Der sechßte Abschnitt.

Von dem Wunderbaren und dem Wahrscheinlichen.

[134] Das Wunderbare ist die äusserste Stafel des Neuen. Natur des Wunderbaren. Verbindung des Wunderbaren mit dem Wahrscheinlichen. Natur des Wahrscheinlichen. Was in dem weitläuftigsten Verstande wahrscheinlich sey. Die Bedeutung dieses Wortes wird enger eingeschräncket. Grund der Wahrscheinlichkeit in der Übereinstimmung mit den gegenwärtigen Gesetzen der Natur. Ein andrer Grund derselben, der in den Kräften der Natur bestehet. Genauere Grundsätze des Wahrscheinlichen. Der Poet stellet das Wahre als wahrscheinlich, und das Wahrscheinliche als wunderbar vor. Unterschied in den menschlichen Urtheilen von dem Wunderbaren und dem Wahrscheinlichen. Bezaubernde Kraft der Verbindung des Wunderbaren und des Wahrscheinlichen. Erste Quelle des Wunderbaren, das von dem möglichen Zusammenhange der Dinge nach andern Absichten, als der gegenwärtige hat, entstehet. Allegorische Art der Fabel, da der Poet neue Wesen erschaffet. Exempel derselben in Königs befriedigtem Elbe-Strohme. Von Einmischung allegorischer Personen unter historischen. Exempel von Homers Vorstellung der Zweytracht in dem Begleite des Krieges-Gottes. Vergleichung derselben mit Virgils Beschreibung des Gerüchtes. Königs Einführung der Zweytracht und der Eintracht in dem ersten Gesange von dem Lager. Grund der Wahrscheinlichkeit der allegorischen Wesen. Esopische Art der Fabel, da die Wesen zu einer höhern Natur erhoben werden. Eine andere Quelle des Wunderbaren entsteht von der unsichtbaren Welt der Götter und Geister. Vertheidigung Homers gegen die Beschuldigung, daß er seinen Göttern die Schwachheiten der Menschen angedichtet habe.


Wer meine gegebene Erklärung von dem Neuen, als der Urquelle aller poetischen Schönheit, vor Augen hat, wird leicht gedencken können, daß auch dieses Neue seine verschiedenen Grade und Staffeln haben müsse, je nachdem es mehr oder weniger von unsren Sitten abgehet, und sich entfernet. Nach dem Grade dieser Entfernung wächßt und verstärcket sich die Verwunderung, die durch das Gefühl dieser Neuheit in uns entstehet; wenn denn die Entfernung so weit fortgehet, biß eine Vorstellung unsern gewöhnlichen Begriffen, die wir von dem ordentlichen Laufe der Dinge haben, entgegen zu[135] stehen scheinet, so verliehret sie den Nahmen des Neuen, und erhält an dessen statt den Nahmen des Wunderbaren. Sobald ein Ding, das das Zeugniß der Wahrheit oder Möglichkeit hat, mit unsren gewöhnlichen Begriffen zu streiten scheinet, so kan es uns nicht bloß als neu und ungewohnt vorkommen, sondern es wird das Gemüthe in eine angenehme und verwundernsvolle Verwirrung hinreissen, welche daher entspringet, weil wir mit unserm Verstand durch den reizenden Schein der Falschheit durchgedrungen, und in dem vermeinten Widerspruch ein geschicktes Bild der Wahrheit und eine ergezende Übereinstimmung gefunden haben.

Demnach ist das Wunderbare in der Poesie die äusserste Staffel des Neuen, da die Entfernung von dem Wahren und Möglichen sich in einen Widerspruch zu verwandeln scheinet. Das Neue gehet zwar von dem gewöhnlichen Laufe und der Ordnung der Dinge auch ab, doch entfernet es sich niemahls über die Gräntzen des Wahrscheinlichen, es mag uns in Vergleichung mit unsern Gewohnheiten und Meinungen noch so fremd und seltzam vorkommen, so behält es doch immer den Schein des Wahren und Möglichen. Hingegen leget das Wunderbare den Schein der Wahrheit und Möglichkeit ab, und nimmt einen unbetrüglichen Schein des Falschen und Widersprechenden an sich; es verkleidet die Wahrheit in eine gantz fremde aber durchsichtige Maßke, sie den achtlosen Menschen desto beliebter und angenehmer zu machen. In dem Neuen herrschet dem Scheine nach das Wahre über das Falsche; in dem Wunderbaren hat hingegen der Schein des Falschen die Oberhand über das Wahre.

Ich begreiffe demnach unter dem Nahmen des Wunderbaren alles, was von einem andern widerwärtigen Bildniß oder vor wahr angenommenen Satze ausgeschlossen wird; was uns, dem ersten Anscheine nach, unsren gewöhnlichen Begriffen von dem Wesen der Dinge, von[136] den Kräften, Gesetzen und dem Laufe der Natur, und allen vormahls erkannten Wahrheiten in dem Licht zu stehen, und dieselben zu bestreiten düncket. Folglich hat das Wunderbare für den Verstand immer einen Schein der Falschheit; weil es mit den angenommenen Sätzen desselben in einem offenbaren Widerspruch zu stehen scheinet: Alleine dieses ist nur ein Schein, und zwar ein unbetrüglicher Schein der Falschheit; das Wunderbare muß immer auf die würckliche oder die mögliche Wahrheit gegründet seyn, wenn es von der Lügen unterschieden seyn und uns ergetzen soll. Denn wofern der Widerspruch zwischen einer Vorstellung und unsren Gedancken eigentlich und begründet wäre, so könnte eine solche keine Verwunderung in uns gebähren, eben so wenig, als eine offenbare Lüge oder die Erzehlung von lediglich unmöglichen und unglaublichen Dingen den Geist des Menschen rühren und belustigen kan; und falls das Wunderbare aller Wahrheit beraubet seyn würde, so wäre der gröbeste Lügner der beste Poet, und die Poesie wäre eine verderbliche Kunst. Die Poeten sind dem Junius Brutus gleich, der witzig und gescheut war, ob er gleich dem König Tarquinius, dem Stolzen, als wahnwitzig vorkam, weil er sich mit Fleiß angestellet, als ob er im Hirn verrüket wäre, damit er seine Anschläge und Anstalten, der Tyrannie dieses Fürsten ein Ende zu machen, unter dieser Verstellung desto sicherer verbergen möchte. Also sind auch die vermeinten Deliria und Ausschweiffungen der poetischen Phantasie mit einer verwundersamen Urtheils-Kraft begleitet, und ein bequemes Mittel, die Aufmercksamkeit der Menschen zu erhalten, und ihre Besserung zu befördern. Das Wunderbare ist demnach nichts anders, als ein vermummetes Wahrscheinliches. Der Mensch wird nur durch dasjenige gerühret, was er gläubt; darum muß ihm ein Poet nur solche Sachen vorlegen, die er glauben kan, welche zum wenigsten den Schein der Wahrheit haben. Der Mensch verwundert sich[137] nur über dasjenige, was er vor etwas ausserordentliches hält; darum muß der Poet ihm nur solche Sachen vorlegen, die ausser der Ordnung des gemeinen Laufes sind; und diese beyden Grund-Regeln, die einander so sehr entgegen zu laufen scheinen, mit einander zu vergleichen, muß er dem Wunderbaren die Farbe der Wahrheit anstreichen, und das Wahrscheinliche in die Farbe des Wunderbaren einkleiden. Auf einer Seiten sind die Begebenheiten, die aufhören wahrscheinlich zu seyn, weil sie allzu wunderbar sind, nicht fähig die Menschen zu rühren; auf der andern Seiten, machen die Begebenheiten, die so wahrscheinlich sind, daß sie aufhören wunderbar zu seyn, die Leute nicht aufmercksam genug. Mit den Meinungen hat es eben die Bewandtniß, wie mit den Begebenheiten. Die Meinungen, die nichts wunderbares in sich haben, dieses mag in der Großmüthigkeit oder in der Zueigenung der Meinung, oder in der Nettigkeit des Gedanckens, oder in der Richtigkeit des Ausdruckes bestehen, scheinen platt. Jedermann, heißt es, hätte dieses gedencken können. Hingegen scheinen allzu wunderbare Meinungen falsch, und über die Schnur getrieben. In den Romanen von Amadiß, von Lancellot, und andern irrenden Rittern, fehlet es fürwahr an Wunderbarem nicht, im Gegentheil sind sie damit angefüllet, aber ihre Erdichtungen ohne Wahrscheinlichkeit, und ihre allzu wunderthätigen Begebenheiten verursachen bey Lesern von geseztem Urtheil, die an Virgil und seines gleichen einen Geschmack finden, lauter Eckel. Kurtz, das Wunderbare kan einem richtigen Kopf weder gefallen, noch Ersetzen bringen, wenn es nicht mit dem Wahrscheinlichen künstlich vereinigt, und auf dasselbe gegründet ist.

