen erhebt und die Würdigen in der Tiefe läßt. Schweigen wir aber jetzt einen Augenblick davon und fassen wir das Wesen der Dinge ins Auge, so wirst du erkennen, daß unser aller Fleisch aus einem Stoffe besteht und daß unsere Seelen alle von ein und demselben Schöpfer mit gleichen Fähigkeiten, gleichen Anlagen und gleichen Eigenschaften ausgestattet worden sind. Erst die Tugend hat uns, die wir gleich geboren wurden und noch werden, unterschieden, und diejenigen, welche sie in höherem Grade besaßen oder übten, wurden edel genannt, während die übrigen unedel blieben. Wenn nun gleich späterhin widerstrebende Gebräuche dieses Grundgesetz verhüllt haben, so ist es darum weder aufgehoben noch aus der Natur und den edlen Sitten getilgt. Der also beweist unwiderleglich seinen Adel, der tugendhaft handelt, und wer ihn dann anders nennt, der lädt auf sich einen Makel und nicht auf den fälschlich Benannten. Tue[317] dich unter allen deinen Edelleuten um, erwäge ihre Eigenschaften, ihre Sitten, ihr Betragen und stelle ihnen Guiscardo mit den seinigen gegenüber. Willst du dann leidenschaftslos richten, so mußt du ihn hochadelig, deine Edelleute aber gemein nennen.

Was im übrigen Guiscardos Tugenden und seinen Wert betrifft, so habe ich mich in dieser Hinsicht auf niemandes Urteil, sondern allein auf deine Worte und meine Augen verlassen. Wer lobte ihn wohl je so lebhaft, wie du ihn wegen alles dessen gepriesen hast, was an einem wackeren Manne des Lobes wert ist? Und wahrlich, du tatest nicht unrecht daran; denn täuschten meine Augen mich nicht, so hast du ihm keinen Lobspruch erteilt, den ich nicht von ihm durch die Tat viel herrlicher hätte bestätigt gesehen, als deine Worte es auszudrücken vermochten. Hätte ich mich hierbei aber dennoch irgendwie betrogen, so wärest du es gewesen, der mich getäuscht hat.

Willst du nun noch sagen, daß ich mich mit einem Menschen von niedrigem Stande eingelassen habe? Gewiß, du sprächest die Unwahrheit. Sagtest du aber vielleicht: mit einem armen Menschen, so könnte man dir allerdings zu deiner Schande vorwerfen, daß du einen trefflichen Mann in deinem Dienste nicht besser gefördert hast. Doch Armut beraubt niemanden des Adels, sondern nur des Besitzes. Viele Könige, viele große Fürsten sind arm gewesen, und viele, die hinter dem Pfluge gehen oder das Vieh hüten, waren und sind überreich.

Das letzte Bedenken, von dem du sprachst, was du nämlich mit mir machen sollst, schlage dir nur völlig aus dem Sinn. Bist du in deinem späten Alter gesonnen, das zu tun, was du in deiner Jugend nicht pflegtest, willst du hart und grausam verfahren, so übe an mir als der ersten Ursache dieses Vergehens, wenn meine Tat anders ein solches zu nennen ist, immerhin deine Härte, denn ich bin entschlossen, mit keinem Wort deine Milde in Anspruch zu nehmen. Auch beteuere ich dir: solltest du mir nicht dasselbe tun, was du dem Guiscardo angetan hast oder noch antun wirst, so werde ich mir mit meinen eigenen Händen das gleiche Los bereiten. Wohlan denn, weine, wenn du willst, den Weibern gleich, verschließe, wenn[318] du glaubst, daß wir es verdient haben, dem Mitleid dein Herz und töte uns beide mit einem Schlage.«

