Fünfzehntes Kapitel.

[192] Am anderen Morgen erhob er sich früher als ich; denn da ich noch lange wach gelegen, war ich sehr müde und stand erst gegen elf Uhr auf.

Als ich dann herunterkam, erfuhr ich zu meinem Schreck und meiner großen Überraschung, daß er die beiden Wagen, Pferde und Diener, sowie all seine Garderobe, Leinenzeug und sonstiges Gepäck genommen und weggezogen war; für mich hatte er einen Brief zurückgelassen; und der lautete kurz und rührend:


Meine Liebe,

ich bin ein Hund. Ich habe schlecht an dir gehandelt. Aber ich bin unschuldig. Das Geschöpf ist schuldig, das elende. Vergib mir, meine Liebe! Ich bin unschuldig. Ich bitte dich um Verzeihung. Ich bin der nichtswürdigste aller Menschen. Ich habe dich getäuscht. Ich bin so glücklich gewesen, dich zu besitzen. Ich bin nun so unglücklich, daß ich dich lassen muß. Vergib mir, meine Liebe! Noch einmal, vergib mir! Ich ertrage es nicht, daß ich nicht der bin, als der ich mich gab. Ich ertrage es auch nicht, daß ich nicht fähig bin, für[193] dich zu sorgen. Unsere Heirat gilt nicht. Ich werde dich nie wiedersehen. Unsere Heirat gilt nicht. Ich gebe dich frei. Ich werde dich nie wiedersehen. Verheirate dich mit einem anderen. Wenn du einen anderen findest, der dir bietet, was ich dir nicht bieten kann, so sage nicht meinetwegen: Nein. Ich werde dich ja nie wiedersehen. Und wenn ich dich doch noch einmal wiedersehen sollte und dich gut verheiratet finde, so schwöre ich dir, ich werde nichts von dir wollen. Wenn du dich aber nicht verheiratest und ich komme zu Geld, so soll es dir gehören.

Adieu, meine Liebe, auf immer!!!

Ich bin dein dich sehr liebender

James von E ...


P.S.: Ich habe etwas von dem, was mir geblieben, in die Tasche deines grünen Kleides gesteckt. Dafür nimm für dich und die Magd Plätze auf der Post und reise nach London. Ich hoffe, es wird reichen, so daß du nichts von deinen Ersparnissen dazuzutun brauchst. Noch einmal: vergib mir! Ich werde darum bitten, so oft ich an dich denke: Adieu!!!


Nichts in meinem ganzen Leben fiel mir so schwer aufs Herz, wie dieser Brief und dieser Abschied. Ich machte meinem Gatten in Gedanken tausend Vorwürfe, daß er mich verlassen hatte, denn ich wäre durch die ganze Welt mit ihm gezogen, und hätte ich mein Brot erbetteln müssen, und seines dazu. Ich ging dann aber doch an mein Kleid, griff in die Tasche und fand dort zehn Guineen, seine goldene Uhr und zwei kleine Ringe, einen mit einem Diamanten, der allerdings höchstens sechs Pfund Wert hatte und einen einfachen goldenen Reif.

Ich setzte mich hin und sah mir diese Dinge wohl zwei Stunden lang an, ohne ein Wort zu reden, bis meine Magd mich aus meinen Gedanken aufstörte und mich zum Essen rief. Ich konnte jedoch nur sehr wenig genießen und bekam auch nach dem Essen einen heftigen Weinkrampf, wobei ich ihn immer bei seinem Namen rief:[194]

»O Jemmy!« schrie ich »O Jemmy, komm wieder, ich will dir alles geben, was ich habe; ich will mit dir betteln, ich will mit dir hungern. O, komm nur wieder!«

So tobend lief ich im Zimmer auf und ab, setzte mich nieder, sprang wieder auf, rief wieder seinen Namen, flehte ihn in die leere Luft hinein an, doch nur zurückzukehren ... und weinte von neuem und unaufhörlich. In dieser Weise verbrachte ich den ganzen Nachmittag, bis gegen sieben Uhr etwa, als plötzlich – es war fast schon dunkel, denn wir schrieben August – jemand ins Wirtshaus zurück kam, die Treppen hinauf und geradenwegs in mein Zimmer: wer aber war's? mein Gatte!

Ich ward furchtbar erregt; und er auch: denn ich wußte ja nicht, was das nun bedeuten, was daraus werden, was kommen sollte; und ich war mir wohl auch selbst nicht klar darüber, ob ich nun eigentlich froh oder ob ich traurig sein sollte. Meine Liebe jedoch überwog alles andere, und so war es mir denn unmöglich, meine Freude zu verbergen, die aber zum willkommenen Zulächeln zu gewaltig war und deshalb wieder nur in Tränen ausbrach.