Weil nun in dieser Verbindung des Wunderbaren mit dem Wahrscheinlichen die vornehmste Schönheit und Kraft der Poesie bestehet, so würde ich auf halbem Wege stehen bleiben, wenn ich nicht jetzo die Natur des poetischen Wahrscheinlichen erklärete, nachdem ich die Natur[138] des Wunderbaren erkläret habe. Nach diesem wird ein leichtes seyn, ein jedes von diesen beyden Stücken in seine gehörigen Gräntzen einzuschliessen.

Ich verstehe durch das Wahrscheinliche in der Poesie alles, was nicht von einem andern widerwärtigen Begriff, oder für wahr angenommenen Satze ausgeschlossen wird, was nach unsren Begriffen eingerichtet zu seyn, mit unsrer Erkenntniß und dem Wesen der Dinge und dem Laufe der Natur übereinzukommen, scheinet; hiemit alles, was in gewissen Umständen und unter gewissen Bedingungen nach dem Urtheil der Verständigen möglich ist, und keinen Widerspruch in sich hat. Dieses Wahrscheinliche gründet sich demnach auf eine Vergleichung mit unsren Meinungen, Erfahrungen, und angenommenen Sätzen, nach welchen wir unsren Beyfall einzurichten, und die Glaubwürdigkeit einer Vorstellung zu beurtheilen pflegen, und es bestehet in einer Übereinstimmung mit denselben. Hiemit ist es nicht dem lediglich Unmöglichen, wie das Wahre, sondern dem Wunderbaren, welches nur einen Schein der Falschheit hat, entgegen gesetzet. Ich habe an einem andern Orte angemercket, daß in dem weitläuftigsten Verstande alles kan wahrscheinlich genennt werden, was durch die unendliche Kraft des Schöpfers der Natur möglich ist, hiemit alles, was mit denen ersten und allgemeinen Grundsätzen, auf welchen alle Erkenntniß der Wahrheit beruhet, in keinem Widerspruch stehet. Das Unmögliche und sich selbst Widersprechende hat auch in der Macht des Schöpfers keinen Grund der Wahrheit, und der menschliche Verstand kan solches keinesweges begreiffen. Also ist unmöglich, daß etwas zugleich seyn und nicht seyn, so und anderst seyn könne; daß etwas ohne einen zureichenden Grund seiner Würcklichkeit seyn könne; daß ein Theil so groß sey, als sein Gantzes; daß zwo grade Zahlen mit einander verbunden eine ungrade Zahl ausmachen, und so fort. Was mit diesen und andern dergleichen[139] sich selbst beweisenden Grundsätzen streitet, das ist eine offenbare Lüge, und hat in keinen Umständen und unter keiner Bedingung einige Möglichkeit; angesehen es auch lediglich unmöglich ist, daß durch die göttliche Kraft selbst etwas von dieser Art seyn könne. Das Unwahrscheinliche in der Poesie hat allemahl eine Möglichkeit schlechterdings zu reden, die in der Macht des Schöpfers der Natur gegründet ist; es ist unwahrscheinlich und unmöglich alleine in Absicht auf gewisse ausgesezte Bedingungen und Umstände, mit und in welchen es vorkömmt, wenn es mit denselben in einem Widerspruch stehet, ob es gleich unter andern Bedingungen und in andern Umständen nicht unmöglich wäre. Der Schöpfer der Natur hat allen erschaffenen Dingen ein ausgeseztes Wesen, Kraft und Vermögen mitgetheilet, er hat ihnen gewisse Gesetze vorgeschrieben, nach welchen sie ihre Handlungen einrichten müssen, er hat sie auch der Zeit und des Ortes halber nach gewissen Absichten mit einander verknüpfet: Was nun durch die Kraft dieser erschaffenen Wesen nach denen bestimmeten Gesetzen der Bewegung und dem Laufe der Natur in gewissen Umständen möglich ist, das ist wahrscheinlich, weil es mit unsern gewöhnlichen Begriffen übereinstimmet; und dieses Wahrscheinliche ist von dem Wahren alleine darinnen unterschieden, daß es kein genugsames Zeugniß der Würcklichkeit hat. Weil aber die gegenwärtige Einrichtung der Welt der würcklichen Dinge nicht schlechterdings nothwendig ist, so hätte der Schöpfer bey andern Absichten Wesen von einer gantz andern Natur erschaffen, selbige in eine andere Ordnung zusammen verbinden, und innen gantz andere Gesetze vorschreiben können: Da nun die Poesie eine Nachahmung der Schöpfung und der Natur nicht nur in dem Würcklichen, sondern auch in dem Möglichen ist, so muß ihre Dichtung, die eine Art der Schöpfung ist, ihre Wahrscheinlichkeit entweder in der Übereinstimmung mit den gegenwärtiger[140] Zeit eingeführten Gesetzen und dem Laufe der Natur gründen, oder in den Kräften der Natur, welche sie bey andern Absichten nach unsern Begriffen hätte ausüben können. Beydemahl bestehet die Wahrscheinlichkeit darinn, daß die Umstände mit der Absicht übereinstimmen, daß sie selber in einander gegründet seyn, und sich zwischen denselben kein Widerspruch erzeige. Was die Erdichtung und Aufstellung gantz neuer Wesen und neuer Gesetze anbelanget, so hat der Poet dießfalls eine grosse Vorsicht und Behutsamkeit zu gebrauchen, daß das Wunderbare nicht ungläublich werde und allen Schein der Wahrheit verliehre. Er muß darum, seine Freyheit zu erdichten, wenigst nach dem Wahne des grösten Haufens der Menschen einschräncken, und nichts vorbringen, als was er weiß, daß es schon einigermaassen in demselben gegründet ist. Wenn Aristoteles in seiner Poetick von der poetischen Materie handelt, so eignet er derselben zu, ἢ οἷα ἦν, ἢ ἔοτιν, ἢ οἷά φασι καὶ δοκεῖ, ἢ οἷα εἶναι δεῖ, was entweder war, oder jetzo ist, oder was zu seyn scheinet, und was laut der Sage ist, oder was seyn soll. Damit lehret er zugleich, was der Grundstein und das Band der Vereinigung des Wunderbaren mit dem Wahrscheinlichen sey. Nemlich, die Wahrscheinlichkeit und die Möglichkeit auch der seltzamsten und wunderbarsten Vorstellungen muß in einem von folgenden Stücken gegründet seyn, entweder in dem Zeugniß der Historie, oder der Sage und eines angenommenen Wahnes, oder in einer Vermehrung oder Verminderung der würcklichen Vollkommenheiten. Das Wahrscheinliche muß demnach von der Einbildung beurtheilet werden, und die Grundsätze, auf welche diese ihr Urtheil gründet, sind folgende: I. Was durch glaubwürdige Zeugen bestetigt wird, das kan man annehmen. II. Den Vorstellungen der Sinnen darf man trauen. III. Was bey einem grossen Haufen der Menschen Glauben gefunden hat, und eine Zeitlang von einem Geschlechte zu dem andern fortgepflanzet worden,[141] das ist nicht zu verwerffen. IV. Was nach gewissen Graden eingeschränket ist, das kan vollkommener oder unvollkommener seyn. V. Was einmahl geschehen ist, das kan wieder geschehen. Was nun mit diesen und andern dergleichen Grundsätzen des Wahnes übereinstimmet, es mag dem reinen Verstande noch so wunderbar und widersinnig vorkommen, das ist für die Einbildung gläublich und wahrscheinlich. Man muß also das Wahre des Verstandes und das Wahre der Einbildung wohl unterscheiden; es kan dem Verstand etwas falsch zu seyn düncken, das die Einbildung für wahr annimmt: Hingegen kan der Verstand etwas für wahr erkennen, welches der Phantasie als ungläublich vorkömmt; und darum ist gewiß, daß das Falsche bisweilen wahrscheinlicher ist, als das Wahre. Das Wahre des Verstandes gehöret für die Weltweißheit, hingegen eignet der Poet sich das Wahre der Einbildung zu; daher hat Aristoteles im fünf und zwanzigsten Cap. der Poetick gesagt: »Der Poet muß die unmöglichen Dinge, wenn solche nur wahrscheinlich sind, denen möglichen, die bey ihrer Möglichkeit ungläublich sind, vorziehen.« Er hat nicht nöthig seine Vorstellungen vor wahr zu verkauffen; wenn sie nur nicht ungläublich sind, so eröffnen sie ihm schon den Zugang zu dem menschlichen Hertzen, so daß er dadurch die erforderliche Würckung auf dasselbe thun kan. Die eigenthümliche Kunst des Poeten bestehet demnach darinnen, daß er die Sachen, die er durch seine Vorstellung angenehm machen will, von dem Ansehen der Wahrheit bis auf einen gewissen Grad künstlich entferne, jedoch allezeit in dem Maasse, daß man den Schein der Wahrheit auch in ihrer weitesten Entfernung nicht gäntzlich aus dem Gesichte verliehret. Folglich muß der Poet das Wahre als wahrscheinlich, und das Wahrscheinliche als wunderbar vorstellen, und hiemit hat das poetische Wahrscheinliche immer die Wahrheit, gleichwie das Wunderbare in der Poesie die Wahrscheinlichkeit zum Grunde.[142]

Beyde, das Wunderbare und das Wahrscheinliche, haben demnach ihre Grade und Staffel, nach welchen sie einander biß zur Vermischung nähern, oder sich von einander biß an ihre äussersten Gräntzen entfernen; je nachdem der Schein der Wahrheit über den Schein der Falschheit mehr oder weniger die Oberhand hat; je mehr das Wunderbare in einer Vorstellung steiget und wächst, desto mehr verbirgt und vermindert sich das Wahrscheinliche; je offenbarer hingegen der Schein der Wahrheit ist, desto mehr verliehret sich das Wunderbare.

