Erster Akt


[561] Nach Mitternacht. Gewitter, dann und wann fernes Blitzen und Donnern. Offener Waldplatz, von Eichen umgeben, in der Mitte des Hintergrundes eine große erstorbene, vom Blitz ausgehöhlte Eiche, zu ihrer Rechten eine Hütte, von wildem Geranke umzogen, umher Spuren eines verwilderten Gartens; die Natur ist im Ausbruche des Frühlings, es ist gegen das Ende des Aprils. Zwratka drängt Hubaljuta, Meneljuba, Moriwescha, Entawopa und den Knaben Ziack in die Hütte; diese sind als slavische Venus (Lado) und die drei Huldinnen, Ziack aber als (Lel) slavischer Amor gekleidet. Die Huldinnen tragen Harfen.


ZWRATKA.

Fort, fort! hier ist Kroks Hütte, schnell hinein,

Und bleibt mir wach, zur Wand die Harfen lehnet,

Wenn eine mir im Schlaf berührt ertönet,

So geißl' ich euch.

ZIACK.

Ach, laßt das Donnern sein!

ZWRATKA.

Ich donnre nicht, es ist mir selbt zuwider.

He, Lapack! blase in das Wetterhorn,

Zerbrich die Wolken.


Lapack bläst in das Wetterhorn, indem er aus der Szene tritt.


Nun! jetzt setzt euch nieder,

Schnell, Meneljuba, reizt nicht meinen Zorn.

MENELJUBA.

Ich kann nicht ruhn, mich drückt das goldne Mieder.

ZIACK.

Kalt, kalt ists; weh, ich trat in einen Dorn!

HUBALJUTA.

Die Krone Lados mir die Stirne zwängt!

MORIWESCHA.

Der Gürtel mir das Herz im Leibe schnüret!

ENTAWOPA.

Ich halts nicht aus, ich bin so eingeengt!

ZWRATKA.

Verflucht Geschrei, ich schlage, wer sich rühret.


Sie hebt die Geißel, es donnert.


Blas', Lapack, blas'!


Er stößt ins Horn.


MENELJUBA.

Ein Seufzer schon zersprengt

Das Mieder mir gewiß.

ZIACK.

Mich hungert, frieret!

ZWRATKA schlägt mit der Geißel unter sie, sie schreien, es donnert, Lapack bläst.

Ihr macht mich rasend, Schreier, schweigt, he, he!

VERWIRRTE STIMMEN.

O halte ein, o schlage nicht, weh, weh![561]

ZWRATKA immer zuschlagend.

Nun! sticht, schnürt, hungert, friert es euch nicht mehr?

STIMMEN.

Nein, nein, o schlag nur nicht, du triffst so schwer!

ZWRATKA.

Seid unbewegt wie Steine, stumm wie Leichen,

Verliert die Äpfel nicht, und riecht nicht dran,

Ihr werdet sonst betäubt. Lauscht auf mein Zeichen;

Pocht an der Hütte leis mein Finger an,

Dann müsset ohne Lärm heraus ihr schleichen

Und Krokus' Töchtern, die hier auf den Plan

Zu opfern kommen, diese Äpfel reichen.

Habt, wie ich euch gelehrt, ihr dies getan,

Könnt ihr mit leisem Harfenschlag entweichen.

HUBALJUTA.

So wollen wir, nun schließe, laß uns ruhn.

ZWRATKA schließt die Türe.

Die trifft die Geißel, die nicht so wird tun!


Es donnert leise in der Ferne, Lapack bläst, nachher wetterleuchtet es nur noch dann und wann.


LAPACK.

Das Wetter flieht, von meinem Horn erschreckt!

Nun sage mir, warum du sie versteckt;

Die Mägdlein dauern mich, sie sind halb nackt,

So peinlich in den engen Putz gepackt.

ZWRATKA.

Du hättest wohl, weil sie schon halb entblößt,

Den engen Gürtel ihnen gar gelöst,

O saubres Mitleid, Lapack, geh nach Haus!

LAPACK.

So geh ich nicht, sag erst, was wird daraus?

ZWRATKA.

Die Töchter Kroks, wie Wlasta mir gesagt,

Bereiten heut zur Nacht sich, eh es tagt,

Wo ihre Wiege stand, hier an dem Baum

Mit Opferfeuer zu geheimem Traum;

Denn morgen ist der Tag, der sie geboren,

Den auch zur Fürstenwahl das Volk erkoren.

Mit schwarzer Kunst hab Äpfel ich bereitet,

Zum Dienst der Unterirdschen sie zu neigen,

Als Lado, Huldinnen und Lel verkleidet,

Wird diese ihnen meine Schule reichen.

LAPACK.

Du wirst noch einst mit deinem falschen Spielen,

Kömmt es zu Tag, dir bösen Lohn erzielen.[562]

ZWRATKA.

Muß ich nicht wagen, denn nichts tuest du,

Du bist ein Pfaffe, und siehst ruhig zu,

Wie sich, von Tetkas Träumerei verblendet,

Das blinde Volk vom alten Dienste wendet.

Verlassen steht der finstern Götter Hain,

Ja seit das Volk in diese Täler zog,

Ward es im Drang der Wandrung zu gemein

Mit seiner Götter Heimlichkeit und wog

Die Götter sich nach ihrer Bilder Last,

Die man bequem genug auf jenem Zug,

In Säcke mit unheilger Hand gefaßt,

Bei Brot und Werkzeug auf dem Rücken trug.

Des Himmels lichte Götter kaum mehr ehrend,

Ist ihnen ganz des Abgrunds Macht vergessen.

Die Dirnen, sich zu Krokus' Töchtern kehrend,

Fliehn meine Bänke, die sonst voll gesessen.

Des Zaubers alte Schule stirbt mir aus,

Verfall und Untergang droht meinem Haus.

Selbst Wlasta, unsre Tochter, ist besessen

Vom Glanz Libussens und folgt ihrer Schar,

Sie, die zur Erbin ich der Kunst gebar.

Zur Zukunft schaue ich mit bangem Blick,

Es ist, als wendeten des Abgrunds Quellen

Erzürnt sich zu der Finsternis zurück,

Und sorgend muß der Kunst ich Fallen stellen!

LAPACK.

Auch du wardst mit dem Gotte zu gemein;

Denn deine Mutter trug in einem Ranzen

Dich und den Tschart in dieses Land herein,

Zwei widerwärtige unheimsche Pflanzen.

Nicht wundert mich ihr weniges Gedeihn;

Eh blühen in den Grund gepflanzte Lanzen,

Als daß, aus fremder Zone weit vertragen,

Die Unterirdschen neue Wurzel schlagen;

Der Abgrund steht, die Himmlischen begleiten,

Nur von der Erde müssen wir uns scheiden.

ZWRATKA.

Dir steht es frei, ich aber will es nicht!

Her kam ich mit dem Gott, und sein Gericht

Hat meine Mutter hier im Land gegründet;[563]

Denn seinem Dienste ist mein Stamm verbündet.

Er kannte mich schon in der Mutter Leibe,

Ich bleibe ihm, daß er dem Lande bleibe.

Doch jetzt pocht tiefe Angst in meinem Blut,

Denn töricht liebt das Volk des Krokus' Töchter,

Und wem wird morgen wohl der Fürstenhut,

Wer wird des Volks und des Altares Wächter?

Du regst dich nicht, und bist aus Kroks Geschlecht.

LAPACK.

O schweige nur, ich kenne wohl mein Recht,

Was du mir möglich ließ'st, tu ich für mich;

Denn, weißt du wohl, du bist mir hinderlich.

ZWRATKA.

Ich, ich?

LAPACK.

Ja du, dein finstrer Götterdienst,

Mit dem du, wie die Spinne im Gespinst,

Nur Fliegen für den schwarzen Tschart gewinnst,

Ist allen Männern dieses Volks verhaßt.

ZWRATKA.

O Undank! Undank für die schwere Last

Der heilgen Künste, die ich rettend trage;

Doch auch auf Undank war mein Herz gefaßt.

LAPACK.

Selbst mich, den Priester, traf schon ihre Klage,

Als ginge ich beim schwarzen Gott zu Gast,

Mit dem du, also ist im Volk die Sage,

Gen alle Weise dich verschworen hast.

ZWRATKA.

Daß mich die Macht des Abgrunds angezogen,

Ist mir ein Trost, der Gott ist mir gewogen.

Seit ewgen Zeiten dienet ihm mein Stamm,

Mein Haus war immer aller Neurung Damm;

Denn auf den Abgrund ist es fest erbaut,

Und auf den Abgrund habe ich vertraut.

LAPACK.

Ganz löblich ist mit Göttern die Bekanntschaft,

Doch nicht so löblich scheint mir die Verwandtschaft.

Man spricht auch wohl, mir schaudert drob die Haut,

Des Lapacks Weib sei auch des Tschartes Braut.

ZWRATKA.

Elender Mann! das ist von dir erfunden,

Fluch dir, und deinem Stamm, und deinem Namen,

Fluch jenem Eide, der mich dir verbunden,

Fluch allen, die aus Krokus' Lenden kamen;

Nun weiche hier, sonst reiß ich dich zu Stücken![564]

LAPACK.

O laß mich hinken, schone meiner Krücken!

Und tragen sie mich zu dem Stuhle Kroks,

Wirst du schon wieder freundlich zu mir rücken.

Dich zwinget auch die Glut des Safranrocks,

Für mich wirst du dich dann noch schöner schmücken

Als zu dem Aufgebot des Maienbocks.

Ins Bockshorn, Zwratka, wirst du mich nicht jagen,

Solang mein Wetterhorn den Donner bricht.

ZWRATKA.

Geh deines Wegs! wirst du gekrönet ragen,

Dann zeig ich dir ein freundliches Gesicht.

LAPACK.

Darauf, du Häßliche, möcht ichs kaum wagen.


Ab.


ZWRATKA allein, zieht ein als Trinkhorn geschnitztes Bockshorn hervor.

Tschart, Tschart! Verneinender! sieh, Schmach und Spott

Trag ich um dich, du finstrer, süßer Gott!

Gesegne mir den Trunk, komm, komm! ich trinke,

Dir gilts, Schelm, Schelm! ich kenne deine Winke,

Schon treibt die Birke, mahnt mit jungem Reise

Und macht zur Maienfahrt den Besen brünstig,

Der Maiwurm summt so süß verwirrte Weise,

Mein Dunkler, Heftiger, o sei mir günstig!

Kennst du mich noch, mein Wüterich, mein Tschart,

Kennst du dein Bräutchen noch, und diesen Ring,

Dies Nägelmal, das du auf deine Art

Mir kneiptest, als ich einst, ein junges Ding,

Zum erstenmal dich sah zur Maienfahrt

Und auf dem Besen meiner Mutter hing?

Ach Unschuldszeit! ich schrie vor deinem Bart,

Doch von der Zauberglocken Lustgekling

Betäubt, ward ich den Klügsten bald gepaart.

Der Übung scheint das Schwerste bald gering,

Du bist ein Meister, ich ward hochgelahrt,

Denn tiefe Kunst ward deiner Gunst Beding.

Das Birkenäuglein, das dort nackt und zart

Kaum mit dem Maiwurm an zu buhlen fing,

Ragt jetzt als mächtger Stamm schon dicht behaart,

Von dem schon mancher Besen zu dir ging;

Die du gehütet, hält dir jetzt den Daum,[565]

Laß ich dich fahren, denkt man deiner kaum.

Ei du – sag, Göttchen! Schwarzer, bin ich alt?

Sieh da, Herr Jäger, weg die Hahnenfeder!

Sieht sie der Hahn, so ist es aus, so kräht er,

Tschart! Tschart! du Schrecklicher – hu! kalt –


Sie setzt sich unter diesem Selbstgespräch, in welchem sie immer verwirrter wird, an der Eiche nieder, und fällt zuletzt durch den Hexentrank in eine Art Starrsucht.

Pachta und Trinitas treten als Reisende auf.


TRINITAS.

Umsonst blies nicht der Sturm die Fackel aus,

Es ist des Wegs genug, laß uns hier ruhen.


Sie faßt an ihre Füße.


PACHTA.

Ich löschte sie, ich sah im Blitz dies Haus,

Mut, Freundin, Mut, was drückt dich in den Schuhen?

TRINITAS.

Ach, lieber Meister, meine Füße bluten,

Seit gestern geh ich schon auf nackten Sohlen.

O wenn wir eine Stunde nur hier ruhten!

Es brennt mich jeder Schritt wie glühe Kohlen,

Es ist genug des Wegs, ich kann nicht mehr.

PACHTA.

Du armes Mägdlein machst das Herz mir schwer,

Solange hast du deinen Schmerz verschwiegen?

TRINITAS.

Solang ich konnte, mußt ich ihn besiegen;

Doch hier ists gut, der kühle Rasengrund

Kühlt meine Füße, die von Dornen wund.

Horch, horch, es rauscht! vergönn, daß in die Quelle

Ich meine Füße zur Erquickung stelle.

PACHTA.

Die Moldau rauschet an der Felsenwand,

Landeinwärts müssen wir, denn menschenvoll

Und angebaut ist meist der Flüsse Rand.

Nicht weiß ich, wie ich hier dich bergen soll.

TRINITAS.

Verbergen, Meister? Folgt ich darum dir?

PACHTA.

Nicht sicher ist dein teures Leben hier,

Wo rings das Beil des wilden Volks dir droht.

So weit gewandert bist du nicht, den Tod

Von blinder Roheit Überfall zu leiden,

Hier, wo du heilge Lehre willst verbreiten![566]

TRINITAS.

Wo aber wäre endlich dann mein Ziel,

Fänd ich es hier nicht in dem tiefsten Herzen?