Er stürzte auf mich zu und nahm mich in seine Arme, drückte mich fest an sich und benahm mir fast den Atem mit seinen Küssen, doch sprach er kein Wort.

Endlich begann ich; »Mein Lieber« sagte ich, »wie konntest du mich so verlassen?«

Er antwortete jedoch nicht, denn auch er konnte vor Bewegung nicht reden.

Als wir uns dann aber doch ein wenig zurecht gefunden hatten, erzählte er mir, daß er schon ungefähr fünfzehn Meilen weit weggeritten gewesen, als er plötzlich gefühlt, daß es ihm ganz unmöglich sei, weiter in die Fremde zu ziehen, ohne noch einmal zurückgekehrt, mich noch einmal gesehen, mich noch einmal geküßt und einen wirklichen Abschied von mir genommen zu haben.

Ich erzählte nun, wie ich die Zeit zugebracht,[195] und daß ich so laut und furchtbar geweint und immer gerufen habe, er möge zurückkommen.

Er sagte darauf, er habe das am Delamere Wald, der ungefähr zwölf Meilen von dem Gasthaus entfernt lag, auch ganz deutlich gehört.

Ich lächelte bloß.

»Nein« sagte er, »glaube nicht, daß ich scherze; denn wenn ich je in meinem Leben deine Stimme gehört habe, dann hörte ich dich da laut rufen; manchmal dachte ich auch, ich sehe dich dicht hinter mir, wie du mir nacheiltest, um mich zurückzuholen ...«

»Nun,« sagte ich, um ihn zu erproben, »was rief ich denn?« denn ich hatte ihm die Worte noch nicht gesagt..

»Du riefst laut,« sagte er, »O Jemmy, o Jemmy komm wieder, komm wieder!«

Da mußte ich denn aber wirklich über ihn lachen.

»Liebste«, sagte er, »lache nicht, sondern glaube mir, ich hörte deine Stimme so deutlich, wie du die meine ietzt hörst; wenn du willst, gehe ich vor's Gericht und lege dir einen Eid darauf ab.«

Nun war ich doch erstaunt und überrascht, ja sogar beinahe erschrocken und erzählte ihm, wie ich geweint und wie ich ihn wirklich so zurückgerufen hatte, wie er's gehört. Und wir wunderten uns eine Weile nicht wenig darüber. Dann aber sagte ich zu ihm: »Nun wirst du nie wieder von mir gehen, nicht wahr, lieber zieh ich mit dir durch die ganze Welt?«

Er antwortete, es sei ihm unendlich schwer, mich zu verlassen, jedoch – es müsse sein, er hoffe, ich werde den Abschied so leicht nehmen, wie es nur eben möglich sei; für ihn würde es jedoch das Ende sein, ja, das sehe er voraus..

Doch fügte er gleich hinzu, es sei ihm eingejätten, jetzt erst, daß ich die Reise nach London ja ganz allein machen müsse – und das sei weit und gefahrvoll. Er aber könne diese Straße ja gerade so gut ziehen, wie jede andere, es sei ja ganz gleich, wohin er sich wende; und so habe er denn die Absicht,[196] mich bis nach London, oder doch wenigstens bis kurz vor London zu begleiten; wenn er mich dann irgendwo ohne weiteren Abschied verlasse und eines Morgens fort sei, so solle mich das nicht weiter wundern.

Dann erzählte er noch, er habe die Wagen und die Pferde bis auf seines verkauft, seine Diener entlassen, sie ausgelohnt und weggeschickt, sich anderswo ihr Heil zu suchen – und all dies in der kurzen Zeit, die er heute unterwegs in einem kleinen Landstädtchen zugebracht. »Ich möchte fast losheulen bei dem Gedanken«, setzte er hinzu, »wie viel glücklicher die Burschen nun daran sind, als ihr Herr, denn sie können einfach an des nächsten Edelmanns Tür klopfen und dort nach einem Dienst fragen, während ich nicht weiß, wohin ich gehen, noch, was ich anfangen soll.« So schien er wieder ganz mutlos.

Ich suchte ihn zu trösten und aufzumuntern, sagte ihm wieder und wieder, wie lieb ich ihn habe und daß ich ihn nie verlassen werde, wenn er mich bei sich behalten wolle, er könne mich mit sich nehmen, wohin ihn auch sein Leben verschlagen werde, denn ich ertrüge mein Leben nicht mehr ohne ihn.