Es sind auch die Urtheile der Menschen von dem Wunderbaren und Wahrscheinlichen sehr ungleich und unterschiedlich: Alles dasjenige, was für die Gelehrten wahrscheinlich ist, ist es gleichermaassen für das gemeine Volck, aber nicht alles das, was für die Unwissenden wahrscheinlich ist, ist es auch allemahl für die belesenen Leute. Die Verwunderung und die Leichtgläubigkeit sind Töchter der Unwissenheit. Daher ließt der rohe und unwissende Pöbel gemeiniglich die abentheurlichsten Erzehlungen von Hexen, Zauberern, weisen Frauen, Gespenstern, und die Romanen von den irrenden Rittern, mit dem grösten Ergetzen, welches nicht geschehen könnte, wenn dieselben ihm ungläublich und unwahrscheinlich vorkämen; wo man die Kräfte der Natur nicht kennet, und nicht fähig ist, die weise Verknüpfung der Umstände unter einander, und mit den Absichten einzusehen, da ist man nicht geschickt, das Unwahrscheinliche zu entdecken: Hingegen je genauer einer die Gesetze und Kräfte der Natur und das Wesen der Dinge kennet, desto besser wird es ihm gelingen, das Wahrscheinliche genau und richtig zu bestimmen, und desto mehr Fertigkeit wird er in Unterscheidung des Abentheurlichen von dem Wunderbaren zeigen. Von dieser besondern Art der poetischen Vorstellungen, in welchen das Wunderbare mit dem Wahrscheinlichen künstlich verbunden ist, entstehet die bezaubernde Kraft der Dicht-Kunst. Die Zauberer[143] täuschen uns auf eine angenehme Weise durch den geborgten Schein der Wahrheit und Würcklichkeit; der Poet hintergehet uns hingegen auf eine noch unschuldigere Weise zum Behuf der Wahrheit durch einen angenommenen Schein der Falschheit: Es ist aber das menschliche Gemüthe so beschaffen, daß es beydemahl in Verwunderung gesetzet wird, es sey, daß wir die Unmöglichkeit dessen erkennen, was wir dem ersten Anscheine nach für wahr und möglich gehalten hatten, oder daß wir die Wahrheit und Möglichkeit dessen einsehen, was wir zuvor für falsch und unmöglich angesehen hatten. Das widersinnige Aussehen einer solchen Vorstellung ziehet unsere Aufmercksamkeit nothwendig an sich, und verheisset unserer Wissens-Begirde eine wichtige und nahmhafte Vermehrung: Die nachfolgende Beschäftigung des Gemüthes, da es die Vorstellungen mit seinen Begriffen und angenommenen Sätzen vergleichet, da es durch den Schein der Falschheit durchdringet, und in dem vermeinten Widerspruch eine Übereinstimmung und Vollkommenheit entdecket, muß nothwendig angenehm und mit Ergetzen verknüpfet seyn; zumahlen da diese Entdeckung die unschuldige List des Poeten recht verwundersam machet, und unsere Eigenliebe und die vortheilhaftige Meinung von unserer eigenen Geschicklichkeit speiset.

Nach dieser allgemeinen Abhandlung von dem poetischen Wunderbaren und dessen künstlicher Verbindung mit dem Wahrscheinlichen will ich diese Materie noch nicht aufgeben, sondern jezo bedacht seyn, die Minen oder Quellen des Wunderbaren aufzusuchen, und meine Sätze mit Exempeln zu erklären. Die erste und vornehmste Quelle desselben, die von dem Wahrscheinlichen am weitesten entfernet ist, findet sich bey derjenigen Art der Erdichtung, da der Poet die Natur nicht bloß in dem, was würcklich ist, und nach den eingeführten Gesetzen in einer andern Einrichtung der Welt möglich wäre, nachahmet,[144] sondern durch die Kraft seiner Phantasie gantz neue Wesen erschaffet, und entweder solche Dinge, die keine Wesen sind, als würckliche Personen aufführet, denselben Leib und Seele mittheilet, und sie geschickt machet, allerley vernünftige Handlungen und Meinungen anzunehmen; oder diejenigen Wesen, die schon würcklich sind, zu der Würde einer höhern Natur erhebet, indem er den leblosen Geschöpfen Meinungen und Gedanken leihet, wenn er Wäldern, Flüssen, Landschaften und allen andern unbelebten Wesen Gedancken und Reden zuschreibet; oder den Thieren mehr Witz und Vernunft lehnet, als sie in ihrer Sphär haben, und ihnen auch die articulierte Stimme, die ihnen mangelt, mittheilet. Aus jenem ist die allegorische, aus diesem die esopische Art der Fabel entstanden.

Was nun erstlich die erste von diesen bey den anlanget, da allegorische Personen aufgeführet werden, als die Tugenden, die Arten des Lasters, die Welt-Theile, Königreiche, Städte, Flüsse, die Leidenschaften, die Künste, die Winde, die Jahrszeiten, und so fort, so müssen wir in Ansehung dieser Personen uns erinnern, daß die meisten von denselben viele Jahrhundert alt sind; sie haben ihren Stand seit vielen Jahren hergebracht, sie haben sich auf so vielen Schauplätzen gezeiget, daß auch ein Halbgelehrter sie gleich an ihren Wappen erkennet; sie haben so zu sagen bey den Menschen das Bürgerrecht erhalten. Also stehen sie in einem Rechten mit den heidnischen Gottheiten, Mars, Pallas, Apollo, Venus, Flora, Ceres und andern, welche zwar in dem Heidenthum, wo der gemeine Mann in dem Wahne stuhnd, daß es würckliche Wesen wären, historische Personen waren, aber in den Gedichten unserer christlichen Dichter nicht anderst als allegorische Personen können eingeführet werden, ausgenommen wenn sie die Materie ihrer Erzehlung, ihre Scenen und Platzhalter aus den Zeiten des Heidenthums hergenommen haben. Und so kan man sagen, daß[145] diese allegorische Personen durch ihre öftere Wiederkunft gantz bekannt worden, und sich durch so viele Erscheinungen in den Wercken der Poeten einen allgemeinen Ruf und Ansehen der Wahrscheinlichkeit erworben haben.

Was jezo den Gebrauch dieser Personen anbelanget, so ist derselbe zweyfach. Entweder führet der Poet in einem Gedichte lauter dergleichen allegorische Personen ein, oder er verbindet sie mit denen historischen Personen seines Gedichtes. Derer allegorischen Gedichte halber, in welchen lauter erdichtete Personen vorkommen, ist zu bemercken, daß eine allegorische Handlung keine anständige Materie für ein weitläuftiges oder dramatisches Gedichte sey; sie hat alleine in einem kurtzen Gedichte Platz, wo der Poet in seinem Nahmen redet, und also das Geheimniß seiner allegorischen Vorstellung selbst erklären, und die Arbeit des Lesers erleichtern kan. Ich will zu einem Exempel das Gedicht des Hrn. Hofr. Königs anführen, das den Titel führt: Der befriedigte Elbe-Strohm durch die abermahlige glückliche Geburt eines Chur-Sächsischen Printzen.