Der Fürst erkannte in dieser Rede die Seelengröße seiner Tochter, glaubte sie aber dennoch zu dem, was sie angedeutet hatte, nicht so fest entschlossen, wie es ihren Worten entsprach. Deshalb gab er, als er sie verließ, den Gedanken zwar völlig auf, seine Härte an ihr selbst auszulassen, beabsichtigte aber dafür, ihre glühende Liebe durch andere Schläge abzukühlen. Zu diesem Ende befahl er den beiden, die den Guiscardo bewachten, diesen in der nächsten Nacht ohne jedes Geräusch zu erdrosseln, ihm das Herz aus dem Leibe zu nehmen und dieses ihm, dem Fürsten, zu bringen. Die Wächter taten genau, wie ihnen befohlen worden war. Der Fürst aber ließ sich am andern Tag eine große und schöne goldene Schale reichen, tat in diese Guiscardos Herz und schickte sie alsdann seiner Tochter durch einen vertrauten Diener, dem er auftrug, wenn er die Schale übergäbe, zu sagen: »Das schickt dir dein Vater, um dir an dem, was du am meisten liebst, ebensoviel Freude zu bereiten, wie du ihm an dem gewährt hast, was er am liebsten hatte.«

Ghismonda hatte sich inzwischen, sobald ihr Vater von ihr gegangen war, in ihrem schrecklichen Vorsatz unerschüttert, giftige Wurzeln und Kräuter bringen lassen, diese abgekocht und ein Wasser daraus bereitet, das sie zur Hand haben wollte, sobald geschähe, was sie fürchtete. Als nun der Diener mit dem Geschenk und den Worten des Fürsten vor sie kam, nahm sie mit unverändertem Gesicht die Schale und war, sobald sie dieselbe aufdeckte, das Herz erblickte und jene Worte vernahm, sogleich völlig überzeugt, daß es Guiscardos Herz sei. Deshalb blickte sie zu dem Diener auf und sagte: »Wahrlich, einem Herzen wie diesem ziemte kein geringeres Grab als ein goldenes. Darin hat mein Vater verständig gehandelt.« Und nach diesen Worten führte sie es zum Munde, küßte es und sagte: »Mein Vater hat mir von jeher und bis zu diesem letzten Augenblicke meines Lebens in allen Dingen die zärtlichste Liebe bewiesen, jetzt aber tut er es mehr denn je zuvor. Bestelle ihm dafür den letzten Dank, den ich ihm jemals sagen werde.«

Als sie dies gesagt, wandte sie sich wieder zur Schale, die sie noch fest in den Händen hielt, und sagte, während sie[319] unverwandt das Herz anblickte: »O geliebter Wohnort aller meiner Freuden, Fluch über die Grausamkeit dessen, der schuld daran ist, daß ich dich mit leiblichen Augen erblickte. Genügte es mir doch, dich mit den Augen des Geistes immerdar zu schauen. Du hast nun deinen Lauf beendet und vollbracht, was dein Geschick dir bestimmt hatte. Du hast das Ziel erreicht, dem ein jeder entgegengeht. Alles Elend und alle Mühe dieser Welt hast du hinter dir gelassen und durch deinen Feind selbst ein Grab gefunden, wie es deinem Werte gebührt. Nichts fehlt dir nun zu deiner vollen Bestattung als die Tränen derjenigen, die du im Leben so zärtlich geliebt hast. Damit aber auch diese dir zuteil würden, gab Gott es meinem unbarmherzigen Vater ein, daß er dich mir schickte, und ich will sie dir gewähren, wenngleich ich mir vorgenommen hatte, ohne Tränen zu sterben und durch keinen Schrecken meine Züge verändern zu lassen. Habe ich dir meine Tränen gezollt, so will ich ohne Säumen trachten, daß durch deine Hilfe sich meine Seele mit derjenigen vereinige, die einst von dir so sorgsam beherbergt ward. Und unter welchem Geleit könnte ich wohl zufriedener und sicherer in jenes unbekannte Land gehen als in dem ihrigen? Ich glaube sicher, sie weilt noch hierinnen und betrachtet den Schauplatz ihrer und meiner Freuden, und da ich gewiß bin, sie liebt mich noch, so erwartet sie wohl meine Seele, die ihr auf das zärtlichste anhängt.«

