Die Mutter und das Kind

[238] Wie ward zu solchem Jammer

Der stolzen Mutter Lust?

Sie weint in öder Kammer,

Kein Kind an ihrer Brust;

[239] Das Kind gebettet haben

Sie in den schwarzen Schrein,

Und tief den Schrein vergraben,

Als müßt es also sein.


Wie da die Erde fallend

Auf den versenkten Sarg

Ihn dumpf und schaurig schallend

Vor ihren Augen barg,

Hat Tränen sie gefunden,

Die nicht zu hemmen sind,

Sie weint zu allen Stunden

Um ihr geliebtes Kind.


Wann andrer Lust und Sorgen

Der laute Tag bescheint,

Weilt schweigsam sie verborgen

In finstrer Klaus und weint;

Wann andrer Schmerzen lindert

Die Nacht, und alles ruht,

Vergießt sie ungehindert

Der Tränen bittre Flut.


Wie einst sie unter Tränen

Die stumme Mitternacht

In hoffnungslosem Sehnen

Verstört herangewacht,

Sieht wunderbarer Weise

Das Kindlein sie sich nahn,

Es tritt so leise, leise,

Es sieht sie trauernd an.


O Mutter, in der Erden

Gewinn ich keine Rast,

Wie sollt ich ruhig werden,

Wenn du geweinet hast?

Die Tränen fühl ich rinnen

Zu mir ohn Unterlaß,

Mein Hemdlein und das Linnen,

Sie sind davon so naß.


[240] O Mutter, laß dein Lächeln

Hinab ins feuchte Haus

Mir laue Lüfte fächeln,

Dann trocknet's wieder aus,

Und scheinet deinem Kinde

Dein Auge wieder klar,

Umblühn es Ros und Winde,

Wie sonst es oben war.


O weine nicht! sei munter!

Was helfen Tränen dir?

Komm lieber doch hinunter

Und lege dich zu mir;

Da magst du leise kosen

Mit deinem Kindelein,

Du liegst auf weichen Rosen

Und schläfst so ruhig ein.


Sie hat aus süßem Munde

Die Warnung wohl gehört,

Sie hat von dieser Stunde

Zu weinen aufgehört.

Wohl bleichten ihre Wangen,

Doch blieb ihr Auge klar;

Sie ist hinab gegangen,

Wo schon ihr Liebling war.


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