Der Poete hatte sich in den Gedancken die allgemeine Trauer vorgestellet, die das Land von Sachsen über den frühzeitigen Verlust des verstorbenen Chur-Printzen empfunden hatte, jezo aber sein Leid durch die Geburt dieses zweyten Printzen versüsset, und seine Hoffnung mit allgemeiner Freude auf ein neues belebet sah. Diese gemeine und bekannte Wahrheit recht wunderbar vorzutragen, besann sich der Poet dieselbe in eine allegorische Handlung einzukleiden. Er machete die Elbe, die Schickung, und die Natur zu Personen. Er führete die erste als den Elbe-Gott ein, wie er seine Trauer über das frühzeitige Ableben des erstgebohrnen Chur-Printzen, der sein Alter nicht gar auf zehn Wochen gebracht hatte, in einem Klage-Liede ausläßt. Die Schickung hörte ihn klagen, ward zum Mitleiden bewogen, und verhieß ihm ehender[146] als in einem Jahr einen andern Chur-Printzen, an welchem die Natur alle ihre Kräfte ausüben sollte. Die Natur formiert auf Befehl der Schickung einen Sohn, an dem sie das gantze Vermögen ihrer Kunst erschöpfet hatte. Auf Vernehmen dieser frohen Zeitung stimmet der Elbe-Gott einen freudigen Glückwünschungs-Gesang an. Diese Dichtung gab dem Poeten die schönste Gelegenheit, seine Geschicklichkeit in Verfassung zierlicher Schildereyen an den Tag zu legen. Die mahlerische Beschreibung der Natur, des Elbe-Gottes, und seiner Grotte, geben uns davon eine unverwerffliche Probe; Schade, daß er in Ausdrückung des wahren Characters der Leidenschaften nicht eben so vortrefflich ist. Das Klage-Lied des Elbe-Fürsten, welches in zehen Versen begriffen wird, ist einigermaassen matt und frostig, insonderheit folgende vier Zeilen:


Dieß zarte Rauten-Reiß blüht noch kaum zehen Wochen,

Fängt kaum zu sprossen an, und ist schon abgebrochen.

Dein Kummer hat mit Recht, o Dreßden, meinem Strand

Jezt eine neue Flut von Thränen zugesandt.


Das fremde Bild der Raute ist für eine grosse Betrübniß allzu gesucht, und diese verblümte Redens-Art stehet der Absicht des Poeten mehr im Wege, als daß sie dieselbe befördern könnte, angesehen ein Rauten-Reiß, das zehn Wochen blühet, in eigentlichem Sinne genommen wider die Wahrheit läuft, und nichts beklagenswürdiges ist. Hernach ist die Thränen-Flut, welche Dreßden der Elbe zugesandt hat, ein poetischer Aufschnitt, der alle Wahrscheinlichkeit übersteiget. Es ist ein Fehler von einer andern Natur, wenn er von dem Elbe-Gott, der jezo die[147] Nachricht von der Geburt des Chur-Printzen erhalten hatte, also spricht:


Er fieng, was er zuvor sein lebtag nie gethan,

Gantz aus sich selbst entzückt, wie folgt, zu reimen an.


Zu reimen, ist für einen Gott eine allzu niedrige Arbeit; es ist etwas mechanisches, dazu keine Entzückung erfordert wird. Und gesezt daß der Ausdruck des Poeten schlechter ist, und weniger sagt, als er ihm in die Gedancken legen wollen, so findet sich dennoch ein Widerspruch darinnen, weil er in dem Eingange dieses Gedichtes eine Elegie einfliessen lassen, die der Elbe-Gott im Jahr zuvor soll geredet haben, welche ebenfalls in Reimen verfasset ist. Der Poet hätte besser gethan, wenn er den Leser auf dem Wahne gelassen hätte, daß der Zierrath der Reimen den Gedancken des Elbe-Gottes von dem Poeten gelehnet worden.

Was jezt zweytens die Einmischung allegorischer Personen in einem Gedichte von lauter historischen Personen anbetrifft, so braucht es da mehrere Behutsamkeit, alldieweil wir diese erdichteten Personen nicht anderst ansehen können, als Hirn-Gespenster und zur Lust ersonnene Bilder, die von einer gantz andern und höhern Natur seyn würden, als die Menschen sind; also daß es wider alle Wahrscheinlichkeit lieffe, daß dieselben mit denen historischen Personen gleichen Antheil an einer Handlung haben sollten. Man hat daher die Regel vorgeschrieben, daß die allegorischen Personen keine Haupt-Personen seyn, oder eine Haupt-Rolle in der Handlung auf sich haben sollten, sondern darinn nur Platz bekommen können, entweder als zufällige Eigenschaften der vornehmsten Personen, oder um der Ausdrückung willen, da man mittelst der Erdichtung auf eine edlere Weise saget, was sonst, so es einfältig gegeben würde, platt herauskommen[148] müßte. Aus demselben Grunde wollte ich dem Poeten auch nicht rathen, daß er bey jedem Anlaß, da er es könnte, dergleichen erdichtete Wesen aufführen, oder daß er ihnen, wenn er sie sparsam auftreten läßt, allzu viel Platz in dem Gedichte einräumen sollte; weil dadurch die Aufmercksamkeit des Lesers von den Haupt-Personen und der Haupt-Handlung nur abgeführt würde, welches nothwendig der Haupt-Absicht des Gedichtes grossen Nachtheil verursachen müßte. Diese behutsame Bescheidenheit haben die vortrefflichen Dichter des Alterthums beobachtet, und uns mit ihrem Beyspiel eine Regel gegeben. Homerus hat in dem weitläuftigen Gedichte der Ilias ein einziges Exempel von einer solchen allegorischen Person, wenn er im vierten B.v. 440. die Zweytracht einführet, die er in sechs Versen dergestalt beschreibet: »Mars spornete die Trojaner an, und Pallas die Griechen, nach ihnen gieng das Schrecken, die Flucht und die Zweytracht, die Schwöster und Gefehrtin des mörderischen Krieges-Gottes, die anfänglich gar klein ist, nach und nach wächßt, und zulezt ihr Haupt an den Himmel stößt, wiewohl sie auf der Erden gehet, sie entzündete jedermanns Brust mit Hitz und Wuth, sie gieng unter der Armee von Linie zu Linie, und machete das Übel noch schlimmer.« Ihr sehet, wie geschickt der Poet ist, seine Dichtung wahrscheinlich zu machen, und ihre Kühnheit zu verbergen. Er stellet dem Leser diese allegorischen Personen, das Schrecken, die Flucht und die Zweytracht nicht geradenweges vor Augen, als Haupt-Personen, auf die er vornehmlich seine Aufmercksamkeit zu richten hätte, sondern er zeiget sie ihm etwas entfernet, und nur in dem Gefolge des Gottes Mars, und der Minerva. Er rücket dieselben noch etwas weiter aus dem Gesichte, wenn er in einer blossen Erzehlung beschreibet, was er als ein Poet gesehen hat, und keineswegs fodert, daß andrer Leute Augen dasselbe gleichfalls sehen. Wenn er dichtet, daß die Zweytracht[149] mit dem Krieges-Gott befreundet ist, so lehnet er ihr damit einen neuen Zusatz von Wahrscheinlichkeit, indem er sie dadurch von unsren Begriffen, die wir von menschlichen und uns bekannten Wesen haben, entfernet, und über dieselben erhebet. Und er ist in der Ausführung so bescheiden, daß er nur diejenigen Umstände anbringet, die ausser der allegorischen Verwandlung der Zweytracht in eine Person, als so viele absonderliche Metaphoren würden angesehen werden; derer geheimer Verstand auch so offenbar ist, daß man alsobald vergißt, daß der Poet uns dieses Unwesen als eine Person vorstellen wollen. Sonst kan man sich von der Richtigkeit der Hyperbole in denen Worten, »die anfänglich klein ist, nach und nach wächßt, und zulezt ihr Haupt biß an den Himmel stößt, wiewohl sie mit den Füssen auf der Erden stehet«, von den Kunstrichtern unterrichten lassen, die unten an dem Rand dieses BlattesA1 angezeiget werden.