Bei Gott! ein einzger Schritt noch ist zuviel,

Mir sagts der Herr, er spricht zu mir in Schmerzen.

Genug bin ich der Wälder nun durchzogen

Auf nächtlich banger wildverschlungner Bahn,

Von falschen Führern, Blitz und Mond, betrogen,

Knüpft ich schon tausendmal die Hoffnung an

Und trieb doch fort, gleich wie auf ewgen Wogen

Ein willenloser, steuerloser Kahn.

Doch hier, hier, fühl ich, pocht des Landes Herz,

Hier lande ich, und steure himmelwärts.

Denn alles, was nur hier auch kann begegnen,

Will mir mein gütger heilger Gott gesegnen,

So knie ich nieder, bet und schlafe hier!


Sie kniet.


PACHTA.

O bete laut, ich bete dann mit dir!

TRINITAS.

Gelobet seist du, Herr! es ist vollbracht,

Zu dieser Wälder tiefer Mitternacht

Ist deines Glaubens Licht nun auch gedrungen,

Es beten hier zu dir zwei fromme Zungen;

Wird erst dein Lob an jedem Ort gesungen,

Dann reich' der Erde, kniend vor deinem Throne,

Im Untergange eine Märtyrkrone!

ZWRATKA zusammenfahrend.

Blut! Blut!

TRINITAS steht auf.

Der Mond geht auf, wer will mein Blut?

PACHTA will sie wegreißen.

Flieh, Trinitas!

TRINITAS.

O Jesus! von dem Weibe

Hier kam der Schrei!

PACHTA.

Fort, fort, sieh, kalte Wut

Zuckt in dem starren Antlitz!

TRINITAS.

Nein, ich bleibe,

Sie ist erstarrt, erkrankt, ich helfe ihr.


Man hört den Ruf eines Wächterhornes.


PACHTA.

O Trinitas, ein Hornruf! fliehen wir!

TRINITAS.

Mut! Mut!

PACHTA.

Verberge dich, hör, Männerschritte![567]

TRINITAS.

Gott sei gelobt! es lenken sich die Tritte

Hierher zu uns, er naht von dieser Seite,

Ich red ihn an.

PACHTA.

Du machst uns elend beide,

Zurück, und schweige!

SLAWOSCH tritt mit einem Horn und einer Fackel auf.

He, wer redet hier?

PACHTA.

Ein Wanderer, vergönn ein Obdach mir,

Ich bin verirrt und müd, und mein Geselle,

Ein zarter Jüngling, kann nicht weitergehn,

Verführet von der ungewissen Helle

Des Blitzes, blieben wir hier zögernd stehn.

SLAWOSCH.

Geduldet euch, ich stoße dort am Rand

Der Moldau einmal noch ins Horn, und wecke

Die Männer jenseits; morgen wählt dies Land

Sich einen Herrn. Nur eine kleine Strecke

Wohn ich von hier, ich öffne euch mein Haus,

Da eßt und trinkt, und schlafet ruhig aus.


Im Begriff zu gehen.


PACHTA.

Freund, eh du gehst, sag, wer ist dieses Weib?

SLAWOSCH.

Die böse Zwratka ists, die Zauberin,

Sie dient dem schwarzen Gott. Mit starrem Leib

Sitzt sie oft Tag und Nacht ohn Seel und Sinn

So leblos da im geistigen Gesicht.


Ab.


TRINITAS tritt hervor.

Gut sind die Menschen, du nur willst nicht trauen.

PACHTA.

Du selge Unschuld kennst den Feind noch nicht!

TRINITAS.

Daß ich ihn liebe, zeige mir den Feind!

PACHTA.

Sieh hier dies Weib, erregt sie dir kein Grauen?

Die erste, die hier deinem Blick erscheint,

In Zauberei berauschet sitzet sie.

TRINITAS naht ihr, und indem sie Zwratka ansieht und erschrocken aufschreit, hebt sich diese.

O Jesus, hilf mir!

PACHTA.

Fort, sie hebt sich, flieh!


Pachta, Trinitas weichen; da aber Zwratka wankt und zu fallen droht, faßt sie Trinitas in die Arme und wird grell von ihr angesehen.[568]


ZWRATKA traumtrunken.

Weh! halte mich, mein Tschart, Blut! Blut!

Halt mich, du sollst es haben süß und gut,

Verfluchter Hahnenschrei aus andrer Welt!

Wer wecket mich? Halt, Tschart! dein Bräutchen fällt.

Fluch, Fluch dir, alle schwarzen Flüche dir!

Wer bist du, wer, woher, was willst du hier?

Fluch, Fluch dir, alle roten Flüche dir!

Blut, Blut! dein rotes Blut hier fließen soll.


Sie schließt die Augen, und sinkt. Trinitas legt sie zur Erde.


TRINITAS.

O Raserei der Sünde, sie ist toll!

SLAWOSCH der auftritt, reißt sie zurück.

Hinweg, nicht menge dich ins Werk der Nacht!

Sprich, war, als sie geflucht, ihr Auge offen?

TRINITAS.

Sie sah mich gräßlich an, und hat gelacht.

SLAWOSCH.

So hat sie, Arme! tödlich dich getroffen

Mit ihres Fluches Pfeil, du bist beschrien!

Schnell nehme deines Hemdes Saum, und reibe

Dein Antlitz ab, das sie mit Gift beschien.

TRINITAS.

Unsinnig wär ich dann, gleich diesem Weibe,

Nicht hat ihr Tschart an meinem Leibe Macht.

SLAWOSCH.

O, laßt uns fliehn, eh nochmals sie erwacht!

TRINITAS.

Und sollen wir sie hülflos so verlassen?

PACHTA.

Willst du dem Satan in die Zügel fassen!

TRINITAS ruhig begeistert.

Hätt ich zu Golgatha am Sühnaltar,

Wo sich der Schöpfer opfert der Natur,

Geweidet eine kleine Lämmerschar,

Ja, wärs ein einzig frommes Lämmchen nur,

Und lenkte mir der Stolze mit Gefahr

Durch meines Segens Flur des Wagens Spur,

Ich wollt ihm kühnlich in die Zügel fallen,

Und wie ich fiele, hält ich Gott gefallen!

PACHTA.

Sie reget sich, o fort!

ZWRATKA.

Blut! Blut!

SLAWOSCH.

Unheimlich ist sie, meidet ihre Wut.


Sie gehen ab.


WLASTA mit einer Fackel, Zwratka beobachtend.

Sie träumet noch, die Augen fest geschlossen![569]

Auf! Mutter, auf! eh noch der Tag ergraut.

Kotar hat schon den Mond so voll gegossen,

Daß überträufend er zur Erde taut.

Libussa naht, ich hab mich weggestohlen,

Dich zu erwecken, wie du mir befohlen.

Auf! Mutter, auf! ich schrei in taube Ohren;

Wie sie die Daumen in die Fäuste klemmt,

Das ist der Riegel, der den Eingang hemmt,

Ich brech ihn auf.


Sie bricht ihr die Daumen auf.


ZWRATKA.

Blut! Blut! es ist geschworen,

Dreimal verfluchtes! soll, mein Tschart, dir rinnen

Das Blut, das mich erweckt!

WLASTA.

Sie ist von Sinnen,

Auf! Mutter, auf!

ZWRATKA.

Fluch ihr, die dich getragen,

Ihr Blut komm auf dies Land!

WLASTA.

Bist du unsinnig,

Du wütest gen dich selbst! Die Flüche schlagen

Dein eignes Herz. Erwache, Wlasta bin ich!

ZWRATKA.

Es ist vorüber, weh! wer spricht, wer spricht?

WLASTA.

Wlasta. Was fluchst du mir?

ZWRATKA.

Du warst es nicht!

Es riß mir ein Frecher

Mit Worten des Spottes

Den schäumenden Becher

Des finsteren Gottes

Vom saugenden Mund.

Die dunkele Pforte

Erbrach er hellstimmig

Mit zaubrischem Worte,

Und Tschart blickte grimmig,

Es bebte der Grund.

Die Schreie des Hahnen

Zerschneiden nicht dreister

Die nächtlichen Bahnen

Der irrenden Geister,

Als was er geschrien.[570]

Auf glühenden Hügeln

Lag tief ich entzücket,

Von kühlenden Flügeln

Des Gottes erquicket,

Der freundlich mir schien!

Gefahr, die ihm drohte,

Hat er mir vertrauet,

Und seine Gebote

Hab all ich durchschauet

Und Hülfe erlernt.

Wir saßen zusammen,

Der Erde entrücket,

Von eiskalten Flammen

Des Abgrunds durchzücket,

Von Wonne umsternt.

Vom Erdeerschütternden

Ward kalt ich durchrissen,

Der mir in die zitternden

Lippen gebissen,

Da hört ich den Schrei!

Er riß mir im Herzen

Wie feurige Kämme,

Gleich glühenden Erzen

Brach wild er die Dämme

Der Nacht mir entzwei.

Es stachen, gleich hellen

Lichtspeeren der Sonne,

Die Töne, die grellen,

Mir frech in die Wonne

Der Traumnacht hinab.

Die Sichel des bleichen,

Des Mondes, schnitt klingend

Mit schmerzlichen Streichen

Den Herrn, mich umschlingend,

Vom Herzen mir ab.

Blut! Blut! ohn Erbarmen

Auf den, der mich weckte,

Aus seligen Armen[571]

Den Gott mir erschreckte,

Es fließe sein Blut!

WLASTA.

Unsinnige Wut!

Dein Fluch über dich!

Ich war es, fort, fort!

Was schmähest du mich?

Nun meide den Ort!

SCHARKA mit einer Fackel.

Das Opfer rüste, Wlasta, schnell ohn Säumen,

Die Töchter Kroks verließen schon die Schwelle.

WLASTA.

Die Mutter bringe ich nicht von der Stelle,

Sie ist betöret ganz von bösen Träumen.

ZWRATKA.

Blut, Blut, dem schwarzen Gotte fließe Blut!


Slawosch, Primislaus, Biwog treten zur Wahl gehend auf.


SLAWOSCH.

Noch immer raset sie?

WLASTA.

Brecht ihre Wut!

Zwingt sie, zu gehen.

SCHARKA.

Schon zum Opfer kommen

Die Fürstinnen.

PRIMISLAUS.

Sie ärgre nicht die Frommen,

Entweich, Feindselige! zerreiße nicht

Den heilgen Schleier der berauschten Nacht

Mit bösem Fluch! Das milde Angesicht

Des selgen Mondes deines Wahnsinns lacht.

Still trägt Triglawa ihn zur Hochzeitskammer,

Schlag' nicht ans Tor der Nacht mit bösem Hammer!

ZWRATKA.

Triglawen Fluch, und ihrer Buhlerei!

Fluch dem, der mir mit fremdem Zauberschrei

Den Gott entriß!

WLASTA.

O bringet sie von dannen,

Tragt sie zum Fluß, erweckt benetzend sie.

BIWOG.

Hilft das, wohlan, so will ich sie entbannen!

Ich tauche sie mit allen Teufeln unter,

Und wasch ihr fluchend Maul. Auf, munter! munter!


Er hebt sie empor, und trägt sie weg.


ZWRATKA wehrt sich.

Weh! ich bin Zwratka, weh euch, laßt mich! laßt mich![572]

BIWOG trägt sie ab.

Sei wer du willst, die Moldau ruft zu Gast dich!

SCHARKA.

Als von der Erde sie sein Arm erhoben,

Ward sie der Macht des finstern Gotts entrücket.

SLAWOSCH.

Nun kommt zur Wahl, den will als Freund ich loben,

Der mir für Tetka stimmt, die, fromm entzücket,

Der Götter Haus mit heilgem Wort erschlossen.

PRIMISLAUS.

Libussen wähle ich, des Krokus Lehre

Hat mehr als ihre Schwestern sie genossen.

WLASTA.

Heil dir, du Edler, dessen Wahl ich ehre!

BIWOG kehrt zurück.

Es ist geschehn, doch, um sie einzutauchen,

Mußt alle meine Kräfte ich gebrauchen,

Wie eine Blase leicht schwamm sie stets oben,

Die ich wie eine Bleilast schwer gehoben.

Doch endlich hat vom Pech der Unterwelt

Das erste Maul voll Wasser sie gereinigt.

Ich ließ sie los, ans Ufer hingeschnellt,

Hat sie nicht schlecht mit Flüchen mich gesteinigt,

Wie eine nasse Katze durch das Feld,

Lief sie nach Haus, von kalter Flut gepeinigt.

PRIMISLAUS.

Dies Weib macht zu Gespenstern uns die Götter.

SLAWOSCH.

Den Donnrer kennt sie nur als Donnerwetter.

SCHARKA.

Heil dir, du Starker, der den Zauber brach,

Gen guten Willen ist selbst Tschart zu schwach!

BIWOG.

Wohlan, ihr Männer, laßt zur Wahl uns gehn,

Auf Kaschas Seite wird heut Biwog stehn.


Die Männer ab.


STRATKA von der andern Seite eintretend.

Schnell legt den Holzstoß, denn die Schwestern nahn.


Während folgender Rede legen sie einen kleinen Holzstoß zusammen.


SCHARKA.

Du bliebst zurück?

STRATKA.

Mit Wrsch hab ich gesprochen.

SCHARKA.

Den Biwog, Slawosch, Primislaus wir sahn.[573]

STRATKA.

Und fühlet eure Herzen ihr nicht pochen?

SCHARKA.

Warum? warum?

STRATKA.

O welch unwahres Fragen!

Darum, weil wir am Zauberfeuer lagen,

Den ersten, der uns würd entgegengehn,

Für unsern künftgen Buhler anzusehn.

SCHARKA.

Schon lange ists, daß Wrsch dir Liebe bot.

WLASTA.

