[Der Siedler lebt im grünen Wald]

[24] Der Siedler lebt im grünen Wald,49

Im Walde dort am Meer.

Mit lauter Stimme lobt den Herrn

Sein Mund; mit Schiffern spricht er gern,

Die ferne kommen her.


Auf hartem Kissen kniet er nachts,

Am Mittag und am Morgen;

Das Kissen ist ein Eichenstumpf,

Der ganz in Moos verborgen.


Das Boot kommt nah, sie sprechen laut:

Beim Himmel, wunderbar!

Wo ist der Feuerzeichen Glut,

Die hell hier leuchtend war?


Der Siedler sagte: Seltsam, traun!50

Nicht tönt mit frohem Schall

Ihr Gruß zurück; die Planken dürr

Und dürr die Segel all;

Sie scheinen Laubgerippen gleich,

Die an des Bergstroms Fall

Runzlig um meine Klause wehn,

Wenn der Sturm am Brausen ist,

Wenn unterm Schnee die Waldung ächzt,

Wenn die Eul' zu des Wolfes Heulen krächzt,

Der der Wölfin Junge frißt.


Der Lotse sagte: Wie das Schiff

So schrecklich uns ansieht!

Ich fürchte mich! – Frisch, rudre zu!

Sprach froh der Eremit.


Und näher, näher kam das Boot;

Still war ich, sprach kein Wort.

Das Boot kam dicht ans Schiff heran –

Da, welch ein Ton schallt dort!


Unter dem Wasser rollt es dumpf;51

Donnernd durchzieht's die Bai;

[25] Es kommt ans Schiff, es spaltet die Bucht;

Das Schiff geht unter wie Blei.


Vom fürchterlichen Schall betäubt,52

Dem Erd' und Himmel krachen,

Trieb schwimmend auf den Wellen ich,

Starr, zwischen Schlaf und Wachen;

Drauf, wie im Traume, fand ich mich

In des Piloten Nachen.


Und auf dem Strudel, wo das Schiff

Versank, kreist ungestüm

Das Boot, verklungen ist der Ton;

Der Berg nur spricht von ihm.


Die Lippen rührt' ich; der Pilot

Schrie auf und sank zurück;

Der fromme Siedler betete

Und hob empor den Blick.


Ich ruderte; des Lotsen Sohn –

Noch wandelt' er im Wahn

Des Irrseins – lachte, sah mich stier

Mit wilden Augen an;

Ha, ha! sprach er, nun seh' ich, wie

Der Teufel rudern kann!


Und jetzt in meinem Heimatland

Betret' ich Strandes Höhn;

Der Siedler aus dem Nachen steigt,

Kann kaum noch aufrecht stehn.


Entsünd'ge mich! entsünd'ge mich!53

Trat ich den Siedler an.

Der schlug des Kreuzes Reichen erst:

Was bist du für ein Mann?


Da bebte Angst durch mein Gebein,

Angst, fürchterlich und groß;

Was mir begegnet, sagt' ich ihm,

Da ließ die Angst mich los.


[26] Und oft noch kehrt seit jener Zeit

Zurück die Angst, der Schmerz;

Eh' ich das Gräßliche gesagt,

Brennt in mir dieses Herz.


Und wie die finstre schwarze Nacht54

Eil' ich landaus, landein;

Und am Gesicht kenn' ich den Mann,

Der meine Mär vernehmen kann;

Er muß mein Hörer sein.


Welch ein Tumult erhebt sich dort?

Die Gäste sind dort all'!

Und, horch! im Garten singt die Braut

Und ihre Mädchen all'!

Und, wieder horch! zum Beten ruft

Der Abendglocke Schall!


O Hochzeitsgast, ich war allein

Auf weiter, weiter See!

So einsam war's, ich fühlte kaum

Des guten Gottes Näh'.


Und süßer, glaub, als Hochzeit ist's,

Kann besser mir gefallen,

Kann ich an guter Leute Hand

Zu Gottes Kirche wallen!


Kann ich zu Gottes Kirche gehn

Zum brünstigen Gebet,

Wo alles, Kind und Mann und Greis,

Wo Jüngling, Mädchen, Ihm zum Preis,

Zu Ihm dem Vater fleht.