Virgil hat sich schon mehrere Freyheit herausgenommen, wenn er im vierten B. der Eneis das Gerüchte als eine Person aufführet, und fast zwanzig Verse damit anfüllet, auch sie dem Leser unter einer ungeheuren und abentheurlichen Gestalt vor das Gesicht stellet.


Monstrum horrendum, ingens: cui quot sunt corpore plumæ,

Tot vigiles oculi subter, mirabile dictu,

Tot linguæ, totidem ora sonant, tot subrigit aures.


Wodurch er zwar das Wunderbare erhöhet, aber das Wahrscheinliche darunter schier erstecket. Da auch diese Person nach seiner eigenen Erinnerung


Tam ficti pravique tenax quam nuntia veri,
[150]

so kan ich nicht wissen, warum er sie so erschrecklich vorstellet, als monstrum horrendum. Und wenn er das Maaß ihrer Grösse nach der homerischen Zweytracht mißt,


Parva metu primo, mox sese attollit in auras,

Ingrediturque solo, & caput inter nubila condit,


so hat Macrobius guten Grund gehabt, im vierzehnten Cap. des fünften B. anzumerken: Quod Homerus de Contentione hoc idem Maro de Fama dixit, sed incongrue. Neque enim æqua sunt argumenta contentionis & famæ: Quia contentio, etsi usque ad mutuas vastationes ac bella processerit, adhuc contentio est, & manet ipsa quæ crevit: Fama vero cum in immensum prodit, fama esse jam desinit, & fit notio rei jam cognitæ. Quis enim jam famam vocet, cum res aliqua a terra in coelum nota sit? Deinde nec ipsam hyperbolen potuit æquare. Ille coelum dixit; hic auras & nubila. Hæc autem ratio fuit non æquandi omnia, quæ ab autore transscripsit, quod in omni operis sui parte alicujus Homerici loci imitationem volebat inserere: nec tamen humanis viribus illam divinitatem ubique poterat æquare. Wenn denn die Phantasie des Lesers mit diesen grossen Ideen angefüllet auf die folgenden Verse kömmt:


Luce sedet custos aut summi culmine tecti,

Turribus aut altis. – – –


So werden diese hohen Begriffe auf einmahl zernichtet. Sonst ist auch Virgil mit dergleichen allegorischen Personen so sparsam als Homerus selbst; hingegen hat Lucanus dieselben ohne Maaß und Ende angebracht. Ich erinnere mich auch hier, daß unter den deutschen Poeten der Hr. Hofrath König in seinem Gesange von dem Lager bey Radewitz, die Einholung betitelt, die Zweytracht[151] und die Eintracht zusammen auf den Schauplatz geführet, und mit Beschreibung derselben schier zweyhundert Verse angefüllet hat, welches den fünften Theil des Gedichtes, das aus tausend Zeilen bestehet, ausmachet. Ich bekenne zwar mit Vergnügen, daß diese Beschreibung, wenn sie als ein abgesondertes Gedichte betrachtet wird, viele mahlerische Schönheiten hat, und daß der Poet dem Homer und Virgil glücklich nachgeahmet; aber da sie in einem historischen Gedichte eingetragen wird, und die Aufmercksamkeit des Lesers mehr bemühet, und länger aufhält, als selbst ein Haupt-Stück der historischen Erzehlung, so verliehret sie alle Wahrscheinlichkeit, und der Poet hat vergessen, was er in der Vorrede verheissen hat: »Ich werde mich solcher Erdichtungen auf das allerbehutsamste bedienen, da ich die Ehre habe, eine Geschichte, die erst vor kurtzem zu unsern Zeiten vorgegangen, nicht aber eine blosse Fabel aufzuführen.« Indem die hohen Gäste an der Tafel sitzen, das Frühstücke einzunehmen, verläßt er sie und damit die Haupt-Materie plötzlich, und führt euch ohne einige Vorbereitung in eine Welt des Epicurus hin, wie Opitz dieselbige nennet, er hält euch eine gute Zeit darinnen auf, beschäftigt den Verstand mit emblematischen Vorstellungen und Bildern, und wenn ihr dann die erstere Materie gantz vergessen habet, so bringet er euch einesmahles wieder auf die Stelle, wo ihr die frühstückenden Gäste verlassen hattet. Als ich dieses Gedicht das erstemahl las, so war mir bey dieser Stelle nicht anderst, als wenn ich bey der Tafel in Gorisch über dem frühstücken eingeschlaffen wäre, und dasjenige im Traume gesehen hätte, was der Poet vom 355sten Verse biß zum 555sten erzehlet, ich erwachete zu allem Glücke, da sie gleich von der Tafel aufstuhnden, doch war das Frühstück verschlaffen. Der Poet hat diese Unrichtigkeit selbst gespüret, und sie damit verbessern wollen, daß er diese chimärischen Personen unsichtbar erscheinen ließ:
[152]

Sie ward zwar nicht geseh'n, doch überall verspürt.


*


Als sie sich nun herab recht vor das Zelt geschwungen,

Ward uns ein Segens-Lied durch sie selbst vorgesungen.


*


Ward aber nicht gehört, nur innerlich empfunden.


Alleine damit entfernet er sie noch mehr von der Wahrscheinlichkeit: Und wenn sie unsichtbar waren, wozu dienet denn die weitläuftige Beschreibung ihrer Gestalt, Kleidung, ihres Aufputzes? Zu diesem allem kömmt noch, daß in der Materie des gantzen Gedichtes nichts zu finden ist, was euch eine so gewaltthätige Entführung euer selbst sollte vermuthen lassen.


Ficta voluptatis causa sint proxima veris,

Nec quodcunque volet poscat sibi fabula credi.