Schnell, schnell, es schimmern Fackeln durch den Wald.


Man hört fernen Gesang.


STRATKA.

Ich hör das Chor, das durch die Felsen hallt,

Die letzte Klage um des Vaters Tod;

Sie opfern hier dem Tag, der sie geboren!

SCHARKA.

Und bald begrüßt das Volk sie mit der Krone.

STRATKA.

Libussen hat der kühne Wrsch erkoren.

WLASTA.

Dich also nicht?

STRATKA.

Ich rede von dem Throne,

Sonst wäre auch wohl Primislaus für dich.

SCHARKA.

Biwog ist für Libussa nicht, wär er für mich!

WLASTA.

O schweigt, und spielet mit dem Feuer nicht,

Die Flamme hat ein ernsthaftes Gesicht.

STRATKA.

Genug des Holzes! Ruft, sie ziehn herbei.

SCHARKA.

Heran, ihr Töchter Kroks, das Feld ist frei!


Tetka, Kascha und Libussa treten, von einer Schar fackeltragender Jungfrauen begleitet, auf; diese bilden einen Halbkreis um sie, und singen.


CHOR.

Hinab, hinab in das dunkle Haus

Sank uns der Tag,

Der über Böheim lag,

Und die leuchtenden Sterne, sie löschten aus.

Es mußten Krokus' Augen

In finstre Meere untertauchen,

Bittre Woge des Todes, du schlägst an das Herz,

Und in Tränen taut dich der Schmerz

In die Kelche des Frühlings!

TETKA.

Klagt länger nicht der Götter Willen an!

Das himmelschaunde Haupt beug ich zur Erde,[574]

Und küß der mütterlichen Füße Bahn,

Daß ihres Wandels ich teilhaftig werde!

Und zu der Eiche, ihres Lebens Sitz,

Die ihr des Donnrers Zorn mit scharfem Blitz

Zur Gruft gehöhlt, heb weinend ich die Augen.

KASCHA.

Laß mich der Trauer glühe Schmerzen tauchen

In wunderbarer Kräuter Wohlgeruch,

Der mir der Tränen Flamme kühlend stillet.

O Erde, aller Schmerzen Tränentuch!

O Erde! heilge Mutter! Heilkraut füllet

Die Spur von unsrer Mutter heilgen Füßen.

LIBUSSA.

Wo ihr die Nacht, wo uns das Licht begann,

Beug ich das Haupt, die Erde fromm zu küssen,

Den einzgen Stern, den ich erreichen kann!

TETKA.

Wie spielen jetzt die Lüfte süß und kühl

Der Sternennacht im schimmernden Gefieder,

Wie war die Zeit vor wen'gen Stunden schwül!

Peron der Donnerer goß Feuer nieder.

Ich stand auf eines Berges Felsengipfel,

Und unter mir, zum Opfer aufgeschichtet,

Errauschten in dem Sturm die Eichenwipfel.

Die Blicke zu dem Himmel aufgerichtet,

Sah ich den Gott, im Wolkenwagen rollend,

Die dunklen Rosse rissen ihn durchs Blau,

Des Sturmes Geißel traf sie heftig grollend,

Und Feuer zuckte über Wald und Au,

Wenn ihre Hufe in den Felsen kletterten,

Die Räder rasselnd in das Echo schmetterten.

Still stand der Gott, in finstrem Ernst erhaben,

Sein Purpur und sein Haar den Blitz durchflaggend,

Ließ, sicher zügelnd, er die Rosse traben,

Und brach mit glüher Schar das Nachtfeld krachend,

Und sieh, die Sterne, eine fromme Saat,

Sind aufgeblüht in seiner Furchen Pfad!

Wie glänzt Triglawas Freund auf lichter Bahn,

Wie freundlich lacht der Mond Libussen an!

KASCHA.

Es sehnet sich die Erde himmelwärts,[575]

Der Frühling pocht in tausend Knospen an,

Schon sinkt der Himmel tauend an ihr Herz,

Es duftet bräutlich rings der Thymian.

Und träumend spiegelt seinen grünen Schauer

Im klaren Fluß der Eichwald jung belaubt.

Du ernster Rosmarin! du Freund der Trauer,

Hebst sinnend treu das immergrüne Haupt.

O keusch gesenkter Blick der Maienbraut!

Erblühnder Mund, wie redet ihr so laut!

Du unerschloßnes Herz, ich hör dich pochen,

Die Rose, die noch in dem Keime träumt,

Weiß nicht, ob sie nach wen'gen Sonnenwochen

Im Rausche aller Wonnen überschäumt,

Weiß nicht, ob sie, von Tau und Düften voll,

Zum Lichte weinen oder lachen soll!

Schlank Lilienkraut! bald wird in deinen Kelchen

Die nachtverirrte fromme Biene schwelgen.

Im Fackelscheine deut ich euch die Kräuter.

Der Himmelsschlüssel und die Himmelsleiter

Erheben schon ihr Haupt auf Tetkas Feld.

Mit Krokus, Baldrian, Heil aller Welt

Seh ich das meinige auch wohl bestellt.

Doch sieh, Libussa, deines Gärtleins Boden

Legt aus den Schatz von herrlichen Kleinoden.

Den Ehrenhut verheißt die Jungfraunkrone,

Der Königszepter reicht den Zepter dir,

Und wie ein Gürtel deinem Frühlingsthrone

Sproßt rings des blauen Ritterspornes Zier.

Zwar könnte mich bei allen diesen Schätzen

Der wilde Mägdekrieg in Sorgen setzen,

Doch mahnt mich hier der kräftge Ackermann,

Daß jenen ich auch Pflugsterz nennen kann.

So lacht das Glück, Libussa, dir im Garten!

LIBUSSA.

Ihr Gütigen könnt kaum mein Heil erwarten;

Der Himmel, Tetka, läßt mich durch dich grüßen,

Dein Aug der Götter leuchtend Werk belauscht,

Die Erde, eine Wolke dir zu Füßen,

Mit ihren Wäldern, ihren Strömen rauscht.[576]

Aus Gartensternen deutet Kascha mir,

Die Erdvertraute, gut des Abgrunds Traum;

Den Gott verstehet und verkündet ihr.

Ich breche uns an seines Mantels Saum,

In seiner Dreiheit eins, dies Kleeblatt mild,

Mit Tauesperlen ist es schön geschmückt.

Es sei der frommen Schwesterliebe Bild,

Das weinend zu geliebten Gräbern blickt.

Kein Heil kann uns, den Töchtern, fortan blühn

Als Einigkeit in dreifachem Bemühn.

Doch sieh, wie seltsam spielt das Glück mit mir,

Dies Kleeblatt trägt der zarten Blättlein vier!

KASCHA.

Heil dir, es pflücken Götterfreunde nur

Des Glückes Winke auf des Frühlings Spur!

TETKA.

Das Doppelblatt in dieses Kleeblatts Zier,

Es ist das irdsche Glück, es neigt sich dir.

Zum Opfer nun, hier, wo ums Angesicht

Der Drillinge zuerst der Sonne Licht

Mit dieser Eiche Schatten fromm gespielt,

Als uns die Mutter an dem Busen hielt,

Werf ich drei Krokusblüten in die Flamme,

Zu Ehren unsers Vaters selgem Geist,

Das edle Würzkraut, heilig unserm Stamme,

Deß Tugend unsers Vaters Namen preist.

KASCHA.

Wachholder bringe ich, und Majoran.

LIBUSSA.

Hier ist das Demutkraut, der Thymian;

Auf, zündet mit den Fackeln nun die Glut!


Wlasta, Stratka, Scharka geben ihnen drei Fackeln; sie zünden das Holz an, und werfen die Kräuter zur Glut.


LIBUSSA.

Hell loderts auf, mein Herz hegt frohen Mut!

TETKA.

Die Flamme laßt den jungen Tag begrüßen,

Der sie verlösche mit den Rosenfüßen!

WLASTA, STRATKA UND SCHARKA.

Lado, Lado, Krasnipani,

Krasnipani, schöne Frau!

Schimmernd auf dem goldnen Wagen

Über Berg und Tal getragen,

Gütig auf dies Opfer schau![577]


Lado, Lado, Krasnipani!

Goldne Äpfel trägst du drei,

Lieb' um Liebe anzulocken,

Und es wehn die goldnen Locken

Um dich, Schöne, frank und frei!


Lado, Lado, Krasnipani!

Der drei goldnen Äpfel Gunst

Hast der Mutter du gegeben.

Und drei Jungfraun nun erheben

Zu dir heilger Flamme Brunst!

TETKA den Rauch betrachtend.

Seht, wie der Rauch des Opfers senkrecht steigt,

Die Säule die Gebete aufwärtsträgt.

Wenn jede Brust einst fromme Glut bewegt

Und alle Sehnsucht so zum Himmel reicht,

Der Andacht Säulenwald die Erde bildet,

Den Peron mit gestirnter Kuppel schildet,

Dann wird das Leben eines Opfers Schein

Und Erd und Himmel nur ein Tempel sein.

Kommt, setzt euch, denkt der Mutter, die hier ruht!


Sie setzen sich um das Feuer.


KASCHA in die Flamme schauend.

Figurend durch die Reiser irrt die Glut,

Sie läuft am Zweig, gleich einer Schlange, fort,

Macht hier das Blattgeripp zur glühnden Spinne,

Und hüpft dort, wie ein Frosch, von Ort zu Ort:

Drei Bilder, deren ich mich wohl besinne,

Man hängte sie uns an die goldnen Ringe,

Uns in der Schule leicht zu unterscheiden.

Zufällig nicht ist die Gestalt der Dinge,

Das eine will das andre stets bedeuten.

O selig, wer die Zeichen all ergründet,

Die Tiefe würde laut von ihm verkündet!

LIBUSSA das Haupt erhebend.

Es spielt ein kühler Wind aus Orient

In meinem Haar, und sieh! des Feuers Herz,[578]

Das, von der Heimat angeweht, entbrennt,

Zuckt mit der Flamme Puls nun abendwärts.

Du heilger Odem! nenne mir die Namen

Der Väter all, die auch vom Morgen kamen!

Uns trägt der Strom, sie tranken aus den Quellen,

O möchte sich der Aufgang uns erhellen!

Ich leg mein Haupt nun zu den Blumen hier,

Erzähle, Tetka, von der Mutter mir.

TETKA.

Laß uns den Tag, der uns das Licht ließ schauen,

Mit Blumenschmuck empfangen auf den Auen;

Ihr Mägdlein, gehet, flechtet uns die Kränze,

Daß unsre Stirn dem Lenz entgegenglänze.


Die Jungfrauen löschen die Fackeln, und gehen.


LIBUSSA.

Sie von uns weisend, kränkst du ihren Mut.

KASCHA.

Nicht alles wissen ist den Mägden gut,

Laß immer sie in Unschuld Blumen brechen!

TETKA.

Vom Wunder unsrer Abkunft will ich sprechen,

Geheimnisvoll war unsrer Mutter Leib,

Die mehr gewesen als ein sterblich Weib.

Das Heilige bewache frommer Geiz;

Dem Wundervollen allzuleicht ergeben,

Folgt die Unwissenheit geheimem Reiz,

Zur Anbetung Verhülltes zu erheben,

Und webt des Unverstandnen höhern Schein

Falsch in des Glaubens Bilderteppich ein.

Der Sinne Blindheit rückt, sich selbst zu blenden,

Das Unerschaute in des Gottes Licht,

Zur Flamme greift das Kind mit dummen Händen,

Doch besser tut es, wenn es Blumen bricht.

Wird einst nicht Raum im Schoß der Erde bleiben,

Die Wurzeln der Unwissenden zu fassen,

Die ihre Blüten in den Himmel treiben,

Wird dieser die Allwissenden entlassen,

Dann wird sich jenen Gottes Liebe zeigen,

Die Götter sehn als Menschen niedersteigen.

KASCHA.

Geschaffnes in des Schöpfers Werkstatt dringet,[579]

Und mit dem Werkzeug selbst das Werkzeug ringet.

Der Wurzeln Wunderwirkung gen die Wunden,

Der heilgen Kräuter Kräfte für die Kranken

Und der Gesteine gut und giftge Geister,

Der Sterne Siegel auf der Stirn der Stunden,

Gelöst vom Golde göttlicher Gedanken,

Der Welten Spiegelbild im Aug der Meister

Gespensten an der Lebensquellen Rand,

Entheiligt in unheilger Hexen Hand.

Der Sünde Hunger kann kein Licht ertragen,

Wahnsinnig muß sein eignes Herz er nagen

Und meint, das Herz der Nacht, sich zu erlaben,

Mit Zauber aus des Abgrunds Kern zu graben.

Euch, die zur Tiefe so das Antlitz wenden,

Wird Flüche sie statt ihrem Segen spenden.

LIBUSSA.

So wird der Götterdienst zum Götzendienste,

So wird der Herrendienst zur Sklaverei,

So webet in dem heiligen Gespinste

Der Unterirdischen die Zauberei.

In guter Mitte steht die Waage ein,

Der Fuß getragen auf der Erde ruht,

Das Haupt sieht selig in des Himmels Schein,

Inmitten schwebt das Herz gesund und gut.

Was abwärts zieht, ist allzutief dem Menschen,

Was aufwärts zieht, ist allzuhoch dem Menschen,

Der irdisch leben soll und himmlisch denken,

Daß Erd und Himmel sich in ihm versöhne;

Jener den Gott, den Menschen diesem schenken,

Kann nur der menschlichste der Göttersöhne.

TETKA.

Mein Haupt möcht in des Himmels Augen lesen

Der guten Götter, Bilobogi, Wesen,

Und allzuhoch geht also wohl mein Streben.

KASCHA.