Leb wohl, leb wohl, du Hochzeitsgast!55

Doch dieses sag' ich dir:

Der betet gut, wer Liebe hegt

Für Vogel, Mensch und Tier!


Der betet gut, wer Liebe hegt

Für alle, groß und klein!

[27] Gott, der uns schuf, der liebt uns all',

Will allen Vater sein.«


Der Seemann mit dem grauen Bart

Und mit dem hellen Blick,

Er geht; und auch der Hochzeitsgast

Kehrt ernst nach Haus zurück.


Er ging, wie ein Betäubter geht,

Als drückten schwer ihn Sorgen;

Ein ernst'rer Mann, ein weis'rer Mann

Erhob er sich am Morgen.


[Anmerkungen]

1 Ein alter Seemann begegnet dreien zu einer Hochzeit geladenen Gästen und hält deren einen an.


2 Der Hochzeitsgast wird durch das Auge des alten seefahrenden Mannes wie durch einen Zauber gefesselt und gezwungen, seine Geschichte zu vernehmen.


3 Der Seemann erzählt, wie das Schiff mit gutem Winde und schönem Wetter südwärts segelte, bis es die Linie erreichte.


4 Der Hochzeitsgast vernimmt die Festmusik; aber der Seemann fährt in seiner Geschichte fort.


5 Das Schiff durch einen Sturm gegen den Südpol getrieben.


6 Das Land des Eises und der schreckhaften Töne, wo kein lebendig Wesen zu schauen war.


7 Bis ein großer Seevogel, Albatros geheißen, durch den Schneesturm kam und mit großer Freude und Gastlichkeit empfangen ward.


8 Und siehe! der Albatros erweist sich als einen Vogel von guter Vorbedeutung und folgt dem Schiffe, da es durch Nebel und Treibeis nordwärts kehrt.


9 Der alte Seemann tötet ungastlich den frommen Vogel von guter Vorbedeutung.


10 Seine Genossen erheben sich gegen den alten Seemann, darum daß er den heilbringenden Vogel getötet hat.


11 Aber da der Nebel sich verzieht, rechtfertigen sie denselben, also seines Verbrechens sich teilhaftig machend.


12 Der Wind aber bleibt günstig; das Schiff tritt in den Stillen Ozean und segelt nordwärts, allzeit bis es die Linie erreicht.


13 Das Schiff wird plötzlich von einer Windstille befallen.


14 Und der Albatros fängt an gerächt zu werden.


15 Ein Geist war ihnen gefolgt, einer von den unsichtbaren Bewohnern dieses Planeten, so weder abgeschiedene Seelen noch Engel sind.


16 Die Genossen in ihrer schweren Trübsal möchten gerne die ganze Schuld auf den alten Matrosen werfen: zum Zeichen dessen hängen sie den toten Seevogel um seinen Hals.


17 Der alte Matrose sieht in weiter Entfernung ein Zeichen auf dem Wasser.


18 Und als es näher und näher kommt, scheint es ein Schiff zu sein; und um eine teure Lösung befreit er seine Sprache aus den Banden des Durstes.


19 Eine Freudenblitz


20 Aber Grausen folgt: denn kann das ein Schiff sein, was ohne Wind oder Flut herankommt?


21 Es scheint ihm nur das Gerippe eines Schiffes.


22 Und seine Rippen gleichen Gitterstäben vor dem Antlitz der untergehenden Sonne. Das Gespensterweib und ihr Totengenoss und niemand sonst an Bord des Skelettschiffes. Wie das Schiff, so die Mannschaft!