Davon wollte er nun freilich nichts wissen, aber wir kamen überein, zusammen gen London zu gehen; daß er mich dann kurz vor dem Ziel der Reise verlassen werde, sagte er, sei unabänderlich; und mir blieb nichts weiter übrig, als ihn zu bitten, dann wenigstens nicht heimlich zu gehen; wenn er es doch tue, meinte ich lächelnd, so würde ich ihn eben einfach wieder laut zurückrufen.

Er mußte auch lächeln, und ich zog dann die Uhr hervor und gab sie ihm hin, ebenso die beiden Ringe und das Geld. Er aber nahm sie nicht an, und ich schloß daraus, daß es wirklich seine Absicht war, mich unterwegs heimlich zu verlassen.

Das stimmte mich ganz wehmütig, denn ich muß gestehen, daß ich ihn immer lieber gewonnen hatte: seine schlimme Lage, die Art, wie er mit mir teilen gewollt, die Ausdrücke, die er in seinem Brief gebraucht, die Gewißheit, daß ihm die Trennung von[197] mir schwer geworden, so schwer, daß er noch einmal zu mir zurückkehren mußte: all das kam zusammen und machte, daß meine Zuneigung zu ihm stark und innig wurde.

Zwei Tage später verließen wir dann West-Chester: ich in der Postkutsche, er nebenher auf dem Rücken seines Pferdes.

Meine Magd hatte ich zurückgelassen; zwar war's ihm zuerst nicht recht gewesen, daß ich so ohne eine Bedienung reisen wollte; ich hatte die Magd aber erst im Norden gemietet und in London kein Dienstmädchen gehabt, wie ich mir auch nach meiner Rückkehr keines nehmen würde: und so sagte ich ihm denn, daß es unverantwortlich sei, das arme Weibsen mit herunter nach dem Süden zu nehmen, nur um sie da, sobald ich angekommen, zu entlassen, und daß sie mir unterwegs doch keine Hilfe, im Gegenteil bloß eine Last sein würde; damit gab er sich dann zufrieden.

So reisten wir zusammen bis Dunstable, das dreißig Meilen vor London liegt. Dort sagte er mir, nun wolle es das Schicksal und die Ungunst, mit der es sein Leben bis dahin bedacht, daß er mich verlassen müsse. Mit hinein nach London könne er nicht gehen, und zwar aus Gründen, die in ihren Einzelheiten zu erfahren für mich ohne Belang seien, aber durchaus zwingend wären, das müsse ich ihm schon glauben.

Die Post, die ich benutzte, hielt für gewöhnlich nicht in Dunstable. Ich bat die Postleute jedoch, sie möchten einen Aufenthalt von einer kurzen Viertelstunde machen, sie waren damit einverstanden, und die Kutsche fuhr vor einem Wirtshause vor, in das wir uns begaben.

Hier sagte ich ihm, ich habe ihn nur noch um ein kleines Zeichen seiner Liebe zu bitten ...

»Nun, und das wäre?« fragte er.

»Bleibe noch eine Woche oder zwei mit mir hier in dieser Stadt zusammen ... und wäre es nur, um uns an den Gedanken der Trennung zu gewöhnen, die uns bevorsteht und die vielleicht für immer ist.[198] Ich habe dir noch mancherlei zu sagen; und auch ein Plan ist darunter, den wir überlegen müssen, und der, wenn er sich ausführen läßt, möglicherweise zu unser beider Glück ist.«

»Gewiß«, sagte er »gern ... warum sollen wir nicht hier bleiben?« und er erhob sich sogleich, ging hinaus, rief nach der Wirtin des Hauses und sagte ihr, seiner Frau sei plötzlich gar nicht wohl geworden, ja, es scheine, daß sie sich sogar recht unwohl, wenn nicht krank befände; auf keinen Fall sei vorläufig an die Fortsetzung der Reise zu denken, die mich sowieso schon recht angestrengt habe; dann fragte er sie, ob sie uns nicht irgendwo in einem guten Privathause ein Unterkommen verschaffen könne, wo ich mich ein paar Tage über erholen solle? Diese kleine Lüge hielt er für notwendig – wie er mich vorher verständigt hatte –, da es sonst auffallen mußte, daß wir so kurz vor London die Reise in einer Stadt unterbrachen, wo wir sonst kein Geschäft hatten – er mußte wirklich ein schlechtes Gewissen haben, mein Mann.