Diese allegorische Wesen haben den Grund ihrer Wahrscheinlichkeit zum Theil in den Metaphoren und andern verblühmten Redens-Arten, welche in der Poesie allen leblosen Dingen die Empfindung, die Rede und die Gedancken mittheilen; und die meisten allegorischen Beschreibungen sind nichts anders, als eine Sammlung und Verbindung solcher verblühmten Redens-Arten, die einzeln und zerstreuet gantz gewöhnlich sind, und niemanden mißfallen; und darinnen lieget auch der Grund, warum eine allegorische Beschreibung nicht zu weitläuftig, und ihre Bedeutung offenbar seyn muß. Zum Theil aber beruhet diese Wahrscheinlichkeit darauf, daß der Wahn der Menschen geneigt und gewohnt ist, sich alles[153] unsichtbare unter einem cörperlichen Bilde, und alles, wovon eine Würckung herrühret, als eine Person vorzustellen. Was waren die heidnischen Gottheiten anfangs anders als allegorische Personen, bis ihnen die Leichtgläubigkeit der Menschen eine würckliche Existentz verliehen hat? Und hat sie nicht das Licht der christlichen Religion aus historischen Personen wiederum in allegorische erniedrigt? Ferner, da wir in dem Christenthum wissen, daß die Engel diejenigen Rüstzeuge und Mittel sind, durch welche Gott seinen allmächtigen Willen und seine Rathschlüsse gemeiniglich ausführet, so ist ja nichts gewohnteres, als daß wir die Kräfte, die Gott in die Natur geleget hat, weil sie unsichtbar und würcksam sind, oder auch die Triebräder und Mittel, die er in Ausführung seiner Gerichte brauchet, als Geister und würckliche Personen ansehen. Es leidet eine gesunde Auslegung, was Aratus in seinem Gedichte von den Sternen gleich beym Anfange bezeuget: »Alle Gegenden sind von Gott erfüllet, alle Versammlungen der Menschen, das Meer ist voll von ihm und das Gestade.« Welches mit dem übereinkömmt, was der Apostel Paulus in seiner Rede zu den Athenern hat einfliessen lassen: In ihm leben, weben, und sind wir. Daher auch Brockes angemercket hat:


Die Heiden haben dort bald Nymphen, bald Naiaden,

Dryaden, und Hamadryaden

Im Wasser, Feld und Wald erdacht,

Die gleichsam jedes Kraut theils machten, theils versorgten.

Dieß war zwar schädlicher Abgötterey

Verworfne Brut und eitle Fantasey,

Die nun die Christenheit mit allem Recht verlacht:

Doch die zu Gottes Ehr geschäft'ge Geistigkeiten,

Die der Gewächse Pracht, den Schmuck der Büsch' und Bäume[154]

Vermuthlich zubereiten,

Sind nicht wie jene leeren Träume.


*


Wer aber ihre Zier, Pracht, Farben und Figur,

Nutz, Eigenschaft, Geruch und Würckung der Natur

Betrachtet und besieht,

Der glaubt fast offenbar zu sehn,

Wie unbekannte Geistigkeiten,

Auf ihres Schöpfers Wort und einziges Geheiß,

Zu seinem Ruhm in ungehemmtem Fleiß

Mit unsichtbarer Hand solch künstlich Werck bereiten.


Was endlich diejenigen Wesen anlanget, die der Poet zu einer höhern Würde und in den Rang vornehmer Geschöpfe erhebet, wenn er zum Exempel den leblosen Dingen die Empfindung, und den Thieren die Gedancken und die Rede mittheilet, so ist dieser Personen halber anzumercken, daß sie nicht tüchtig sind, eine Rolle in einer poetischen Handlung zu spielen, ausgenommen, wenn es eine Handlung in einem Apologo ist. Worauf die Wahrscheinlichkeit derselben sich gründe, ihren Ursprung und ihre gantze Natur, will ich hiernächst in einem eigenen Abschnitte untersuchen, weil es eine Arbeit von tiefen Betrachtungen ist, die eine weitläuftige Abhandlung erfodern.