Mein Fuß forscht nach des Abgrunds sichren Stufen,

Wo mich die Unstern Tschernobogi rufen,

Und allzutief dringt also wohl mein Leben.

LIBUSSA.

Wie selig ruht das Herz mir in der Mitte,

Der Himmel höret gütig meine Bitte,

Die Erde füllt mit Segen meine Schritte,[580]

Zum Himmel bet ich, lach und wein zur Erde,

Daß mitten in dem Leben wohl mir werde.

TETKA.

Als Kind schon nahmst du gern die Mitte ein,

Trank ich der Mutter rechte Brust allein,

Sog Kascha Nahrung nur aus ihrer linken,

So schlummertest du lächelnd zwischen beiden

Und wachtest freundlich, ohn uns zu beneiden,

Die rechte und die linke Brust zu trinken.

LIBUSSA.

Erzähle, Tetka, unsrer Abkunft Wunder!

KASCHA.

Erzähl, der Tag ergraut, der Mond geht unter.

TETKA.

O meine Seele, Spiegel frühster Zeiten!

Den Knappen Chechs, den Krokus zeigst du mir,

Den Vater, seines Herren Rosse weiden,

Er ißt sein Brot, er schlummert sorglos hier;

Die Eiche sehe ich ihm Schatten breiten,

Ein Geisterweib, die Mutter, wohnt in ihr,

Vertraut dem frommen Freund an ihrem Baume

Zeigt sie der irren Rosse Spur im Traume.

KASCHA.

Heilige Zeit! als im wehenden Schatten

Ewiger Eichen die Geister noch lebten,

Die über des Wiesengrunds tauichte Matten

Selig auf luftigen Füßen hinschwebten.

Über den wiegenden Wogen der Wellen

Und in des Walddickichts krausem Gesaus

Waren lebendige Götter zu Haus.

Wo jetzt die Wildnis

In wilden Waldquellen

Einsam sich spiegelt,

Schauten ihr Bildnis

Die selgen Gesellen.

Noch nicht versiegelt

Waren die Bronnen,

Sich auf den Schwellen

Der Felsen zu sonnen

Liebten die Nymphen.

Noch nicht verriegelt,

Saß in des Widerhalls

Tönenden Grotten[581]

Ohlas, zu schimpfen,

Und heimlich zu spotten.

Und um des Wasserfalls

Tosenden Lärmen

Sah man geschäftige Fräulein hinschwärmen.

Schaukelnd und gaukelnd,

Auf wiegenden Zweigen

Ließ sich der Reigen

Der frommen Waldfrauen,

Der Russalki, erschauen,

Die aus den Locken

Blumen und Perlen und edle Gesteine

Kämmten und sangen,

Daß jubelnd die Haine

Wie Himmel erklangen,

Und in der Blumen nickenden Glocken

Hauste ein duftendes Jungfrauenchor,

Trugen den blinkenden Tau bei der Feier

Göttlicher Feste als Perlen im Ohr,

Und der Reif war ihnen ein silberner Schleier.

Selige Zeit! aus den Flüssen und Teichen

Sah man noch Wodnick, den Wassermann, steigen,

Bunte Bänder mit silberner Elle

Maß der freundliche grüne Geselle,

Und warf sie der grüßenden Hirtin ans Land.

Selige Zeit, wo unschuldiger Tand

Liebende Geister und Menschen verband!

LIBUSSA.

Heilige Zeit, der Herbst war ein Wirt,

Der Frühling ein Sämann, der Schatten ein Hirt,

Und an des Sommers glühendem Herde

Opferten gütige Geister der Erde.

Heilige Zeit, kein Jäger, kein Ritter

Schleuderte des Krieges feindliche Speere

Als Peron der Donnrer im Ungewitter,

Und die Wolken waren die fliehenden Heere.

Goldene Zeit, hier war noch kein Schnitter,

Als der Tod, Marzana, das hagere Weib,

Und der Winter deckte des Toten Leib.[582]

TETKA.

O kurzer Traum! Schon rings erbebt der Wald,

Der Siwa goldnem Wagen bahnen Wege

Die slavschen Männer; hell das Beil erschallt,

Und mörderisch knirscht schon der Zahn der Säge;

Bald dringet auch die menschliche Gewalt

In dieses Baumes heiliges Gehege.

Da weckt den Vater Nivas Lilienhand;

Sie sprach zu ihm, die schimmernd vor ihm stand:

O Krokus, reiner Mann, mit meinem Heile

Ist fest verbunden dieser Eiche Leben,

Bewahre sie vor deines Volkes Beile,

Die Schatten, Schlaf und Traum dir oft gegeben,

Der Schützenden nun wieder Schutz erteile!

Da legte Krokus, ohne zu erbeben,

Zum Schwur die Rechte an des Bartes Haar,

Das kaum dem jungen Kinn entsprosset war,

Und schwur: So wahr mir Lado geb ein Weib,

An Sinnen klar, gesund und rein an Leib,

Soll dir kein Beil den heilgen Baum verwunden.

Er schwört, der Baum errauscht, sie ist verschwunden!

KASCHA.

Selig an des Himmels Grenzen

Der unschuldigen Helden Traum!

Blüten aus der Götter Kränzen

Fallen auf ihres Lagers Saum,

Und aus den Schatten, die sie bedecken,

Freundliche Mächte der Ewigkeit

Hülfebegehrende Hände ausstrecken

Zu den vergänglichen Kindern der Zeit.

LIBUSSA.

Schattig gedeckt, ist die Waldnacht ein Haus

Und die Erde ein Tisch mit erquickender Last,

Gerüstet von Göttern, doch ein trunkener Gast

Stößt der Mensch die Wirte undankbar hinaus,

Und er zerschmettert, die Tempel erbauend,

Töricht die Wiegen der himmlischen Geister,

Die ihm, gleich treuen Gespielen, vertrauend

Boten die Hände zum Bund mit dem Meister;

So hat nicht Krokus, der fromme, getan:

Denn als die Männer in irdischem Wahn[583]

Fällten die Haine, die Wohung der Elfen,

Schloß er, der heiligen Mutter zu helfen,

Feierlich schwörend dem Himmel sich an!

TETKA.

Im Dienst verspätet auf des Herzogs Schloß,

Treibt er die Füllen einst in dies Gehege,

Da schallet Beilschlag, und es stutzt sein Roß,

Er horcht – so rauscht kein Laub, so zischt die Säge –

Rasch sprengt er her, und sausend folgt der Troß,

Vom Dorn gegeißelt durch verwachsne Wege;

Dort bricht er vor, mit wütendem Entsetzen

Sieht Beil und Säge er den Baum verletzen:

Fluch deiner Säge, Fluch auch deinem Beile!

Die Keule schwingt er, und sie flohn in Eile.

KASCHA.

Heiliger Grimm, der den Vater getrieben

Zum Schutze der Elfe, sie lernte ihn lieben;

Die Geister des Lebens sind dankbar, sie weben

Irdische Schätze in himmlischen Segen;

Wer sah die Gütgen je, müde zu geben,

In den Schoß die goldenen Hände hinlegen.

LIBUSSA.

Sieh, es vernarbte die Wunde am Baum;

Aber der Fluch ist ohne Zügel und Zaum.

Geschleudert vom Zorne, den tödlichen Stein

Führet das grausame blinde Geschick,

Kein Segen je holet den grimmigen ein

Und reißet ihn schützend im Falle zurück;

Geltend dem Vater, verletzt er die Söhne,

Und spät noch, daß er den Vater versöhne,

Rächt sich der Enkel am zürnenden Glück!

TETKA.

Nun ist die Elfe dankend ihm erschienen,

Ein Kleeblatt brach sie, sprach: Nimm hin, mein Sohn!

Das erste Blatt lehrt dich den Göttern dienen,

Der Erde Kenntnis ist des zweiten Lohn,

Die Hauswirtschaft, das Regiment der Bienen

Lehrt dich das dritte, führet dich zum Thron.

Er schlug es aus, er könnt nur sie verlangen,

Umfangen hat er sie, die uns empfangen.

KASCHA.

Wie in des Wollkrauts zaubrischer Schlinge

Listige Meister Farnsamen gewinnen,[584]

Wie die goldenen Netze fleißige Spinnen

Zum Fange der schimmernden Schmetterlinge,

Der geflügelten Blumen, vor die Sonne weben,

Wie die Blätter zum Lichte die Hände heben

Und wie die Lilie in Unschuld die Kelche

Öffnet, daß küssend die Biene schwelge,

Und sich schließet, in ein duftend Gefängnis

Einfangend die trunkene Künstlerin,

Also auch fängt in des Schicksals Bedrängnis

Gütige Geister der liebende Sinn,

Also wird heiliges Geben Empfängnis

Und es sät sich der Sämann Gewinn;

Denn es ist in der Zeit kein Verlieren,

Wenn ihre Kränze die Ewigkeit zieren.

LIBUSSA.

Seliger Tausch, der göttliche Segen

Mehrt ihm das Gut, hier erbaut er das Haus,

Und von hier gossen auf blühenden Wegen

Quellen des Trosts und des Heiles sich aus,

Und unsrer geistigen Mutter Gunst

Schien mit der Weisheit lebendigen Sonnen

Ihm in das Haupt, in den quellenden Bronnen

Des Rates, des Rechtes, der göttlichen Kunst.

So ward in der Seele der Himmel ihm groß,

Ihr wachsen die Früchte der Erde im Schoß,

Und daß ihm die Erde, der Himmel ihr bliebe,

Ward sie ihm Weib und uns Mutter aus Liebe.

TETKA.

Es ward erfüllet ihr der Monde Zahl,

Mit Sonnenaufgang sind es zwanzig Jahr,

Daß uns drei Mägdlein lächelnd ohne Qual

Die Mutter an der Eiche hier gebar.

Hier ist das Kleeblatt, sprach sie, mein Gemahl,

Das du verschmähtest, und reicht uns ihm dar;

Er küßte uns, und sprach: Die hohen Gaben

Des Kleeblatts mögt ihr süßen Kinder haben!

KASCHA.

Heilig der Gebärenden erster Wunsch und Segen,

Dem die Himmel erfüllende Hände auflegen;

Heilig der Sterbenden letzter Wunsch und Willen,

Denn die Erde erfüllt ihn, die sie selbst erfüllen.[585]

LIBUSSA.

Im Arm der Mutter hielt uns der Vater umschlossen,

Noch trägt uns die Erde, vom Himmel umflossen,

Noch sind wir nicht einsam, noch nicht verlassen,

O laßt uns mit zärtlichen Armen umfassen!


Sie umarmen sich.


TETKA.

Sie lehrte Gold ihn waschen aus dem Sand

Und Perlen fischen aus der Moldau Grund,

Und schlösserbauend ward bald rings im Land

Sein Reichtum und sein hohes Leben kund.

Die Armen segneten des Milden Hand,

Die Reichen schlossen gern mit ihm den Bund.

Treu dienten ihm die Menschen und die Geister,

Zu Budetz in der Schule war er Meister,

Als Herzog hat zu Psary er gesessen;

Da war des Glückes Maß ihm voll gemessen.

Einst saßen spielend wir allhier im Kreise,

Der Tag war finster, Sonne wollt nicht scheinen,

Schwermütig kam der Vater von der Reise,

Die Mutter sah ihn an, und mußte weinen;

Sie nahte ihm, und sprach mit ernster Weise:

Mein Krokus, heut bedroht Gefahr die Deinen,

Heut hütest du vergebens meine Eiche,

Den Ring, den ich dir gab, zurück mir reiche!

Da sprach ergrimmt der Vater: Fluch der Hand,

Die deiner Eiche mit dem Beile droht,

Der Baum ist ewig, ewig ist ein Pfand

Der heilge Ring, den mir die Liebe bot;

Die starke Fessel, die das Glück mir band,

Zerbreche nur der Tod, und nicht die Not!

Da hallte rings der Donnerwagen wieder,

Und Peron warf erzürnt den Blitzstrahl nieder!

LIBUSSA.

Weh, kein menschliches Herz kann es wagen,

Zu umfassen der göttlichen Güter Fülle.

Sterbliche Schultern können den Himmel nicht tragen,

Dem unendlich die Macht und der Wille.

Weh uns! vom Strahle des Donnrers erschlagen,

Sank Niva zur Erde, und ihre Freude ward stille![586]

KASCHA.

Weh, er erzürnte den Gott; denn sein Schwur

Nannte die Göttin der Liebe, die Lado, nur,

Und dem Donnrer vergaß er ein Opfer zu reichen,

Dem doch geheiligt die ewigen Eichen,

Und rächend höhlte der Blitzstrahl den Baum

Zur dunkelen Gruft; drin nistet der Traum.

TETKA.

Also irret leichtlich der Mensch, der die Götter

Zerstreut sieht wie des Baumes wogende Blätter.

Ein Stamm ist der Glaube, eine Himmelsstütze,

Wie Blüten und Früchte auf den ragenden Zweigen

Haben die Götter und die irdischen Geister

Ewig und sterblich ihre heiligen Sitze,

Die all aus einem zu einem hinsteigen,

Zum heiligen Lichte; denn es setzet der Meister

Seine Füße in der Krone schwindelnde Spitze,

Und wenn er donnert, so führt er den Reigen

Und schleudert nieder die schmetternden Blitze

Tief in den Schoß der geschaffenen Erde,

Wo die finsteren Götter, die gefallenen Knechte,

Gefesselt sitzen in einsamer Wacht;

Daß auch der Abgrund bevölkert werde,

Hausen sie, fluchend auf verlorne Rechte,

In der Wurzeln schlangendurchwundener Nacht.