Die Wirtin war eine gutmütige und gefällige Person. Sie kam sofort, um nach mir zu sehen, und meinte, sie habe ja selbst zwei freundliche Zimmer in einem ruhigen Teil ihres Hauses; sie würden mir gewiß gefallen, und ich könnte auch gern eine ihrer Mägde ganz für mich allein zur Bedienung haben.

Wir gingen natürlich sofort auf das Anerbieten ein, ich begab mich nach oben, um mir die Zimmer anzusehen und um mich sogleich ein wenig »auszuruhen«, wie ich nicht verfehlte, der Wirtin zu bemerken. Indes bezahlte mein Mann meinen Platz in der Postkutsche und ließ unser Gepäck herausnehmen und ins Haus bringen.

So blieben wir also in Dunstable, und ich sagte meinem Gatten, wir wollten hier bleiben, bis ich all mein Geld ausgegeben habe; auf keinen Fall dürfe er etwas von dem seinen angreifen – worüber wir natürlich wieder einen kleinen Streit hatten, bis er's schließlich zufrieden war und »meinetwegen« sagte.[199]

Darauf bestellte ich und wir waren recht vergnügt mit einander, diesen Tag und die folgenden.

Als wir dann eines Abends in den Feldern um Dunstable spazieren gingen, rückte ich mit meinem Vorschlag heraus, von dem ich ihm gesprochen und den ich mir mittlerweile im stillen noch gut durchüberlegt hatte.

Ich erzählte ihm zuerst, daß ich in Virginia gewesen und dort lange gewohnt habe; meine Mutter lebe jedenfalls noch da, während mein früherer Gatte schon seit mehreren Jahren tot sei. Und hätte meine Schiffsladung, die ich aus Virginia mitgebracht – ich übertrieb ihren Wert um ein Bedeutendes –, nicht Schaden genommen, so besäße ich heute ein Vermögen, das groß genug sei, um uns beiden in einer Stadt wie London das herrlichste Leben zu gewähren. Dann schilderte ich ihm genau die Art der Niederlassungen in jenen Ländern, und erzählte ihm, daß jedem neuen Ansiedler ein Stück Land von der Verwaltung geschenkt werde; aber auch abgesehen davon sei dort der Grund und Boden so spottbillig, daß man sich für eine Summe, die nicht der Rede wert wäre, ein ausgedehntes Besitztum kaufen könne. Darauf erzählte ich ihm ausführlich von der Art der Anpflanzungen, die dort üblich seien, und suchte ihm klar zu machen, daß ein fleißiger und gescheuter Mann, wenn er für zwei-bis dreihundert Pfund Waren, Sämereien und sonstiges, was erforderlich sei, Werkzeug und was so alles nötig wäre, aus England mit herüber nähme, dazu ein paar tüchtige Dienstboten und Knechte, in Virginia ohne weiteres nicht nur eine Familie zu unterhalten, sondern auch sehr wohl, binnen weniger Jahre, ein Kapital zurückzulegen vermöge. Ferner beschrieb ich ihm auch die Art der Bodenerzeugnisse und wie man den Boden urbar zu machen habe und was er durchschnittlich einbringe; kurz, ich rechnete ihm vor, daß wir, wenn wir nach Virginia gingen, so gewiß reich werden müßten, wie wir jetzt arm wären.

Mein Plan überraschte ihn sehr und beschäftigte[200] ihn sichtlich; sprachen wir doch eine ganze Woche lang von nichts anderem als von Virginia, indes ich nicht nachließ, ihm einzureden, wie es ausgeschlossen sei, daß jemand – wenn er nicht gerade offenbare Dummheiten beginge – in diesem Lande nicht hochkommen und prächtig leben könne.

Ich deutete auch an, daß es mir schon möglich sei, die nötigen dreihundert Pfund aufzubringen: er solle sehen, wir würden damit unser Glück machen und uns in die Verhältnisse bringen können, die wir gegenseitig von unserem Zusammenleben erwartet hatten. »Paß auf«, sagte ich, »in ein paar Jahren werden wir eines schönen Tages unsere Plantage den Händen eines Pächters überlassen, uns selbst wieder nach London einschiffen und dort von den Zinsen unseres Gutes in Herrlichkeit leben; denn ich kenne viele, die es auch so gemacht haben und es sich jetzt hierzulande nun gut und wohl sein lassen!«

Er war fast schon einverstanden mit meinem Plan und wollte zusagen. Aber da mochten ihm im letzten Augenblick doch noch Bedenken kommen, er mochte sich scheuen, so weit fort von allen großen Städten und ihrem Leben zu gehen und einsam in der Wildnis mit seiner Hände Arbeit seine Tage zuzubringen; kurz, er wendete nach und nach das Blättchen und sprach so, wie ich von Virginia, von – Irland.

