Fünfte Scene.

[117] Einsame Waldpartie.

In der Tiefe rechts eine ärmliche Eremitage, vor welcher unter einem Baume ein Kreuz von Birkenzweigen; links im Grunde ein Fels, zu dessen Gipfel ein mit Steinen belegter Steig führt; zwischen dem Felsen und der Hütte freier Raum an einem Abgrunde.


GRAF ROBERT er ist in eine dunkle Kutte gehüllt, die ein Strick um die Lenden festhält, in Sandalen und baarhaupt. Bart und Haare hängen wild ins Gesicht, er sieht verstört und bleich, sein ganzes Wesen ist Zerrüttung.

Noch im Leben, noch in Qual,

Auf – ach, noch nicht in der Erde!

Noch als Bettler hier im Thal

Und der Wahnwitz dein Gefährte.

Aber jener Wahnsinn nicht,

Der als Ungewitter wettert

Und im Abgrund sich zerschmettert,[117]

Ist ein Wurm blos, der da kriecht,

Nur ins dunkle Herz sich wagt

Und es allgemach zernagt.

O wie feige, schlecht und elend!

Tiefeste Gesunkenheit,

Die da lieber lebt, sich quälend,

Als sich losreißt von der Zeit –

EINE STIMME AUS DER HÖHE.

Von der Ewigkeit!

ROBERT aufgeschreckt.

Hohn noch, Spott noch meinem Grimme?


Pause.


Sprach's nicht mit des Vaters Stimme,

Sänftigend den Streit?

EINE STIMME AUS DER TIEFE.

Sag', was bangst

Du, die Qual dir zu verkürzen,

In die Ruhe dich zu stürzen,

Die du doch verlangst?

AUS DER HÖHE.

Ruhe wohnt im Abgrund nicht.

AUS DER TIEFE.

Wohnet sie im Sonnenlicht?

AUS DER HÖHE.

Dulde![118]

AUS DER TIEFE.

Weh!

ROBERT wild um sich blickend.

Stimme hier und Stimme dort,

Bin ich nicht mehr ich? O fort,

Trugerscheinung irrer Kraft!

Will nicht wimmern,

Auch nicht das Gefäß zertrümmern,

Meines kranken Geistes Haft.

Dulde? – Wohl, ein schönes Wort!

Und es legt so schmeichelnd sich

Stets an mich,

Kindlich weisend nach dem Dort,

Nach der Seelensonnenwende,

Wo die Qualen geh'n zu Ende.

Weh? – Ein Wort der Erdenzeit

Weh – ist fortgesetzter Mord,

Denkt an Hier nur, nicht an Dort,

Weh ist mehr als Ewigkeit!

Wäre Eins, nur Eines nicht!

O Bianca! Bist du todt?

Ach, mir sagt's kein Morgenlicht,

Kündet es kein Abendroth!

Fort! – Mit ihm?

Grauenvollster der Gedanken!

Wilder Grimm[119]

Geißelt meinen Geist, den kranken,

Denk' ich den Gedanken aus!


Wirft sich am Kreuze nieder.


O nur ihn, nur ihn einmal,

Gott, bring' in mein armes Haus,

Führe einmal durch dies Thal!

Übergib ihn meiner Rache!

Ihn, den Schöpfer meiner Qual,

Ihn, der mir Bianca stahl:

Lock' ihn her zu meinem Dache;

Meinem Dolche, der mir blieb,

Ach! von Allem, was mir lieb,

Meinem Dolch' ihn übergib.

Herr, und eine Dornenkrone,

Wie man flocht sie deinem Sohne,

Press' zum Dank ich mir ins Haupt,

Dankend, daß es – dich geglaubt!


Pause; er bleibt in sich versunken am Kreuze knieend.


Quelle:
Braun von Braunthal, [Karl Johann]: Faust. Eine Tragödie, Leipzig 1835, S. 117-120.
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