Seh ich erst Peron das Nachtfeld zerreißen

Mit seines Donnerpflugs glühenden Scharen,

Werd ich bald Siwa in den goldenen Gleisen

Auf dem ährenumwinketen Wagen gewahren;

Denn unter des Wetters gewaltigem Zorn

Träufelt ein alles erquickender Regen;

Und überschwenglich dann füllet der Segen

Mit glühenden Früchten des Suetowids Horn.

Selbst Jagababa, die Riesin der Schlachten,

Dünget mit sinkenden Leben das Feld,

Und wie auch die Männer zum Tode hintrachten,

Tragen und lieben die Götter die Welt.

Die Stürme verstürmen, und auf tauichten Auen

Läßt sich Frau Lado, die liebliche, schauen;

Doch wie wär der eine, wo der andere nicht wäre,[587]

Denn einer nur lebet, und dieser ist alle,

Und daß ich allen in einem gefalle,

Gebe ich allen in einem nur Ehre,

Dem lebendigen Himmel, der Ewigkeit,

Dem erdenumarmenden Vater, der Zeit!

KASCHA.

Nicht das herrliche Gold, die unterirdische Sonne,

Der mächtige König, der in der Tiefe thront,

Nicht das adelige Silber, des Abgrunds Mond,

Reichen dem Menschen das Weh und die Wonne;

Nicht das lügende Kupfer, das Blei, der stumme Planet,

Nicht der rüstige Held, das hellklingende Erz,

Nicht das starrende Eisen, der kalte Komet,

Der mit dem Schweife zum Nordsterne dreht,

Erquicken und drücken das menschliche Herz.

Nicht der Jäger des Abgrunds, der grüne Smaragd,

Fesselt die flüchtigen Tiere der Jagd,

Und nicht des Rubinenaugs feurige Glut

Stillet den schreienden Wunden das Blut.

Nicht ist es der Zaubrer, der weise Demant,

Der die Gifte verrät und die Untreue bannt,

Und nicht der künstliche Stein in der Schlange Haupt,

Der dem Feinde die Macht seines Schwertes raubt.

Nicht der Alrun, der zasrichte Wurzelgötze,

Legt in die Truhen die schimmernden Schätze,

Nicht kann der Farnsamen, nach dem die Geister ringen,

Das Glück und die Liebe den Sterblichen zwingen.

Weder des Safrans Feuer, noch der bittere Wermut,

Noch des gewürzigen Thymians Demut

Brechen die Schmerzen, und leichtern die Schwermut,

Und wandlen in Freude die zagende Wehmut;

Keine Sonne, keinen Mond erkennet als Herrn

Der himmelumschlossene irdische Stern;

Denn alle sie zwingt in die heilige Spur

Die Mutter der Dinge, die ewge Natur!

LIBUSSA.

Aber zwischen Himmel und Erde wandelt

Der Mensch, ein Bild, und betet und handelt,

Und liebet sich selbst, und wähnet sich frei;

Da senket der Schlaf vor dem Erdengebieter[588]

Den bleiernen Spiegel des Todes hernieder,

Und erinnert ihn, daß er ein Sterblicher sei!

Nun lasset uns ruhen, ich schlafe nicht,

Aber sinnend leg ich mein Angesicht,

Daß es den grauenden Morgen erschaut.


Sie legt sich gen Morgen, und entschläft.


KASCHA.

Mich betäubet das duftende Kraut,

Und der Moldau finsteres Rauschen

Wieget mich ein wie ein Schlummerlied,

Und meine Seele treibt hin unterm Lauschen,

Wie der Kahn ohne Schiffer den Strom hinabzieht.


Sie legt sich aufs Antlitz, und entschläft.


TETKA in das einsinkende Feuer schauend.

Es weht kein Lüftlein, es verlöschen die Flammen,

Einsame Fünklein irren wie ferne

Wiederfindende Freunde zusammen,

Und küssen sich, und sinken wie schießende Sterne.

Mit der Aschenwimper über dem glühenden Aug

Der Kohle spielet der Schlummernden Hauch,

Es blicket, und sinket, und stirbt; und den Saum

Des Sternenmantels der Nacht hebt der Traum,

Und spiegelt mit zerrissenen Bildern uns an;

O sei uns wundervoll, du heiliger Wahn!


Sie legt sich auf den Rücken, und entschläft.


ZWRATKA leise hervortretend.

Bald reißt der Hahn mit sichelförmgem Schrei

Ins Herz der Nacht, und bricht die Zauberei.

Jetzt muß es sein, eh noch der graue Saum

Des Himmels sich in Glut des Safrans taucht,

Eh Morgenluft in Tau und Duft dem Traum

Die zauberischen Larven noch zerhaucht.

O Kikimora, Traumgott, steh mir bei!

Schon in Triglawas, deiner Mutter, Schoß

Triebst ungeboren du Verräterei.

Ihr ward das Herz in Liebessehnsucht groß,

Und mit dem Monde ihre Buhlerei

Gabst ihrem Herrn, dem finstern Tschart, du bloß.

Da riß er zweifelnd, wer dein Vater sei,[589]

Erzürnet dich aus ihrem Schoße los;

Sie fluchte dir, und gab dich vogelfrei,

Und zwischen Nacht und Tod fiel dir dein Los,

Gespenstisch Kind, ins Reich der Zauberei.

Die Nacht des Himmels hast du losgerissen,

Verräter, von des Abgrunds Finsternissen,

Und zwischen beiden saugst du nun, Bastard,

Des Zwitters Brust, des Schlafs, der Amme ward.

Wie ein Vampyr trinkst du sein friedlich Blut,

Ihn mit des Traumes Heuchlerflügeln fächelnd,

Daß er sich reich und selig glaubt und lächelnd

Hinschiffet auf der goldnen Lügen Flut;

Auch beißest du ihn wohl mit schwarzem Zahn,

Und jagst ihn atemlos den Fels hinan,

Wo unter ihm ein Chor von Geisterschwänen

Sein Sterblied singt auf bittrem Meer der Tränen.

Oft liegst du, Bleiklump, mit dem dummen Albe

Auf edler Brust, und schmutz'st das Leben ein,

Schreckst Wachen mit dem glühgeaugten Kalbe,

Dreibeingen Hasen, hagern Mutterschwein.

Mir selbst, Verruchter, mischst du in die Salbe

Oft deine mißgebornen Sudelein;

Doch kenn ich dich, zeigst du gleich nur das Halbe,

Zieh ich das Ganze doch zum Sonnenschein.

Nun lasse dich, eh sich der Morgen falbe,

Auf diese Jungfraun nieder, spiele fein,

Der Tag wird deine Schelmerei der Schwalbe

Auf ihres Liedes Gaukelfaden reihn.

Den Liebling opfr' ich dir, die Fledermaus,

Den Zwischenträger, des Verrats Gespiel,

Wie dich stieß Maus und Vogel sie hinaus,

Daß nachtlos, taglos, sie zur Dämmrung fiel.


Sie wirft eine Fledermaus in die Glut.


Sie schlummern tief, die Äpfel geb ich ihnen;

Der Dirnen Mummerei wird gut mir dienen,

Erwachen sie, so spreche ich: Ich führte

Lel, Lado und die Huldinnen euch vor,

Weil eures Lebens Jahrestag dem Chor[590]

Mit Festlichkeit zu grüßen wohl gebührte!

Doch schlafet nur, was mit geschloßnen Augen

Ihr sehen werdet, wird mir immer taugen!


Sie pocht an die Türe von Kroks Hütte.

Hubaljuta als Lado mit den goldnen Äpfeln in der Hand, Meneljuba, Entawopa, Moriwescha als die drei Huldinnen, Ziack als Lel treten aus der Hütte. Die Huldinnen begleiten Lados Gesang mit den Harfen, sie treten um die schlummernden Fürstentöchter her.


LADO.

Zu mir drang eures Opfers fromme Glut

Ins sterngezierte Haus der heilgen Nacht;

Mit Wohlgeruch erfüllt der Locken Flut,

Bin über eurer Andacht ich erwacht.

Ich kenne euch, ihr Jungfraun weiß und mild,

Ihr seid der keuschen Triglawa ergeben,

Sie trägt den Mond, auf ihrem goldnen Bild

Drei Häupter sich in Einigkeit erheben.

Auch ihr seid drei, doch dreifach euer Sinn

Trank einig eines Herzens Liebe nur,

Nun nehmt von mir drei goldne Äpfel hin,

Umfassend alle Schätze der Natur.

LEL.

Mutter, laß die Äpfel mich

Hin zu Krokus' Töchtern schwingen,

Jeden Apfel küsse ich,

Sie mit Liebe zu bezwingen.

LADO.

Lelio, du mein süßer Knabe,

Du Gespiele meiner Tauben,

Nein, ich darf dir nicht erlauben,

Erst zu küssen diese Gabe,

Denn dem finstern Donnergotte

Peron, der in Wolken tobet,

Sind die Mägdlein auch verlobet,

Und dein Kuß wär ihm zum Spotte.

Werft ihr Jungfrauen,

Euch kann ich vertrauen,

Das himmlische Los

Den Schwestern zum Schoß!

ERSTE HULDIN.

Nimm, Tetka, den Apfel des Himmels von mir![591]

ZWEITE HULDIN.

Den Apfel der Erde geb, Kascha, ich dir!

DRITTE HULDIN.

Libussa, der Apfel des Lebens wird dir!


Sie werfen bei diesen Worten den drei Schwestern die goldnen Äpfel in den Schoß, und fliehen auf den Wink Zwratkas schnell in das Gebüsch, wo man sie unter Harfenklang sich entfernen hört. Zwratka wirft sich im Hintergrunde an die Erde.


TETKA erwachend.

Wer weckt die Tochter Kroks? Horch, Harfenschlag!

Wer warf den goldnen Apfel mir zum Schoß?

KASCHA.

Wer mir?

LIBUSSA.

Wer mir? Es warf der junge Tag

Uns allen dreien heut ein gleiches Los!


Sie heben alle drei die Äpfel empor. Zwratka steht auf, und naht sich, begeistert erzählend.


ZWRATKA.

Grüß euch der morgenrote Jutrobog!

Zur Stunde, die euch hier zum Licht gebar,

Saht ihr Frau Lado nicht, vorüberzog

Sie hier vor euch mit ihrer Jungfraun Schar;

Aus jeder Huldin Hand ein Apfel flog,

Sie brachten euch Geburtsgeschenke dar.

So zauberisch war ihrer Harfen Spiel,

Daß ich entzücket an die Erde fiel.

TETKA ernst und monoton.

Mir träumte, als stieg ich zu göttlicher Kunde

Durch Wolken hinauf in des Himmels Paläste,

Ich hielt durch die schimmernden Säle die Runde,

Leer standen gleich einem verlassenen Feste

Die goldenen Tische auf silbernem Grunde,

Ich fand da nicht Götter, nicht Geister, nicht Gäste,

Ich eilte und suchte, und fand, und erschreckte –

Mein Bild, das in spiegelnden Wänden mich neckte.

Über schweigenden Donner und erloschene Blitze

Mein Fuß, vom Traume belastet, hin schwebte

Bis zu des Donnrers verödetem Sitze,

Wo ein wunderbar Klingen den Saal durchbebte,[592]

Und ich sah, wie hoch in des Thrones Spitze

Eine Riesenspinne ihr Netz hinwebte.

Öd war das Haus, durch die einsamen Hallen

Hört ich das Schifflein der Weberin schallen,

Und ich blickte entsetzet, und sah die Sonnen,

Die Monde, die Sterne in den zaubrischen Gleisen,

Die sie aus dem Gift ihres Leibes gesponnen,

Wie gebundne Gespenster der Unterwelt kreisen.

Sieh, da hat meine Seele eine Inbrunst gewonnen,

Und es wuchs mir eine Kraft, das Geweb zu zerreißen.

Aber wie ich die zürnenden Hände ausbreite,

Trat mir eine schimmernde Jungfrau zur Seite,

Begeistert und stille, weltfremd und vertraut,

So nimmer gesehen, so innig verwandt,

So fern ihre Sprache, so aus der Seele ihr Laut,

So weither verirret, so aus dem Herzen gesandt,

Wie die Braut in die Augen des Bräutigams schaut.

Und sie trug in eines goldenen Kelches Rand

Eine Primel, und sagte: Dein Himmel ist leer,

Dies ist der Himmelsschlüssel, die Himmelskehr!

Und da sie die Blume zu dem Netze erhoben,

Wo die Spinne den Weberknoten schürzte,

Begann diese im schwebenden Webstuhl zu toben,

Daß die Gestirne erbebten, und niederstürzte

Das Scheusal, wie Div auf die Jungfrau, von oben,

Und stach sie, daß ihr Blut die Lüfte würzte:

Doch aus der Erde sprang wie ein Held die Rache,

Und zertrat die Spinne, es sank der Drache,

Und mit dem Kelch und der Primel in des Spinnwebes Leiter

Kletterte ich hinauf, das Gestirn zu erreichen;

Doch wie ich auch klimme und ringe, stets weiter

Steigen zur Höhe die himmlischen Zeichen.

Dann umgab mich ein Garten, und der Himmel war heiter,

Rings um mich war Friede, Ruhe und Schweigen,

Und die fliehenden Sterne zerrannen in ein Licht,

Das wogte und blickte, und ward ein Angesicht,

Und da sah ich: vor verschloßnen Paradiesen

Saßen Niva und Krokus, und waren blind;[593]

O wann erscheint, das Aug und das Tor zu erschließen,

Sprach Niva, mit Schlüssel und Kelch unser Kind?

Hier bin ich, rief ich aus, und wollte Heilung gießen

Aus dem Kelch in ihr Aug; doch kein Tropfen rinnt

Als ihre Tränen, die sie seufzend fallen ließen,

Die wurden zu Blumen, und zerflossen in Wind;

Und als ich des Paradieses verschlossene Türe

Mit der Primel, dem Himmelsschlüssel, berühre,

Neiget das Blümlein das Haupt, und spricht:

Zu frühe erblüht ich, ich öffne noch nicht;

Mich hat das Feuer gelocket und das Gift begossen,

Ich habe das Licht nur geahndet und bin gestorben.

