Satanella
1.

[76] Wenn die Gluten des Weines

Dein Antlitz röten,

Bleiche Madonna,

Dann flieh' meinen Augen.

Ich bete Dich an

Und liebe Dich grenzenlos, –

Aber nur mit todesblassen Wangen;

Doch zeigst Du Dich mir

Durchflutet vom Feuer

Des spanischen Weines,

Sanft erglühend,

So faßt mich die Lust,

Die schreiende Lust,

Dich zu küssen, zu küssen, zu küssen,

Und im Kuß zu erdrosseln; –

Denn Du mußt bleich sein,

Totenbleich.


2.

Ruhbedürftig, liebesübersättigt,

Sinkt nach tobenden Genüssen

Dein gespensterblasser,[77]

Herrlicher Leib

Keuchend zurück.

Weit geöffnet, in schweren Atemzügen

Zittern die Nüstern,

Und im leisen Nachkrampf

Zerren sich die hochgeschürzten Lippen ...

Langsam steigt von Deinem tiefgelegnen

Onyxdunklen Auge

Deines Lides leichtumblauter,

Schwerer Schleier.

Liebesicher und hochmut-funkelnd

Glutet Dein Blick in meinem ...

Plötzlich, den hilflos-zornigen,

Liebezermarterten Leib

Machtvoll niederzwingend,

Wühlt sich der Wille zur Wollust

Nochmals stürmisch auf aus Deiner Seele,

Und herüber zu mir

Zischt Dein gewaltiges

Grauenhaft süßes:

»Her zu mir!«


3.

Blaugrünes Ampellicht

Flutet in vollen Strömen,

Wie zitternder Weihrauchdampf,

Wie phosphorschimmernde Mondesgloriole[78]

Um Dein weit zurückgebogenes,

Geisterhaft herrliches Haupt;

Schreckhaft leuchten

Aus dem mattgetönten Antlitz

Deiner Augen

Bräunlich violette Ringe.

Düster glosend wie Granaten

Wühlen und drängen und bohren sich

Deine gewaltigen, bannenden

Flammensterne

Tief hinein ins Herz meines Herzens ...

Nein, ich kann nicht,

Kann nicht widerstehen

Diesem wortlos-heißen Wollen,

Dieser liebesirren Bitte –

Nimm mich hin!


4.

Ineinander schlingen sich die Glieder ...

Aus Deinem hoch aufwogenden,

Wonnegepreßten Busen quillt

Ein seliges Seufzen und Stöhnen ...

Wieder wirft und biegt sich mein Leib

In markaussaugenden Krämpfen der Lust ...

Durch jede Nervenfaser bebt ein Sturm ...

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –[79]

Von Deinen blutig gebissenen Lippen bricht

Unheimliches Freudengeheul –

Weiter wütet die Liebesfeier.

– – – – – – – – – – – – – – –


5.

Zerfetzte Kamelien

Im heliotrop-durchtränkten,

Blauschwarzen Haar;

Die strotzende Brust,

Dicht an die meine gebettet,

Mich umschlingend

Mit den kußgeröteten Armen,

Mit dem ganzen schlangengeschmeidigen Leib –

Also teilst Du mein Lager.

Agonie der Wollust,

Süß betäubende,

Hat Dir langsam

Deine fiebernden Sinne

Eingeschläfert,

Hat die hochgespannten,

Pressenden Muskeln

Leise gelöst.

Ruhig steigt Dein Atem

Auf und nieder

Und ein Lächeln,[80]

Eines glücklichen Kindes

Seliges Lächeln,

Streift verklärend,

Dämon verscheuchend

Über Dein Antlitz.


Quelle:
Felix Dörmann: Neurotica, München und Leipzig 1914, S. 76-81.
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