Wenn wir denn ferner aus der Welt dieser phantastischen Wesen, die alleine in dem Gehirne der Poeten erzeuget, und von dem Wahne der Menschen ernehret werden, in die unsichtbare Welt der Geister hinüber gehen, so eröfnet sich uns eine neue Quelle des Wunderbaren. Denn da die Götter und Geister in allen Religionen vor Wesen von einer andern und höhern Natur, als die menschliche ist, angesehen und geglaubet worden, da sie an sich uncörperlich[155] und unsichtbar sind, da ihre Macht, ihre Wissenschaft und andere Vollkommenheiten alle menschlichen Begriffe weit übersteigen, so müssen die poetischen Vorstellungen aus der Welt der Geister in dem höchsten Grade wunderbar seyn. Die Geheimniß-Lehren und Wunderwercke haben in allen Theologien dem Scheine nach und in Vergleichung mit den Begriffen der menschlichen Vernunft etwas widersinnisches; und was die wahre Theologie insbesondere angehet, so gründet sich das Wunderbare in derselben auf den göttlichen Ausspruch: Meine Wege sind nicht wie eure Wege, und meine Gedancken sind nicht wie eure Gedancken. Der scharfsinnige Dübos hat darüber in seinen critischen Betrachtungen über die Poesie und die Mahler-Kunst §. XXIII. folgende Anmerckung gemachet: »Die Wunderwercke unserer Religion haben eine Art von Wunderbarem in sich, welche sich in den Fabeln des Heidenthums nicht findet. Man kan sehen, wie glücklich sie Corneille in dem Polyeuctes und Racine in der Athalia behandelt hat. Wenn man Sannazar, den Ariosto und andere Poeten tadelt, daß sie in ihren Gedichten die christliche Religion eingemenget haben, so geschicht dieses, weil sie nicht mit der Ehrfurcht, der Hohheit und der Würde davon geredet haben, als sie von uns erfodert, weil sie die Fabeln des Heidenthums unter die Wahrheiten unserer Religion gemischet haben, weil sie, wie Boileau gesagt hat, in christlichen Materien auf eine thörigte Weise Abgötterey treiben. Man tadelt sie, daß sie nicht gesehen haben, daß es der Vernunft zuwider wäre, damit ich nichts harters sage, in Sachen, die unsre Religion angehen, sich eben so viele Freyheit zu erlauben, als Virgil sich in der seinen herausnehmen dorfte.« Ich bin nicht gesonnen, mich an diesem Orte in eine weitläuftige Untersuchung dieser Materie einzulassen, und die Verbindung des Wunderbaren mit dem Wahrscheinlichen, insofern sie in dergleichen Vorstellungen aus der unsichtbaren[156] Welt Platz hat, in dogmatischen Sätzen und Regeln abzuhandeln. Mein werthester Freund Hr. Bodmer hat sich die Mühe gegeben, das vortreffliche epische Gedicht des berühmten Miltons, des christlichen Homers, von dem Verlust des Paradieses, welches so wohl in Ansehung seiner Materie, als der Kunst des Poeten den Nahmen eines göttlichen Gedichtes verdienet, gegen die Anklagen der Herren Magny, Voltaire, und einiger andern zu vertheidigen, und da ihre schwersten Beschuldigungen auf die Wahl der allzu hohen und wunderbaren Materie, welche nach ihrer Meinung in der Nachahmung keiner Wahrscheinlichkeit fähig ist, hinauslaufen, so wird mein Leser diese wichtige Materie nach allen ihren besondern Stücken in dieser Schutzschrift für Milton ausgeführet vor sich finden. Damit ich auch denselben nicht weit verweisen müsse, ist besagte Schrift als eine Zugabe zu gegenwärtigem Wercke geleget worden. Hier will ich nur noch eine allgemeine Anmerkung hinzufügen, welche zur Vertheidigung Homers dienet. Man hat ihn beschuldigt, daß er seine Götter von ihrer Hohheit und Würde abgesetzet, sie in sterbliche Menschen verwandelt, ihnen menschliche Leidenschaften, Zufälligkeiten und Schwachheiten, zum Ex. Zancksucht, Rachgier, Verwundungen, Thränen, zugeleget, und nach Longins Anmerkung in der neunten Abtheil. sie dadurch elender vorgestellet, als die Menschen sind, weil er nicht ihre Natur, sondern ihr Elend ewig gemachet habe. Alleine diese Beschuldigung ist eben so ungereimt, als wenn sie es ihm vor ein Verbrechen anschreiben wollten, daß er kein Christ gewesen. Sie zeiget nichts mehrers, als daß die heidnische Gottes-Gelahrtheit, wenn man sie bey dem Lichte der wahren und durch die göttliche Offenbarung gereinigten Vernunft betrachtet, nur einen leeren Schein des Wunderbaren in sich habe, in der That aber gantz abentheurlich und ungereimt sey; weil sie in diesem rechten Gesichtes-Punct nicht die geringste Wahrscheinlichkeit[157] übrig behält, sondern mit allen gesunden Begriffen von der göttlichen Natur streitet. Weil