Aber vor des Himmels Türe, die noch unerschlossen,

Hab um guten Willen ich eine Stelle erworben.

Und ich pflanzte es knieend, da sprach Niva zu mir:

Höre mich an, o mein Kind, ich verkünde dir,

Gehe hin, und erbaue auf Felsen dein Haus;

Denn von der Liebe des Volks auf reißendem Wagen

Wird einst aus deines Schlosses Toren hinaus

Der Kelch durch den Garten des Landes getragen,

Und die Liebe giebt dem Volk den Kelch zu trinken:

Aber der Hunger des Abgrunds verlegt ihr die Straße

Und spendet Nacht den Blinden mit teurem Maße,

Und viele werden trinkend zum Abgrund sinken.

Aber die Liebe des Volks auf dem reißenden Wagen

Wird Tschernobog mit dem teueren Maße erschlagen.

Dann wird mit demselben Maße ihm wieder gemessen,

Das teuere Maß wird der Hunger des Abgrunds fressen,

Und mit mächtigem Stoß wird der reißende Wagen dringen

Gegen die Tore des Himmels, daß die Riegel zerspringen,

Und die Welt schaut im Lichte des Heiligtumes

Den Kelch, und die Liebe des Volks, und den Kranz des Ruhmes!

Also und noch vieles hat die Mutter gesprochen,

Aber es traf mich der Apfel, und der Traum war zerbrochen.

KASCHA.

Im Traume folgt ich dem Eber durch verwachsene Schluchten.

Der verschwand, und es lockte eine schimmernde Schlange[594]

Mich tiefer zum Abgrund, und rings um mich fluchten

Die Felsen, die Wurzeln, die auf dem finsteren Gange

Mich wälzend und windend zu verhindern suchten;

Aber ich kämpfte, getrieben von einem inneren Drange,

Wie ein Taucher der Tiefe gegen die hebenden Wellen,

Und gelangte zum Abgrund, zu des Zornes Schwellen.

Da sah ich die Schlange hinunterdringen,

Und hörte unten die Quäler, die finstern Mächte,

Die alten Zornlieder des Fluches singen,

Und sah sie weben die lichtlosen Zaubergeflechte

Und die schimmernde Schlange hinein sich schlingen;

Da war diese ihr Meister, und sie waren Knechte.

Aber vom Keuschlamm, das neben mir blühte,

Fiel ein Blättchen hinab, und es hob sich ein Gewüte.

Da erbebte die Tiefe, da wichen die Schwellen,

Und in sich zerstürzte der Finsternis Haus,

Und wo ich zur Flucht meine Füße wollt stellen,

Wich sinkend der Grund, und mit wildem Gebraus

Ergossen und zerflossen sich glühende Quellen,

Und der Eber brach gen mich aus den Büschen heraus;

Aber ein Starker ergriff und würgte das Tier

Und legt es mir zu Füßen, und neigte sich mir!

Frei stand die Bahn und mein Herz zur Flucht,

Da senkte mir der bleierne Schlaf die Glieder,

Am Äpfelbaum ruht ich in waldichter Bucht,

Und die Schlange, die verdächtige, sah ich wieder.

Sie reichte aus dem Laub mir eine glühende Frucht,

Aber aus der Höhe tönte eine Stimme nieder:

Der Schlange Haupt soll der Same des Weibs zertreten!

Und es traf mich der Apfel, und die Gesichte verwehten.

LIBUSSA.

Mir träumte, als zog ich durch schimmernde Wiesen,

Umschirmet von Dirnen in Gold wohl gerüstet,

Mit flatternden Fähnlein an stahlblanken Spießen,

Wie Käfer gepanzert, wie Pfauen gebrüstet,

Und vor mir in Silbertrompeten sie stießen:

Lache lustig, lieb Leben, solang dir gelüstet!

Still standen die Herden, mich brüllend zu grüßen,

Und mir hüpfte ein goldenes Fröschlein zu Füßen,[595]

Es sang von der Zukunft; da führten den Zelter

Des Krokus mir stattliche Männer heran,

Und ich schwang mich zum Sattel, da neigten die Wälder,

Die Felsen ihr Haupt mir, und auf freudiger Bahn

Umwogte das Roß mir der Segen der Felder,

Und das Gold sprang aus Bergen, und lachte mich an;

Da verstummte das Fröschlein, es erhob sich ein Wetter,

Und eine Taube flog vor mir, ein Bote der Götter,

Ich folgt ihr zur Hütte in das einsame Tal.

Zum Dach schwebt' sie nieder, und drehte und girrte,

Und es ward mir geboten das ländliche Mahl

An eisernem Tische von freundlichem Wirte;

Doch als er den Apfel von herrlicher Wahl

Mir reichte, eine Fledermaus das Haupt mir umschwirrte,

Und aus meinen Dirnen, die zur Seite mir gingen,

Wollt eine die schimmernde Frucht mir entringen;

Doch die es gewesen, die nenne ich nicht;

Und es traf mich der Apfel, und es sank das Gesicht.

TETKA.

Die Nacht der Zukunft spielet in dem Zwielicht

Des Schlafs, des Zeitenbrechers, mit dem Traum,

Und rätseldeutend hebt das heilge Frühlicht,

Der Seher, schon des Schleiers Safransaum,

Die Schwalbe aber plaudert alles aus;

Was singt sie, Zwratka, über Krokus' Haus?

ZWRATKA.

Ich sage euch, was mir aus eurem Traum

Sich selbst erklärt, und was die Schwalbe sagt:

Ihr wart, als ihr hier in der Wiege lagt,

So ähnlich euch, daß selbst die Mutter kaum

Die eine von der andern unterschied:

Doch als sie einst nach eurer Wiege sieht,

Erblickt sie, daß um Tetkas Angesicht

Den Silberschleier eine Spinne flicht

Und Kaschas Stirne eine bunte Schlange,

Gleich einem Zauberdiadem, umfange

Und auf Libussens Haupt ein Fröschlein sitzt,

Gleich einem Blatte, das vom Taue blitzt.

Erschrocken, also euch geschmückt zu sehn,

Vertrieb die Tiere sie mit ihrem Stabe,[596]

Doch ist aus falscher Liebe dies geschehn;

Denn Geister waren es, die ihre Gabe

Im Traume in die Seele euch gelegt.

Und wunderbar, als ihr vom Schlaf erwachtet,

War jeder Antlitz anders auch bewegt,

Man unterschied euch, wenn ihr weintet, lachtet;

Und als zu mir ihr in die Schule gingt,

Die Zeichen dieser Tiere ihr empfingt;

Sie, die dem finstern Tschart als Boten dienen,

Sind euch am Jahrstag der Geburt erschienen,

Zum Dienste Tschernobogs euch zu ermahnen;

Denn von der lichten Götter Glanz verführt,

Verlasset ihr den Glauben eurer Ahnen

Und nehmt dem finstern Herrn, was ihm gebührt;

Besinnet euch, der, den ihr stolz verlassen,

Wird euch verschlingend selbst als Opfer fassen.

Was außer diesem ihr im Traum gesehn,

Sind nur die Larven eurer Eitelkeit,

Traumsonnen, die sich um die Torheit drehn,

Irrsterne selbsterfundner Herrlichkeit.

Die Äpfel Lados brecht im ersten Blick

Des jungen Tags; dort auf dem Berge zieht

Er aus dem Nachthelm, losend, ein Geschick;

Kehrt euch zu ihm! So sprach der Schwalbe Lied.


Sie wenden sich gegen Morgen. Die Sonne geht auf, und sie brechen die Äpfel, und zeigen sich die darin verschlossenen goldenen Tierbilder mit Verwunderung.


TETKA.

Mir gab die Spinne Lado!

KASCHA.

Mir die Schlange!

LIBUSSA.

Und dieses goldne Fröschlein ich empfange!

ZWRATKA.

Erwäget! meine Worte werden wahr;

Des Abgrunds Boten, die euch früh geneigt,

Die Kikimora euch im Traum gezeigt,

Bot Lado euch in Himmelsäpfeln dar.

Laßt nicht umsonst die finstern Götter winken,

Dem Abgrund dient, er läßt euch nimmer sinken.


Sie geht ab.[597]


LIBUSSA.

War es Betrug? Nein, möglich wär es kaum!

KASCHA.

Die Tiere, welche Niva von uns scheuchte,

Hier in den Äpfeln wieder, und im Traum!

TETKA.

O Bielbog, weiser Sonnenführer, leuchte,

Gieb heute keinem Zweifel in mir Raum.

KASCHA.

Mit Morgentau den Apfel ich befeuchte,

Die erste Träne, die Triglawa weint,

Bricht Zauberei und ist der Nachtkunst Feind.

LIBUSSA.

Ich folge dir.

TETKA.

Auch ich; nun mag sie glauben,

Daß wir, wie sie, dem finstern Tscharte dienen;

Mir wird kein Zauber je den Eindruck rauben

Der Jungfrau, die im Traume mir erschienen.

KASCHA.

Der Mutter ist sie immer Feind gewesen,

Und niemals wird sie uns, die Töchter, lieben.

TETKA.

In ihres Blickes Kälte ist zu lesen,

Daß sie der Neid zum Dienst des Tschart getrieben.

LIBUSSA.

Es starrt ihr struppicht Haar gleich einem Besen,

Und aus den Augen blickt sie, wie nach Dieben

Die Hexe durch die Zaubersiebe schaut.

TETKA.

Und doch hast ihrer Tochter du vertraut!

LIBUSSA.

Auf giftgem Steine wächst oft heilsam Kraut.

Von früher Jugend war sie mein Gespiel,

Auch Niva war der kleinen Wlasta gut,

Bei unserm Wettlauf schmückte sie als Ziel

Mit Jungfernkronen ihren Kinderhut,

Und als ich einst von meinem Rößlein fiel,

Bemalte sie ihr Herz mit meinem Blut.

Um mich hat ihre Mutter sie verlassen;

Ich kann zu ihr wie einem Schwerte fassen!


Biwog, Slawosch, Primislaus treten auf.


BIWOG.

Heil euch, am Tage, der euch uns geboren!

SLAWOSCH.

Heil euch, ihr Sterne in dem slavschen Land!

PRIMISLAUS.

Heil euch, ihr böhmschen Fürstinnen erkoren!

TETKA.

Wem ward der Stab des Krokus zuerkannt?

SLAWOSCH.

Dir, Tetka!

BIWOG.

Kascha, dir!

PRIMISLAUS.

Libussa, dir![598]

TETKA.

Es scheint, ihr sprecht, uns zu verhöhnen, hier.

SLAWOSCH.

Straf' Peron solchen Frevel! Wißt, zur Wahl

Ertönte jeder gleiche Stimmenzahl;

Doch nur für dich, o Tetka, hob die Hand ich!

BIWOG.

Dich, Kascha, rief ich aus!

PRIMISLAUS.

Libussen nannt ich!

LIBUSSA.

Daß guter Wille dir belohnet werde,

Wähl dir aus meinem Hof den schönsten Pflug,

Und weiter noch aus meiner besten Herde

Zwei schöngefleckte Stiere zum Bezug,

Und kehre heim, bestelle treu dein Feld;

Dem bringt es Frucht, der es getreu bestellt!

KASCHA zu Biwog.

Für deine Wahl muß ich dich auch beschenken,

Den blanken Jagdspeer nimm zum Angedenken,

Bequem ist er der Hand, und schwingt sich gut,

Trag ihn zum Wald, und tilg des Ebers Brut.

TETKA zu Slawosch.

Ich schenke dir des Opfers Silberbeil,

Das niemals noch unheilges Blut bespritzt,

Fäll' reine Opfer für des Landes Heil,

Auch nimm die Scheiben, die ich selbst geschnitzt;

Wie viele weiß, ein Zeichen guten Glücks,

Wie viele schwarz, ein Wink des Mißgeschicks,

Zur Luft geschleudert, an die Erde kehren,

Wird dich des Loses Götterlaune lehren.

PRIMISLAUS.

Libussa, werter, als aus deiner Habe,

Wär mir aus deiner heilgen Hand die Gabe.

LIBUSSA.

Nichts hab ich hier, doch ja, den Treiberstecken

Schneid ich dir selbst aus diesen Haselhecken,

Wenn er erblüht, erblühet auch dein Heil!

PRIMISLAUS.

Du schnittst ihn selbst, mein ist das beste Teil!

LIBUSSA.

Nun kehrt nach Haus, und laßt die Götter wählen.

Die Stimmen, die belohnt, sind nicht zu zählen.

SLAWOSCH.

Heil jeder, die von euch zum Throne steigt!

BIWOG.

Ihr habt euch mild und huldvoll uns gezeigt!

PRIMISLAUS.

Heil Böheim, das sich solchen Sternen neigt!


Alle drei ab.


LIBUSSA.

Naht schon das Volk?[599]

KASCHA.

Ich höre nahes Singen.

TETKA.

Die Mägdlein sind es, die uns Kränze bringen.


Der Chor der Jungfrauen tritt auf; Wlasta, Stratka, Scharka tragen Kränze.


CHOR zu Tetka.

Heil dir, du Seherin,

Göttliche Schauerin,

Himmlische Späherin,

Tempelerbauerin,

Am Tag der Geburt!

STRATKA setzt ihr einen Kranz von Schwalbenkraut auf.

Ich reiche dir den Kranz von Schwalbenkraut,

Du Seherin, auch Lichtkraut wirds genannt,

Am Morgen, da du einst das Licht erschaut,

Aus Lichtkraut ich den Ehrenkranz dir wand!

