Liebesschauer

[56] Liebesschauer mir im Herzen wühlen,

Deiner Schönheit blutigem Altar,

Sturmgewaltig wettert durch mein Fühlen,

Atemloser Wonnen wilde Schar.

Aus des Herzens abgrundtiefen Schachten,

Wo Gedankenfluten hoch gerollt,

Die den Weltenbau ins Wanken brachten,

Wenn empor zum Lichte sie getollt,

Quellen Lieder, Deiner Schönheit trunken,

Sausen Flammen irrer Liebesglut,

Meine großen Ziele sind versunken,

Bleich und todesstarr mein Wille ruht; –

Wehr und Waffen hat der Rost zerfressen,

Daß ich einstmals stritt, – ich weiß es kaum;

Meine Sendung hab' ich längst vergessen –

Nur für Dich hat meine Seele Raum!


Quelle:
Felix Dörmann: Neurotica, München und Leipzig 1914, S. 56-57.
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