23 Tod und Nachtmahr würfeln um die Mannschaft des Schiffes, und sie (die letzte) gewinnt den alten Matrosen.


24 Kein Zwielicht in den Höfen der Sonne.


25 Beim Aufgehen des Mondes, einer nach dem anderen fallen seine Genossen tot nieder.


26 Aber Totenbraut beginnt ihr Werk an dem alten Matrosen.


27 Der Hochzeitsgast fürchtet, daß ein Geist zu ihm redet.


28 Aber der alte Matrose versichert ihn seines Leibeslebens und fährt fort, seine schreckliche Buße zu erzählen.


29 Er verachtet die Kreaturen der Windstille.


30 Und ist neidisch, daß sie leben, und so viele liegen tot.


31 Aber der Flucht lebt für ihn in den Augen der toten Männer.


32 In seiner Einsamkeit und seinem Starren sehnt er sich nach dem wandernden Monde und den Sternen, die da weilen und dennoch sich bewegen; allerwegen ist der Himmel ihr Eigentum und ihre bestimmte Ruhestatt, ihr Vaterland und ihre eigene natürliche Heimat, die sie ohne Meldung beziehen, gleich wie Herren, die man sicher erwartete, und ist doch eine geheime Freude bei ihrer Ankunft.


33 Beim Lichte des Mondes steht er Gottes Kreaturen der großen Windstille.


34 Ihre Schönheit und ihr Glück.


35 Er preist sie glücklich in seinem Herren.


36 Der Zauber fängt an, gebrochen zu werden.


37 Durch die Gnade der seligsten Jungfrau wird der alte Matrose mit Regen erfrischt.


38 Er hört Töne und sieht seltsame Geschichte und Bewegungen am Himmel und auf dem Wasser.


39 Die Leiber der Schiffsmannschaft werden beseelt, und das Schiff bewegt sich fort,


40 aber nicht durch die Seelen der Menschen, noch durch Dämonen der Erde oder mittleren Luft, sondern durch eine selige Schar englischer Geister, herabgesandt durch die Anrufung des Schutzheiligen.


41 Gehorsam der Engelschar, treibt der einsame Geist vom Südpol das Schiff bis an die Linie, fordert aber doch noch Rache.


42 Die Mitdämonen des Geistes vom Südpol, die unsichtbaren Bewohner des Elementes, nehmen teil an seiner Kränkung; und zwei von ihnen erzählen sich, der eine dem anderen, daß eine lange und schwere Buße für den alten Matrosen dem Geiste vom Pol bewilligt ist, welcher südwärts heimkehrt.


43 Der Matrose ist eine Verzückung entrückt gewesen; denn die englische Macht läßt das Schiff schneller nordwärts treiben, als Menschenleben ertragen könnte.


44 Der übernatürlichen Bewegung geschieht Einhalt; der Matrose erwacht und seine Buße beginnt von neuem.


45 Der Fluch ist endlich gesühnt.


46 Und der alte Matrose sieht sein Heimatland.


47 Die englischen Geister verlassen die toten Leichname.


48 Und erscheinen in ihren eigenen Lichtgestalten.


49 Der Siedler des Waldes.


50 Nähert sich dem Schiffe mit Verwunderung.


51 Das Schiff geht plötzlich unter.


52 Der alte Matrose wird in des Piloten Nachen gerettet.


53 Der alte Matrose bittet den Siedler ernstlich, ihn zu entsündigen, und es trifft ihn die Buße fürs Leben.


54 Denn immer und immer, durch sein ganzes künftiges Leben zwingt ihn eine innere Angst, von Land zu Land zu reisen.


55 Und, durch sein eigen Beispiel, Liebe und Ehrfurcht gegen alte Dinge zu lehren, die Gott gemacht hat und liebt.


Quelle:
Coleridge, S[amuel] T[aylor]: Der alte Matrose. München 1925, S. 24-29.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Grabbe, Christian Dietrich

Herzog Theodor von Gothland. Eine Tragödie in fünf Akten

Herzog Theodor von Gothland. Eine Tragödie in fünf Akten

Den Bruderstreit der Herzöge von Gothland weiß der afrikanische Anführer der finnischen Armee intrigant auszunutzen und stürzt Gothland in ein blutrünstiges, grausam detailreich geschildertes Massaker. Grabbe besucht noch das Gymnasium als er die Arbeit an der fiktiven, historisierenden Tragödie aufnimmt. Die Uraufführung erlebt der Autor nicht, sie findet erst 65 Jahre nach seinem Tode statt.

244 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon