Fink und Frosch

[291] Auf leichten Schwingen frei und flink

Zum Lindenwipfel flog der Fink

Und sang an dieser hohen Stelle

Sein Morgenlied so glockenhelle.


Ein Frosch, ein dicker, der im Grase

Am Boden hockt, erhob die Nase,

Strich selbstgefällig seinen Bauch

Und denkt: Die Künste kann ich auch.


Alsbald am rauhen Stamm der Linde

Begann er, wenn auch nicht geschwinde,

Doch mit Erfolg emporzusteigen,

Bis er zuletzt von Zweig zu Zweigen,

Wobei er freilich etwas keucht,

Den höchsten Wipfelpunkt erreicht

Und hier sein allerschönstes Quaken

Ertönen läßt aus vollen Backen.


Der Fink, dem dieser Wettgesang

Nicht recht gefällt, entfloh und schwang

Sich auf das steile Kirchendach.


Wart, rief der Frosch, ich komme nach.

Und richtig ist er fortgeflogen,

Das heißt, nach unten hin im Bogen,

So daß er schnell und ohne Säumen,

Nach mehr als zwanzig Purzelbäumen,

Zur Erde kam mit lautem Quak,

Nicht ohne großes Unbehagen.


Er fiel zum Glück auf seinen Magen,

Den dicken, weichen Futtersack,

Sonst hätt er sicher sich verletzt.


Heil ihm! Er hat es durchgesetzt.

Quelle:
Wilhelm Busch: Sämtliche Werke, Herausgegeben v. Otto Nöldeke, Band 6, München 1943, S. 291-292.
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