aber nicht alleine christliche Kunstrichter, sondern auch die gescheitern unter den Heiden selbst, welche sich vor der ansteckenden Seuche des unsinnigen Aberglaubens zu verwahren gewußt, als Plato und Longinus, Homer eben denselben Fehler Schuld gegeben, so möchte jemand daraus schliessen wollen, daß er nach Longins Ausdrückung sich beflissen habe, die Götter in Menschen zu verwandeln; und daß seine Vorstellungen nach dem Systema der heidnischen Theologie selbst ärgerlich und anstössig seyn. Alleine wer also schliessen wollte, der müßte vergessen haben, daß die Theologie der Weltweisen Heiden gantz was anders gewesen, als die Theologie des gemeinen Volcks; und daß die Poesie eine Kunst ist, die für den grossen Haufen gewiedmet ist, und durch eine geschickte Nachahmung auch die unsichtbaren Dinge der Einbildung vorstellig und sichtbar machen soll. Was konnte Homerus anders thun, da er mit sehr abergläubigen Götzendienern lebete, die sich ihre Götter nicht anderst, als unter menschlichen Gestalten vorstelleten, als sich nach ihrer Schwäche richten, wenn er gleich mehr Erleuchtung gehabt haben mag, als andere; ihrer Theologie gemäß reden, und ihnen entweder eben dieselben Fabeln, welchen sie schon Glauben zugestellet hatten, oder gantz gleichmässige vorschwatzen? Zudem müssen auch die Tadler dieses Poeten selbst gestehen, daß er auch in theologischen Sachen mitten in der diken Finsterniß, die ihn umgeben hatte, zuweilen die Wahrheit erblicket, und zwar einige wichtige Wahrheiten erkennet, welche die Voreltern durch eine mündliche Erzehlung auf die Nachkinder fortgepflantzet hatten. Ja was noch mehr ist, Homerus hat die fabelhafte Theologie seiner Zeiten mit so vieler Kunst und Weißheit anzuwenden gewußt, daß auch solche Leute, die über diese Materie eine viel grössere Erleuchtung hatten, mittelst der figürlichen[158] Deutung und der physicalischen und moralischen Allegorien, selbst die unwahrscheinlichsten Erdichtungen desselben haben retten und entschuldigen können. Über diese Materie verdienen folgende berühmte und scharffsinnige Kunstrichter aufgeschlagen zu werden. Unter den Alten: Porphyrius, Proclus, der eine besondere Ver theidigungs-Schrift für Homer gegen die Beschuldigungen Platons an das Licht gestellet hat, Palephatus, Heraclides Ponticus, Eustathius, ein berühmter Bischof von Thessalonich. Unter den Neuern: die Frau Dacier in der Vorrede über ihre Ilias vom XIII.ten Bl. biß zum XXVII.sten, und in der Streit-Schrift von den Ursachen des verderbten Geschmacks von Bl.100. biß 114.; der Hr. Dacier über das XXVI.ste Cap. der Poetick Aristoteles, sonderlich Bl. 459.; Pope in seinen Anmerckungen über Homer Bl. 41. 42. Mithin ist es ein nothwendiger Wunsch, daß diejenigen unter den Deutschen, die seit wenig Jahren angefangen haben, sich mit critischen Schriften hervorzuthun, nicht so fertig wären, einem Perrault, La Motte, Voltaire, Magny und andern ihre raschen Urtheile ohne fernere Untersuchung, und ohne Erwegung desjenigen, was von andern darauf geantwortet worden, nachzuschreiben, sondern die Einbildung fahren liessen, sich dadurch in das Ansehen grosser Kunstrichter zu sezen. Diese Critici Mustacei wiederholen zum Ex. die Critick über die Unwahrscheinlichkeit der wandelnden Dreyfüsse, des Schildes Achilles und einige andere, die Scaliger zuerst erfunden hat, ohne Aufhören; alleine wer kan sie ohne Verdruß mehr lesen, nachdem der Ungrund derselben von Dacier in seinen Anmerckungen über Aristoteles Poetick Bl. 489–496. so gründlich dargethan worden; und wer muß nach diesem nicht schliessen, daß diese Wiederholung entweder eine grobe Unwissenheit, oder eine grosse Schwachheit des Urtheils, oder gar eine schändliche Boßheit anzeigen müsse. Ich will ihnen darum folgende Lection fleissig zu[159] lernen anbefohlen haben: Modeste & circumspecto judicio de tantis viris pronuntiandum est, ne, quod plerisque accidit, damnent, quæ non intelligunt: at si necesse est in alteram partem errare, omnia eorum legentibus placere, quam multa displicere maluerim.

Fußnoten

A1 Longin vom Erhabenen in der neunten Abtheilung. Boileau in der vierten critischen Erwegung. Die Frau Dacier in ihren Anmerckungen über diese Stelle.


Quelle:
Johann Jakob Breitinger: Critische Dichtkunst, in: Johann Jakob Bodmer; Johann Jakob Breitinger: Schriften zur Literatur. Stuttgart 1980, (S. 83–204).
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