CHOR zu Kascha.

Heil dir, du Heilende,

Abgrundergründende,

Hülfe Erteilende,

Opferentzündende,

Am Tag der Geburt!

SCHARKA.

Nimm hin den Kranz zu deines Hauptes Zier,

Gewunden ist er aus dem heilgen Kraut

Berufswand, das mit heilender Begier

Tief in die Blicke der Bezaubrung schaut.

CHOR zu Libussa.

Heil dir, du Sehende,

Vorwelterwägende,

Mitweltverstehende,

Nachweltbewegende,

Am Tag der Geburt!

WLASTA.

Aus Frauendistel wand ich dir den Kranz,

Ein scharfer Gürtel deiner hohen Zucht,

Du liebest starker Waffen Schutz und Glanz,

So hab ich dir ein streitbar Kraut gesucht!

KASCHA.

Wie trifft sich dies, auch Spinnenkraut genannt

Wird Schwalbenkraut, und Tetka hat die Spinne;[600]

Auch Schlangenäugel heißt Berufeswand,

Das Aug ich nun zur Schlange noch gewinne;

Froschkraut ist auch der Frauendistel Namen,

Und du, Libussa, hast den Frosch. Wie kamen

Die Kräuter euch zur Hand?

SCHARKA.

Dort auf den Auen!

LIBUSSA.

Dem, der mir lüget, werd ich nie mehr trauen.

WLASTA.

Wir flochten Primeln, Veilchen und Narzissen,

Doch meine Mutter hat sie uns zerrissen,

Da sie vorüberging; sie gab uns diese,

Die selbst sie mühsam suchte auf der Wiese!

LIBUSSA.

Was will dies Weib von uns, ist sie von Sinnen?

KASCHA.

Zur Sonne kömmt es bald, laßt sie nur spinnen!

TETKA.

Wohlan, ich trag den Kranz, den ich nun habe,

Es heißt auch Herrgottskraut und Gottesgabe.

KASCHA.

Und mag das Schlangenäuglein mich beschreien,

Will ich doch heiligem Beruf mich weihen.

LIBUSSA.

Von schönen Tagen soll der Frosch mir sprechen,

Die Frauendistel meine Feinde stechen.

Hört, Hörnerklang!

WLASTA.

Es zieht das Volk heran,

Zur Seite schnell mit diesen Opferbränden.


Sie ergreift mit Stratka, Scharka und andern noch glimmende Brände des Opfers.


LIBUSSA heftig.

O haltet ein, das ist nicht gut getan,

Kein Feuerbrand sei in der Mägdlein Händen!

WLASTA.

Wir wollten Raum der Männerschar bereiten.

LIBUSSA drängend.

Nicht redet mehr, ihr setzet mich in Wut,

Hinweg zur Moldau, löschet schnell die Glut,

Ihr sollet böse Vorbedeutung meiden!


Die Mägdlein gehen.


TETKA.

Libussa!

KASCHA.

Schwester, was ist dir geschehn?

LIBUSSA.

Ihr Himmelsgötter, was hab ich gesehn!

Was fuhr mir durch das Haupt mit Blitzesschnelle,

Der ganze Wald war eine Feuerwelle.[601]

TETKA.

Du täuschest dich, es war die Morgenglut.

LIBUSSA.

Es war ein Meer von Flammen, und von Blut!

KASCHA.

Die Sonne war es, die aus Wolken brach.

LIBUSSA.

Nicht tröstet mich, ich sah es, ich bin wach.

O Böheim, Böheim, einst in blutgen Tagen

Wirst du um diese blutge Sonne klagen!

Wohlan! sie nahn, wem wird heut Krokus' Hut,

Welch Haupt hat heut zum letztenmal geruht?

TETKA.

Der herrscht nicht, der dem Himmel sich geweiht!

KASCHA.

Der Erde Tempel liegt vom Throne weit!

LIBUSSA.

Die Ewigkeit borgt Kronen von der Zeit!


Der Zug des wählenden Volkes zieht unter dem Vortritt von Hornbläsern heran. Ihnen folgt Drzewoslaus mit der zusammengerollten Fahne Chechs. Ihm folgt Lapack in einem safranfärbigen Rock, zwei andere Priester führen ihm das heilige weiße Roß des Swantowid nach, weiter Wrsch und Domaslaus, und die ganze Masse des Volks; die drei Töchter Kroks treten an die Eiche, ihre Jungfrauen umgeben sie, das Volk füllt rechts und links den Raum.


DRZEWOSLAUS.

Euch naht, ihr Töchter Kroks, des Volkes Zug,

Zu deuten hier vor euch der Vögel Flug;

Denn in geteilter Liebe schwankt die Wahl,

Und jeglicher ward gleiche Stimmenzahl.

Die Schwalbe, kehrend von der Winterreise,

Zog über unserm Haupt die Jubelkreise

Und schoß zum Tempel Perons gleich dem Pfeile,

Der von dem Bogen fliegt, mit Blitzeseile.

Ihr Ziel war über Perons Haupt die Spinne,

Die in des Gottes goldnen Locken webte;

Sie raubte sie, flog dann zur Tempelzinne,

Sang hell ihr Siegesliedlein, und entschwebte.

Nun höret mich, den Ältesten im Land,

Der als ein Jüngling hier mit dieser Hand

Vor Chech und Lech die heilge Fahne trug,

Den Krokus seinen Lehrer oft genannt,

Der alles Wesen dieses Volks erkannt;

Mich hört, ich deute euch der Schwalbe Flug!

Die Freundin unsres Stamms und unsrer Art,[602]

Flog sie dem Wanderzuge Chechs voraus,

Und als er hier vollendet seine Fahrt,

Hing fest am Felsen schon ihr kleines Haus;

Sie streckte mit geschwätzger Heiterkeit

Das kluge Köpfchen grüßend aus dem Neste,

Und Chech ward froh, und sprach: Es ist nicht weit

Von hier nach Haus, wir sind willkommne Gäste;

Des Lichts Gespielin weissagt gute Zeit

Und ladet ein zu einem Frühlingsfeste

Dich, edles Volk, das aus der Heimat zog,

Und dich, o morgenroter Jutrobog!

Dann nahm er mir die Fahne aus der Hand

Und pflanzte sie ins Herz dem Vaterland.

Und wenn die Schwalben sich dann, gegen Winter

Zur Reise rüstend, durch die Lüfte schwangen,

Sprach er zu uns: Wer will von euch, ihr Kinder,

Zum Frühling Botschaft von zu Haus erlangen,

Der rede nun, kein Bote mag geschwinder

Zum Orient und wieder her gelangen.

Da wuchs in mancher Brust ein heimlich Sehnen,

Und unsre Grüße waren stumme Tränen,

Und auf der Schwalbe schuldlos Plaudern hörte

Wohl mancher fromm, wenn sie zum Frühling kehrte.

So kehrte sie uns auch zum Wahlfest heute,

Die treue, fromme, heilige Sibylle.

Vergönnet, daß ich euch ihr Liedlein deute,

Das ich belauschte in des Tempels Stille –

Der Spinne Trugnetz nahm sie von dem Bilde

Des Donnerers, und sang: O laßt die milde,

Die Götterrreundin Tetka euch regieren,

So wird das Licht im Tempel triumphieren!

VOLKSRUF.

Heil, Tetka, dir! Ja, Tetka soll uns führen!

TETKA.

In meinem Kranze ihr das Schwalbenkraut,

Auf meinem Stab die goldne Spinne schaut,

Im Traum sah ich die Himmelsschwalbe schweben

Und über Perons Thron die Spinne weben;

Doch sah die Schwalbe ich von dieser töten,

Als Jutrobog des Lichtes Tor erschloß;[603]

Ich sah den Tag von ihrem Blut erröten,

Das racheflehend sich in ihn ergoß.

Und was ich sah, das wird die Zeit euch lehren.

So wendet eure Blicke weg von mir,

Und laßt zum Himmel mich die meinen kehren,

Denn keine Krone trage ich von hier!

LAPACK.

Grüß euch der Tag, ihr edlen Krokusblüten,

Die Götter mögen unsern Stamm behüten:

Der Specht umflog sein Nest mit bangen Schwingen,

Das Zwratka, meine kluge Frau, verstopft;

Er sollte ihr die starke Springwurz bringen,

Von der die Schlösser all, an die sie klopft,

Und alle Siegel, alle Felsen springen.

Schnell flog gen Morgen er, und kehrte wieder,

Erschloß sein Nest, und ätzte seine Brut,

Und warf zum Feuer dann die Springwurz nieder,

Die, Schlangen gleich, sich drehte in der Glut.

Es ist der Specht ein kräuterkundger Jäger,

Der unterirdschen Mächte Schlüsselträger;

Die Springwurz aber wächst, wo ihre Haut

Die Königin der Schlangen abgelegt,

Die, eine Künstlerin, manch Wunderkraut

Zum Haupt der Sterbenden belebend trägt.

Specht, Schlange, Springwurz, Kascha, dich erheben,

Die sich vor allen tiefer Kunst ergeben.

VOLKSRUF.

Heil, Kascha! dir soll man die Krone geben!

KASCHA.

Wenngleich die Schlange auf dem Stab mir glänzt

Und Schlangenäuglein mir das Haupt umkränzt,

Ward doch der Schlange bös ein Fluch geflucht:

Ihr Haupt zertrete einst des Weibes Frucht!

Nehmt euren Ruf zurück, die ihr mich rieft,

Nicht herrschen kann, die überm Abgrund sinnt

Und schöpfend unergründlich ihn vertieft.

Der Tiefe Schatz, den meine Kunst gewinnt,

Ist also groß an Umfang und Gewicht,

Daß ihn kein Thron umfaßt und kein Gebiet

Mich krönet eure Krone nicht, es blüht

Mein Zepter zwischen Erd und Himmel nicht![604]

DOMASLAUS.

Nun deute ich der frommen Taube Flug.

WRSCH.

Nein, mir gebührt das Wort, ich sah den Schwan!

DOMASLAUS.

Die Taube fliegt zuerst in Lados Zug.

WRSCH.

Der Schwan schließt dichter sich der Göttin an.

DOMASLAUS.

Die mehr geehrte Taube zieht voraus.

DRZEWOSLAUS.

Nicht streitet, Männer; rede, Domaslaus!

DOMASLAUS.

So preis ich denn die keusche Taube hoch,

Der Liebesgöttin Lado Herzgespiel,

Die sie zugleich mit Lel, dem Kind, erzog,

Deß süßer Pfeil, wo er auch niederfiel,

So Mensch als Tier gleich einem Zepter zwingt.

Des Friedens und des stillen Glückes Bild,

Die Brut mit treuem Flügel sie umschlingt;

Wer ist gleich ihr so huldvoll und so mild?

Den Göttern Freund, den Menschen Schutzgenoß,

Ließ sie sich sanft herab auf Krokus' Schloß,

Und drehte sich, und hat dich aufgesucht,

Libussa, Bild der Milde und der Zucht!

WRSCHOWETZ.

Ich aber preis den Schwan vor allen hoch,

Der, wie ein Vollmond, vor dem jungen Tag

Heut aus dem blauen Himmel niederflog;

Wie mächtig ist der reinen Flügel Schlag,

Wie heiß, wie kühl die Woge seiner Brust,

Die an der Nymphe Schoß oft trunken schlug.

Und aus des Schneegefieders keuscher Lust

Springt wie ein Quell des Halses Schlangenbug

Und senkt des Hauptes ernsten Blick beschaulich

Zum See, dem Spiegel des Gestirns vertraulich.

Er weiß zu herrschen, denn des Volkes Zug

Führt er, ein Held, keilförmig gen die Welle!

Er weiß zu leben, denn um seine Zelle

Liebt er des edlen Kalmus duftend Rohr!

Er weiß zu sterben, stärker als der Tod,

Singt er des Lebens Traum den Sternen vor!

Ich sah ihn schweben vor dem Morgenrot

Um Krokus' Schloß, dann in die Moldau rauschen

Und schnell besonnen auf ein Fröschlein lauschen,

Das helle Tage sang in lauer Nacht![605]

Der Held, der Dichter, Denker, will uns sagen:

Libussa soll auf unserm Throne ragen.

VOLKSRUF.

Heil ihr! Libussa soll die Krone tragen!

LIBUSSA.

Der Taube Flug hat mich im Traum gelenkt,

Der weckend mir den goldnen Frosch geschenkt,

Und meinen Kranz flocht man aus Froschkraut mir,

Vierblättrig brach ich auch dies Kleeblatt hier;

Frisch ist mein Sinn, mein Herz ist wohlgemut,

Auch fühl ich in den Adern Herrscherblut,

Den Himmel ehr ich, und den Abgrund hüt ich,

Andre erkenn ich, und mir selbst gebiet ich;

Doch allzumenschlich scheint des Schwanes Deutung,

So lasset dann dem Lose die Entscheidung:

Die heilgen Scheiben werft.

LAPACK wirft vier Scheiben in die Luft.

Sie fielen gleich!

DRZEWOSLAUS.

So führ ich dann das heilge Roß vor euch,

Das uns den Herrscher grüßend stets gezeigt.


Führt das weiße Roß an ihnen vorüber.


Welch Wunder! allen hat es sich geneigt.

LAPACK.

Nicht Wahl, nicht Vögelflug, kein Los, kein Zeichen

Ruft eine unter diesen Jungfraun aus;

Doch können dreie nicht zum Throne steigen,

Und einer kann es nur aus Krokus Haus;

Aus seinem Stamm bin ich ein ältrer Sprosse:

Als ich das Roß des Swantowids schon pflegte,

Trieb Krok als Knabe noch des Herzogs Rosse,

Der faul hier an den Baum sich schlafen legte.

Sein Dienst war knechtisch und der meine heilig,

Kaum wußt er noch, welch Futter mehr gedeihlich,

Als ich schon manch Gebiß zurechtgefeilt

Und manchen lahmen Bug und Huf geheilt.

WRSCH.

O Wundermann! voll Kunst, und voll Beruf!

Warum nicht heiltest du den eignen Huf?

Dein Übermut ist recht ein Überbein,

Mit deinen Untertanen lebst du in Verdruß

Und hinkst mit lahmer Eitelkeit herein.

Bei dir kömmt auch der Hochmut vor dem Sturz,[606]

Denn gegen deines Stolzes hohen Fuß

Kömmt deiner Weisheit Stelze stets zu kurz!

LAPACK.

Für diese Schmähung werde einst beschämt,

Und dein Geschlecht vergehe im Gericht.

Umsonst hat nicht Didilia mich gelähmt;

Daß meine Weisheit früher komm ans Licht,

Entriß sie mich der Mutter Schoß zu schnell,

Die mit dem Leben zahlte solch ein Kind.

Um Mitternacht ward da der Himmel hell,

Und wie ein Weltsturm tobte rings der Wind.

Aus keiner Brust trank ich gemeine Nahrung,

Ich saugte an den Fingern ewger Geister,

Und was ich saugte, war die Offenbarung.

Der schwarze Tschart war meiner Zunge Meister,

Von ihm erlernte ich den heilgen Zorn,

Früh könnt ich segnen, früher doch noch fluchen,

Als Swantowid mich tränkte aus dem Horn

Und fütterte mit heilgem Honigkuchen.

Ein wundervolles Kind bin ich gewesen:

Da man zuerst mich in den Tempel legte,

Ergriff ich heftig gleich den Priesterbesen,

Mit dem ich ernsthaft tüchtig um mich fegte.

Wer hält an Rat und Hülfe mir die Waage?

Wer heilt die Luft wie ich, wenn in den Pflock

Die Seuche ich mit starkem Fluche schlage?

Wer ists, der würdiger als ich den Rock

Von Krokus heilger Feuerfarbe trage?

Aus reinem Stamm ist Zwratka auch, mein Weib,

Und herrlich raget meiner Wlasta Leib;

Niva, des Krokus Weib, ist unbekannt,

Und keiner kennt die Wurzeln ihres Lebens.

DOMASLAUS.

Nun halte ein, du wähltest dir vergebens

So übersafranfarbig das Gewand.

Wohl näher rühmst du dich der Krokuszwiebel,

Denn deine Prahlerei bekommt uns übel.

Doch in den Blüten liegt des Krokus Kraft,

Nicht in der Zwiebel, in dem leeren Schaft.

Nicht länger dulden wir dein eitles Schwätzen[607]

Von dir, und dir, und dennoch nicht von dir,

Von Zwratka lerntest du so frech verletzen

Den Ruhm des selgen Krokus und nun hier,

Um seiner Töchter Glanz zu überprahlen,

Den Lügenrock mit Safran dir bemalen.

LAPACK.

Dir segne, Domaskus, Zwratka die Herde,

Und Gold und Silber pflüge aus der Erde,

Und also übermehre sich dein Gut,

Daß du erstickest in dem Übermut!

DOMASLAUS.

Den Fluch dir selbst zurück, und deiner Brut!

WLASTA.

Wer schützet mir den Vater gegen Hohn,

Wer ist hier Herr, wer steigt auf Böhmens Thron?

WRSCH schwingt sein Schwert.

Heraus, mein Schwert, Libussa hoch und hoch!

DOMASLAUS schwingt sein Beil.

Empor, mein Beil, Libussa hoch und hoch!

DRZEWOSLAUS.

Die Götter wollen auch das, was wir wollen,

Es schwebt ein Adler über unsrem Haupt,

Ich laß die Fahne Chechs im Wind entrollen,

Es rühre seine Zunge, wer da glaubt.

ALLE ANWESENDE außer Libussa knien nieder.

Libussa über alle Slaven hoch!

LIBUSSA.

So wahr ich Peron in dem Donner höre,

So wahr ich Bielbog in dem Lichte ehre,

So wahr mir Lado ihre Gunst beschere,

So wahr mein Blut sich zu Triglawa kehre,

So wahr ich bei dem finstern Abgrund schwöre,

Nehm eine Krone ich von dem Geschick,

Die ihr gegeben, die ich nicht begehre,

Und nur den Göttern geb ich sie zurück!

TETKA.

Auch ich, Libussa, beuge mich vor dir!

KASCHA.

Libussa, Fürstin, Kascha huldigt hier!

LIBUSSA.

Zu Füßen nicht, am Herzen ruhet mir.

Aus Tetkas Augen grüße mich der Himmel,

Aus Kaschas Brust der Erde Herz mir schlage,

Daß ich in Ehren durch das Weltgetümmel

Den Hut des Chechs, den Stab des Krokus trage.[608]

Gieb Segen, Himmel, gebe Trost mir, Erde,

Daß Trost und Segen in mir herrschend werde!

DRZEWOSLAUS.

Zum Schlosse Psary folg uns, Jungfrau, jetzt,

Dort wird der Hut des Chechs dir aufgesetzt.

LIBUSSA.

Eh ich betrete eures Thrones Schwelle,

Gebührt, daß ich das eigne Haus bestelle!

Zuerst bedenke ich die Nächsten mir

Und teile meines Vaters Güter hier.

Der weit umschaunden Berge Himmelsstufen,

Die Felder, Wälder, Höfe, hoch gelegen,

Wo kühne Hirten auf den steilen Wegen

Zerstreuten Herden mit dem Horne rufen,

Verleih ich, himmelschaunde Tetka, dir;

Doch was der Berg verschließt, das bleibe mir.

Der Flüsse Bett, der Felsentäler Schlünde,

Die Felder, Auen, Höfe, tief gelegen,

Wo durch der fetten Triften Schattengründe

Der Quellen Silberbänder sich bewegen,

Verleih ich, Erdefreundin Kascha, dir;

Doch was die Flut herschwemmt, das bleibe mir!

Psary, des Vaters Schloß am Moldaurand,

Sei nun nach mir fortan Libin genannt,

Mit Mauern und mit Türmen auch gezieret,

Daß seine Zinne fürstlich triumphieret.


Sie wendet sich zu ihren Jungfrauen.


Ihr Mägdlein, rüstig, züchtig, schlau und kühn,

Gespielen mir in edler Waffenlust,

Gefährten mir in Freude und Bemühn,

Ihr, deren Pfeil der Schwalbe Silberbrust,

Ihr, deren Schwert des Wolfes Nacken bricht,

Ihr, deren Beilschlag Stiere niederreißt,

Ihr, deren Speer des Bären Fell durchsticht,

Ihr, die mit freudigkühnem Reitergeist

Dem Wildroß bändgend in die Mähne greift,

Und, zwingend mit der Lenden Wucht, auf Gäulen

Der Wälder wildverschlungne Bahn durchschweift;

Ihr, die im Wettspiel starke Felsensäulen

Mit eurer Arme Macht zum Ziele schwingt[609]

Und auf der Füße Schwung sie überspringt,

Euch wähl zu meines Leibes Wache ich!

Und wer begehret jetzt das Wort an mich?


Druhan und Chobol treten aus der Menge, und legen ihr einen Block Silber vor die Füße.


DRUHAN.

Druhan und Chobol werden wir genannt,

Es sendet uns der Vater Borzislaus,

Gen Niedergang der Sonne steht sein Haus,

Dort jenseits an der blauen Berge Wand;

So tief steht er in seines Lebens Abend,

Daß er des Wegs hieher nicht mehr vermag,

Er förderte jüngst, seine Grube grabend,

Hier diesen freudgen Silberblock zu Tag

Und legt dem neuen Herrscher ihn zu Füßen

Durch seine Söhne, die dich für ihn grüßen.

LIBUSSA sieht erst denkend auf das Silber, dann steigt sie plötzlich auf den Block, hebt ihren Stab empor, und spricht mit Begeisterung, bis zur Bewußtlosigkeit steigend.

Ich sehe einen Berg im Morgenlicht,

Er hebet dreigezackt sich aus dem Grund,

Weil dreimal sich das Silber in ihm bricht,

Mit Kupfer wechselnd in der Tiefe Schlund;

Dort schlaget ein, dort lagert reiche Schicht,

Es spricht zu mir der guten Götter Mund:

Verheißen ist euch also reiches Gut,

Als reich die Wahrheit euch im Herzen ruht.


Ich sehe einen Berg, dort mittagwärts,

Der Fichte finstres Grün umdüstert ihn;

Der ernste Held trägt stolz ein goldnes Herz,

Aus dem auch eine goldne Zeit wird blühn,

Bis einst um einen grimmen Mord der Schmerz

Den reichen Schatz zur Asche wird verglühn;

Drum haltet euch in Bruderliebe warm,

So trägt euch ewig dieser goldne Arm.


Ich sehe einen Berg gen Niedergang,

Die Birke saust um seine graue Stirn;[610]

Ein gut Gefäß giebt einen guten Klang,

Des Greisen Haupt umfaßt ein silbern Hirn;

Schlagt ein, ihr Männer, dort ist reicher Fang,

Und führt euch recht gen Abend das Gestirn,

So mehrt sich euer Stamm und euer Reich

Und fremdes Volk beugt seine Kniee euch.


Ich sehe einen Berg gen Mitternacht,

Wo fremd ein Volk nicht unsrer Zunge wohnt;

Wie schimmert ihm der Schoß, wie silbern lacht

Sein Herz gleich einem vollen Erdenmond!

Dort tut sich auf ein unermeßner Schacht,

Dort ist der Thron, wo recht das Silber thront;

Ich höre, wie der Hammer fleißig schlägt,

Ich seh die Münzen rollen, die er prägt.


Ich sehe rings der Mittelberge Schoß

An Zinn und Eisen, Blei und Kupfer voll,

Und Edelsteine brechen funkelnd los,

Und Perlen spielen in dem Flußgeroll,

Des Landes Herz ist so an Reichtum groß,

Daß Erd und Himmel in ihm überquoll.

O slavsches Volk! beginne deinen Lauf!

Rings jauchzet dir der Grund Glück auf! Glück auf!

CHOR VON MÄNNERN.

Glück auf! Glück auf!

O lehr uns den Lauf!

Wir bringen das Gold dir,

Die Sonne des Abgrunds;

Wir heben das Silber,

Den Vollmond der Tiefe;

Das Kupfer, das Eisen,

Die Sterne der Erde,

Zum Tag dir herauf.

Glück auf! Glück auf!

LIBUSSA erhebt sich aus ihrer Schwestern Armen.

Was singen diese Männer? warum hattet

Ihr in den Armen mich, da ich erwacht?[611]

TETKA.

Aus den Gebirgen kehrt dein Geist ermattet!

KASCHA.

Gen Morgen, Mittag, Abend, Mitternacht

Warst du mit glühndem Antlitz hingewendet;

Ein Silbermond, hat deine Stirn gelacht,

Dein Haar war dir von Sonnengold umblendet,

Die Augen funkelten, gleich Edelsteinen,

Wie glühend Kupfer schimmerten die Wangen,

Und Tränen sah ich dich, wie Perlen, weinen,

Die Hände schlössest du, wie Eisenspangen,

Und lagst im Arm uns, schwer, wie Zinn und Blei,

Es leuchtete dein Mund wie ein Rubin,

Und deine Lippe sprach in Phantasei

Von dieses Landes Herz, das dir erschien.

Die Männer wollen zu den Bergen hin,

Den Schatz der Tiefe an das Licht zu ziehn.

LIBUSSA gesammelt.

So hatte dann die heilge Morgenstunde,

Mein gutes Volk, heut Gold für dich im Munde.

Chobol und Druhan, euch sei nun verliehn

Des Bergbaus Amt, erwählet euch Gesellen,

Was ich verkündet, an den Tag zu stellen,

Und fördert, was ihr findet, nach Libin,

Daß sich der Erde Segen, weis geleitet,

In allen Adern dieses Volks verbreitet.

Doch wer bemerkte meiner Rute Schlag

Und kennt noch meiner Rede reichen Gang?

Er fördre meines Traumes Schatz zu Tag,

Den mein Erwachen wieder nun verschlang;

Die goldnen Berge, die ich mir geträumt,

Sind sonst wie Morgenwolkengold verschäumt.

LAPACK stellt ihr den Knaben Ziack vor.

Ich schenke dir hier Ziack, den klugen Knaben,

Auf Rinden lehrt ich ihn dein Wort zu graben.

LIBUSSA.

Die Seele war mir also Gottes voll,

Ich sprach, so wie der Himmel überquoll,

Du schriebst der Jungfrau Worte auf, mein Kind,

Weil Weisheit, Unschuld gern beisammen sind.

Ich nehme dich zu mir, sei mein Gesell!

Nun, lieber Schreiber Ziacku, schreibe schnell:[612]

Aus diesem Silberblocke, der mich trug,

Als meine Rute auf die Schätze schlug,

Zelu, ein Götterbild, geformet werde,

Das alle Götter Himmels und der Erde

Und Morgen, Mittag, Abend, Mitternacht

Mit seines Leibs Gestaltung sichtbar macht.

Ich bin bereit, führt mich auf Krokus' Schloß,

Und setzet mir Chechs Hut auf meinen Kranz,

Daß er nicht welke in der Sonne Glanz.

VOLK.

Heil dir, Heil dir, auf unsres Gottes Roß!


Sie besteigt das heilige Roß, und zieht in festlicher Ordnung unter Musik ab.


Quelle:
Clemens Brentano: Werke. Band 4, München [1963–1968], S. 561-613.
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