Das Landleben an sich würde ihm schon zusagen, meinte er, und wenn einer auch nur ein kleines Kapital habe, dann genüge das für Irland vollkommen: dort könne man für fünfzig Pfund jährlich Landgüter pachten, die in England für wenigstens zweihundert Pfund abgegeben würden. Dabei sei das Land so reich und der Ertrag so gut und groß, daß man auf einem solchen Landgute genau so vorzüglich leben könne wie ein Edelmann in England auf einem von zweitausend Pfund jährlich. Deshalb habe er sich auch schon einen Plan ausgedacht, wie er, wenn er mich hier in Dunstable verlassen, hinübergehen und zum mindesten den Versuch machen wolle ... wenn es sich dann herausstellen[201] würde, daß wir tatsächlich in Irland ein Auskommen finden könnten, das der Stellung entspräche, die er seiner Gattin schuldig zu sein glaube, so wolle er nach London herüber kommen und mich holen.

Ich erschrak nicht schlecht, als er mir diesen Plan vorlegte, denn ich fürchtete schon, er werde von mir verlangen, ich solle mein kleines Vermögen flüssig machen, und er wolle mit ihm nach Irland gehen, um dort sozusagen zu experimentieren.

Aber es zeigte sich, daß er mit meinem Gelde gar nicht gerechnet, ja, er würde es noch nicht einmal angenommen haben, wenn ich es ihm selbst angeboten hätte.

Nein, mit seinem eigenen Gelde, mit seinen fünfzig Pfund wollte er nach Irland gehen und dort das Glück versuchen. Gelänge es ihm, festen Fuß dort zu fassen, so solle ich nachkommen; wenn aber nicht, so wolle er nach England zurückkehren, dort wieder mit mir zusammentreffen und meinen Vorschlag, mit mir nach Virginia zu gehen, gewißlich ausführen.

Ich konnte ihn von diesem Plan, nachdem er ihn einmal ernstlich gefaßt, nicht wieder abbringen. Er versprach mir nur, er werde mir, sobald er einen Überblick über die Verhältnisse in Irland gewonnen, Nachricht zukommen lassen und, wenn ein Erfolg nicht wahrscheinlich sei, selbst sofort an die Vorbereitungen zu unserer gemeinsamen Überfahrt nach Virginia denken.

Zu etwas anderem war er nicht mehr zu bewegen, obwohl wir fast einen ganzen Monat in Dunstable blieben und Tag für Tag lange Stunden mit dem Gespräch über unsere Absichten und Aussichten zubrachten.

Es war einer der schönsten Monate, die ich in meinem Leben gehabt, denn diesen Mann liebte ich wirklich, und seine Gesellschaft war die köstlichste, die man sich denken kann.

Ich tat in der Zeit natürlich auch gar manchen Einblick in seine Vergangenheit, und eine Lebensgeschichte[202] erfuhr ich da, so wild bewegt und voll Abwechslungen und Überraschungen, daß sie, geschrieben, die schönste gewesen wäre, die je ein Mensch sich ausgedacht.

Nun, ich werde Gelegenheit haben, später von diesem ungewöhnlichen Mann noch einiges mitzuteilen.

Schließlich schieden wir doch von einander, so furchtbar nahe es mir ging, und ihm auch – aber es mußte endlich einmal sein. Ich gab ihm noch an, wohin er mir schreiben solle, freilich ohne das Geheimnis um meine Person zu lüften, aber doch so, daß die Briefe in meinen Besitz kommen mußten: denn er sollte weder meinen Namen, den ich in London führte, erfahren, noch wer ich überhaupt sei oder wo ich zu finden wäre, wofern ich das letztere nicht selbst wollte. Er sagte mir ebenfalls, wohin ich Briefe an ihn zu richten habe. Dann fuhr die Postkutsche vor, er half mir hinein, wir küßten uns noch ein letztes Mal, und darauf fuhr ich ab, ohne daß ich ihn bitten durfte, mich nach London zu begleiten – denn ich hatte inzwischen von ihm erfahren, daß er den allertriftigsten Grund hatte, sich dort nicht sehen zu lassen.

Quelle:
Daniel De Foe: Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders. Berlin [1903]., S. 192-203.
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