Als sie so gesprochen hatte, begann sie, ohne nach Art der Frauen laut zu klagen, über die Schale geneigt, unter tausend Küssen, die sie dem toten Herzen gab, einen solchen Strom von Tränen zu vergießen, daß es wunderbar zu sehen war und nicht anders schien, als sei ihrem Haupt ein Wasserquell entsprungen. Ihre Gesellschafterinnen, die um sie her standen, begriffen weder, was das für ein Herz war, noch was die Worte der Dame zu bedeuten hatten. Dennoch weinten sie alle aus Mitleid, erkundigten sich teilnehmend, aber vergeblich nach der Ursache ihrer Tränen und beeiferten sich, zu tun, was sie nur wußten und konnten, um sie zu trösten.

Die Dame aber richtete ihr Haupt, als sie genug geweint zu haben glaubte, wieder auf, trocknete ihre Augen und sagte: »O mein vielgeliebtes Herz, nun sind alle meine Pflichten gegen[320] dich vollendet, und mir bleibt nichts zu tun übrig, als daß ich mit meiner Seele komme, um der deinen Gesellschaft zu leisten.« Und mit diesen Worten ließ sie sich die Flasche reichen, die das Wasser enthielt, das sie am Tage zuvor bereitet, schüttete es in die Schale, in der das Herz von ihren vielen Tränen gebadet lag, setzte sie vollkommen furchtlos an den Mund und trank sie völlig leer. Dann aber bestieg sie, die Schale in der Hand, ihr Bett, nahm die geziemendste Lage ein, die sie ihrem Körper zu geben wußte, drückte das Herz ihres toten Geliebten an das ihre und erwartete so, ohne ein Wort zu reden, ihren Tod.

Inzwischen hatten ihre Gesellschafterinnen, ob sie gleich nicht wußten, was für ein Wasser Ghismonda getrunken, alles dem Tancredi hinterbracht, was sie mit angesehen und gehört hatten. Dieser eilte, das Geschehene ahnend, in das Gemach seiner Tochter und trat in dem Augenblick ein, wo sie sich auf ihr Bett niederlegte. Nun, da es zu spät war, sprach er ihr mit süßen Worten Trost zu und fing bitterlich zu weinen an, als er erkannte, wie weit es mit ihr gekommen war. Ghismonda aber sagte zu ihm: »Trancredi, spare dir diese Tränen für ein Unglück, das du nicht, wie dieses, selbst herbeigeführt hast, und verschwende sie nicht um mich, die ich dergleichen nicht begehre. Wer außer dir möchte auch wohl über das weinen, was er selbst gewollt hat? Wenn aber dennoch eine Spur der Liebe, die du für mich empfandest, in dir lebendig geblieben sein sollte, so gewähre mir als letzte Gunst, wenn du schon nicht dulden wolltest, daß ich stillschweigend und verborgen mit Guiscardo lebte, daß nun mein Leib wenigstens mit dem seinigen, wohin du ihn immer hast werfen lassen, öffentlich zusammen ruhe.« Der Drang der Tränen gestattete dem Fürsten nicht, zu antworten. Die Dame aber fühlte, daß ihr Ende gekommen sei, drückte noch einmal das tote Herz an die Brust und sagte: »Lebt mit Gott, ich scheide.« Da verschleierten sich ihre Augen, ihre Sinne schwanden, und sie schied aus diesem leidvollen Leben.

Ein so trauriges Ende nahm, wie ihr vernommen, Guiscardos und Ghismondas Liebe. Tancredi aber bereute zu spät seine Grausamkeit mit vielen Tränen und ließ die beiden Leichen unter allgemeinem Bedauern der Leute von Salerno ehrenvoll in einem und demselben Grabe bestatten.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 310-321.
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